Es war ein Morgen wie jeder andere.

Dugarun
eine Geschichte

Wie gesagt, es war ein Morgen wie jeder andere. Nunja, vielleicht war dieser Morgen auf seine Art und Weise schon besonders, aber das war ja jeder andere Morgen auch. Insofern war es tatsächlich ein Morgen wie jeder andere.

Der Wecker klingelte heute nicht, denn es war der Morgen eines Samtages, eines aussergewöhnlich sonnigen Frühlingssamstages, und die Vögel zwitscherten durch das Fenster, das auf Kipp stand. Lars lag im Bett und hörte wie draußen die Reifen tausender Autos übers Pflaster kreisten, schloß die Augen und sah das Meeresrauschen.

Doch – Auf! den Tag begrüßt! Den Computer zum Hochfahren angemacht, der Kaffee aufgesetzt und ab unter die Dusche, die Zähne geputzt und die Haare gebürstet – was für ein Timing – gerade begann die Kaffeemaschine, in den fröhlichsten Dur-Akkorden zu glucksen. Er bereitete sich ein reichhaltiges Frühstück, stellte das Brot, den Quark, die Kirschkonfitüre, den Honig und den Käse bereit, während in der Pfanne auf dem Herd sich genügend Hitze zum Aufschlagen zweier Hühnereier sammelte. Der erste Schluck Kaffee schien eine Abkürzung in seine Blutbahnen gefunden zu haben – also schnell noch Winamp angeklickt und den Verstärker angemacht, und schon nahmen auch seine Nachbarn an seiner vorzüglichen Laune anteil.

Und während er, zufrieden mit sich und der Welt, im Frotteebademantel angetan, zu Bob Marleys „Bad Boys“ vor dem Herd tanzte und die Hühnereier zaghaft die Gestalt zweier Frühstücksspiegeleier annahmen, durchzuckte ihn die Erinnerung an einen Traum. Doch war es ein Traum? Die Wucht der Erinnerung schien ihm so real, als hätte er ihn wirklich erlebt. Quatsch, reale Erinnerungen haben eine andere Konsistenz, dachte er und schüttelte den Kopf. Doch die Bilder ließen ihn nicht los, als er die Spiegeleier mit Indrigenzien aus dem Gewürzregal bestäubte und Anne McCues „Gandhi“ aus den Boxen dröhnte.

Immer mehr Einzelheiten, Bilder, Eindrücke, drängten aus irgendeinem unbewußten Teil seiner Seele in seine Gegenwart, als wären es nicht seine Erinnerungen, sondern, als hätte er sich versehentlich im falschen Bewußtsein eingeloggt, als rufe er die Erinnerung eines anderen ab – nein, nicht eines anderen, mehrerer Entitäten. Plötzlich war ihm, als könnte er durch die Augen anderer Menschen blicken, mit ihren Ohren hören, nahm fremde und vertraute Gerüche wahr…

Erschrocken fuhr er herum und stieß mit dem Knie gegen den Tisch, wobei der Kaffee aus dem Becher schwappte und sich zwischen die Frühstückvorbereitung ergoß. Immer klarer wurden die Bilder, stürzten holterdipolter in seinem Kopf herum, zertrümmerten das Mobiliar im Dachstübchen und bewarfen sich mit den Konserven, die er im Keller seines Selbst eingelagert hatte.

Er taumelte, ließ sich auf die Couch fallen und versuchte, Ordnung in das Chaos zu bringen, sich zu konzentrieren, doch vergebens. Wie in einem fraktalen Kaleidoskop spiegelten sich Wortfetzen, Stimmen an den Innenseiten seines Schädels und verhallten in der Unendlichkeit der Inversion am Urpunkt allen Seins dividiert durch null. „Atme!“, versuchte er sich zu beruhigen. „Das geht vorbei.“ Stattdessen fuhr er Achterbahn auf verknoteten Möbiusstreifen, fiel schwerelos, von Orgonenwinden getragen, dem gleißenden Lichtermeer im Mittelpunkt der Quantenschaumblasen entgegen…

…und es geschah, daß die Dinge sich ihm in aller Klarheit darlegten, sich in Breite und Höhe und Tiefe ihm erfaßbar machten. Worte höhnten ihrer Bedeutungen, Ideen verneinten ihre Werte, das Wesen leugnete seine Existenz, die Strings des Omniversums oszillierten im π/4-Takt zum Walzer des Vergessens, und The Prodigys „Firestarter“ brüllte wummernd aus den Lautsprechern.

eiπ+1=0

Gedankenverloren kratzte Lars die Verbrennungsrückstände der beiden Hühnereier in den Müllbeutel und öffnete Fenster und Türen, um den Qualm abziehen zu lassen.

Sollte tatsächlich – nein, ungeheuerlich! – alles Wirken und Streben diesem Punkte entgegen und alles Tun lediglich […] – so war doch die letzte Konsequenz und allen Lebens Konsens –

Die Pfanne und den Wender noch in der Hand haltend trat er ans Fenster, erklomm die Fensterbank und sprang.

Das Gras im Vorgarten federte ihn sanft, und so lief er los. Ein Nachbar schimpfte die Kinder eines anderen Nachbarn, weil sie mit Kreide den Bürgersteig vor seiner Tür umdekoriert hatten, und eine andere Nachbarin unterbrach ihren Plausch mit dem Postboten, um Lars hinterherzusehen, wie er mit wehendem Bademantel und beseelten Blickes über die Straße lief, und der Postbote mußte sowieso weiter. Am Kiosk lagen die Zeitungen aus, „Kann eine Weltregierung uns retten?“ stand da auf der einen und „Skandal um DSDS-Star!“ auf der anderen, und die Tochter der Nachbarin kaufte eben eine Tüte Naschwerk für fünf Groschen. Fast hätte Lars Doktor Schauberger umgelaufen, den pensionierten Geschichtslehrer, der mit einer Tüte Samstagmorgenbrötchen (noch ganz warm!) aus der Bäckerei kam und der schönen Verkäuferin im Rückwärtsgehen ein schönes Wochenende wünschte, was sie auch haben würde, denn sie war frisch verliebt, doch er konnte gerade noch ausweichen und lief weiter – in der linken Hand den Pfannenwender, in der rechten die Pfanne, die schon ausgekühlt war (und das war gut so, denn er hatte den Herrn Doktor ein wenig damit gestreift) – sein Herz pochte wie wild, doch sein Kopf war ganz klar, und er kam in der Fussgängerzone an, wo gerade Markt war und all die Leute aus der Stadt waren, raste auf den Brunnen zu, sprang auf den Rand und hieb mit aller Kraft mit dem Pfannenwender auf die Pfanne ein, und es war trotz der Sonne ein ziemlich kühler Frühlingssamstagmorgen, doch er hatte ja seinen Frotteebademantel an, und die Leute unterbrachen ihre Geschäfte und Unterhaltungen, drehten sich um und sahen ihn an, wie er da auf dem Brunnen in der Fussgängerzone stand und lautestmöglich auf die Pfanne hämmerte und schließlich mit aller Kraft brüllte:

„Alle mal herhören!“

___

WWU: SDF

Nichts: Zorn, die Stimme erhebend

11 Kommentare

11 Kommentare

  1. Absentee  •  Jan 29, 2009 @20:53

    ja cooles ding….auch wenn ich das mit dem pingback?! nicht so ganz verstehe…..aber mensch muß ja auch nicht alles verstehen!

    danke :)

  2. Ensman  •  Feb 1, 2009 @14:27

    Schöne Story, kommt mir irgendwie bekannt vor…Die Formel ist doch aber eher philosophisch gemeint, oder?

  3. Akareyon  •  Feb 1, 2009 @14:38

    Hallo Ihr lieben beiden, und danke für Eure Kommentare!

    ² Absentee: Pingbacks verstehe ich auch noch nicht, also nicht traurig sein :-)

    ² Ensman: Du wirst lachen, aber die Formel hat Hand und Fuß *g* Sie wurde mal zur „schönsten Formel der Mathematik“ erkoren, weil so ziemlich alles drin ist – die reale Eins, die wunderbre Null, die komplexen Zahlen, die transzendente Kreiszahl π und die Eulersche sowieso. Und zwar handelt es sich um die Eulersche Identität.

  4. Solvum  •  Feb 1, 2009 @16:59

    Interessant zu lesem. Nur ne Kurzgeschichte oder hast vielleicht mehr geplant ?

    Gruss

  5. Ensman  •  Feb 1, 2009 @17:41

    Ja, sag ich doch. Das sind Zahlen oder Formeln in denen sich Mathematik und Philosophie treffen..und in dem Zusammenhang…. Die Transzendenz ist ein sehr umfassendes Phänomen…:)

  6. Akareyon  •  Feb 1, 2009 @18:24

    Sei gegrüßt, Solvum!

    Ja, es war geplant, daß man sich überlegen kann, zu welchen Schlußfolgerungen man selbst gelangen würde – was man mitzuteilen hätte, käme aus heiterem Himmel der Antrieb, vollkommen frei so viele Leute wie möglich an einer Idee, und sei sie noch so wahnhaft, teilhaben zu lassen. Im Prinzip ist die Geschichte das Vorwort zu den Dugarun…

    ²Ensman: oh ja, in der Tat. Vielleicht ist die Mathematik die Programmiersprache des Kosmos? Und die Mathematik kennt viele Ausprägungen… als Zahlenmystik und -magie, in keltischen Knoten, in der Musik… faszinierend, daß diese Ausgeburt anthropozentrischer Logik sich hier und da allen Erklärungsversuchen entzieht – bei der Kreiszahl, der Primzahlverteilung, in der fraktalen Geometrie, zellulären Automaten… schönes Thema für alle Zeiten :-) Sag, kennst Du Donald in Mathmagic Land?

  7. Ensman  •  Feb 1, 2009 @18:59

    Die Mathematik ist die logische Schlußfolgerung aus der Exsistens des Seins. Es kommt zu solchen Geschichten versucht man die einfache Paradoxie des kopmplexen Lebens mit logisch-kausal-mathematischen Rechnungen versucht zu erklären. Der Kosmos rechnet, aber nicht nach Adam Riese.

  8. Akareyon  •  Feb 1, 2009 @19:36

    Du findest, die Existenz des Seins sei selbstevident?

  9. Ensman  •  Feb 1, 2009 @19:56

    Na ja, also

    http://freibrief.net/die-weisheit-mit-loffeln-gefressen-t767.html

    besser kann ich es nicht ausdrücken.

  10. Akareyon  •  Feb 1, 2009 @20:23

    “Das Wesen aller Dinge bestimmt ihr Sein, im Einzelnen und in der Gesamtheit. Denn das Wesen bestimmt das Wirken, das Wirken bestimmt den Zweck. Der Sinn aller Dinge wiederum liegt in ihrem Sein. So gibt es keine Zweckentfremdung eines Dings, lediglich einen Zuwachs an Zweckmäßigkeit, hervorgerufen durch ein Mehr an Wirken. Der Sinn einer Sache nimmt also zu durch ihr Wirken und rechtfertigt ihr Sein. Wirkungslosigkeit ist unmöglich, da gleichbedeutend mit Nonexistenz, Nichtsein. Ein Ding, das nicht ist, wirkt nicht, ist nicht – und hat nur das dies als Wesen. Und ist damit existent, da es das Sein des Dings durch sein Wesen der Wirkungslosigkeit und Nonexistenz bestimmt, und wirkt durch sein Nichtwirken und erhält daher Sinn. Daher ist Sinnlosigkeit unmöglich wie Wirkungslosigkeit, Nonexistenz und Nichtsein. Ein Ding, das nicht existiert, existiert nicht.”

    Wir scheinen uns also in der Sache einig zu sein. Wobei Deine Ausführungen unzweifelhaft die poetischeren sind! :-)

    Ich muß gucken, ob ich meine fraktale Photo-Love-Story wiederfinde… ich glaube, wir sind da was auf der Spur.

  11. Ensman  •  Feb 1, 2009 @21:49

    Ja, das sehe ich auch so. Deine Ausführungen sind ein wenig kompakter…:)

    Nur fürchte ich, wird die Suche immer nur eine neue Spur ergeben, bei Fraktalen so wie so…

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