Kategorie Kritik & Apologetik.

Avatar – Aufbruch nach Pandora (eine Apologetik)

Kritik & Apologetik

Ursprünglich hatte ich ja vor, meine Kritik an Jim Camerons Opus in zwei Teile zu gliedern.

Im ersten Teil hätte ich beschrieben, wie sehr ich mich an der grandiosen Optik ergötzt habe, an dieser wunderschönen, paradiesbunten Welt, an den hervorragenden Spezialeffekten, am total geilen Creature Design, hätte gesagt: hieran werden sich in Zukunft Filme messen lassen müssen. Ein bisschen „naja“ hätte ich erwähnt mit Bezug auf James Horners Soundtrack und ein bisschen herumgekrittelt an dem einen oder anderen Plotloch, und dann hätte ich nahtlos übergeleitet zum großen „ABER!“ im zweiten Teil, und da hätte ich dann gesagt: also, die Story, die war so flach, daß sie alles 3D wettgemacht hat, und die Charaktere haben sich auch alle furchtbar vorhersehbar verhalten, sodaß jede Art emotionaler Bindung im Keim erstickt wurde.

Ein paar Kalauer hätte ich mir geleistet, die in die Richtung Bio-USB-Anschluß abgezielt hätten, und dann wäre auch nicht unerwähnt geblieben, daß ich, ausser der Preview, keine Eindrücke zum Film zugelassen habe (Hype? Welcher Hype?) und deswegen vollkommen unbedarft im Kino saß und entsprechend freudig überrascht Sigourney Weavers Mitwirken zur Kenntnis nehmen durfte.

Aber

wir leben ja nicht im Konjunktiv, und als ich dann aus dem Lameng heraus nach „Avatar Sequel“ gegoogelt (ja, es wird eine Trilogie!) und dann ein paar von den dadurch unvermeidlichen Rezensionen, Kritiken und Reviews der Internetgemeinde gelesen habe, schmiß ich meine Pläne um.

Denn: Vergleiche wurden da gezogen mit Star Wars (mit den alten und den neuen), mit „Herr der Ringe“, unvermeidlich waren auch die Hinweise auf „The Matrix“, „Der mit dem Wolf tanzt“ und die bisherigen Cameron-Werke „Terminator“, „Alien“ und „Titanic“. Gelästert wurde da: „Dances with the Smurfs“, „Mein Freund der Baum (hat Flatrate)“, gemeckert wurde da: die Welt sei ja viel zu perfekt, hätte denn noch keiner bemerkt, daß etwas Verfall und Welkerei zum Realismus gehöre, und sei denn der Cameron tatsächlich so dämlich zu glauben, eine fade Story hinter ganz viel kindischer CGI verstecken zu können. Und überhaupt: dieser ganze pseudoesoterische Ethno-Kitsch! Von wegen Gaia und so. Simplizistischer sei es ja kaum gegangen.

(Und wenn jemand meint, ich spiele an auf den so lesenswerten und wortgewaltigen wie falschen und unerleuchteten Verriß vom Batzmann auf fuenf-filmfreunde.de und die Kommentare dort, dann kann es durchaus sein, daß er so Unrecht gar nicht hat.)

Jaja, wir Intellektuellen können einen Film kaum mal genießen, wir erwarten anspruchsvolle Unterhaltung, wollen die innere Zerissenheit unserer Helden und die emotionale Tiefe der Beziehung des Antihelden zur Heroine mit den Mitteln der Logik analysieren und in unserer Kritik die Darstellung derselbigen in den höchsten Tönen loben können, um unsere Genialität mittels Durchdringung des Stoffes unter Beweis zu stellen.

Drum laßt mich Euch erzählen, wie mir schon in den ersten Minuten der extreme Realismus aufgefallen ist. Wie Ihr wißt, bin ich ein großer Fan von der Art Science Fiction, die aus dem heute möglichen möglichst realistisch extrapoliert, und verdammt, die terrestrischen Fahrzeuge, Mechs, Anlagen und Gebäude lieferten genau das Gefühl: wenn wir heute anfangen, diese Dinger zu bauen, sie sähen in fünfzig Jahren genau SO aus, und ja, ein Planet, den wir dann besiedeln würden, könnte tatsächlich genau so aussehen wie der Mond Pandora. Ich fühlte mich also nicht gezwungen, Dinge einfach hinzunehmen (Überlichtgeschwindigkeitsreisen, Zeitreisen, Lichtschwerter, sprechende Frösche etc…), um das Märchen wirken lassen zu können, sondern ließ zu, daß mein Skeptomat in den Standby-Modus ging und einzig beim Dreh- und Angelpunkt, der Avatar-Technologie, ein kleines Warnfenster aufspringen ließ.

Denn es ist ja auch so, daß ich mir angewöhnt habe, Einzelbestandteile als Chiffren zu verstehen: der Apparatus, mit dem man sich mit dem Avatar verbindet, sähe sicherlich anders aus als im Film dargestellt (zumindest wäre der Anschluß wesentlich komplizierter, aber den Dorn im Nacken hatte Keanu Reeves ja schon). Den Militärfuzzi mit seinen markigen Sprüchen haben wir schon in tausend anderen Filmen gesehen: es ist nicht weit von „Wenn es eine Hölle gibt, werdet Ihr nach dem Einsatz auf Pandora dort Euren Urlaub verbringen wollen!“ bis „Los, raus hier, oder wollt Ihr ewig leben?!“, auch der gierige Konzernboss kommt uns so bekannt vor wie die ehrgeizige, idealistische Wissenschaftlerin, der nerdige Assistent, der von sich widersprechenden Interessen zerrissene Hauptcharakter, seine schöne Edle Wilde und all die anderen Exemplare aus dem Archetypenzoo der Jahretausende dokumentierten Geschichtenerzählens (selbst Michelle Rodriguez spielt die gleiche Rolle wie immer, hihi :-)

Anders als bei Filmen wie „Avalon“ oder „Memento“ oder „Pi“ brauchen wir uns also keine Gedanken darüber zu machen, was da jetzt eigentlich auf der Leinwand vor sich geht, ob es einen Sinn ergibt und wenn ja, warum nicht. Ohne diesen Umweg kann man also direkt zur Aussage kommen, oder, wie man so schön sagt, zur Moral von der Geschicht: rühr an unsere Bäume nicht.

Die Kritik von Ethno-Kitsch und Eso-Romantik greift nämlich insofern nicht, als daß wir es ausnahmsweise mal mit knallharter Wissenschaftlichkeit zu tun bekommen: die Flora Pandoras bildet, so will es der Plot, ein neuronales Netzwerk, und ist der Urgrund für die wortwörtliche Verbundenheit der Na’vi zu ihrer Umwelt – chiffriert als im Zopf eingeflochtenes Bio-Interface, hochentwickeltes Sinnesorgan, das mittels objektiv, physikalisch meßbaren Energieaustauschs Informationen zwischen den Lebewesen zu vermitteln vermag. Haha, nehmt das, die Ihr jetzt nicht über „Die Macht“, „Prana“, „Äther“ und „morphogenetische Felder“ lästern könnt, unverbesserliche Skeptizisten und Anhänger des monistischen Materialismus! Geschlagen mit den eigenen Waffen, klar, daß Euch das nicht gefällt. James Cameron, I applaud you.

Und dann war da noch der Einwand, da wäre nichts hängen geblieben an wirklichen Ideen wie damals, als der T1000 mit der Pistole in der Tür hängen blieb. Ja, liebe Kritiker, I see you.

Als militanter Pazifist ließ ich zu, daß meine Großhirnrinde sich um die Frage herumwand, ob ich das jetzt toll finden soll, daß die Na’vi unter der Führung ihres letzten Samurai und Mißachtung aller durch Sun Tsu überlieferten Prinzipien der Kriegsführung zu den archaischen Waffen greifen und sich dem aussichtslosen Kampf gegen die technologisch überlegene Übermacht stellen, um die Mutter aller Schlachten zur Rettung ihres Allerheiligsten zu schlagen – oder ob es Mittel und Wege gegeben hätte, den Konflikt friedlich zu lösen, quasi mit der Moral: „Genug Tod und Leid. Dies war ein Paradies, bevor Eure Gier alles zunichte gemacht hat. Seid willkommen, probiert’s mal aus, alles ganz chillig hier.“ Aber da sind wir dann wieder bei den Chiffren: es geht in Avatar um den inneren Kampf, und das Gute wird siegen. Die Zerstörungswut der Gier hat keine Chance, und das Universum wird den Friedliebenden zur Hilfe eilen.

Aus dieser Sicht ist der Film Balsam für die Seelen aller Krieger des Lichts.

Und ein kleiner Trost (auch so für mich selbst): storytechnisch könnte es in Anbetracht der Ankündigung zweier Fortsetzungen sein, daß er sich lediglich als Exposition entpuppt und wir im Folgenden noch mit richtig Tiefgang überrascht werden. Lassen wir es auf uns zukommen ;-)

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