Über die „Weltfinanzkrise“ und Alternativen zur Zinsökonomie

Dugarun

Ahoi, und Frohes Neues Euch allen!

Über die „Finanzkrise“, über drohende Inflation und Hyperinflation, über Rezession und Depression ist dieser Tage viel zu lesen und zu hören. Kaum ein Fernsehsender, kaum eine Zeitung oder Zeitschrift kommt zur Zeit darum herum, das grandiose Scheitern des monetären Systems weltweit zu thematisieren und zu kommentieren. Von Spekulationen und Blasen ist da die Rede, von „Bail-Outs“, von Wirtschaftshilfen, imperative Sprechblasen mit Milliardenbeträgen darin wabern über den Köpfen der Bankenvorstände, Konzernbosse und Politiker, zerfetzt vom Sperrfeuer der Opposition, dessen Projektile alle Kaliber zwischen „Konsumgutscheine“ und „Verstaatlichung“ vorzuweisen haben. Und der Stammtisch sei hier besser nicht zitiert, will man sich nicht dem Vorwurf der Aufforderung zu einer Straftat aussetzen; und ausserdem gibt es so viele Stricke und Laternen gar nicht.

Indes – worum geht es hier eigentlich? Im sonst so munter rauschenden Blätterwald erhebt sich große Stille, wenn man nach den tieferen Ursachen für den Zusammenbruch der globalen Wirtschaftskreisläufe fragt, niemand ist da, der zu erklären vermag, was genau da eigentlich passiert ist mit Fanny und Freddy, der AIG, der Adam Opel AG und all den anderen.

Niemand? Naja, fast niemand. Keine Angst, auch ich maße mir nicht an, das Geschacher zu überblicken und all die komplexen Verwirrungen auflösen zu können, wenn schon die Wirtschaftsweisen, Börsenjournalisten und anderen Fachspezialisten daran scheitern, das Problem zu lokalisieren, zu benennen und eine wirkungsvolle Therapie vorzuschlagen.

Darum werde ich mich an einem Modell versuchen, einer simplizistischen Veranschaulichung.

Jeder kennt das Wort „Geldregen“. Regen, das ist ja eigentlich Wasser, das aus dem Himmel tropft. Auch von „Wirtschaftskreisläufen“ hat man schon gehört, was direkt an den „Wasserkreislauf“ erinnert, wie man ihn in der Grundschule erklärt bekommt: das Wasser steigt, von der Sonne erwärmt, als Wasserdampf von der Erde nach oben, wird zu Wolken und regnet wieder zurück zur Erde. Ja, selbst die buchhalterische Fachvokabel „Liquidität“, also die „Flüssigkeit“ von Geld ist ein Hinweis auf die Funktion des Geldes: es soll bewässern, zum Blühen bringen, fließen, in Strömen, und verdammt nochmal als Regen wieder zurückkommen.

Daß es mit dem Geld eigentlich so nicht ist, erleben wir täglich, und wir brauchen keine Journalisten, Analysten oder Spezialisten, dafür reicht unser Bauchgefühl: irgendetwas stimmt da nicht. Während die einen immer mehr bezahlen müssen, immer weniger dafür bekommen, immer tiefer unter Schuldenbergen versinken und kaum noch ein noch aus wissen – und es zu allem Überfluß auch noch immer mehr Menschen werden, denen es so geht, akkumuliert sich das Geld auf der anderen Seite in monströsen Ausmaßen auf Geheimkonten in irgendwelchen Steueroasen und steht nur noch einer immer kleiner werdenden Elite zur Verfügung. Mit anderen Worten: die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer, die Armen immer ärmer, die Reichen immer reicher und der Teufel scheißt auf den dicksten Haufen.

Intuitiv ist jedem klar, daß da etwas faul sein muß im Staate. Aber so wirklich zu fassen ist es nicht. Wer ist denn schuld? Die Banken? Die Reichen? Die Konzerne? Die Armen? Das Geld? Was läßt sich ändern?

Interessanterweise bleibt im öffentlichen Diskurs einer der wichtigsten Faktoren des Geldsystems aussenvor: der Zins – und der damit einhergehende Zinseszins. Natürlich ist es für den Sparer erfreulich, daß sein Geld, so er denn welches hat, auf der Bank ganz von alleine wächst. Wie? Dadurch, daß sein Geld von der Bank als Kredit an ein Unternehmen verliehen wird, das damit in Innovationen und Arbeitsplätze investiert. Allerdings muß der Sparer, wenn er sich etwas von diesem Unternehmer kauft, einen Anteil an dessen Kreditzins mitbezahlen. Die Summe der Sparer erwirtschaftet sich damit notwendigerweise einen Nettoverlust, da der Kreditzins höher ist als der Sparzins, damit auch die Bank was davon hat. Von wegen Win-Win-Situation! Gewinnen kann hier nur der, der schon hat. Viel hat. Mit seiner Hände ehrlich Arbeit kommt hier keiner auf einen grünen Zweig.

Warum ist das so? Bemühen wir die Zinseszinsformel. Irgendwann nahmen wir in der Schule mal Exponentialfunktionen durch, wir mochten sie nicht besonders, aber irgendwie kommt es einem dann doch bekannt vor:

Kn = K0 * ((p / 100) + 1)n ,

wobei

n : Endkapital inkl. Zinsen nach n Jahren
K0 : angelegtes Anfangskapital
p : Zinssatz in Prozent
n : Anzahl der Jahre

Wir haben es hier mit nichts anderem zu tun als mit dem berühmten Hofmathematiker, der für seine guten Dienste vor den König gerufen wurde, um sich eine Belohnung zu erbitten, und er nahm ein Schachbrett, legte ein Reiskorn auf das erste Feld, zwei auf das zweite, vier auf das dritte, acht auf das vierte, sechzehn auf das fünfte undsoweiter. Auf diesem Wege solle der König ihm das Spielbrett füllen. Dem König sollte es recht sein, wieviel Reiskörner sollten bei den 64 Feldern eines Schachbrettes schon herauskommen?

Oder, anders gefragt, wenn der gute Joseph damals zur Geburt seines Sohnes Jesus seinen letzten Pfennig eingezahlt hätte, bei einem Jahreszins von 5% – wieviel Geld könnte er heute abheben (Inflationen und Währungsreformen ausser Acht gelassen)? Ein paar hundert Mark?

Charakteristisch für die Kurve einer Exponentialfunktion, da f(x)=ax, ist, daß sie einfach in immer größeren Schritten steigt und ziemlich früh fast senkrecht Richtung astronomische Größenordnung zeigt. Der Hofmathematiker erbat sich mehr Reis, als jemals auf der Erde gewachsen ist, der gute Joseph wäre im Jahre 2000 schon stolzer Besitzer von 132 Milliarden Kugeln puren Goldes von der Größe unseres Planeten.

Das beweist zunächst gar nichts. Kehren wir also zurück zur Geld=Wasser-Analogie. Das gegenwärtige Wirtschaftssystem weltweit begünstigt ein Verhalten, da der Reiche sein vieles Geld lieber hortet, also: dem Geldkreislauf entzieht. Er blockiert quasi den Austausch von Gütern und Dienstleistungen. Anstatt lustig plätschernd vom Berge herab in Schleifen und Biegungen über Auen und durch dunkle Wälder zu rinnen und dabei der Landschaft pures Lebenselixier angedeihen zu lassen, schießt das Wasser in begradigten Strömen giftig, braun und stinkend geradewegs ins Meer, während die Landschaft rundherum verödet, versteppt und verwüstet. In der Realität bedeutet das: zunehmende Massenarbeitslosigkeit, Armut und all die damit zwangsläufig einhergehenden Symptome unserer Gesellschaft – Monopolisierung der Konsum-Syndikate, Stagnation der Innovationen, allgemeine Verblödung, Kriminalität, und, wie es damals war und bald wohl wieder sein soll: Krieg, Not und Elend.

Ich gehe sogar persönlich so weit zu sagen, daß nahezu jede Malaise unserer Gesellschaft direkt zurückzuführen ist auf die Akkumulation der Geldmittel und der Konzentration der damit verbundenen Macht an einem einzigen Punkte, da auf Dauer nur der reine finanzielle Profit das Überleben sichern kann. Was soll’s den Drogendealer scheren, wenn seine Klienten verrecken, solange der Profit stimmt und sein Auskommen sichert? Welcher Arzt hat was davon, daß seine Behandlung den Patienten kuriert? Was nützt es den Nahrungsmittelkonzernen, wenn ihre Produkte nahrhaft sind? Was nützt es den Regierungen, wenn ihre Untertanen glücklich und zufrieden sind und sich dabei vermehren wie die Karnickel? Welchen Ansporn hat der Ersatzteile herstellende Fabrikant, seine Maschinen auf Robustheit und Langlebigkeit auszurichten? Noch anderser ausgedrückt: wie, wenn nicht mit der unmenschlichen Versklavung von Menschen irgendwo südsüdöstlich zwischen Luanda und Kuala Lumpur und den irrsinnigen Auswüchsen des ungezügelten Kapitalismus läßt sich erklären, daß etwa ein T-Shirt beim Kik, nachdem Garn, Farbe, Druck, Stoff und Gummibund geschätzte fünfeinhalb mal um den Globus gereist sind,  nur 2,49 € kostet, während das gleiche Shirt, hätte man es um die Ecke produzieren lassen, ein vielfaches kosten müßte?

Dort, wo nur der Profit und das stetige Wachstum des Profits belohnt werden, muß das System derartige Sumpfblüten treiben, alles andere ließe am gesunden Menschenverstand zweifeln. Höchstens Irre können es sich leisten, auf humanitäre Ideale zu pochen, sich Liebe, Frieden, Freude und Gerechtigkeit auf die Fahnen zu schreiben.

Es klagt freilich nur der Verlierer des unfairen Spiels, nicht der, der davon profitiert, und deswegen wurden einige Profiteure installiert: die etablierten Medienanstalten, die in Scheingefechten auf Strohpuppen einschlagen („die bösen Manager, Banken, Kleinsparer und Spekulanten!“), gehören sicherlich dazu, und man muß ihnen noch nichteinmal bewußten Böswillen vorwerfen. Welcher Steuerberater würde sich denn mit Fritz Merzens und Paul Kirchhofs Vorschlägen einer „Flat Tax“ anfreunden können? Na also. Es braucht keine großangelegte Verschwörung für eine kollektive Ausblendung der naheliegensten Lösungen. Der logische Menschenverstand funktioniert – im Rahmen des Gegebenen – wunderbar, leistet sich jedoch nicht jenen Schritt zurück, der Abstand und Überblick gewährt.

Also weiter wie bisher, oder etwa nicht? Gibt es eine Alternative? Kommen wir zu den guten Nachrichten: es gab sie, es gibt sie, und es wird sie geben!

Ein Beispiel. Im Deutschland des 12. Jahrhunderts bezahlte man mit sogenannten Brakteaten, das waren Blechmünzen, und dabei noch nichtmal besonders schöne im Vergleich zu den heutigen feuchten Träumen eines jeden Numismatikers. Man spricht dennoch vom blühenden Hochmittelalter: die Handwerke und Künste erlebten einen Auftrieb, fast sämtliche Döme wurden zu dieser Zeit gebaut (und wie prächtig sie sind!), in öffentlichen Badeanstalten vergnügten sich Männlein und Weiblein, bis dann die Pest kam und das Zeitalter der sittenhaften Frömmigkeit eingeläutet wurde. Wie konnte das sein? Wo kam das Wirtschaftswunder her?

Stellen wir uns ein Geldsystem vor, da eine Währung nicht unsterblich ist, sondern in regelmäßigen Abständen verfällt (wie alles in der Natur) und eingetauscht werden muß gegen ein neues Zahlungsmittel, für eine geringe Gebühr, versteht sich. Es wäre plötzlich zwecklos, das Geld im Sparstrumpf zu verstecken, vielmehr wäre man gezwungen, sein Geld im Umlauf zu halten und auszugeben für Dinge, die man gern hat. Bilder, Spenden, Werkzeug, Krams halt.

Das klingt wie eine prima Idee? Ist es auch und wurde deshalb viele Jahre später wieder aufgegriffen, und zwar von einem Herrn namens Silvio Gesell (*1862; † 1930). Die Erde mitsamt all den in ihrem Innern verborgenen Schätze und all den Früchten, die auf ihrer Oberfläche wachsen, gehöre allen Menschen, Nationen, Völkern und Rassen gleichermaßen, sagte er, und das müsse sich auch in den tatsächlichen Besitzverhältnissen und dem Wirtschaftssystem widerspiegeln. Anstatt zu begünstigen, wer leistungslos die Pacht für den „Besitz“ von Boden einstreicht, damit immer reicher wird und sich noch mehr Boden kaufen kann, sollte sein Geld ein Mindesthaltbarkeitsdatum haben, so wie alles auf der Welt: eine Kartoffel hält sich nur, bis sie keimt oder verspeist wird (und was anderes auf dem Verdauungsprodukt keimt), ein Hemd wetzt ab, ein Bild verblaßt, ein Haus verfällt, die Menschen sterben. Und nur das Geld soll unsterblich sein? Was für ein Unsinn! Geben wir es der natürlichen Ordnung preis, lassen wir es verfallen und verfaulen und verrotten wie alles im schönen Universum!

Die Idee ist so neu also nicht. Warum wird sie dann nicht implementiert? Wurde sie! So zum Beispiel im wunderschönen Tiroler Städtchen Wörgl der Jahre 1932/33. Vierzehn Monate lang. Die Wirtschaft florierte. Es wurde gebaut und investiert, die Arbeitslosigkeit sank, entgegen dem restösterreichischen Trend. Andere Gemeinden waren drauf und dran, dem Beispiel zu folgen. Doch die Oesterreichische Nationalbank war es, die Einspruch erhob. De jure sogar zurecht, denn nur sie durfte Geld ausgeben. Unter der Androhung militärischer Waffengewalt gab Wörgl das Freigeldexperiment schließlich auf; das „Wunder von Wörgl“ wurde im Verlauf des Zweiten Weltkrieges vergessen und begraben.

Und wieder erhebt sich der Ruf nach einem gerechteren Wirtschaftssystem, da Produktivität und Kreativität sich in Wohlstand äußern!

Dieses umlaufgesicherte, sogenannte „Schwund“- oder „Freigeld“ soll also die Lösung all unserer Probleme darstellen? Nun, seien wir ehrlich, wir würden doch einiges vermissen, hätten wir unsere Problemchen nicht: abstürzende Windows-Anwendungen, Holland bei der WM, streitsüchtige Ehefrauen, quengelige Nachbarn und das Wetter, das sowieso immer beschissen ist, egal, ob es regnet, schneit, hagelt oder die Sonne scheint. Wo es jedoch um Leben, Überleben und Tod geht, soll das liebe Geld nicht unser Glück trüben, egal, ob wir viel haben oder wenig.

Noch nicht überzeugt? Na klar, was weiß denn schon irgendsoein Lump im Netz über Geld und die komplexen Wirtschaftskreisläufe?

Ich weiß nur: Geld regiert die Welt. Und ich frage Euch: wer regiert das Geld? Der Volkssouverän etwa?

Darum hier ein paar Links zur weiterführenden Lektüre.

Als allererstens sei erwähnt ein Wirtschaftswissenschaftler, ein Professor der Ökonomie sogar, er heißt Bernd Senf, der hat also schonmal mehr Ahnung. Und ausser vielen dicken Büchern gibt es auch leichtere Kost von ihm, verständlich erklärt und dargelegt in einer höchst aktuellen Vortragsreihe mit dem Namen „Tiefere Ursachen der Weltfinanzkrise“, die aufgenommen und unter http://www.infokrieg.tv/vortragsreihe_mit_prof_bernd_senf_2008_12_21.html ins Internet gestellt wurde. Seine Homepage findet sich unter berndsenf.de und kriegt von mir das Prädikat „studierenswert“.

Christian Klein hat unter http://www.cko.lu/Freigeld.html einen leichten Zugang zum Thema geschaffen und erklärt die beiden Wirtschaftssysteme anhand des gallischen Dorfes, aus dem Asterix und Obelix stammen: lesenswert.

In diesem Artikel verlinkt sind ausserdem die Wikipedia-Artikel zu umlaufgesichertem Geld, zu Wörgl und der Biographie Silvio Gesells, die zu verköstigen ich jedem ans Herz gelegt haben möchte, dem meine Darlegungen wohl das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen, aber nicht gesättigt haben.

Und zu guter Letzt noch ein Hinweis auf inwo.de, einer organisierten Bewegung zur Installation einer natürlichen Wirtschaftsordnung, und ich muß gestehen, daß ich keine Ahnung von deren mittel- und langfristigen Zwischenzielen habe, aber man fühlt sich nicht so allein mit seinen Ideen, wenn man auf andere verweisen kann. Und ausserdem findet sich dort auch dieser erhellende Beitrag, der auf andere Nebeneffekte des momentanten Geldsystems eingeht, wie z.B. die Bestrafung nachhaltigen Denkens bei der Energiegewinnung, und wie es mit Freigeld nicht dazu käme.

Ist ja nämlich nicht alles Spinnerei, was ich so von mir gebe :)

2 Kommentare

1 Kommentar

  1. Angelika  •  Sep 20, 2009 @08:07

    Grade entdeckt: diese Seite, den Artikel.

    alles fein, fein und gut erklärt – auch wenn Volkswirtschaft und die Geldkreisläufe den Kopf arg beanspruchen. Ist halt ein kybernetisches Modell, in dem zu denken wir nicht geübt sind.
    Allerdings: Freigeld erhebt nicht den Anspruch, alle Probleme der Welt zu lösen. Freigeld taugt zu einem: eine ordentliche und professionelle Währung.
    Damit hat man immer noch alle Probleme mit dem Rücken, der Frau, dem Nachbarn, den Kollegen, aber diese Probleme sind einfach nur das was sie sind und werden nicht überschattet oder sind quasi unlösbar wegen des räuberischen Geld- und Wirtschaftssystems.

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