Z U R Z E I T . XXIV

Zur Zeit

Na klar, verteidigt doch Sinn und Verstand von Versicherungen und Rückversicherungen und Währungskriegen, die Nichte Eurer Tante hat einen tollen Job bei der Bank. Sparen muß sein, für später, ohne Frage. Vielleicht darf ich die Frage so formulieren: wie kriegen wir das hin, daß da alle was von haben, zumindest eben so viel, daß keiner Kohldampf schieben muß?

Und wenn Ihr versteht, was ich sage, übersetzt es bitte in andere Sprachen, in die Sprachen, die Ihr mit anderen sprecht: Englisch, Französisch, Farsi, Mandarin, in die Sprache der Träumer, der Alten, der Theologen und Physiker und Ökonomen, in Janoschs Kinderbuchsprache, sagt „Babylon“ und Zion wird verstehen.

Sparen wir uns die Waffen – vom bösen Blick bis zur Atomrakete. Wir sind alle Brüder und Schwestern – ja, ich weiß, Du und der nicht mehr mit dem und dem, seit die… so ist das nunmal in einer großen Familie.

Der soll aber anfangen – ja, wir fangen alle gleichzeitig an. Wer Spielverderber sein will, kann sich gern an die Playstation setzen und macht später mit.

Und dann machen alle ganz feste die Augen zu und strecken die Arme aus, und wenn wir eine andere Hand spüren, halten wir sie fest. Und dann lösen wir den Knäuel auf, ohne uns loszulassen, und aus dem restlichen Knoten lesen wir Orakel.

Darf ich Deinen Namen nennen, Alex, wenn ich von Deiner Abscheu über das Spiel „Reise nach Jerusalem“ berichte und Deiner Begründung: „Keiner hat so einen fetten Arsch, daß er einen ganzen Stuhl für sich braucht!“?

Und ich sehe nicht ein, das Ideal andauernd präventiv gegen kleinliche Bedenken zu verteidigen, bevor ich dazu komme, es in all seiner umfassenden Pracht dargelegt zu haben. Natürlich geht das alles nicht dieses und jenes wegen. Um die Feinarbeit kümmere ich mich später, aber alleine schaffe ich das auch nicht. Jetzt momentan bin ich ohnehin noch beim Großen Ganzen, nämlich dem Minimalkonsens.

Ich denke da an eine Methode, mit der jeder jederzeit zum Ausdruck bringen kann, was er braucht und will. Das ganze muß natürlich inreichend kontextsensibel sein, ich gehe ja nicht zum Schlachter und bestelle einen Reifenwechsel. Und noch während ich dabeiwar, das Konzept auszuarbeiten, erfand einer Liquid Democracy…

So in die Richtung sollte das schon gehen. Aber das kann ja nur ein Baustein sein. All die Notstände und Krisenherde löst man ja nicht, indem man ein einzelnes Bauteil ersetzt. Obwohl bei so manchem die Aussenspiegel nicht mehr abfielen, nachdem er seine Kupplung erneuert hat.

Und das Thema Geld hatten wir auch schon: wenn es sich dabei um eine Art mathematisches, selbstorganisierendes Punktesystem wie bei „Conways Game Of Life“ handelt, dann stimmt was mit den Regeln nicht. Das Spiel ist scheiße, wenn immer dieselben gewinnen, findet Ihr nicht auch? Natürlich nur, wenn Ihr nicht hofft, eines Tages auch zu den Gewinnern zu gehören. Da haben wir halt eine Meinungsverschiedenheit: ich verliere gerne, wenn das Game trotzdem Bock macht, und wenn dann noch die Game-Over-Melodie rockt: super!

Mehr als Kompromißbereitschaft kann ich ohnehin nicht mehr anbieten. Ich komme damit klar, wenn Polizisten durch die Straßen schlendern und nach dem Rechten sehen, wenn ich weiß, daß sie es nicht nötig haben, wahllos und nach Gutdünken Menschen zu penetrieren. Ich komme damit klar, wenn Krieger sich auf dem Feld der Ehre entgegenstellen, solange ihre Bomben keine Kinder, Schwangeren und Greise treffen. Ich arbeite sogar gerne, wenn der Lohn für etwas Luxus über das Lebensnotwendige hinaus reicht, und einen Beitrag leiste ich auch noch gern für die Instandhaltung der Infrastruktur, damit ich von A nach B telefonieren, mailen oder reisen kann. Das hört sich stolz, hochnäsig, herablassend an? Nun, mein Ideal (also das ohne Geld, Krieg und Gewalt) war Dir zu teuer, als ich es verschenken wollte.

Und in zehn Jahren wird eine Generation erwachsen, die nicht die leiseste eigene Erinnerung an den Tag hat, an dem die Türme zu Boden sanken, so, wie viele, die heute volljährig geworden sind, keine Mauer mehr kennen… wie sollen sie ahnen, welche Bedeutung es für diese Generation hatte, welche wiederum nur aus der Konserve vom Attentat auf John F. Kennedy, den Holocaust, Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie und die anderen Zäsuren der Geschichte erfahren hat? Wäre es nicht schöner, ihre Enkel könnten sich rückbesinnen auf den Tag, an dem die Angst ihre Macht verlor und die Menschen bis in den Morgen auf den Straßen tanzten, den nächsten Tag ausschliefen, noch eine Aufräumparty machten und endlich den Frieden ausriefen?

Ja sicher, aber woran liegt es denn? Natürlich an den anderen, es liegt immer an den anderen!

Was können wir schon tun?

Soll jetzt jeder eine Seite ins Netz stellen, auf der er erzählt, was und wie er’s am liebsten hätte?

Warum nicht. Es würde vieles vereinfachen.

Doch die Welt ist so kompliziert!

Genau darum. Was ist die Alternative? World Of Warcraft zocken?

Vielleicht kann man da etwas lernen über das uns gemeine Bedürfnisse, uns in Clans und Gilden zu organisieren und in offenen Foren auszusprechen, was uns nicht gefällt und was man besser machen könnte. Und wenn dann mal einer rumtrollt, nimmt ihn jemand ganz freundlich beiseite und erklärt ihm, wie man am besten zu dem kommt, was man gerne mag: durch zuhören, Verstehen, geben und nehmen. „Forum“ ist nämlich Asterix-und-Obelix-Sprache und heißt Marktplatz.

„Ich zähle täglich meine Triebe…“

…ich habe einen Benjamin geschenkt bekommen (Ficcus Benjamini). Es ist der Ableger von einem, den mein Freund Shredder vom Flur gerettet hat und der schon ganz kahl und ausgedorrt war. Da hat er ihn mit nach Hause genommen und jeden Tag mit einer Sprühflasche eingenebelt. Bald kamen die ersten grünen, spitzen Triebe, bald protzte er mit vielen kleinen Blätterchen, und jetzt steht ein Teil von ihm ein paar Meter weiter, guckt aus dem Fenster und freut sich des Lebens und läßt fast täglich ein neues zartgrünes Blättlein sprießen. Eines Tages wird er auch verdorren. Wenn ihn dann jemand findet, nackt, verdurstet, kahl und fast erfroren, wird vielleicht ein Epos draus.

Ich brauche manchmal ein bisschen, aber wenn es kommt, dann kommt es auch.

Worauf noch warten? Daß der erste Lemming endlich springt oder bis wir von den nachrückenden Massen über die Klippen gestoßen werden?

Der Kahn ist voll, alle Mann von Bord! Und der Käpt’n und seine Offiziere verließen als letzte das nun doch nicht mehr sinkende Schiff und freuten sich, daß es wieder genügend Auftrieb hatte, um die Untiefen zu überstehen… der Ballast war ja nur für’n Sturm…

Haha, nein, ich will niemandem sagen, was er tun soll. Ich wäre der schlechteste Imperator aller Zeiten. Nee, ich finde nur, und ich glaube, ich bin da nicht ganz allein, man sollte uns ein bisschen mehr zutrauen. Ich meine, Ihr behandelt uns wie Hartz-IV-Empfänger, also arbeiten wir auch so. Das kann in Eurem Sinne nicht sein und in meinem ist es auch nicht. Es lief doch prima, als Ihr mich meinen Kram machen lassen habt. Erst, als Ihr reingewurschtelt habt, brach das Chaos aus und ich war schuldig. Wollt Ihr volle Kontrolle oder daß das hier anständig, vernünftig und liebevoll abgeht?

Na los, komm schon, zähl meine Fehler und Macken auf, die mich unerträglich machen, und ich halte Dir den Spiegel hin.

t b c . . .

noch kein Kommentar

Kommentar dazu?

Erlaubte Tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>