Über das Scheißen und den Zustand der Welt

Dugarun

Also, neulich kamen wir im Gespräch darauf, daß sich die ganze Psyche des Menschen schon in seiner Verdauung reflektiert. Wer gut schmausen und stuhlen kann, so lautete die zu fortgerückter Stunde aufgeworfene Hypothese, dem geht es einfach seelisch und physisch wohl. Wer kennt das nicht, nach einem schmackhaften Mahl ein fettes Ei in die Keramik zu legen und sich einfach wohlzufühlen, dabei und danach sich vielleicht wohlig entspannt weiter den vorangegangenen Befleißigungen zu widmen. Es ward beispielsweise von einem entfernten Bekannten dritten Grades zu berichten gewußt, der die Exkremente beim Defäkieren einfach am Podex antrocknen ließ, während er die Tageszeitung studierte.

Als nahezu alltägliches und dabei durch und durch intimes Ritual ist die naturbedingte Notwendigkeit des Kotens, selbst wenn nicht durch partielle bis akute Dysfunktionalität beeinträchtigt, olfaktorisch sowie visuell-ästhetisch in den meisten bekannten Fällen nicht unbedingt der Bringer und trotzdem immer wieder – selbst wenn es niemand zugeben mag – ein heimlich-verschämter kulinarischer Nachgenuß der prozessierten Eingabe, welche zuvor mit großem Tam Tam von der Erwärmung über die Portionierung, Pürierung, Blanchierung, Dünstung, Panierung, Marinade, Verzierung, Bewerbung bis hin zur Vermarktung als TV-Show hergerichtet wurde, das Gemüse mit Sprühflaschen auf frisch getrimmt für Plakate und Etiketten und und und und…

Doktor Helmut Kohl wird in mancherlei Hinsicht nicht genug Unrecht getan, doch kein anderer von historischem Weltrang vor ihm hat so deutlich ausgesprochen und damit seine mentale Durchdringung der Weltproblematik unter Beweis gestellt wie er, als er sagte: „Wichtig ist, was hinten rauskommt.“

Aber das nur am Rande. Mein eingangs erwähnter Gesprächspartner jedenfalls postulierte weiterhin, ein großer Teil der in den Medien regelmäßig subliminal als Suboptimum beklagten und gar von einigen Volksvertretern als diskursfähiges Politikum angesehene und statistisch nachgewiesenermaßen in allen Altersklassen alarmierend zunehmende Adipositas sei auf die frühe Prägung des Kleinkinds durch den Umgang der Eltern mit den eigenen Ausscheidungen zurückzuführen. Dies kann schon in sehr frühen Entwicklungsphasen geschehen, wenn das wohlriechende Baby-AA mit baldigem prüfenden Schnuppern, daraufhin folgender liebevoller Hingabe der Bezugsperson und schließlich dem Duft von Babycreme assoziiert wird oder im anderen Extremfall mittels verächtlichem Naserümpfen Schamgefühle induziert, die ein lustvolles Abseilen in darauffolgenden Lebensabschnitten vollkommen verunmöglichen. Längst schon agil und erfinderisch im Ergaunern von Naschereien, ist der junge Mensch ob seiner postfäkalen Dependenz zum Muttertier unmündig, was einerseits Phrasierungen wie „Hattu fein AA macht?“ oder „Mama, bin fertig“ seinen lingualen und in Nachwuchsfortschrittsbriefings junger Mütter auf den Bänken an den Ränden aller Spielplätze dieses Erdenrunds als Reifebeleg seinen kulturell zementierten Niederschlag findet (freilich nur bis zum ersten mütterlichen „dann putz dich ab!“) – sowie andererseits angesichts seiner darauffolgenden Quasi-Tabuisierung eine derartig tiefgreifende psychotrope Sprengkraft entwickelt, daß man sich an der Tankstelle einzig in Abwesenheit Dritter und mit gesenkter Stimme nach dem Toilettenschlüssel zu fragen traut (wenn überhaupt). Wohl ist die umgangssprachliche Bezeichnung für die dem Darm entpresste Masse als Ausdruck des Unmuts oder als spontane Interjektion in vielen Idiomen fest etabliert und selbst aus der Kunst des letzten Jahrhunderts nicht wegzudenken (nicht zuletzt wegen ihrer vor nicht allzulanger Zeit provokativen Konnotation), dennoch vermögen es einzig Krankheit und Alter, die Losung unter Bekannten, Verwandten und Fachleuten abseits seines gemeinhin anrüchigen Stigmas zum Gegenstand aufrichtigen Interesses und herzlicher Anteilnahme als Indikator des allgemeinen Wohlbefindens zu erheben.

Gräbt der geschichtlich Interessierte nach aus Vorzeiten überlieferten Hinweisen auf die zentrale Bedeutung des Kackens für das Seelenheil des Menschen, findet er in Wenn’s Arscherl brummt, ist’s Herzerl g’sund ein dankbares Beispiel: es erfreut nicht nur des Folkloristen Geist, den Klohaussegenswunsch als Schmiererei an der Wand eines öffentlichen Aborts wiederzufinden; auch der von ganzheitlich-spirituell weltanschaulichen Paradigmen nicht ganz Unbeleckte frohlockt ob der von tiefer Weisheit kündenden Einsicht in die engen Zusammenhänge zwischen Verdauung und allgemeiner Lebensfreude.

Gleichermaßen drängt sich die Analogie zur Nahrungsaufnahme der Psyche und dem zwangsläufigen Output geradezu auf. Willard Gaylin hat mit „Monster oder Menschen?“ ein eminent interessantes Buch dazu geschrieben, wenn freilich auch ohne Bezugnahme auf den Verdauungsprozess. Andererseits bedarf es keiner akademischen Auslassung epischer Breite, um zu erkennen, daß die Phänomene unserer Welt zwangsläufiges Resultat der mentalen Zeitgeistspeisen ist. Schon die tägliche Erfahrung sollte lehren, daß man sich nach dem massenhaften Verzehr von Fast Food nicht über Sprühschiß und Exkrementbeton zu wundern braucht. Wenn eine ganze Generation an ein Buffet von synthetischen Hors d’œuvres à la Big Brother, Talkrunden und Gerichtsshows herangeführt wird, das versalzene Gehabe verlogener Politiker und quietschebunte Beilagen aus faden Prominenteneskapaden hinunterschlingt, währenddessen klebrig-braune Konsumimperative inkorporiert und sich zuletzt am wackelpuddingartigen Dessert der Seifenoperetten labt, ist der aus dem Tiefspüler Internet herüberwabernde, unerträgliche Gestank aus Hass, Dummheit und purer Ignoranz die einzig logische Konsequenz.

Wäre da nicht der Ruf nach einer geistigen Speisekarte, einer psychischen Diät, einem Ernährungsplan der Sinnhaltigkeit angebracht? Mitnichten; wer die Schokolade verboten kriegt, wird bei Gelegenheit alle verfügbaren Süßigkeiten in sich hineinstopfen und furchtbares Bauchweh kriegen. Ich sehe das so:

Scheiße düngt gut.

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