Worum es geht.

Dugarun

Worum geht es?

Um mehrerlei. Unmöglich, den mehrschichtigen Gedanken, den auszuführen hier Anliegen sein soll, mit einer einzigen konzisen und – zugleich möglichst! – präzisen Formel auszudrücken, daher mal wieder der Umweg über Andeutungen, Querverweise, Parabeln und nur scheinbar sinnfreie Schwurbelei.

In der universalen Sprache der Mathematik ausgedrückt, gibt es jedoch einen gemeinsamen Nenner: ich kann nicht mehr. Ich habe die Schnauze voll. Ich bin krank, ich werde verrückt – und ich meine das seelische Leiden im neurologisch-medizinischen Sinne, nicht bloß den „Sprung in der Schüssel“, den ich mir bisher ohnehin jederzeit ohne Bedenken als Ausdruck gesunder und liebevoller Selbstironie attestiert habe.

Die Symptome sind schnell benannt: meine natürliche Anlage zur romantischen Melancholie entwickelt sich zu depressiven Episoden und kindischen Ausrastern („erhöhtes Agressionspotential, verminderte Impulskontrolle, herabgesetzte Frustrationstoleranz“).

Fremde, Freunde und Feinde loben oft und häufig meine umfangreiche Bildung, meinen Wissensdurst und meine Fähigkeit zu Analyse und Synthese, nennen das „Intelligenz“ und verbinden das ausnahmslos mit einem Ausdruck des Unverständnisses darüber, daß ich mein sogenanntes „Potential“ nicht nutze („warum wirste denn nicht Programmierer“, wenn ich mal wieder ihr hoffnungslos zerficktes System repariert habe, „warum wirste denn nicht Designer“, wenn ich mal wieder mit einer schicken Internetpräsenz für einen befreundeten Musiker aufwarte, „warum wirste denn nicht Elektroniker“, wenn ich mal wieder einen hübschen GameBoy gemodded habe). Zu meiner Zivi-Zeit sagte mal eine Schwester, ich versperrte mir „mit meiner Art“ oft selbst den Weg, und aus jüngerer Zeit stammen andere, jedoch sinnverwandte Formulierungen.

Sicher haben sie recht – hat schließlich jeder, aus seiner Sicht. Manchmal möchte ich mich von außen sehen wie andere, dann wieder bin ich froh, daß das nicht geht (aber wer kennt das nicht). Meine Selbstwahrnehmung indes bezeichnet diese Nichtnutzung als Ausschlußverfahren; nötigte man mich zur ehrlichen Selbstkritik, könnte ich mich noch der Trägheit bezichtigen. Nun nennt mich arrogant und überheblich, doch diese ganzen Kompomisse, die einzugehen mich die Umwelt bisher aufforderte, sind vollkommen indiskutabel – meine Überzeugung, mein „moralisch geschultes Gewissen“, verbietet mir, blindlings in jede Falle zu laufen, die die Umwelt mir stellt. Konkret meine ich damit: noch, noch spüre ich zuviel Leidenschaft, als daß ich mich ruhigstellen ließe mit Bausparvertrag, Doppelhaushälfte, Zweitgolf und scheidungsbedingten Unterhaltsforderungen für eins komma vier Kinder mit richterlich erwirktem Besuchsrecht am Wochenende. Diese „Trägheit“ kostet mich jede Menge Energie und ist meine Investition in eine Option auf den anderen Blickwinkel, der sich mir versperrte, ginge ich die mir vorgeschriebenen Wege.

Ob die Finanzierung meines Daseins durch ALG II-Mittel und die 30-Stunden-Wochen-Arbeitserprobungsmaßnahme der Jobagentur beim diakonischen Sozialkaufhaus für eins fuffzig Aufwandsentschädigung pro Stunde kein „fauler Kompromiß“ wäre, fragt der aufgeweckte und kritische Geist zu recht.

Also nochmal von vorn, ungefähr da, wo ich sage, daß ich langsam, aber sicher krank werde. Ich leide in galaktischen Maßstäben: die Dinge, die mich – wenn es nach diesen wohlmeinenden Freunden ginge – nichts angehen sollten, betreffen mich sehr wohl. Ich bin da ungefähr so sensibel wie Yoda und Ben Kenobi, die die „Erschütterungen der Macht“  trotz der enormen räumlichen Distanz sehr wohl spürten (fragt mal meine ehemaligen Klassenkameraden, die wissen sicher noch den einen oder anderen Schwank über meine Ausraster zu erzählen).

Zur Erinnerung, und um den Bogen zu spannen: in diesem Sommer vergifteten Tausende Tonnen Rohöls und die daraufgesprühten Chemikalien und Mikroorganismen die Lebensgrundlage unseren Planeten mit unabsehbaren Folgen für die komplexen Ökosysteme der Weltmeere, fast zwei Dutzend junger Männer und Frauen wurden bei einer Massenpanik auf einer Parade zu Ehren der Liebe inmitten der Leiber ihrer hunderttausend Mitfeiernden zerquetscht – hier nur diese zwei Beispiele für den Irrsinn, der auf der Welt herrscht, weil sie soviel Aufmerksamsenergie umsetzten. Schuldige und Verantwortliche waren schnell benannt, die sofort sich ent-schuldigten, Schuld und Verantwortung nach „unten“ oder „oben“ auf der Hierarchieleiter oder gar – zynismusinduzierter Kotzkrampf – an die Opfer weiterdelegierten.

Doch es sind nur Parabeln für den Zustand des Zeitgeistes, die mit dem restlichen kollektiven Wahn des Erdenmenschen (sollen zum achtundxigsten Male die imperialen Kolonialkriege, der systematische Genozid der Ärmsten und Wehrlosesten mittels Aushungerung und Vorenthaltung medizinischer Versorgung, die Anstachelung zum Hass gegen die Schwachen und Schwächsten inmitten unserer Gesellschaft, die Vergiftung und Panscherei unserer Lebensmittel, die ungehinderte Zerstörung der Natur oder der weltweite Feldzug gegen freie Gedanken- und Meinungsäußerung angeführt werrden?) eines gemeinsam haben: den juristischen Begriff des Motivs.

Die Anklage muß also lauten:

Mord, Terrorismus, Totschlag, fahrlässige Tötung, bewaffneter Raub, Menschenraub, Freiheitsentzug, Nötigung, räuberische Erpressung, Vergewaltigung, Körperverletzung, Gründung einer kriminellen Vereinungung, Diebstahl, Verrat, Irreführung, Verleumdung, Beleidigung, Verletzung des Briefgeheimnisses, Vertragsbruch, Unterschlagung, Sachbeschädigung, Haus-, Landes- und Erdenfriedensbruch, Mißhandlung Schutzbefohlener sowie Anstiftung und Verschwörung dazu in Millionen schweren Fällen aus niederem Beweggrund,

nämlich Profit.

Für ein Gerichtsverfahren indes fehlt uns mehrerlei: Richter, Verteidiger, nicht zuletzt auch eine Rechtsgrundlage und ein Gericht. Hey, immerhin gibt es Angeklagte, Kläger und eine Vertretung, immerhin schon mal was.

Juristisch versiertere als ich seien an dieser Stelle aufgefordert und eindringlich gebeten, ihre geschulte Auffassung im Kommentarbereich zu diesem Beitrag auszuführen: wie könnte die Verteidigung aussehen? Würde sie auf unschuldig plädieren, versuchen, den Nachweis eines Vorsatzes einzufordern, verminderte Schuldfähigkeit aufgrund eines Affekts gutachtern lassen oder gar auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren? Würde sie sich auf Rabulistik verlegen, auf die Kläger zeigen und sagen: „Sie sind doch selbst schuld, denn wenn sie mitgemacht hätten, bräuchten sie jetzt nicht rumzujammern!“?

Nun also die medizinische Anamnese. Irgendeine Art von Geistesverwirrung oder Wahnzustand hat Besitz von der Menschheit ergriffen – oder war ihr schon immer zu eigen und tritt nun erst in all seiner grausamen Pracht zutage. Intelligenz, Logik und Ratio, auch abstrahierende Kreativität, derer sie sich als Alleinstellungsmerkmale unter den  bekannten Lebewesen zu rühmen pflegt, scheinen vollständig ausser Kraft gesetzt und steuern allmählich der Massenapoptose der humanoiden Rasse, wenn nicht gar allen höherentwickelten irdischen Lebens, zum Schutze der restlichen Sternensysteme unseres Universums vor Verseuchung durch diesen Irrsinn entgegen.

Und alle setzten so große Hoffnung in ihre Folgegeneration, daß diese es besser machen würden, daß die Zeit kommen würde, da Schluß mit der Prokrastination der „besseren Welt“ sein würde und wir endlich unsere Technologie, unser Wissen um die physikalischen Gesetze des Universums, die Ökonomie und die psychologischen und neurologischen Abläufe des Gehirns zum Wohle der Menschheit und des Planeten einsetzen würden – Gerechtigkeit, Glück, Frieden, Wohlstand, Freiheit, Freude, Fortschritt, Harmonie und der ganze Scheiß.

Mir scheint also, den Vorwurf der Nichtnutzung des Potentials kann ich ohne zu zögern wechseln – wohl wissend, daß zweimal Unrecht nicht einmal Recht ergibt. Ist es eine schwache Verteidigung, zu behaupten: jawoll, ich habe gewußt, was geschah, ja, ich machte mich mitschuldig durch Nicht-Handeln, war jedoch nie in der Position, all dem Einhalt  gebieten zu können, führte nur die Befehle aus und leistete die mir auferlegten „Pflichten“ aus Furcht vor den Sanktionen derer, die die Möglichkeiten zur Veränderung nicht nur nicht nutzten, sondern mir auch die Wege dorthin versperrten?

Die Verteidigung ist schwach genug, also urteilt in dem Wissen, daß man gemessen wird mit dem selben Maß, mit dem man selbst mißt, wenn Ihr sagt, dies sei das vorsorgliche Lippenbekenntnis jemandes, der sich ein Alibi verschaffen will für den unwahrscheinlichen Fall, daß er eines schönen Tages selbst ins Kreuzverhör der Anklage genommen werden könnte. Laßt bitte Gnade walten, ich flehe Euch an, verzeiht, daß ich mehr nicht getan habe, nicht mehr zu tun wußte, als Texte zu schreiben wie diesen, wenn das Gewissen allzusehr nagte wegen der Mitschuld, die nach reiflicher Abwägung allen Für und Widers auszulöschen oder nicht zu tragen mir nur durch Beendigung meines Daseins möglich scheint.

Laßt bitte mildernde Umstände gelten, wenn ich aussage gegen die wahren Verantwortlichen und die Taten, derer ich mich durch Mitwisserschaft und Duldung mitschuldig gemacht habe, ohne sie benennen zu können, und verweise auf die Wege, die zu gehen, auf die Mittel und Alternativen, die aufzuzeigen ich immer und immer wieder versucht habe und auch jetzt noch versuche. Nicht vehement genug, nicht eindringlich genug, nicht deutlich genug, nicht laut genug, nicht oft genug, nicht leidenschaftlich genug, lautet darauf der Vorwurf? Oder darauf, daß ich nicht vermochte, mit gutem Beispiel voranzugehen, versagte beim Versuch, in meinem Tun ein Heiliger zu sein? Oder darauf, daß ich irgendeine perverse Form der Lust in der Erniedrigung, Demütigung und Beleidigung als zum ewigen Scheitern verurteilter Versager, als unheilbarer Phantast, als in der sozialen Hängematte schmarotzender Bezieher staatlicher und viel zu hoher Hilfeleistungen und in den Faustschlägen gleichenden Maßnahmen des „Forderns und Förderns“ und der „ökonomischen Sachzwängen“ der „globalisierten Wirtschaft“ empfand, ausgeschlossen aus dem Kreis der zu freien Entscheidungen sich selbst, ihrer Bewegungen, Taten, Investitionen und ihre Umwelt betreffend Befähigten und unfähig respektive nicht willens, ohne Rücksicht auf Selbstachtung und Leidensgenossen in diesen einzudringen, weil es mir ja immer noch besser ging als jenen, denen nicht nur der Luxus kärglicher Sozialleistungen, sondern sogar der Zugang zu sauberem Trinkwasser und täglicher Nahrung verwehrt wurde?

Vergebt mir auch, wenn ich mich voller Anmaßung zum Sprachrohr der Verteidigung derer aufschwinge, denen es ähnlich oder genauso und noch viel schlechter geht wie mir, da sie von der Unfähigkeit, eine Anklage zu formulieren, geknebelt sind, wenn ich aufstehe für die, die sich, gefangen in Teufelskreisen und Schuldenspiralen, ihrer Lebensgrundlagen bis auf „Existenzminima“ entzogen, an ein letztes Quantum Lebensqualität klammern, indem sie ihren Weltschmerz, ihre Hilflosigkeit, ihren unbändigen Zorn und ihren unbedingten, da instinktiven Willen zum Leben mit dem Konsum von Drogen und medialem Junkfood sedieren; und beschuldigt mich nicht der zynischen Instrumentalisierung des Leides, wenn ich die in den Zeugenstand rufe, die, von Hunger und Seuchen bedroht, in der „Dritten Welt“ dem gleichen grauenvollen Ende entgegensehen wie die anderen Abermillionen, die wir aus unserer „schönen neuen Welt“ ausgeschlossen und am ausgestreckten Arm verhungern lassen haben, weil sie sich der Zwangsbeglückung durch die Heilslehren unserer Vorfahren widersetzten.

Seht mir auch nach, daß ich das Heil nicht in der Gründung einer Organisation, eines Vereins, einer Partei oder einer Bewegung suche in dem Wissen, wie diese in der Vergangenheit unterwandert und instrumentalisiert wurden, daß alles, was tun zu können ich glaube, darin besteht, diese Homepage zu unterhalten (die nur wenige besuchen), Texte zu verfassen (die nur wenige lesen und noch weniger verstehen), Links zu setzen (auf die keiner klickt), Musik zu komponieren (die fast keiner mag) und Bilder zu pixeln (die ich selbst nicht soo toll finde), kurz, daß es nichts gibt, was in irgendeiner Form einen in Euro und Cent quantifizierbaren Mehrwert darstellt, meine Funktion sich folglich einzig und allein darauf beschränkt, zu fressen, zu scheißen, zu schlafen und in unregelmäßigen Abständen die Punkte des vermeintlich Bekannten zum Hirnknoten meiner eigenen Auffassung von Welt und Wahrheit zu verbinden, indem ich, ohne Rücksicht auf alle Fremdwahrnehmungen, mit ideologischem, fast dogmatischen Eifer das weltweite Finanzsystem, die Weltregierung und das Paradigma des Materialismus an den Pranger stelle und immer mal wieder auf eine andere homöopathische Heilkräutertinktur hinweise, von der ich glaube, daß sie beizutragen in der Lage wäre, das Leben zu einem schöneren und lebenswerteren für alle Menschen und sonstigen Lebewesen zu machen.

Zum allerletzten Mal also: sorry, daß ich lebe. Können wir jetzt weitermachen?

So sieht es nämlich aus, wenn ich zornig bin: es gipfelt alles darin, daß ich mir selbst Vorwürfe mache, mich selbst schuldig fühle für das, was mir und meinen Leidensgenossen widerfährt und schließlich furchtbar viel Energie darauf verwenden muß, mich vor mir selbst zu rechtfertigen. Das kann doch nur äußerst ungesund sein, und wenn das so weitergeht, kann ich auch die Entwicklung einer handfesten schizoaffektiven Psychose nicht ausschließen. Woher kommt das?

Das ist es doch, was wir alle denken sollen; mach doch einfach mit bei unserer Gang, dann wird es dir besser gehen als denen, wir stellen dir ein Weib zur Seite, und wenn du ihr ein Kind gezeugt hast, werden wir dich in der Hand haben, denn dann wirst du bereit sein, alles zu tun, was wir von dir verlangen, weil es gut für uns und besser für dich und dein Weib und dein Kind und für dich ist.

Ich schreibe dies, solange ich mich zum Fassen wenigstens halbwegs klarer Gedanken befähigt fühle; und ich schreibe dies, damit Ihr nicht aus allen Wolken fallt, wenn meine neue Anschrift irgendwann die Stationsnummer der geschlossenen Abteilung einer Nervenklinik ist.

Ich bin doch auch nur ein Teil des Ganzen, trotz allem gepflegten Isolationismus (TV- und Radio-Abstinenz, weitgehende Vermeidung von Tageszeitungen und dergleichen) in ein Netzwerk auf Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen eingeflochten. Soziale Beziehungen nennt man das. Ich bin ein Teil des Kollektivs, dessen Organe die Umkehrung der Täter-Opfer-Beziehung geradezu kultivieren: da sind die Feiernden schuld, daß sie zu der Feier gingen, zu der sie eingeladen waren, daß sie in Panik gerieten, als Streß auf sie ausgeübt wurde und sie den Fluchtreflex nicht ausführen konnten, da sind die Massen schuld, daß sie sich von den Medien steuern lassen, da ist der Sklave schuld, daß er sich von seinem Herren auspeitschen läßt, da ist das Vergewaltigungsopfer schuld, daß der Peiniger seinen Trieb nicht hat kontrollieren können, da ist das Volk schuld, daß seine Regierung korrupt ist, da sind die Hartz-IV-Empfänger zu faul, einen prekären Job bei einer Leihsklavenschinderfirma anzunehmen, da sind die Armen selber schuld daran, daß sie mit ihrer Hände Arbeit die Reichen bereichern, da sind die Ausländer schuld, daß die Eingeborenen ihnen mit Skepsis und Verachtung begegnen – und im übrigen sind sie ja alle nur voller Neid. Ist das etwa Einsteins Erbe, daß nicht nur Zeit und Raum relativ sind, sondern man irgendwie auch Verständnis für die Verständnislosen, Toleranz für die Intoleranz aufzubringen hat, dem Haß Liebe entgegenbringen soll, sein Gehirn dermaßen um die Ecke zu biegen hat, daß Licht Welle undoder Teilchen ist, jenachdem, wie’s unserem Versuchsaufbau gerade in den Kram paßt? Fuck. Und ich soll verrückt sein… wenn es wirklich so ist, dann habe ich mich von der Pandemie des Schwachsinns infizieren lassen.

Da habt Ihr mein Verständnis:

Die arme Rüstungsindustrie, die sich gezwungen sieht, noch tödlichere, noch vernichtendere, noch mehr Waffen zu produzieren, um dem Ruf der Völker nach Frieden Folge leisten zu können!

Die arme Pharmaindustrie, die keine andere Wahl hat, als noch mehr krankmachendes Gift zu mischen, um den Wunsch der Kranken nach Heilung erfüllen zu können!

Die arme Medienindustrie, die gar nicht anders kann, als noch mehr Mindfuck zu fabrizieren, wenn sie den Bedarf an Wissen, Information, Kommunikation und Bespaßung erfüllen will!

Och, und all die anderen armen Industrien, die sich gezwungen sehen, am laufenden Band (oder in den billigen Kinderwerkstätten unterentwickelter Länder) wertlosen und toxischen Schrott zu produzieren, um den von ihnen herbeihypnotisierten Bedarf ihrer zahlungsfähigen Zielgruppen an der Illusion von Luxus, Wohlstand und Bequemlichkeit teilhaben zu lassen.

Die armen, bemitleidswerten Staats-, Regierungs- und Kommunalbeamten, die da noch irgendwem einen kleinen Gefallen als Gegenleistung für die bescheidene Spende schuldeten und den Vorgang der amtlichen Prüfung ein klein wenig beschleunigten und dabei wohl aus Versehen ein wichtiges (nämlich öffentliches) Interesse aus den Augen verloren!

Die armen Lobbyisten der Rüstungs-, Medien-, Pharma- und sonstigen Industrien, die den Regierungen ihre Gesetzesentwürfe in die Kodizes diktieren, getrieben vom Sachzwang und der Angst, ihre tollen Autos, Eigentumswohnungen und infolgedessen Weib und Kind zu verlieren, wenn sie nicht noch ein Knebelpatent, eine Gesetzesnovelle zur Vereinfachung des Vertriebs ihrer Produkte oder ein Verbot ökonomischerer, ökologischerer, sinnvollerer und gesünderer Alternativen zu ihrer Strategie durchgedrückt bekommen!

Ich Armer, der sich ein schlechtes Gewissen einredet, weil er sich den Luxus einer 8GB-Karte zu seinem „neuen“ Handy geleistet hat!

Scheiße, ich bin ja so voller Empathie!!!

An ihrer Stelle würde ich nämlich nicht anders handeln.

Neidlos, unumwunden, frank und frei gestehe ich: ich hätte auch gern schicke Klamotten, ein Dach über dem Kopf, für das ich nicht lebenslänglich Miete bezahlen muß, vielleicht sogar mit einem kleinen Garten dahinter, ein verständiges wie schön anzusehendes Weibsbild dazu, ein Gefährt, das mich von A nach B zu befördern vermag, leckeres und gesundes Essen, Freunde und Nachbarn, die ich dazu einladen kann, eine ehrliche und freudvolle Arbeit, um mir all das zu verdienen, und für den Feierabend eine Mediathek voll guter Bücher und Filme zur Entspannung, Vergnügung und Geisteserbauung – natürlich obendrein all das ohne die Furcht, es von jetzt auf peng wieder verlieren zu können (ich glaube, man nennt das „gesicherte Zukunft“). Und ich wüßte, daß das nur zu erreichen ist durch Akkumulation monetärer Mittel und würde mich, nach dem Erreichen dieses Ziels, vehement für den Erhalt dieses Status Quo einsetzen. So, wie sie es tun. Und dann hochheilig schwören, daß sie mehr zu tun nie in der Lage waren, nur Ausführende waren, im Herzen und eigentlich immer dagegen waren.

Und ich glaube, deswegen bin ich nicht an ihrer Stelle. Nein, ich bin nicht träge, ich verweigere mich bewußt. So färbe ich mir das schön:

ich kann es nicht, mit dem Wissen, wie die Mechanismen funktionieren, ohne auszusprechen, was verkehrt läuft – und könnte nicht aussprechen, daß der Kaiser splitterfasernackend durch die Botanik wackelt, ohne, daß ich dabei Ruf und Rang und Leben aufs Spiel setzte.

Denn der „Luxus“ ist nichts verkehrtes an sich, moralisch, meine ich. Die selbstgewählte Askese hat sicherlich ihren Wert für Meister und Gurus, doch der Ottonormalsterbliche hat, denke ich, einfach ein Lebensrecht auf die Befriedigung der oben so blumig umschriebenen Bedürfnisse der Maslowschen Pyramide.

(…und nur, um Mißverständnissen vorzubeugen: ich habe alles, was ich brauche…)

Wer sich zwischendurch gefragt hat, ob ich den eingangs erwähnten Bogen weiter zu überspannen gedenke, merkt vielleicht, daß ich gerade dabei bin, den Kreis zu schließen.

Also, was läuft verkehrt, was ist die Ursache für die Symptome für die kollektive Geisteskrankheit? Ich habe keinen blassen Schimmer! Aber es gibt da einen neuralgischen Punkt (unter vielen), den ich gerne weitermassieren möchte, weil es mit einer Behandlung allein nicht getan ist. Irgendwann kommt der Patient vielleicht selbst auf die Idee, seine Diät etwas gesünder zu gestalten und Do-In zu praktizieren…

Also: das Wirtschaftssystem. Die klassische Ökonomie geht davon aus, daß der Arbeiter produziert (Waren, Dienstleistungen) und dafür Geld erhält. Geld ist nichts schlechtes! Im Gegenteil. Es ersetzt den Tauschhandel. So haben wir es gelernt in der Schule, und trotzdem stimmt es. Es ist ein „Medium“, etwas „dazwischen“ (d.h. dem Produkt des einen und der Dienstleistung des anderen), weil es idealerweise so schön „flüssig“ (d.h., in der Hosentasche transportabel) ist und nicht verdirbt und was es sonst noch so für tolle Vorteile hat.

Und bei allem Bashing der Moderne: grundsätzlich offenbaren das Internetzeitalter und das der Industrialisierung zu viele optimistische Perspektiven, als daß man aus lauter Furcht vor verstörenden Endzeitdystopien dem Ruf „zurück zur Natur“ Folge leisten, sein iPhone gegen Flint und Holzkeule eintauschen und zurück in die Höhlen kriechen, oder besser noch, sich ein Fell wachsen lassen und auf die Bäume zurückklettern sollte.

Es ist also vollkommen in Ordnung, zu arbeiten, Geld zu verdienen und zu haben, gerne auch, „reich“ zu sein, sich fortzupflanzen, sich weiterzuentwickeln – geistig, bildungsmäßig, technologisch. Und ich sag Euch was: ich habe nichtmal was gegen einen anständigen, ehrenvollen und heldenhaften Krieg. Man kommt trotz Diskutierei nicht auf einen Nenner, ruft die Kumpels an, trifft sich auf dem Feld vor dem Dorf, haut sich gepflegt was auf die Omme, bis einer ganz laut „Aua“ sagt, läßt dabei alle Unbeteiligten in Ruhe und geht hinterher gemeinsam einen saufen, weil nun klar ist, wer der Stärkere und also „im Recht“ ist (hier meine kleine Konzession an alle aufgeklärten Militaristen unter uns).

Meine Kritik richtet sich also nicht gegen Kultur, Geld, Technologie, Wissenschaft und Forschung oder gegen die menschliche Natur, die all das hervorgebracht haben. Schlicht mit Richtung und Modus der seit Jahrhunderten dokumentierten Entwicklung bin ich nicht einverstanden, weil es menschlichere Alternativen gibt. Das möchte ich geklärt haben, bevor ich fortfahre, damit es nicht heißt, ich wollte die Uhr zurückdrehen oder wäre ein unverbesserlicher Utopist, und um nicht jene zu verschrecken, für die die ultimative Forderung nach der Rückkehr zu Stammeskulturen, nach der Abschaffung des Geldes und nach ewigem Weltfrieden ein Disqualifizierungsmerkmal als ernstzunehmender Gesprächspartner ist, weil sie sich vom Paradigma der Pragmatik das Träumen aus dem Leib wichsen lassen haben.

Die widernatürlichen und unmenschlichen Auswüchse unserer Zeit sind meinen umfangreichen und eingehenden Studien zufolge einem einfachen Dogma verschuldet und bedürfen einiger bestimmter, sanfter, einfacher, schmerzloser, heilsamer Eingriffe über mehrere Generationen hinweg – drei bis vier dürften genügen, um die Prägungen zu verarbeiten und zu nivellieren, an denen wir uns heute die ganze Zeit unbewußt stoßen.

Es fängt an mit einigen uralten Weisheiten: wir lernen nicht für die Schule, sondern für das Leben; wir arbeiten, um zu leben, und leben nicht, um zu arbeiten. Verbinden wir diese Punkte, folgt, daß schon in der Schule (das Säuglingsalter und der Kindergarten in ihren Funktionen als „Erziehungseinrichtungen“ sind hier nicht ausgenommen), d.h., in frühester Kindheit, am besten mit jedem ab jetzt das Licht der Welt erblickenden Baby eine tiefgreifende Manipulation für den Rest des Lebens erfolgt. Das Wort „Manipulation“ hat ein Geschmäckle von Gewalt, indes ist jede Form der Kommunikation eine Manipulation, ergo (wie, laut Heinz R. Kunze, alles Gelungene) eine Form der Gewalt, und da es nicht möglich ist, nicht zu kommunizieren, und das noch hilflose und auf sein Muttertier angewiesene Neugeborene auf Kommunikation angewiesen ist, kommen wir um die Manipulation nicht herum: es kommt also darauf an, welche Form die Manipulation annimmt, was kommuniziert wird, welche Prägung wir vornehmen, materialistisch ausgedrückt: welche neuronalen Verknüpfungen sich im Kinderhirn verfestigen. Eltern/Erziehende haben es in der Hand, ob sie ihren Sproß zu einer stolzen und mächtigen Eiche heranwachsen lassen oder sich einen impotenten Geisteskrüppelkieferbonsai zurechterziehen.

Daraus folgt, daß Arbeit durchaus Spaß machen kann; mehr noch: sie soll Spaß machen, uns mit Freude und der Befriedigung erfüllen, etwas geleistet, beigetragen zu haben; Arbeit soll anerkannt werden. Daß in der Realität nicht so ist, läßt sich leicht erklären.

Die klassische Geschichtsforschung geht (überspitzt ausgedrückt) davon aus, daß, als die ersten Menschen aus dem an Nahrungsangebot reichen Süden in den Norden wanderten, sie feststellen mußten, daß man sich hier im Winter den Arsch abfriert und demzufolge die Pflanzen einfach unter der Erde bleiben, weil es da so schön kuschlig warm ist. Statt dem in Äquatornähe üblichen dolce far niente dank ganzjähriger Fruchtbarkeit und Überversorgung war Vorsorge angesagt, im Übrigen macht Not erfinderisch, also wurden Felder intensiv bewirtschaftet, Korn in Speicher gebracht, Fleisch geräuchert, Wälder abgeholzt, man brauchte für all das Werkzeug und Fachkräfte, kurz, es entstanden die Vorformen dessen, was wir heute Spezialisierung, Handel und Wirtschaft nennen, und damit traten die ersten Erfinder und Tüftler auf den Plan. Es läßt sich nur mutmaßen, doch es ist davon ausgehen, daß diese ein äußerst faules Naturell besaßen, ging es ihnen doch nur um eines: Produktivitätssteigerung mittels Automatisierung. Statt mit zweiundzwanzig Mann das Korn zu Mehl zu mahlen, ließen sie die Arbeit von Wind- und Wassermühlen erledigen und hatten endlich genügend Zeit, den Fußball zu erfinden.

Diese Entwicklung kulminierte bekanntlich vor nicht allzulanger Zeit in der Geburt der Webmaschine, der Dampfmaschine, der Z-2, des Induktionskochfeldes und des selbstreinigenden Toilettensitzes. Die Geschichte der Arbeit und der Ökonomie kann folglich unmöglich erzählt werden, wenn man das Kapitel „Faulheit“ wegläßt.

Die Faulheit ist also ebensowenig bedingungslos verwerflich und unproduktiv wie die Arbeit notwenigerweise eine üble, ausbeuterische und abstumpfende Plackerei sein muß. Im Gegentum: die gewonnene Zeit der Muße nutzt der freie Geist zum Ersinnen von Dingen, die sein Leben und das seiner Liebsten angenehmer gestalten könnten; die Arbeit dient der Selbstbestätigung, Körperertüchtigung und Decubitusprävention.

Stellt Euch vor, Arbeit und Muße, beides in ausgeglichener Harmonie! Doch, ach, es sollte so nicht kommen. Schon 1883 beklagt Lafargue, daß idiotischerweise der Mensch in der Maschine statt eines Helfers einen Konkurrenten sieht, seine Arbeitskraft dem Fabrikanten noch billiger als die der konkurrenzlos ökonomischen Maschine anzubieten trachtet und Überstunden bis zur Erschöpfung abreißt, da er – fast nichts ist besser als gar nichts – anderenfalls arbeitslos, hungrig und auf Almosen angewiesen Heim und Bett verlöre, und wer schonmal einen Chef hatte, der seine Mitarbeiter regelmäßig an die Hundertschaften erinnert, die im Arbeitsamt antechambrieren und ihm für den Job die Nudel abkauen würden, der weiß, was ich meine. Fast hundertdreißig Jahre sind vergangen, und es hat sich nichts geändert. Man sollte meinen, zwischendurch wäre nochmal einer gekommen und hätte gesagt:

Liebe Leute, das ist Hirnfick, was Ihr da macht! Die einen sitzen, sich zunehmend selbst als überflüssige, da unproduktive und demzufolge lebensunwerte Parasiten wahrnehmend und Depressionen oder kriminelle Energien entwickelnd, am Straßenrande des Existenzminimums und der Gesellschaft, und die anderen machen Überstunden bis zum Burnout, um sich über das faule Gesocks zu mokieren, das sie mit durchfüttern müssen. Denkt doch bitte einfach mal zwei Sekunden darüber nach.

Bitte.

Jetzt.

Danke.

Schließlich ging es in den letzten Jahrtausenden der Automatisierung um nichts anderes, als daß wir alle ein bisschen weniger arbeiten müssen und uns mehr um Dinge kümmern können, die uns wirklich ausmachen: unsere Familien, zum Beispiel, oder reisen, häkeln, Drachen steigen lassen, Bilder malen, meditieren, ein Perpetuum Mobile erfinden, all diese Sachen, die uns gesund, am Leben und glücklich halten.

Also, nachdem der Kreis geschlossen ist und der Geist schön flexibel, können wir ja langsam zur archätypschen Spiralform übergehen. Ich spinne und spanne den Bogen also weiter.

Anarchie hat nichts mit der Abwesenheit von Regeln zu tun. Nennt mich also ruhig einen Anarchisten, wenn ich das offensichtliche behaupte: all die ganzen tollen Gesetze, die gelten, angeblich, um uns voreinander und vor uns selbst zu schützen, schaden mehr, als daß sie nützen. Ein undurchdringlicher Paragraphendschungel, dessen klebrig-giftiges Dickicht nur noch abschnittsweise von den abgefucktesten unter den Anwälten und Steuerberatern begehbar ist, in dessen Lianen und Treibsand sich aber sonst jeder andere unweigerlich hilflos verheddern und verfangen muß, wenn er nur einen Schritt nach vorn oder hinten zu gehen versucht. Wo die natürlichsten aller Daseinsformen, der Handel und die Kommunikation, quasi-kriminalisiert und bei Verstoß gegen das Wort des Paragraphen empfindlich geahndet werden, wo „schuldig bis zum Beweis des Gegenteils“ gilt, muß jede Form der Initiative zwangsläufig jämmerlich ersticken.

Ursprünglich gedacht (das Gegenteil von „gut gemacht“ ist „gut gemeint“!), um Hehlerei, gefährliche Produkte, billige Kopien, windige Geschäftsmodelle, Ausbeutung oder Betrügereien zu verhindern, pferchen die Gesetze das kleine Ein-Mann- oder Familienunternehmen ein, um den homogenen Franchise-Monokulturen und Quasi-Monopolen internationaler Großkonzerne den Zugang zu den Märkten zu erleichtern und zu sichern, die die Kosten für die erforderliche Erfüllung der Sicherheitsbestimmungen sowie für Patente, Gutachten, Steuer- und Rechtsberater undsoweiter mühelos aus der Portokasse bestreiten können – während die kleine Garagenband bei der GEMA bittebitte machen muß, wenn sie auf ihrem Hinterhofkonzi ein paar selbstgebrannte CDs ihrer selbstkomponierten Musik unter’s Volk bringen oder im Netz zum Download zur Verfügung stellen möchte; während der Tante-Emma-Laden aus Furcht vor den unübersehbaren Konsequenzen eines falsch gesetzten Häkchens auf einem der hundertfünfzig Anmeldeformulare bei der Einstellung einer Aushilfskraft und in Anbetracht der Nebenkosten und zu erfüllenden Rahmenbedingungen lieber keinen Job anzubieten hat; während der Betreiber des kleinen Webforums die Anwaltskosten scheut, die mit einem Gerichtsverfahren wegen der Unterlassungsklage eines Abmahnwellenanwalts wegen angeblicher Marken- oder Urheberrechtsverletzung einhergingen und deswegen lieber die Seite vom Netz nimmt…

Nein, ausgekotzt habe ich mich lange noch nicht. Jetzt geht es erst richtig los.

Denn es wäre ja alles nur halb so schlimm, doch es gibt einen sogenannten Wirtschaftskreislauf – die Ups Euro Fuffzig also, die den Garagenrockern in der Bandkasse oder dem verhinderten Tante-Emma-Laden-Aushilfsjobber in der Geldbörse fehlen, werden eines Tages den Unterschied zwischen den Legebatteriehuhneiern und denen der glücklichen, würmerpickenden Hühner vom Bauern im Nachbardorf oder den zwischen von der Nachbarin liebevoll handgeschneiderten Unikaten und in Kinderarbeit massenproduzierten Uniformen ausmachen; Adam Smiths „unsichtbare Hand“ wird dem Markt auf den Rücken gefesselt, und so potenziert sich das „halb so schlimm“, bis es ganz schlimm ist. Natürlich ist das eine „billiger“ und damit wettbewerbsfähiger, doch nur auf den ersten Blick, denn die nicht bezifferbaren gesundheitlichen und moralischen Folgekosten der Zukunft müssen dem egal sein, der sich die sogar ökonomisch eigentlich sinnvollere Investition in die Zukunft zum Zeitpunkt des Kaufes ganz einfach nicht leisten kann (was glaubt Ihr, weshalb es Kernkraftwerke gibt? Weil die Folgekosten für die Entsorgung und Lagerung der Abfälle angezinst werden und in der Zukunft von Jetzt verschwindend gering sind, während sie im Jetzt der Zukunft teuer zu stehen kommen – aber das betrifft glücklicherweise nur unsere Kindeskinder, wenn wir schon längst das Irdische gesegnet haben – da kann es uns pupsegal sein).

Macht nichts, dann weichen wir halt aus auf den Schwarzmarkt; schließlich macht Not erfinderisch; und wo kein Kläger, da kein Richter, richtig? Kfz-Mechaniker mußte sein, Fliesen- und Estrichleger, Elektriker, Maler und Anstreicher, da kannste Nachbarschaftshilfe leisten und dir ein paar Märker dazuverdienen, und mußt nur das florierende Denunziantentum allzu neugieriger oder verfehdeter Zeitgenossen fürchten.

Denn es ist ja nicht so, als ob es keine Arbeit zu tun gäbe, die von Maschinen nicht erledigt werden kann – im Gegenteil. Das Problem liegt darin, daß die Arbeit zu teuer ist, weil alle was abhaben wollen – nicht nur der Chef (berechtigterweise, eigentlich! für das Stellen des Materials, der Maschinen, der Versicherungen und die Vermittlung der Aufträge), sondern das Finanzamt auch noch (berechtigterweise, prinzipiell! für die Finanzierung der öffentlichen Verwaltung und das Aufrechterhalten von Recht und Ordnung), und so bleibt sie liegen. Die Infrastruktur verkommt – Strommasten knicken ein, Straßen verwandeln sich in Off-Road-Strecken, Zugfahrpläne werden ausgedünnt – Alte und Kranke werden vernachlässigt und vereinsamen, statt gepflegt und betreut zu werden, Waldraststätten werden zu Müllhalden, Wohnungen setzen Schimmel an, und es geht auch das Wort von der „Service-Wüste“ nicht ganz von ungefähr. Reden wir gar nicht von der Hilfe, die in den Entwicklungsländern geleistet werden müßte…

Es gibt genug zu tun. Aber wer hebt schon einen McDonald’s-Cola-Becher von der Straße auf und schmeißt ihn in den Mülleimer dreißig Zentimeter weiter, wenn’s ihm niemand lohnt?

Und wir zeigen mit dem Finger auf korrupte Beamte, die mit dem organisierten Verbrechen Stillhalteabkommen schließen und/oder gemeinsame Sache machen…

…und die Gefängniswände kommen immer näher. Kontrolle und Überwachung auf Schritt und Tritt, Datensammelei und Kameras überall, Wegelagerei und gemikrowelltes Nackigmachen beim Reisen, Schnüffelei in der digitalen Post, Quasi-Zensur der öffentlichen Meinungsäußerung, schrittweise Aufhebung des Versammlungsrechts, alles mit schwammigen Verweisen auf wie auch immer geartete und angeblich ubiquitäre Gefahren für das Allgemeinwohl, am liebsten „freiwillige“ Chipimplantate für alle, von „Generalverdacht“ und „schuldig bis zum Beweis des Gegenteils“ kann gar nicht die Rede sein, „schließlich haben wir nichts zu verbergen“ – oder? Oder? Oder gibt es unter uns einen einzigen, der mit Fug und Recht behaupten kann, alle ihn betreffenden Gesetze, Verordnungen und Bestimmungen zu jeder Zeit zu kennen und zu befolgen? Oder… müssen wir demnächst mit Massenverhaftungen von Schwarzarbeitern, Kiffern, 60-in-der-Ortschaft-Fahrern, Auf-dem-Balkon-Grillern, Batterien-in-den-Hausmüll-Werfern oder politisch Andersdenkenden aufgrund eines Amtshilfeantrags an Google rechnen? Vermutlich nicht, es reicht, wenn man hin und wieder ein Exempel statuiert – hier einen Dissidenten und dort eine Aktivistengruppe herausfiltert – um den Rest mit Furcht und Angst zu lähmen. Sicher ist das weit hergeholt… schließlich leben wir in einer DEMOKRATIE!

Doch der Sommer ist noch nicht vorbei, und die Diskussion um Wikileaks und die Auslieferung Julian Assanges auch nicht.

Daß einer paranoid ist, heißt ja nicht, daß er nicht verfolgt wird.

Wäre ja alles nur halb so schlimm und wäre auch zu vertreten, wenn es bei den auf Wikileaks veröffentlichten Dokumenten um irgendetwas gegangen wäre die nationale Sicherheit betreffend (oder wie das so schön heißt) zum Beispiel – doch es handelt sich um Dokumente eines Krieges, der hauptsächlich – um nicht zu sagen aussschließlich! – aus wirtschaftlichen Interessen geführt wird, nicht etwa gegen eine reguläre Armee, sondern gegen die Zivilbevölkerung eines seit über hundert Jahren von Kriegen gebeutelten Landes, genauso wie in zunehmendem Maße all die anderen Kriege der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte Investitionen multinationaler Konzerne in den Zugang zu Rohstoffen und Absatzmärkten und in Aufträge zum Wiederaufbau waren, für die Banken alle beteiligten Parteien mit den nötigen Barschaften versorgten.

Das ist doch alles nichts neues! All das predigen die Verschwörungstheoretiker doch schon seit Jahren – so langsam sollten wir das Lied im Schlafe herbeten können. Und trotzdem gibt es immer noch die einen, die sagen, dies sei die beste aller möglichen Welten, weil sich diese Mechanismen schon seit Jahrtausenden bewährt haben, die anderen, die das auch noch gut finden, weil alles andere nur in Chaos, Zerstörung und dem Untergang der Menschheit, schlimmstenfalls sogar in einer schlechten Außenhandelsbilanz und einem Sturz des Dow Jones enden würde, den großen ganzen Rest, dem der Durchblick fehlt – beziehungsweise, dem er nicht fehlt, weil er ihn nicht sonderlich vermißt, weil klar und unumstößlich sicher ist, daß – je nach Stammtisch und Talkshow – die Juden, die Hartz-IV-Schmarotzer, die Außerirdischen oder die CDU schuld an der ganzen Misere sind und sowieso gleich Anna und die Liebe läuft und Afrika ganz weit weg liegt, es sei denn, die ganzen Neger da unten gehen uns bei der WM mit ihren Scheißvuvuzelas auf den Sack, und schließlich gibt es noch die Top 10? 100? 1000? 10.000?, die vor lauter Erregung und Vorfreude auf den zu erwartenden Profit ihre Unterwäsche von innen beschmutzen, wenn’s irgendwo auf dem Planeten mal wieder fürchterlich rummst, umsomehr, wenn sie den Rumms höchstpersönlich in Auftrag gegeben haben. Zum Glück, muß man fast sagen, scheinen die untereinander furchtbar im Clinch zu liegen, denn wer weiß, wie weit die uns schon hätten, wenn sie an einem Strang ziehen würden!

(Vermutlich da, wo man uns hat: uneins, zerstritten, hin- und hergerissen zwischen Moden und Ideologien, isoliert, sediert, fixiert, machtlos, sprachlos, unfähig, Stimme und Anklage zu erheben, denn Milliarden von Klägern – und trotzdem kein Richter weit und breit….)

Was liegt da näher als die Vermutung, es handele sich um eine oder mehrere schwarzmagische Sekten, die in okkulten Ritualen die Lebensenergien der menschlichen Biomasse aufzusaugen versuchen, um für sich Unsterblichkeit zu erlangen, und welche Vermutung sollte man auf keinen Fall äußern, wenn man nicht schon immer mal in ein Zimmer mit gepolsterten Wänden umziehen wollte? :-)

Eines muß ja auch den obengenannten Top X klar sein – ausgehend von der Annahme, daß es sich nicht um eine andere Rasse oder um die Statthalter und Kapos einer außerirdischen menschenfleischfressenden Macht (die am 21.12.2012 wiederkommt, um die Ernte einzufahren), sondern um normalsterbliche Menschen handelt, die essen, trinken, kacken, pissen, schlafen und sich zum Selbsterhalt paaren müssen wie alle anderen auch; von der weiteren Annahme ausgehend, daß sie keinerlei Bedarf an Geld haben, da sie es selbst kontrollieren, verwalten, emittieren und nach Bedarf drucken können und höchstwahrscheinlich in schönen Häusern fernab jeglicher Zivilisation wie Götter auf dem Olymp jenes Leben leben, das wir uns als paradiesisch vorstellen: in der Lage, sich jeden Wunsch mit einem Fingerschnipsen zu erfüllen; umgeben von wohlmeinenden Freunden und Verwandten und fähigen Ärzten, die ihnen nicht die pharmazeutischen Quacksalberprodukte verschreiben, die wir uns gefälligst reinzuschmeißen haben, sondern in jenen Heilkünsten bewandert sind, die hier seit Jahrhunderten bekämpft werden; ihre lustvollen Spiele zwischen dem Regenbogenschillern der Fontänen in ihren Parkanlagen und ihre Kontemplationen beim Studium von uns unbekannten Schriften nur gelegentlich überschattet vom Gedanken an die eigene Sterblichkeit – und daß ihr Leben ein noch schöneres und glücklicheres und befreiteres sein würde, wenn sie die Geheimnisse teilen, ihr Gewissen von den Leichen, Leiden und Klagen ihrer Brüder und Schwestern erleichtern würden, indem sie ihre Macht, Befähigung, Wissen und Befugnis einsetzten, Frieden zu stiften.

Man soll ja nicht von sich auf andere schließen, aber persönlich denke ich doch, daß ich’s geiler fände, sechs Milliarden glücklicher Brüder und Schwestern um mich zu haben als mich aus Furcht vor einem aus Verzweiflung und Wut zu jeder Bluttat fähigen Mob von sechs Milliarden Geisteskranken hinter meterhohen Mauern verstecken zu müssen. Indes, wir wissen, wie das funktioniert mit der kognitiven Dissonanz: vermutlich werden sie schon als Fürsten und Prinzessinen geboren, enstprechend indoktriniert und mit einem Glaubenssatz ausgestattet, der ihr zukünftiges Tun rechtfertigt als eine Art höherer Gerechtigkeit oder Notwendigkeit, „weil die da unten“ (also wir) noch nicht so weit entwickelt sind oder das Geburtsrecht nicht erworben haben oder sowas… hat es ja alles schon gegeben in der Geschichte.

Verlassen wir also das Reich der Spekulationen und der Was-Wäre-Wenns – kommen wir nochmal zur Wirtschaft und wie das funktioniert mit dem Geld. Von der Sache ist das ganz einfach: die Zinsen, die wir für ein Guthaben bekommen, müssen irgendwoher kommen, und zwar von den Zinsen, die wir für unsere Kredite und Schulden bezahlen müssen. Nun bekommen respektive bezahlen wir für den Zins ebenfalls Zinsen, was sich mathematisch (bei mir war’s 9. oder 10. Klasse) als Exponentialfunktion ausdrücken läßt – Kapital nach n Jahren gleich Kapital des ersten Jahres mal eins plus Zinssatz von Hundert hoch n, und mit der Exponentialfunktion ist das so, daß sie erst langsam, dann sicher, dann ganz steil und schließlich fast senkrecht und immer senkrechter nach oben steigt. Das ist ganz schick, läßt sich auch wunderbar beobachten, wenn man mal ein paar Jahre sein Sparbuch nicht abhebt oder seine Telefonrechnung nicht bezahlt. Da Geld bekanntlich nur eine Illusion ist, ist das nicht weiter schlimm, es sei denn, die Illusion wird zur Realität in der Form, daß man sich eine Woche vor dem Ersten des nächsten Monats kein dringend benötigtes Paar Schuhe für seine Kinder, einen Arztbesuch oder eine Autoreparatur  mehr leisten kann. So kommt es, daß beispielsweise die Bundesrepublik Deutschland Finanzagentur GmbH mit zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Beitrags über 1.825.240.000.000 € (entspricht pro Nase ca. 22.360 €)  verschuldet ist und kaum hinterherkommt, die Zinsen zu bezahlen, geschweige denn irgendwann mal dazu kommt, die Schulden mal wieder abzustottern.

Wenn wir den Zins also als eine Art Leihgebür für das Geld verstehen wollen, die zu bezahlen wir gern bereit sind, weil wir davon ausgehen, daß wir nach einer gegebenen Zeit nicht nur das geliehene Geld, sondern auch die Leihgebühr zurückzahlen können, muß angenommen werden, daß es gar nicht gewollt ist, daß wir irgendwann mal wieder schuldenfrei sind, wenn wir noch eine Leihgebühr für die Leihgebühr und dann eine Leihgebühr für die Leihgebühr für die Leihgebühr latzen müssen. Ist ja auch klar, weil’s nicht um das Geld geht, sondern darum, daß der Schuldner der Sklave des Gläubigers ist: die Verleiher haben ein wunderbares Druckmittel, um eine immer höhere Rendite aus ihren Sklaven herauszuquetschen. Versklavt hat sich der Staat in unserem Namen, beziehungsweise, von der klassischen Staatsphilosophie ausgehend, sind wir ja der Staat, also aufgefordert, das letzte aus uns und unserem Boden und unseren Kindern herauszupeitschen.

Die letzte rettende Idee zur Stabiliserung dieses maroden Finanzsystem, die dann auch gleich ausgeführt wurde, war die Erhöhung der Geldmenge, das heißt, die Herabwertung des Geldes, was wiederum nichts anderes bedeutet als eine ebensogroße Anhebung der Schuldenlast. Und während die Fachleute sich in endlosen Schwurbeleien ergehen in uns Unbedarften so wirklichkeitsfremd wie sich auf Protoklingonisch über die perfekte Zubereitung eines Simbelmynësmoothies unterhaltende Trekkies erscheinenden Fachdiskussionen über Leitzinsen, Deflationen und Bailouts, um die einfache Wahrheit zu verschleiern, daß das ganze mit uns nur insofern zu tun hat, daß auch unsere Urenkel nicht den Hauch einer Chance haben werden, ein freies und selbstbestimmtes Leben zu führen, weil ihnen ihre Nachfahren wiederum mit dem verklausulierten Verweis auf esoterische Sachzwänge erklären werden, daß sie sich gefälligst den Arsch aufzureißen haben, wenn sie nicht wollen, daß es ihnen schlecht ergeht, sehr, sehr schlecht, ungefähr so schlecht wie den Heerscharen an Nachkommen derer, die heute im Hungerwahn ihre eigenen Kinder verspeisen.

Denn, Ihr werdet es kaum glauben, aber: dieser Automatismus sorgt dafür, daß die Reichen immer reicher werden und die Armen alle Arme voll zu tun haben und trotzdem immer ärmer werden. Das ist keine Begleiterscheinung, das ist kein Zufall, das ist geplant und genau so gewollt von denselben, die das Gerücht vom Tellerwäscher gestreut haben, der Millionär wird, damit alle Tellerwäscher der Welt schön die Schnauze halten, weil sie ja auch mal Millionäre werden könnten.

Sorry, das kann’s ja irgendwie nicht sein, aber wie gesagt, ich habe auch kein Heilmittel, nur diesen Akupressurpunkt, auf dem ich immer mal wieder gerne herumdrücke: denn es gibt eine erfolgserprobte und durch und durch natürliche Alternative (namentlich die Freiwirtschaft nach Silvio Gesell), die sicherlich einer Überarbeitung nach dem aktuellsten Stand des Wissens und einer Anpassung an  heutige Gegebenheiten bedarf, die jedoch ganz und gar illegal ist und also legalisiert werden müsste. Recht und Gesetz sind ja philosophiegeschichtlich nichts anderes manifestierte Ausdrucksformen der Macht und der Gewalt, denn ein Gesetz hat keinen Wert, wenn man nicht die Macht hat, es mit Gewalt durchzusetzen und ihm dadurch Geltung zu verschaffen, etwa, indem man die Nichtbeachtung oder Übertretung zu ahnden imstande ist. Da wir in einer Demokratie, also einer Herrschaft des Volkes leben, ergo dem Volkssouverän die Gesetzgebung mittels der durch ihn autorisierten Deligierten obliegt, und da wir in einer vernetzt-medialen Gesellschaft leben, ergo die Vermittlung von Wissen und Informationen via TV und Tageszeitung, um diese – oder jede ähnlich gelagerte und halbwegs erfolgversprechende – Idee an die Stammtische zu bringen, gar kein Problem darstellen dürfte, und da Wissen und Bildung die höchsten Güter unserer Kultur darstellen, ergo eine kritische Prüfung und ein eingehendes, vorurteilsfreies Studium der Thesen Gesells mithilfe von Computersimulationen und all dem anderen Instrumentarium universitärer Akademik quasi einer kleinen Wochenenddenksportaufgabe gleichkommt, ist es bestimmt ganz leicht, diese Ideen und Alternativen mal zu diskutieren, abzuwägen, auszuprobieren – gegebenenfalls auch wieder zu verwerfen, wenn wir feststellen, daß das auch nur wieder so eine aus der Romantik des 19. Jahrhunderts geborene, utopische Schnapsidee war, wie sie so in den ersten zwei bis drei Dekaden nach der vorletzten Jahrhundertwende halt üblich waren, um gleich wieder als wahnwitzig und megalomanisch verworfen zu werden, denn da waren ja noch Sörgels Atlantropa, Teslas freie Energie, Hitlers Tausendjähriges Reich – oops, hold on a sec…

…und wenn wir dann schon die Gesetzesbücher in der Hand haben, um mal mit dem Staubsauger durchzugehen, können wir auch gleich einen anderen kleinen Beitrag zur Rettung der Welt leisten und unsere Einstellung zum guten alten Hanf überdenken und abwägen, ob wir lieber ein paar harmlose Kiffer kriminalisieren oder uns mit dem Anbau einer uralten, robusten und anspruchslosen Kulturpflanze und ihrer Nutzung als Nahrungsmittel, Papier- und Textilfaserlieferant, Baustoff, Therapeutikum, Bodenauflockerer und Dünger in Brachephasen und als Bioethanolquelle einen Riesengefallen tun wollen. Irgendwo habe ich auch mal gelesen, daß man mit der Hanfsamenernte des landwirtschaftlich erschlossenen Brachlands der USA eine Milliarde Menschen ernähren könnte (so oder so ähnlich, zitiert das bitte nicht, bis ich das verifiziert habe oder es einer von Euch besser weiß).

Ist verboten, weißte. Wegen der ganzen Marihuana-Junkies, die sich erst das Haschisch in die Venen spritzen und dann randalierend durch die Straßen laufen, Schaufensterscheiben einschlagen, Kneipenprügeleien und Messerstechereien beginnen, jedes Jahr Tausende Verkehrstote verursachen, im Rausch Frau und Kinder krankenhausreif prügeln, Öltanker im Meer versenken, das Gesundheitssystem mit ihren Kifferlebern belasten und internationale Konflikte anzetteln, chrchrchr…

Jetzt, wo ich meinem Ärger Luft gemacht habe, geht es mir gleich viel besser. Vielen Dank dafür, daß ich mich bei Euch ausheulen durfte, liebe Leser. So gesehen bin ich eigentlich gar nicht verrückt, jedenfalls nicht im pathologischen Sinne. Klar bin ich nicht ganz dicht, im Gegenteil, ich bin sogar sehr offen für jede gute Idee, die uns der konkreten Utopie auch nur einen Schritt näher bringt!

Gute Nachrichten, drei Viertel von dem Öl sollen schon weg sein: von den extremophilen Mikroben gefressen, abgefackelt, verdunstet… die ganze Kacke einfach weg! Ist doch klasse. Alles nur halb so schlimm, und wir schieben so eine Panik, also wirklich. Und auch noch so schnell! Ob das was mit den Chemikalien zu tun hat, die sie draufgesprüht haben, damit es sich schön verteilt und nach unten sinkt und den Meeresboden bedeckt? Wer wird denn gleich wieder schlechtes denken…

…und morgen steht dann in der Zeitung, das mit den Toten war nur auch nur ein Werbegag, damit zur nächsten Parade wirklich zwei Millionen am Start sind, wartet mal ab.

Halt, nein, was lese ich da: eine große deutsche Tageszeitung „Kämpft für die Meinungsfreiheit“!

Man wird ja wohl noch rechte Hetzparolen äußern dürfen :-) „Ein historisches Dokument“, erklärte ich feierlich der Kioskinhaberin beim Kauf eines Exemplars, das ich mir sogar an die Wand gepinnt habe, „denn in 500 Jahren wird man sagen: damit hat der Anfang vom Ende begonnen.“

Wer Arbeit ablehnt, verdient keine Stütze! Ist richtig, verdienen tut man die nicht. Man hat trotzdem einen gerechtfertigten Anspruch darauf. Steht so in dem Grundgesetz, auf das wir uns so gerne als Beweis unserer humanistschen Aufgeklärtheit und moralischen Überlegenheit anderen Völkern gegenüber berufen.

Zu viele junge Ausländer sind kriminell! Auch richtig. Und es sind vielzuviele alte Deutschländer kriminell, und viel zu viele von ihnen hätten wenigstens eine Wahl. Und nü?

Ausländer, die sich nicht an unsere Gesetze halten, haben hier nichts zu suchen! Wo denn dann? Da, wo sie keine Ausländer mehr sind? Merkt Ihr was? Psychologische Kriegsführung und NLP, Assoziation „Ausländer – Kriminell“ hergestellt, wartet mal ab, gleich kommen noch dazu:

Kinderschänder gehören für immer weggesperrt! Nicht etwa therapiert, geheilt oder verstanden. Aus den Augen, aus dem Sinn. Und bloß keine Ursachenforschung betreiben, es könnte ja sein, daß wir feststellen müssen, daß die ganze Gesellschaft therapiert gehört mit ihrem destruktiven Triebstau.

Ich will mich nicht dafür entschuldigen müssen, ein Deutscher zu sein! Hä? Ego-Probleme? Wofür entschuldigen? Etwa so, wie die Amis sich überall für Bush und den Irak-Krieg entschuldigen „müssen“? Oder schonmal auf die Idee gekommen, einem Japaner eine Entschuldigung für die sagenumwobenen Gebrauchten-Schlüpfer-Automaten  abzuverlangen? Ich nicht. Ich bin ganz dolle stolz, ein Deutscher zu sein, denn wir haben die großartigste Brotbackkultur der ganzen Welt – und das ß. Abgesehen davon war ich immer der Meinung, in den Zeiten des Internets und der Globalisierung wäre diese Art des stumpfen Nationalismus hoffnungslos anachronistisch. Entschuldigung, daß ich ein Mensch bin! Entschuldigung, daß ich lebe.

Auf den Schulhöfen muß deutsch gesprochen werden! Oha. Das werden die Bayern aber gar nicht gerne hören…

Wer arbeitet, darf nicht der Dumme sein! IQ-Tests für Stellenbewerber und Werktätige!

Wer nichts gelernt hat, soll hinterher nicht jammern, daß er keinen Job bekommt! Und ja nicht auf die Idee kommen, den systemischen Lehrstellenmangel der letzten Jahre, die Studiengebühren, den Rückbau der Geisteswissenschaften an den Universitäten, die Inkompetenz des Bildungssystems oder die Wehrpflicht vorzuschützen – oder gar eine Umschulung oder Weiterbildung beantragen wollen!

Popcorn! Feuer frei auf Schmarotzer, Ausländer, Ossis und andere Kinderschänder!

Sarkasmus beiseite. Es wird ja nicht besser, wenn man die Zeitung aufschlägt („Fakt ist: …“), im Gegenteil, da geht es lustig munter fröhlich weiter mit der Hatz auf die Schwächsten in unserer Mitte – denn um die geht es, nicht um den gut integrierten (da S-Klasse fahrenden) Drogenbaron aus Aralistan oder den Vorstandsvorsitzenden des deutschen Bekleidungskonzerns, der die Manufaktur seiner Prestige-Produkte vertrauensvoll in die zarten Hände indischer Kinder gegeben hat und sich so zum „Kinderschänder“ macht.

Es ist so verkehrt nicht, daß diese Debatte geführt werden muß (habe vor kurzem erst mitbekommen, was der Sarrazin sich da ausgedacht hat), aber doch bitte nicht auf diesem Niveau!

Oder will jemand ernsthaft behaupten, diese Form trüge zur „Integration“ unserer ausländischen Mitbürger oder zur „Motivation“ von Langzeitarbeitslosen bei oder dazu, daß ein Pädophiler seine Neigung erkennt und dem Stigma zum Trotz rechtzeitig professionelle Hilfe aufsucht, bevor sich ihm Gelegenheit bietet beziehungsweise der Leidensdruck groß genug wird, diese auszuleben und überhaupt zum „Kinderschänder“ zu werden (als der man sich dank der ganzen Panikschieberei sogar als „normal“ Veranlagter mittlerweile schon fühlen muß, wenn man nur mit dem Lausebengel in der Kaufhauskassenwarteschlange vor sich harmlose Faxen macht oder sich für eine Nanosekunde zu lange von einem offensichtlich geschlechtsreifen, doch ebenso offensichtlich minderjährigem Mädel den Kopf verdrehen läßt).

Habt Angst! Fürchtet Euch! Mißtraut Euch selbst und gegenseitig! Lauft rum wie angesengte Karnickel und kopflose Hühner! Massakriert Euch gegenseitig, damit die es nicht tun müssen! Sucht Zuflucht unter den rettenden Schwingen der Neuen Weltordnung! [fefe]Wir werden alle störben![/fefe]

Nicht zuletzt geht es nämlich auch darum, daß es unmöglich sein kann, daß ich alleine dastehe mit meinen Meinungen, Auffasungen, Gedanken und Gefühlen, weil es unter Garantie genügend andere gibt, die merken: öh, da ist was faul mit der Matrix. So wie Ihr, die Ihr wirklich bis hierhin das Lesen nicht habt sein lassen können. Laßt Euch zurufen: Ihr seid nicht allein! Seid stark, gebt nicht auf.

Ihr seid skeptisch, und das ist gut, denn ich könnte auch einer von diesen Hirnverdrehern sein, bin es vielleicht sogar. Glaubt mir bitte kein Wort, traut mir nicht weiter als von der Tapete bis zur Wand. Dieser blöde Spruch zum Beispiel… wer bin ich denn? „Seid stark“, das ist leicht gesagt. Woher die Kraft nehmen (und nicht stehlen)?

Geht ökonomisch damit um. Verplempert sie nicht für Filme, Zeitungen, Medien und „Freunde“, die Euch mit ihrem Gefühlsvampirismus nur runterziehen, indem sie Euch erzählen, wie scheiße und dem Niedergang geweiht doch alles sei. Laßt Euch aufbauen von herzerfrischenden Büchern, Filmen und Freunden, die Euch sagen, wie toll Ihr seid, einfach nur dadurch, daß es Euch gibt, einfach, weil Ihr den Kampf für Wahrheit, Liebe, Freiheit, Gerechtigkeit und diesen ganzen anderen Weicheikram noch nicht verloren gegeben habt.

Man sagt, man gebe nichts so gern und freigiebig wie gute Ratschläge, hier also ein paar: geht raus, geht spazieren, jeden Tag; oder, wenn Ihr wißt, wie es geht, übt Euch in einer Meditation Eurer Wahl. Tut jeden Tag ein Ding, von dem Ihr Euch wünscht, jemand anders, oder besser, alle anderen würden es tun, noch besser, alle würden es immer tun (Stichwort McDonald’s-Cola-Becher: brecht mit Erwartungshaltungen!). Laßt Euch nicht einreden, auch von dieser nie den Sabbel haltenden Stimme in Eurem Kopf nicht, Ihr würdet den Ansprüchen nicht genügen. Ihr lebt, das ist Anspruch genug.

Alles leichter gesagt als getan? Nur eine Frage der Übung und der Gewohnheit. Alles Neue ist schwer, und die Meister fallen noch immer nicht vom Himmel. Habt keine Angst vorm Scheitern, das bleibt nicht aus und hat die segensreiche Funktion, uns vor Hochmut zu bewahren – der Schmerz vergeht bald wieder, laßt Euch dessen vom Meisterversager versichert sein.

Und wenn Ihr noch immer zweifelt, dann prüft es nach, geht jetzt raus, macht den Computer aus und geht raus, geht eine halbe Stunde einfach ziellos in irgendeine Richtung, und zählt Eure Schritte, und jemand oder etwas wird Euch begegnen und erfreuen und Kraft geben. Probiert es aus. Jetzt.

3 Kommentare

3 Kommentare

  1. Titus Pullo  •  Sep 10, 2010 @16:18

    Guut gemacht…
    guut geschrieben.

    Habe vieles von dem wiedererkannt, denn auch ich habe es niedergeschrieben…

    Anders… aber der SINN ist gleich.

    Weiter so.

    Du bist sowas von ganz normal. Die anderen leben im Wahn.

    In the kingdom of the blind the one-eyed are kings.

    Weiter so.

    gruß
    Titus Pullo

  2. Ensman  •  Sep 13, 2010 @16:18

    Hu, krasser Text. Mitleid hab ich zwar nicht, aber ich kenn das. :)

    Vielleicht hilft das bei der Verteidigung und Anklage:

    Nur der Betrüger will den Verräter bestrafen: Rache. Falsche Werte und falsches Recht bringen falsche Rache. Rache ist immer falsch.

    ….es ist schon richtig was du sagst aber du sagst es falsch….Scheiß auf Etikette!

    ich geh mal spazieren.

  3. Sprachlos  •  Sep 24, 2010 @01:50

    Hallo,

    ich verfolge deine Ausführungen schon eine Weile, bin damals im gulliforum (Herr der Ringe, Ducktales) auf dich aufmerksam geworden.

    Dieser Text ist unglaublich, er spricht das aus, worüber ich mir seit Ewigkeiten Gedanken mache.

    Ich war verzweifelt auf der Suche, nach etwas, was es schafft mein Gefühl, was mich quält, in Worte zu fassen. Ich durchstreife seit ca. 1,5 Jahren rastlos das Internet, auf der Suche nach etwas, was meinem Gefühl Ausdruck verleiht. Ich habe es gefunden! Ich bin nicht allein!

    Leider bin nicht mit der Begabung ausgestattet, mich auszudrücken, nein nicht einmal im Kopf kann ich mir den Grund für das Gefühl erklären, ich fühle mich oft dumm und schäme mich. Dein Text schafft es nahe zu alle Themen die mich beschäftigen, auf den Punkt zu bringen, dafür will ich dir von Herzen danken!

    Leider finde ich auch nun kaum die Richtigen Worte… ich bin tief berührt, danke! Mach weiter so, du leistest sehr wertvolle Arbeit und bist sehr wichtig! Alleine wie du mir durch deine Texte geholfen hast, mich nicht so allein unverstanden zu fühlen, ich hoffe ich kann dir ein gutes Gefühl zurückgeben. Du bist ein unglaublich wertvoller Mensch :)

    Ich wünsche dir alles Gute!

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