Päpstinnen und andere Spiritual-Pinups

Dugarun, Gastbeiträge

Gestern also das übliche Samstagsprogramm, wenn die Familienkonzentration in der Stadt eine kritische Dichte erreicht: Kuchen, Kino, Cannelloni (oder ein anderes Gericht nach Wahl in unserer bevorzugten Mafia-Geldwaschanlage). Im Cinemaxx am PoPl wurde “Die Päpstin” gegeben und zeigte uns ein finsteres Zeitalter, in der niedliche kleine Mädchen offenbar routinemäßig zu herbgesichtigen Pseudo-Kerlen heranwuchsen. Wobei ja Johanna Wokalek ausweislich der Badewannenszene in “Der Baader Meinhof Komplex” durchaus weiblich aussehen kann, wenn sie sich Mühe gibt. Außerdem dabei: Faramir und Posca, die beide im Wesentlichen das machen, was sie in “Herr der Ringe” und “Rom” auch schon gemacht haben. Der beste Part ist allerdings der von John Goodman.

Wie auch immer, Erwähnung findet auch die Heilige Katharina von Alexandrien als vorbildhaft hochgebildetes Mädel, dass seinerzeit im Alleingang einen ganzen Schwung Heiden im theologischen Disput zum Christentum bekehrt habe und dafür märtyrisiert wurde. Moment, dachte ich, da war doch kürzlich was?

Genau, uns droht außerdem noch “Agora” über Leben und Sterben der Hypatia von Alexandria, gespielt von Rachel Weisz (die einfach nicht aus Ägypten rauszukommen scheint). Beim Nachsehen der Filmstarts für dieses Jahr fiel mir schon im Sommer diese spätantike Philosophin in die Hände, die ich vorher gar nicht kannte. Ähnlichkeiten mit der Heiligen Katharina sind keinesfalls zufällig: Beim erneuten Nachschlagen stellte sich heraus, dass letztere wohl gar nicht existierte und die fromme Christenheit hier vielmehr die Lebensgeschichte der Hypatia vereinnahmt und umgestrickt hat. Was schon ein bisschen unverfroren ist, weil die Agnostikerin Hypatia schließlich von fanatisierten Christen in kleine Streifen geschnitten wurde.

Dass “Die Päpstin” sich nun auf die Heilige Katharina bezieht ist besonders lustig, weil die Geschichte ja selber die Vereinnahmung und Umstrickung einer legendären Figur ist: Wie bei Katharina schaffen wir uns eine Heldin, die in ihrer Zeit für unseren aktuellen Stand der Vernunft wider die verdammten Heiden streitet, so wie wir das gerne gesehen hätten, und dabei draufgeht. Mit anderen Worten: Eine spirituelle Wichsphantasie mit Sado-Maso-Elementen. Die Heiden sind in diesem Fall natürlich die Kirchenmänner, die nichts von Logik halten, geschweige denn von Gleichstellungsbeauftragten. Was man natürlich mit Recht kritisieren kann, und “Der Name der Rose” hat das ja beispielsweise hervorragend und in den Begriffen der Zeit getan.

Bei “Der Päpstin” hat man demgegenüber den Eindruck, sie versuche mit plumpen anachronistischen Mitteln “Der Name der Rose” zu sein. Okay, also haben wir hier ein paar fundamentalistische misogyne Kleriker paulinischer Prägung. Das haben wir nach der ersten Szene kapiert, weil es da schon mit der Kleisterrolle aufgetragen wurde. Dafür müsst ihr nicht noch eine weitere halbe Stunde lang Frau und Kinder verprügeln. Breaking News: “Mittelalter noch immer finster! Filmbeitrag um Acht!”

Warten wir mal auf Hypatia (ich mag ja grundsätzlich schon mal diese vom Niedergang eines Zeitalters umwehte Prinz-Eisenherz-Epoche). Und verhüte Gott, dass Eure Denkweise jemals an den Maßstäben in 400 Jahren gemessen wird.

5 Kommentare

5 Kommentare

  1. Anba Bravin  •  Okt 26, 2009 @09:44

    ???
    Hab´ich da was in den falschen Hals bekommen oder nur mal wieder als “Mädel” nix kapiert?
    Das a la Hollywood Filmaufmachungen nicht gerade den europäischen Intellektuellen entzücken, ist allen bekannt auch den Produzenten. Aber das gefällt halt den meisten. Wie eine Teenagerin in einer Kinoschlange den Luther Film kommentierte “Grausig anstrengend, da muss man ja denken!!”

    Wegen “mysogyne Kleriker”, “mit Sado-Maso-Elementen” oder wie ich hier verstehe eine verfehlte Auferstehung starker Frauen im testosterongeladenen Meer der letzten 6000 Jahre Menschheitsgeschichte, empfehle ich:

    http://www.orgonelab.org/saharasia_de.htm

    Wegen Pinups, finde ich Marilyn Monroe doch besser als die unangenehm kopfgesteurte Johanna, für über´s Bett :)

  2. Akareyon  •  Sep 2, 2010 @08:49

    Haha, jetzt habe ich mir die Pontifexin auch mal ausgeliehen (und wunderte mich seit Wochen – bis vor fünf Minuten – , warum ich in der Videothek immer an Agora vorbeigelaufen bin und die Augen trotzdem immer dran kleben blieben) und kann jetzt auch ganz herzlich über Deinen Verriß lachen. Meine Güte. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, der Regisseur stellte sich das ungefähr so vor: wir drehen diese Szene aus diesem Sandalenstreifen nach, jene aus jenem, und irgendwie wird der Cutter schon ‘nen eigenständigen Film draus gebastelt bekommen. Irgendwie kam das alles sehr plakativ, klobig, unbeholfen und 2-dimensional-abziehbildmäßig daher; und es gibt, summa sumarum, subtilere Wege, eine Idee sozusagen in your fucking face rüberzubringen. Siehe “Requiem”, spielt auch im protoilluminierten Deutschland (Tübingen der ’70er), thematisiert ebenfalls die Vorbildrolle der Hlg. Katharina und lebt durch die Glanzleistungen der Schauspieler, die mit einer Geste mehr zu sagen vermögen als zwanzig Meter Filmrolle “Die Päpstin”.

    Also Agora, um mitreden zu können.

  3. BansheeOne  •  Sep 2, 2010 @16:10

    Jetzt muss ich ja zugeben, dass ich “Agora” selber im Kino verpasst und noch nicht gesehen habe. Als Hobby-Astronom doppelt unverzeihlich, weil Hypatia sich laut Trailer auch mit diesem Feld befasst hat (damals, als “Philosoph” noch “weiß viel über alles” hieß). Memo an mich: Irgendwo zwischen Bundeswehr-Reform und RL-Trips mit Netzfreunden nach Ludwigslust und Seattle – Videothek. DVD. Fernseher.

    Echtes Leben hält einen sowieso viel zu viel von der Virtualität fern. Kürzlich wollte ich ja hier wenigstens mal unter dem Titel “Fidel und die Bilderberger” die letzte der wöchentlichen Reflexionen des Genossen Castro posten, die uns die kubanische Botschaft freundlicherweise immer in deutscher Übersetzung zumailt. Bei genauerem Hinsehen stellte ich allerdings fest, dass der faule Sack diesmal unter der Überschrift DIE WELTREGIERUNG lediglich 20 Seiten Zitate aus Daniel Estulins “Der Bilderberger-Club” abgetippt hat. Diese Revolutionsgreise sind auch nicht mehr das, was sie mal waren – kein origineller Gedanke mehr.

  4. Akareyon  •  Sep 6, 2010 @15:18

    Agora kann was. Nicht so zäh wie die Die Päpstin, im Gegenteil: wunderschön komponiert und glaubhaft, wenn natürlich auch stilistisch überhöht, Rachel Weisz ist wunderbar als unbestechliche Kämpferin für Logik und Frieden und empirische Beweisführung, und das Finale gnädig und doch ein aufrichtiger Sucker Punch. Und wie schön, die Christen mal zu sehen als die fanatisch-verbohrten Sektierer und erkenntnisfeindlichen Terroristen, als die auch sie mal begonnen haben… :-)

  5. BansheeOne  •  Okt 23, 2010 @21:11

    So, jetzt gab es also endlich ein kosmisches Zusammentreffen: “Agora” und ich waren zur gleichen Zeit in der Videothek. “Green Zone” gleich wieder ins Regal zurückgestellt, und ab dafür.

    Jawoll, ich mochte ihn. Vielleicht streckenweise etwas hastig geschnitten, woran letzthin viele Filme zu leiden scheinen. Aber die Art, gewissermaßen aus der orbitalen Totale auf die Handlung und wieder raus zu zoomen, fand ich genial. Wobei ich im ersten Moment dachte, ich hätte aus Versehen die Neuverfilmung von “Kampfstern Galactica” eingeschoben. Das liegt aber wohl eher an den Referenzen ans klassische Altertum bei letzterem, einschließlich der ähnlichen musikalischen Untermalung.

    Inhaltlich kommt “Agora” als Plädoyer für die Ratio und wider die Engstirnigkeit der Religion daher. Im Vergleich zur Päpstin hat dieses Werk nun freilich den unfairen Vorteil, drei verschiedene Religionen zum Draufdreschen zu haben, und jede davon darf sich die Finger schmutzig machen. So fällt das Gemälde von vornherein nicht so schwarzweiß aus. Auch wenn der historisch reale Siegeszug des Christentums letztlich dieses zum Hauptübel macht, und der Film sich der Versuchung auch nicht ganz entziehen kann, anachronistisch alles Mögliche mit dem Leuchtfinger vorzuzeichnen: Hexenverfolgung, Antijudaismus, Investiturstreit, und nicht zu vergessen Johannes Kepler. Obwohl man sich fragt, ob die allzeit steinigungsbereiten bärtigen Religionspolizisten nicht eher ein Kommentar zu den heutigen Verhältnissen im Nahen Osten sein sollen. Und da isser wieder, Paulus, der alte Mysoginist.

    Immerhin muss Hypatia nicht so plakativ an ihrem Frausein leiden wie Johanna; die meiste Zeit scheint sie die Zufälligkeiten der Biologie, die ihren Verstand umkleidet, gar nicht wahrzunehmen. Nota bene: Härtester Korb der Filmgeschichte.

    Apropos Päpstin. Neulich in “The Social Network” gewesen – ich habe technisch nur die Hälfte verstanden (mein kleiner Bruder #4 versichert mir, das alles korrekt war), aber trotzdem sauguter Film (und er bestätigt mein Vorurteil, mich nicht mit so neumodischem Krimskrams wie Facebook etc. abzugeben). Im Vorprogramm lief ein Trailer zu “Die kommenden Tage”, eine interessant aussehende Mischung deutscher Produktion aus modischen Near-Future-Gespenstern: Krieg um Ressourcen, Volksaufstand, Ökoterrorismus, garniert mit der unvermeidlichen Familiendysfunktionalität. Und Johanna Wokalek macht wieder die Terroristin. Die Ärmste.

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