Z U R Z E I T . XXIII

Zur Zeit

In diesem Zusammenhang eine kleine Geschichte:

Verehrter Leser! Irgendwie habe ich, Euer untertänigster Diener, mich zum Besuch des Aktionskongresses von attac (und der Rosa-Luxemburg-Stiftung) am 5.2.11 in der Versöhnungskirche auf dem Platz der Diakonie in Düsseldorf-Lingern breitschlagen zu lassen. Die bereits von Weitem durch die Glasfront erkennbare Versammlung erweckte nicht den Eindruck von Armut akut, die am Eingang Flugzettel mit Schimpfe auf Leiharbeit und die ebenfalls vertretenen Wohlfahrtsverbände Verteilenden dahingegen schon eher – Hartz IV guckt einem eben aus den Augen. Und wie soll ich nicht ätzend klingen und wertneutral Bericht erstatten von den auf Gitarrenakkorden begleiteten letzten Zeilen eines Liedes, das auf „halt mich fest, halt mich fest, halt mich fest“ endet, bevor die Begrüßung und eine Erklärung des tiefen Symbolgehalts des über den Köpfen der Referenten schwebenden Edelstahladlerengels vollzogen wurde, begleitet mit einem Verweis auf Ernst Bloch. Die Stühle: furchtbar unbequem. Die Architektur: kalt-funktional-spartanisch. Einer der Einführungsredner: hat sich seine Redezeit erkämpfen müssen, denn er sprach für das Mittwochsfrühstück, einer Erwerbslosenselbsthilfegruppe, und schaffte es, ohne Nennung von Namen auf die Wohlfahrtsverbände einzuprügeln, die einerseits scheinheilig Armutssymposien supporten und andererseits zu den größten Profiteuren der Armutsindustrie zu gehören (Stichwort 1,50€-Jobber). Und überhaupt ginge es ja gar nicht, nicht wenigstens auch ein paar selbstorganisierte Interessenverbände einzuladen – mit den Betroffenen zu reden statt über sie.

Das Gebashe ging später bei den Wortmeldungen weiter, Gewerkschafter gegen Selbsthilfeorganisationen und gegeneineinander, Parteien gegen das System, einzelne für ein Bedingungsloses Grundeinkommen und andere wieder dagegen, Juristen für mehr Gesetze… aber erst wurde noch Bericht erstattet vom Jahr „gegen Armut und Ausgrenzung“ der Europäischen Kommission 2010 und was es gebracht hätte. Nun, nichts, gibt der Redner unumwunden zu und bemerkt selbst, damit könne sein Vortrag abgeschlossen sein, doch er weist noch auf die monströse, blaue Plastikschleifenplastik und die mühevoll zusammengestöpselten Internetseiten hin, die Brüssel ins Netz zu stellen geruht hatte – man ahnt fast, welcher Teil der bereitgestellten Mittel an irgendeine Werbeagentur gegangen sein muß.

Man wolle im Anschluß an den Kongress noch eine Erklärung abschließen mit einigen Forderungen und konkreten Handlungsvorgaben und an die EU-Kommission und die Bundesregierung und auch sonst an ganz viele Leute schicken. Sprach einer bei seiner Wortmeldung in das Mikrophon, vor dem sich eine Schlange bis zum Ausgang gebildet hatte: „Das ist, als würde man den Mißbrauchstäter mit der Opferbetreuung beauftragen.“ Verdienter Applaus.

Daß der politische Streik verboten sei, hieß es, wurde jedoch widerlegt und überhaupt: hätten die ersten Streiker um Erlaubnis gebeten, gäbe es bis heute kein Streikrecht, also bitte bloß nicht kleinlich werden. Daß ein Erwebsloser nicht die Marktmacht hat (hat da jemand diese Seiten gelesen oder ist das schon länger durchgedrungen? Wieder eine motorbetriebene Spaghettigabel!), sich für oder gegen Atomstrom, Legebatterieeier oder eine gesunde und ganzheitliche Ernährung und soziokulturelle Teilhabe zu entscheiden.

Arbeitsgruppen wurden gegründet zu den Themen Kinderarmut, Frauenarmut (keine Sorge, alle Kalauer schon in situ gemacht), Rechtsfragen, Arm trotz Arbeit.

Noch ein schönes Schlagwort fiel: „adressatenlose Wut“. Fand ich schön. Wir hauen uns ja nur gegenseitig die Köpfe ein, weil wir erzählt bekommen, wir seien selber schuld. Ätsch, gar nicht wahr: laßt uns mal mit dem Finger zeigen auf den und die und jene.

Der Staat: das sollten wir doch sein. Der Kapitalismus: Wirtschaftsdemokratie wurde gefordert. Die Medien: Bertelsmann und Springer – wer kauft den Scheiß denn auch? Die Konzerne – für wen produzieren die eigentlich?

Ich denke, das ist die positivste Botschaft, die zu übermitteln möglich ist: die Armee der Armen ist immer noch führerlos und auf sich gestellt, ohne „Aussicht auf Perspektive“, wie einer der Redner – war es Absicht oder nicht? – zu tautologisieren wußte. Das läßt uns viel Freiraum.

Gestalterisches Spiel, um Alternativen zu skizzieren. Bedingungsloses Grundeinkommen? Grundsicherung? Sanktionsmoratorium? Eine Kampagne, Montagsdemos? Nicht ich muß dafür sein, aber laßt uns darüber reden. Zusammen mit den Leuten, die Freiwirtschaft, Anarchie, Umwelt, Überfluß, Chi und Ganzheitlichkeit sagen. Was ist mit dem Gemunkel, man könne die Ökonomie weg von Kontrolle, Gewalt, Rüstung, Prasserei und Schundproduktion zugunsten von Schönheit, Liebe, Gerechtigkeit, Freiheit, Pflegemitteln, Nahrung, Obdach verschieben…?

t b c . . .

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