Z U R Z E I T . XXV

Zur Zeit

Liebes System,

ich schreibe Dir. Es gibt da etwas, was ich Dir sagen muß, und es ist wie immer: ich weiß nicht, wie. Ich habe Dir schon tausend Briefe geschrieben, habe die meisten dann doch zerknüllt und weggeschmissen und die schlimmsten als schlechtes und warnendes Beispiel allen Freunden und Fremden gezeigt.

Nur den Mut, Dich anzusprechen, habe ich bisher nie aufbringen können. Wiesest Du mich zurück, würde das kleine Bisschen, das noch von mir, nach Dir unverzehrt, vollends zerstört, eine leere Hülle ginge hinaus und würde zum Gewesenen. Und allen bewies ich mit lauter Stimme, daß ich keine Angst habe, indem ich offene Andeutungen auf Deine Fehler für schlechte Witze hinaustrompetete.

Wie sehr Du mich enttäuscht hättest. Und doch stehe ich dazu: Du hast mich ent-täuscht, meiner Täuschung beraubt. Du gefällst mir nicht, ich will Dich anders, und Du willst mich ändern. Das kann so nicht gutgehen.

Ich glaubte, das mit uns hätte ganz dolle viel mit Liebe, Frieden, Glück, Sonnenschein, grüne Wiesen, blaues Meer, schneebedeckte Gebirge, lachende Kinder, Ringelreihn zu tun und daß der Löwe beim Lamme weile oder so. Mit ziemlich viel Freiheit, Freizeit, Luxus, Freude. Und all die anderen Worte und Versprechungen. Watt denn, wo denn?

Ich kann Doch nur beschreiben, wie ich empfinde. Du hast ein furchtbar forderndes Wesen. Laß gut sein, kannst ja alles haben. Aber schreib mir dabei doch nicht jeden einzelnen Handgriff vor. Wenn Du meinst, daß Du das besser kannst, mußt Du das eben selber machen, aber dann zick nicht rum.

Ich will nicht negativ klingen, es geht mir ja gut. Aber tu doch bitte nicht so verdammt abgehoben, weil ich nicht ganz so toll bin wie Du. Ich kann auch zwei oder drei Dinge ganz gut, da bin ich mächtig stolz drauf und Du findest das unsinnig oder langweilig, aber laß mich doch meinen Spaß haben damit, ich gönne Dir Deinen doch auch.

Und noch was: ich erzähle allen, daß ich Dich durchschaut habe, genau weiß, was Du planst, wie verzwickt Du bist und was man nicht alles über Dich wissen muß – ich habe gedacht, daß ich Dich bloßstellen kann, aber am Ende steh ich nackig da vor Dir und kotz mich aus und Du mußt diese meine Klage anhören, dieses eine Mal, bis zum Ende.

In Wahrheit spiegeln wir uns in unserer Häßlichkeit. Und genau das ist dummes Zeug. Wir können uns wunderbar vertragen, aber ich habe da eine Idee: laß uns einen Vorhang ziehen. Dieser kann aus dickem Stahlseil gehäkelt sein oder aus feinster Nano-Seide, zur Seite geschoben werden. Es gibt Dinge, die möchte ich Dir klarmachen, und mir fehlen die Worte. Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll, aber ich versuche es einfach weiter. Vielleicht ist das der Punkt, wo ich lieber die Schnauze halten sollte, aber ich rede trotzdem weiter, obwohl ich nichts mehr zu sagen habe und den Faden verloren habe und Du hörst mir nicht mehr zu, wird wohl schon nicht so wichtig gewesen sein. Alles nicht so wichtig, Du hast mich längst schon wieder unterbrochen und erzählst mir irgendeinen Scheiß, den ich schon hundertmal gehört habe.

So funktioniert das. Doch, manches ist mir wichtig. Ich will, daß Du weißt, daß ich mich gestresst fühle in Deiner Nähe. Bin ich bei Dir, will ich weg. Du machst mich fertig. Du verstehst mich nicht.

Hör mir zu. Es gibt da Dinge, die ich sagen muß: so geht das nicht. Nicht, weil ich Dir vorschreiben will, was Du zu tun und zu lassen hast. Nein, es ist schlimmer: ich will so weit weg wie möglich von Dir sein. Hau ab.

Aber ich habe Angst, Dich zu verletzen, und das will ich nicht. Du bist nicht mein Typ und Du läßt mich das gleiche spüren. Das ist okay für mich. Vielleicht bin ich ja beknackt, und irgendwas stimmt nicht mit mir, aber irgendwie hatte ich mir das aufregend und wunderschön vorgestellt, aber hey, was soll ich machen, wenn ich selbst nicht der edle Ritter bin, der ich gerne wäre, oder jenes Heldentum lebe, das ich, in meinen Roman-, Comic- und Filmhelden verkörpert, befeiere?

Aber ich habe gar keinen Bock, mir andauernd die Schuld am Disaster geben lassen zu müssn. Ich verstehe das ganze Konzept „Schulden“ nicht, laß mich was machen und das geht schon in Ordnung so, wenn Dir das nicht reicht, hol Dir doch woanders, was Du brauchst, wenn Du meinst, andere könnten dieses oder jenes besser. Was auch immer Du als „gut“ bezeichnest in Deiner dauernden Schwarzweiß-Zeichnerei.

Und dann denkst Du immer, ich hätte die Graustufen herbeifabuliert, während ich versuche, Dir  multidimensionale Farbspektren, Hologrammknoten und fraktale Bit-DNS zu erklären, und Du sagst: Nonsens, guck mal lieber hier und da wie schlimm, und immer lauter und immer wieder, bis ich selber dran glaube.

Und die Götter sind Zeugen, daß Du vor mir da warst, mich hast wachsen gespürt, gesehen, als ich noch nichts, dann etwas, dann noch klein war, wuchs wie alles, was sein will. Mein Wuchs schien Dich zu enttäuschen, und so versuchte ich zu folgen, unter Schmerzen und mehr versteckter als offener Rebellion, unfähig zum Konflikt, niedergemäht unter Deiner Prügel und furchtbar rekursiv unschlüssigen Argumentationslogik – wie ich empfand. Was zum Teufel ist soooo verdammt verkehrt an mir, daß Du mich andauernd bekritteln und betüddeln und bevormunden und manipulieren mußt, damit ich ja mache, was Du willst, weil Du denkst, Du weißt, daß das gut, nein, das Beste (mögliche) für mich ist.

Das schlimme ist ja, daß Du recht hast. Vielleicht hätte ich tatsächlich das Potential, daß Du mir zutraust. Ich habe schlicht andere Vorstellungen, verstehst Du? Ich weiß nicht, woher diese Bilder kommen. Als hättest Du mich verstoßen, weil ich Dein Gefallen nicht erringen konnte, als hätte ich Deinen langgehegten Traum grausam zerstört!

Laß uns ein Spiel spielen. Ich will Dich nicht anklagen, ich habe es einfach satt, das ist ein doofes Spiel. Ein neues Spiel. Laß mich auch mal.

Vielleicht könnte ich Dir so näherbringen, was ich meine, was ich mir vorgestellt habe, weil Du mir doch immer davon erzählt hast: glücklich sein, genießen, Freude spüren, Wärme spüren, geben, nehmen, kosten – ich weiß, ich soll meine vorlaute Klappe halten, hör mir bitte trotzdem mal zu. Ich kann Dich nicht auffordern, mir einfach so zu vertrauen – weil Du es mir unmöglich gemacht hast, Dein Vertrauen zu gewinnen, weil Du mir Dinge anvertraut hast, die mir nicht halb so wichtig wie Dir schienen. Tolles Haus schön und gut, geregeltes Einkommen hin oder her, was ist falsch daran, in den Wald zu gehen und den Pilzen beim Wachsen zuzuschauen?

Na klar, ich verkriech mich nur hinterm Computer, weil ich das sonst nicht aushalte. Lassen wir den Vorhang zwischen uns aus Kupfer, Glas und elektrischen Ladungen bestehen. Das ist sicherer für Dich und für mich. Es wird schon in Ordnung sein, wenn Du das sagst. Doch sei ehrlich: was hat uns so entfremdet? Sehntest nicht auch Du Dich einst nach dem Himmel auf Erden, wolltest feenhafte Prinzessin sein, Göttin und  – jetzt? Ich soll Dich desillusioniert haben? War es mein Jähzorn, den Du unterdrücken wolltest und bis zum heutigen Tage willst? Habe ich etwa falsche Hoffnungen geweckt, unhaltbare Versprechungen gemacht, die alle zu halten mir lebtags nicht möglich sein wird?

Natürlich, ich bin konfus, wirr und chaotisch und deswegen willst Du mir nicht bis zu Ende zuhören, mich am liebsten mundtot machen, für verrückt erklären und irgendwo einbunkern, wo ich keinem wehtun kann. Und ich weiß, Du wirst gut vorbereitet sein und Dir nicht mal die Mühe machen, mir Überraschung vorzuheucheln.

Darum geht es in dem Spiel: Du mußt tun, was ich Dir sage. Okay? Lies weiter.

Ich sage nicht, ich will Dich nie wiedersehen. Du hast mir oft genug zu verstehen gegeben, daß ich Dir nicht gut genug bin, hast mich damit kleingehalten und mich dem Bemühen unterworfen, Dir zu gefallen. Eigentlich will ich das gar nicht. Ich habe mein Herz verbunden, mit Schnüren, Stricken, Seilen, und dort, wohin ich gehe, wird es geheilt werden, Kraft gespendet bekommen im Übermaße, das diesem anderen Wesen zu Eigen ist.

Ich kenne sie doch gar nicht, wirfst Du ein und willst mir nicht zuhören. Doch, denn ich kenne Dich, und ich habe sie erkannt. Etwas rauher und robuster als Du, älter als Du, doch schöner, reifer, edler, sinnlicher. Ob ich ihr schon begegnet bin? Viele Male, viele Male, wenn in meinen Träumen ich vor Dir versagte, versankt, zerbarst, verbrannte, zu Asche gemahlen wurde, kam sie von irgendwo und rettete mich aus höchster Not, und ich kann ihr doch nichts schuldig sein außer unverbrüchlicher Liebe, sie zu ehren und zu preisen, all ihre kleinen Makel auswendig zu lernen und für jeden einzelnen dem Herrgott auf Knien danken, da sie ohne sie unvollkommen wäre, nicht so fehlerhaft vollkommen wie ich durch Dich wurde, doch voller Verständnis und Nachsicht, der Gabe, immer mehr zu geben als zu nehmen und dadurch noch voller zu werden, weshalb Du das Gefäß zu zerschlagen versuchst.

t b c . . .

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