Die Revolution in Entenhausen

Dugarun

Aus einer Diskussion auf dem g:b heraus ergab sich, daß ich mir endlich ein langgehegten Wunsch erfüllte und die Kapitalismus-Propaganda und tiefgreifende Manipulation unschuldiger Kinderhirne durch Donald-Duck-Comics analysierte. Das möchte ich Euch nicht vorenthalten.

Kommen wir nun also […] zur Beschreibung einer Metropole in einem anderen Epos der jüngeren Literaturgeschichte, der interessanterweise keine Eschatologie […] kennt, aber auf anderen Wegen die Hirne von Millionen Menschen nachhaltig manipuliert hat. Und das so subtil und unmerklich, daß das ganze monströse Ausmaß der Gehirnwäsche selbst dann schwer begreiflich wird, wenn die Fassade der quietschbunten Bilder fällt.

Die Rede ist freilich von Entenhausen. Charakteristisch für diese Weltmetropole mit den sprechenden Tieren ist die Unsterblichkeit und Alterslosigkeit seiner Charakter (zumindest auf der ersten Ebene). Es ist an dieser Stelle angebracht, einen klaren Unterschied zu machen zwischen den Figuren, die Carl Barks entwickelt hat, und den Geschichten, die in Form der wöchentlichen Micky Maus, der Lustigen Taschenbücher und diverser Spin-Offs aus dem Hause des vom Disney-Konzern lizensierten Ehapa-Verlages kommen. Letztere sind es, die hier in Deutschland den Kanon der Entenhausen-Lektüre und das Bild seiner Bewohner nachhaltig geprägt hat.

Insbesondere soll es hier um das Universum von Donald Duck gehen.

Donald Duck ist wohl einer der vielschichtigsten Charaktere der westlichen Literaturgeschichte. Oberflächlich betrachtet, ist er ein fauler Tunichtgut, der sich mit Gelegenheitsjobs mehr schlecht als recht über Wasser hält, mit einem alten, klapprigen Auto, einer Verlobten namens Daisy, die ihm regelmäßig mit seinem schnöseligen Vetter Gustav Gans (einem widerlichen Aufreißertypen) fremdgeht, drei Neffen, die ihm konstant den letzten Nerv kosten, und einem Onkel, der zwar die reichste Ente der Welt ist (und zum Beweis seinen massiven Geldspeicher auf einen die ganze Stadt überblickenden Hügel gepröfft hat), aber so geizig ist, daß er sich fast täglich von seinem Butler James vor Donalds Haustür fahren läßt, um sich bei ihm durchzufuttern. Donald ist jähzornig, schusselig, faul, vielleicht sogar ein bisschen schwer von Kapee, doch im Grunde gutmütig, immer für ein Abenteuer zu haben und hin und wieder hat auch er seine Geistesblitze, doch sein dominantestes Charakteristikum ist sein sprichwörtliches Pech. In dem sonst so atheistischen Universum ist dies wohl die religiöseste und metaphysischste  „Macht“, deren Antithese Gustavs unerklärliches Glück darstellt. Und doch: des nachts wird Donald zum heimlichen Rächer der Stadt, Phantomias, der Entenhausen mithilfe des genialen Tüftlers Daniel Düsentrieb vor seinen Schurken beschützt.

Nicht unerwähnt sollen auch die diversen anderen Sidekicks des DD-Universums bleiben – Gundel Gaukeley, die verschlagene Dunkelmagierin, die sich mit Dagobert im ewigen Kampf um dessen Reliquie, seinem ersten Kreuzer, befindet und dazu schonmal gemeinsame Sache mit der kriminellen Vereinigung der verschworenen Panzerknacker-Bruderschaft macht. Soweit keine Überraschungen – kommen wir zum Subtext, zur Meta-Ebene der Bewußtseinsmanipulation und Gedankenkontrolle.

Zwar ist Donald der Held der Geschichten, identitätsstiftend wirken jedoch eher seine Neffen Tick, Trick und Track, Vorzeigepfadfinder des Fähnlein Fieselschweif. Sie sind hell, gewitzt, mutig und rebellisch und stellen eigentlich eine untrennbare Personalunion dar: die heilige Trinität, die vor der Aussenwelt geschlossen auftritt (der eine beginnt zu sprechen, der andere setzt den Satz fort, der letzte beendet ihn) und nur unter Isolation der Aussenwelt mit sich selbst interagiert („Tuschel, tuschel“). Triebfeder hinter den meisten Abenteuern ist Onkel Dagobert: entweder, er ruft seine Familie zu sich, weil er wegen der Situation am Aktienmarkt (rückläufiges Wachstum), dem Verlust eines Zwei-Taler-Scheins oder irgendeines anderen monetären Wehwehchens in Todessehnsüchten schwelgt oder zumindest fürchtet, bald am Hungertuch zu nagen, oder aber ihm ist eine Idee zur weiteren Profit- und Geldmengenmaximierung zu Gehör gekommen. Im Zweifel geht es auch einfach nur darum, seinem intriganten Widersacher Klaas Klever (der zweitreichsten Ente der Welt) ein Schnippchen zu schlagen. Es gilt auch hier zu betonen, daß Dagobert Duck nicht etwa Sproß einer geldaristokratischen Dynastie ist, sondern, als Deszendent eines verarmten schottischen Adelsgeschlechts, seinen Reichtum durch harte Arbeit (sic!) in jungen Jahren erworben hat (damals, in der Klondike).

DagobertSeine zumeist gefährlichen, oft auch zwielichtigen Vorhaben in der Grauzone der Legalität wecken wohl den Entdeckereifer seiner drei Großneffen, stoßen jedoch auf wenig Gegenliebe bei Donald. Und hier kommt der Casus Knackpunkt: der Hinweis auf seinen Schuldensaldo (immer in Form einer meterlangen Bonrolle) oder die drohende Enterbung reichen in allen Fällen, Donald auf Spur zu bringen. Mit anderen Worten: die regelmäßigen Demütigungen läßt Donald nur über sich ergehen, weil er hofft, eines fernen Tages das Erbe der reichsten Ente der Welt antreten zu dürfen. Hier versteckt sich der Schlüssel zum transzendentesten Element der Entenhausen-Saga: wohl gehen die Ducks mit der Zeit; sie haben mittlerweile Handys, Computer und Laptops und haben durchaus auch eine grundoptimistische Einstellung zur Technologie und Futurologie, doch der Umstand, daß sie nicht altern, läßt Entenhausen zu einer ewigen Momentaufnahme werden. Dagobert wird nicht sterben, Donald wird niemals das Vermögen seines Onkels erben, Tick, Trick und Track sind die ewigen Kronprinzen des personifizierten Kapitalisten, für alle Zeiten geprägt durch die Furcht vor Donalds Staubklopfer.

Es ist wirklich nicht so, daß Entenhausen gewaltfrei wäre, oft genug fliegen die Fetzen, manchmal gar Schrot und Kugeln, selbst der alte Dagobert erweist sich als überraschend rüstig und behände im Umgang mit seinem Spazierstock, grundsätzlich werden wir jedoch mit einer entmilitarisierten Gesellschaft konfrontiert: es gibt keine Panzer, keine Generäle und keine Soldaten. Es handelt sich um das Utopia des Kapitalismus: Frieden durch Fleiß, Erfolg durch Witz und Eifer. Das Wettrüsten findet nur im Zentrum der Stadt statt, in der Peripherie des unter allen Umständen zu schützenden Geldspeichers: Stacheldraht im verminten Vorgarten, eine alte Kanone auf dem Dach und allerlei Zeug aus dem Bastelschuppen von Daniel Düsentrieb zur Abschreckung von Hexen und Panzerknackern. Dazu gehören nicht nur überdimensionierte Stiefel und Tennisschläger, sondern auch immer wieder und wahrhaftig: Strahlenwaffen.

GeldspeicherDer Geldspeicher ist ein geweihter Ort. Hier muß Donald zur Abzahlung seiner Schulden die Münzen seines Onkels polieren, in denen dieser so gerne badet. Überhaupt scheinen im heiligen Kubus die Naturgesetze keine Wirkung zu haben: der Eingang im Parterre führt offensichtlich direkt in die Büroräume im obersten Stockwerk; niemals, niemals wurde von einer Treppe oder einem Fahrstuhl berichtet. Hier ist das Schaltzentrum der Macht, hier antechambrieren Privatmenschen, Geschäftsleute und Staatsmänner, hier surren die Computer zur Überwachung des globalen Firmenimperiums in stiller Eintracht mit einem Abakus, hier zeigt die Geldkurve an einer prominenten Tafel steil nach oben, hier ernährt sich die reichste Ente der Welt von trocken Brot und Leitungswasser.

Eine besondere Symbologie findet sich in der Darstellung des Staatsapparates: der Bürgermeister von Entenhausen ist – ? Ein fettes Schwein, die Richter sind weise Eulen, die häufig drakonische Strafen gegen unsere Helden verhängen. Der Bürgermeister ist latent korrupt und selbstgefällig und nicht selten Volkes Zorn ausgesetzt, wenn halb Entenhausen vor dem Rathaus steht und den Aufstand probt.

Zur Revolution indes könnte es in Entenhausen niemals kommen. Zu sehr sind die Bewohner abhängig vom Wohlwollen des alten Zausels, sie beobachten ihn mit Argwohn – und neidischer Bewunderung. Daß das Vermögen, das er besitzt, eine sinnlose Akkumulation darstellt und nur dem Zweck dient, einer alten Ente mit Zwickel und Backenbart als Swimmingpool zur Verfügung zu stehen und damit niemandem etwas nützt, kommt ihnen nicht in den Sinn – ebensowenig, wie eine Umverteilung der Güter zu fordern. Denn es ist ja zu allem Überfluß auch so, daß Dagobert Duck den Archetypen des Konsumverweigerers darstellt: selbst die Zeitungslektüre, den Entenhausener Kurier, kramt er im Park aus der Mülltonne, obwohl das Blatt ihm gehört. Seinen Mantel, seine Gamaschen und seinen Zylinder trägt er seit einem gefühlten Jahrhundert, anstatt durch Aufträge an die handwerklichen Kleinbetriebe der Stadt das Vermögen in Umlauf zu bringen. Seine Reichtümer dienen also keinem Zweck, sind um ihrer selbst willen und damit in die Sphären des Metaphysischen gerückt. Die Hoffnung, durch seinen Tod könnte sein verschwenderischer Neffe Donald die Reichtümer in kürzester Zeit unters Volk bringen, wird enttäuscht durch die Erstarrung der Unsterblichkeit des Entenhausener Vorzeigekapitalismus.

Besteht dennoch Hoffnung? Durchaus. Tick, Trick und Track obliegt die Aufgabe, mit dem Schlauen Buch des Fähnlein Fieselschweif ihren Großonkel davon zu überzeugen, daß er ein gesünderes und glücklicheres Leben führen würde, wenn er das Rückstauventil an seinem Geldspeicher nur einmal abschrauben würde. Mag Dagobert auch innerlich verhärtet und verbittert erscheinen, was sich auch immer wieder in seiner quasi-amourösen Beziehung zu Gitta Gans äußert (von der er fürchtet, sie liebte ihn nur seines Geldes wegen), so erscheint er doch am ausgeglichensten, wenn er auf seinen Abenteuern mitten in der Natur alte Geschichten erzählen kann oder bei seiner Schwester/Schwägerin Dorette zu Besuch ist, eine Art „Urmutter“-Archetyp des Duck-Clans, die in traditioneller Subsistenzlandwirtschaft und tiefer Naturverbundenheit weit ausserhalb der Stadt wohnt, mit bemerkenzwerter Toleranz ihren dem Schlummer und dem Schmausen zugetanen Knecht Franz Gans gewähren läßt, die besten Torten der Welt backt und die schönsten Geschichten zu erzählen weiß. Hier ist Dagobert nicht mehr die reichste Ente der Welt, sondern im Schoße seiner Familie und seiner Ursprünge geborgen, gleichauf mit Donald, Daisy, Tick, Trick, Track und Franz, und für den Rat und die liebevollen Ermahnungen seiner bodenständigen und geistig gesunden Verwandten zugänglich. Franz GansIch denke, es ist auf Oma Ducks Farm, daß das Umdenken in der entenhausener Finanzpolitik, dem Diktat der Profitmaximierung und des Akkumulationsdogmas beginnt, denn hier, fern seiner geliebten Talerchen, ist Dagobert verletzlich und durch und durch Ente, fühlt sich nicht bedroht durch die aufgebrachten Massen, die seinen Geldspeicher stürmen wollen, wird nicht bedrängt und zur Askese des Kummers und der Sorge gezwungen.

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