Paul Lafargue – „Das Recht auf Faulheit“, 1883

Dugarun

…eine Widerlegung des Rechts auf Arbeit von 1848.

Ja, der eine oder andere hat schon bemerkt, daß ich hier und da immer mal wieder Bezug nehme auf Paul Lafargue, und da drängt sich vielleicht die Frage auf: wer ist das?

Doch laßt mich ganz kurz nur ausholen, liebe Leser. Eines Abends, ich war auf dem Rückweg vom „Beats und Kekse“ im Luisenviertel, weckte inmitten des bereitliegenden Sperrmülls eine Kiste Schallplatten meine Aufmerksamkeit. Konservativ, wie ich es im besten Sinne des Wortes bin, untersuchte ich den zur Versenkung im Meer des Vergessens bestimmten Schatz und entdeckte das ein oder andere Juwel, das mit nach Hause zu tragen ich gedachte – Yoko Ono, The Beatles, Metallica, Traffic, Patti Smith, Hüsker Dü und andere Preziosen waren darunter, teils leider leicht derangiert ob einer übermäßigen Bodenfeuchtigkeit, als deren Zeuge sich die Fäule durch die schönen Cover gefressen und in den Rillen der Tonträger festgesetzt hatte. Ausserdem eine Kiste voller Bücher, von denen die meisten mir trockenes Zeug zu sein schienen, einige Titel jedoch mein Interesse erregten, wie zum Beispiel das äußerst tiefsinnige wie amüsante Book Of Nothing, von dem ich allerdings erst beim Lesen erfuhr, daß es aus der Feder des berühmten Osho stammte (da die Umschlagseite fehlte) und mein Interesse für den Zen-Buddhismus noch vertiefen konnte. Jaja, Jäger und Sammler… ich wickelte den Schatz in mein Palästinensertuch und trug ihn nach Hause.

Ebenfalls darunter befand sich Das Recht auf Faulheit oder/Die friedliche Beendigung des Klassenkampfes von Ernst Benz.

Laßt uns faul in allen Sachen,
Nur nicht faul zu Lieb‘ und Wein,
Nur nicht faul zur Faulheit sein!

~ Gotthold Ephraim Lessing

Und zwar handelte es sich, so stellte sich bei der Lektüre heraus, um eine Abhandlung eines Theologen nach 80 Semestern des Studiums der christlichen Kirchen- und Dogmengeschichte über eine Streitschrift von Paul Lafargue: „Das Recht auf Faulheit“ von 1883.

Benz versteht es wunderbar, direkt auf den ersten Seiten herauszuarbeiten, daß der Verfasser der Streitschrift vollkommen ungerechtfertigt im „tiefen Strudel des Vergessens“ des Kollektivgedächtnisses versunken ist. Nicht nur war er „Mitgründer der französischen sozialistischen Arbeiterpartei und ihr Sprecher auf zahlreichen Kongressen der Internationale in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts; dank seiner kubanisch-spanischen Herkunft war er auch häufig der Sprecher der spanischen sozialistischen Arbeiterbewegung auf den internationalen Sozialistenversammlungen und spielte auch in ihrer Geschichte eine entscheidende Führerrolle.“

Doch vor allem war er Schwiegersohn von keinem geringeren als Karl Marx, ging fast täglich mit diesem spazieren, als er während des Londoner Exils das „Kapital“ verfasste, veröffentlichte die erste systematische Abhandlung der Marx’schen Lehren auf französisch und behandelte als sein persönlicher Leibarzt die Karbunkeln, über die Marx sich im Briefverkehr mit Engels in epischer Breite auszulassen wußte. Auch mit Engels schien er sich mehr als nur gut zu verstehen, übersetzte er doch seine bedeutendsten Werke ins Französische, wurde zeitlebens von ihm finanziell unterstützt und nach dem Tode von Karl und Jenny Marx als Erbe eingesetzt.

Laura Marx & Paul Lafargue

Laura Marx & Paul Lafargue

Als Nachkomme einer Mulattin, eines Franzosen, eines französischen Juden und einer Karibin indianischer Deszendenz am 15. Januar 1842 geboren, wurde er von Freunden seines „natürlichen revolutionären Adels“ gerühmt, war die Verkörperung des „hombre futuro“, der alle Rassen in sich vereinigt. Er wuchs in Santiago de Cuba auf, sprach schon als Kind Französisch und Spanisch, wurde mit neun Jahren nach Frankreich geschickt und begann schließlich ein Medizinstudium in Paris, engagierte sich in allerlei politischen Bewegungen, bevor er in London über die Familie Marx hereinbrach und das Herz der kühlen, emanzipierten Laura eroberte. Bis dahin nennt Marx ihn im Briefwechsel mit Engels immer noch liebevoll den „Kreolen“, nach der Heirat, immer dann, wenn er sich über ihn ärgert, den „Neger“ :-)

Die Sicht des Theologen Ernst Benz offenbart die Gründe für die ungerechte Verdrängung Lafargues aus dem Bewußtsein der sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung, selbst aus dem Denken der Neo-Marxisten wie Horkheimer, Marcuse, Bloch und Fromm: „Lafargue hat den unverzeihlichen Frevel begangen, diesen Paradiesmythus [das Bild des wiedergewonnenen Paradieses mit seinen Wonnen, zu denen die Freiheit von Arbeitszwang, die Muße und der fröhliche, kostenlose, leistungsfreie Genuß der schönen Dinge des Lebens gehört] als die geheime Wurzel der sozialen Revolution zu enthüllen und damit die Maskierung der sozialistischen Bewegung durch eine puritanische Vergötterung der Arbeit zu entlarven.“

Weiter heißt es: „Die eigentliche geistesgeschichtliche Bedeutung Lafargues besteht darin, daß er den Marxismus von seinem krampfhaften und schon von seinem Begründer Karl Marx nie ganz gelungenen Bemühen, sich als ‚Wissenschaft‘ zu deklarieren, befreit, und ihn in das übersetzt hat, was er im Grunde immer war, aber niemals zugegeben hat zu sein, nämlich eine Heilslehre. Lafargue hat ganz konsequent den ‚wissenschaftlichen‘ Sozialismus von Karl Marx auf seine religiöse Wurzel zurückgeführt.“

Der schon bei Marx „teuflische“ Gott Kapital („das scheußlichste Gebilde der bisherigen Menschheitsgeschichte“) entthront sich in der Lafargueschen Eschatologie selbst und wird ersetzt durch die paradiesischen Zustände des Schlaraffias/Utopias, in dem niemand arbeiten muß, sich stattdessen der Muße, den Künsten, der Leibesertüchtigung und der „Hintern, nackt wie Bismarcks Schädel“ erfreut – wohl auch in Erinnerung an seine Kindheit auf der Karibikinsel Kuba und die Völker, die noch unberührt vom schottischen Whisky und dem Fortschrittsdiktat des Kapitalismus „zigaretterauchend in der Sonne liegen“. Wie bei Marx stellt die Industrialisierung und Mechanisierung der Arbeitsprozesse den Schlüssel zu dieser Welt dar (s. Lafargue-Zitat im letzten Dugarun). Obwohl, oder gerade weil Atheist, geht Lafargue aber dort weiter, wo der spätere Marx beim Konsum stehen bleibt und stellt ihm den Appetit entgegen, sieht also mehr als ökonomische Kenngrößen und weist die tatsächlichen, psychologischen, ja, transzendenten Bedürfnisse des Menschen als Triebfeder seines Handelns und Wollens aus. Dem „Katechismus der Lohnarbeit“ stellt er, in blasphemisch zu nennender Absicht, sein „Recht auf Faulheit“ entgegen.

So interessant und erhellend schon allein  die Lektüre von Lafargues Pamphlet ist: Theologe Ernst Benz weist mit zahlreichen Zitaten nach, daß die Verheißung des Paradieses nicht nur in den heiligen Schriften der Juden und Christen (Joel, Amos), sondern auch in der syrischen Baruchapokalypse („an einem Weinstock werden tausend Ranken sein, und eine Ranke wird tausend Trauben tragen, und eine Traube wird tausend Beeren tragen, und eine Beere wird ein Kor Wein bringen […] und in jenen Tagen werden sich die Schnitter nicht abmühen und die, welche bauen, sich nicht abarbeiten. Denn von selbst werden die Arbeiten weiteren Fortgang haben.“) und bei Lukians Beschreibung der Insel der Seligen („Die Weinstöcke tragen 12 mal im Jahre […], 354 Wasserquellen umgeben die Stadt, ebensoviele Honigquellen und 500 Quellen wohlriechenden Öles [..], außerdem 7 Milch- und 8 Weinströme“) einhergeht mit einer bestimmten Vorstellung der zwangsfreien Arbeit als Abwechslung von der Muße, den Künsten und den Sinnfreuden, sowie mit bestimmten statistischen Angaben ausgemalt wird, und damit, daß Lafargue lediglich einen uralten Menschheitstraum konsequent zuende denkt und auf die Machbarkeit hinweist – nicht mit der kühlen, ökonomisch-analytischen Diktion seines Schwiegervaters, sondern mit dem Feuereifer und dem sehnenden Verlangen eines denkenden Künstlers und idealistischen Träumers.

Benz erwähnt ausserdem die zahlreichen Bezüge der romanischen Literatur auf das Land Cucania/Coquaigne/Cokaygne/Cucagna, allen voran das „Fabliau de Coquaigne“:

Li pais a nom Coquaigne
Qui plus i dort, plus i gaigne […]
Et s’il avient par aventure
Qu’une dame mete sa cure
à un home que ele voie,
Ele le prent en mi la voire,
Et si en fet sa volonté.
Ainsi fet l’uns l’autre bonté.

(„Das Land hat den Namen Coquaigne, je mehr dort einer schläft, desto mehr verdient er. Und wenn es sich durch Zufall trifft, daß eine Dame ihr Augenmerk auf einen Herrn richtet, den sie sieht, so nimmt sie ihn, wie sie ihn sieht, und tut mit ihm ihren Willen. So tut einer dem anderen Gutes.“)

Am 25. November 1911 begingen Paul und Laura Lafargue Selbstmord, indem sie sich nach einer Theateraufführung in Paris Zyankali spritzten, noch festlich gekleidet, in den Sesseln ihrer Wohnung in Draveil, Grande rue 20, sitzend, „ehe ihm das unerbittliche Greisenalter die Freuden des Daseins […] entreißt, ihn der geistigen und körperlichen Kräfte beraubt, seine Energie lähmt und seinen Willen bricht, ihn zur Last für sich selbst und die anderen macht„, wie er einem Freund seinen Entschluß erklärt hatte. Lenin hielt bei der Beerdigung am 4. Dezember die Grabrede, was ihn nunmehr wohl ebensowenig juckte wie die posthume Empörung seiner Freunde und revolutionären Mitstreiter über seine „Desertation“. Benz postuliert an dieser Stelle: „Der Freitod Lafargues und seiner Frau ist die definitive Widerlegung der horizontalen Eschatologie, denn er bringt in einer unbestreitbaren Weise ihre Überzeugung zum Ausdruck, daß von einer Veränderung der Verhältnisse dieser Erde nichts mehr zu erwarten ist. Es ist eine Absage […] an alle Utopien und alle revolutionären Programme. […] Lafargue hat den uralten Menschheits-Traum vom wiederkehrenden Paradies neu geträumt und glaubte ihn auf dem zeitgemäßen Weg der sozialen Revolution verwirklichen können. Andererseits war er selbst zu sehr spielerischer Künstler, um nicht zu wissen, daß ein so schöner Traum mit so blutigen Mitteln nicht verwirklicht werden kann, und verlegte die revolutionäre Lösung in der literarischen Einkleidung seines Traumes von den Barrikaden auf die Bühne. Aber auch so ist ihm der Traum zu später Stunde irgendwie verschwunden oder unglaubwürdig geworden.“

Wie auch immer, Paul und Laura Lafargue werden sich das reiflich überlegt haben. Heute, nicht ganz ein Jahrhundert später, kann der reale Kommunismus als gescheitert betrachtet werden, der Kapitalismus ist dieser Tage im Begriff, sich selbst zu zerfleischen. Eben noch war der Proletarier zum Teilhaber des Kapitalisten geworden und die Gewerkschaft selbst zur kapitalistischen Entität, nun nennt sich die Klasse der arbeitenden und arbeitslosen Besitzlosen „Prekarier“ und wird mit Hinweis auf die hungernde Bevölkerung der 3. Welt ihrer Unzufriedenheit gescholten, und weit und breit besitzt kaum einer den Mut, auch der 44. POTUS nicht, die längst fällige Forderung auszusprechen, nach Bedürfnissen zu produzieren, statt Bedürfnisse zu produzieren, endlich das Diktat des Konsums zu beenden und alle an den Segnungen der Technologie und des natürlichen Überflusses teilhaben zu lassen.

Lafargue ist tot, lang lebe sein Traum von einer besseren Welt!

In die Tiefe:

Paul Lafargue auf Wikipedia

Paul Lafargue auf The Marxists‘ Internet Archive: (Biographie, Bibliographie) [en]

Das Recht auf Faulheit auf anarchie.de

Ernst Benz: Das Recht auf Faulheit oder/Die friedliche Beendigung des
Klassenkampfes. Lafargue-Studien
, Klett-Cotta im Ullstein-Taschenbuch, März 1987, ISBN:
3548390617

UPDATE: Oskar Lafontaine hat am 02.05.2006 bei „Menschen bei Maischberger„, von der Moderatorin zu einem Zitat seiner Frau über das „Recht auf Faulheit“ befragt, tatsächlich Bezug auf Paul Lafargue genommen :-)

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