Z U R Z E I T . XXVIII

Zur Zeit

a x i o m    A:
Der Modus der Beziehungen der Menschen untereinander und miteinander hat Optimierungspotential.

a x i o m    B:
Der Modus steht in Wechselwirkung mit den von der Umwelt erlernten Mustern.

a x i o m    C:
Angst haben wir alle. Aber das ist okay. Wichtig ist, daß wir keine Angst voreinander haben.

a x i o m    D:
Dann können wir reden über die Muster und Symbole, die sie bedeuten.

a x i o m    E:
Wie alles in der Natur finden wir das Gleichgewicht zwischen Schönheit und Ökonomie.

t h e o r e m   1:
Die, die heute Kinder sind, werden darüber entscheiden, welche Zukunft sie wählen. Unser Streben sollte darauf abzielen, ihnen eine bestmögliche Gegenwart zu liefern. Weil die Alternative darin besteht, sie anzulügen und zu sagen, es sei nunmal so und schon immer so gewesen und da kann man nichts dran ändern sondern muß das beste draus machen, und wenn sie uns dann in fünfzig Jahren pflegen müssen und uns voller Gnade einen schnellen und schmerzlosen Tod wünschen, weil wir alt und grau und tattrig und schusslig und inkontinent und wertlos geworden sind, weil das schon immer so war und sich nun auch nichts mehr dran ändern läßt.

t h e o r e m   2:
Einige der Vorfahren der meisten von uns haben sinnlose Kriege gegen ihre Brüder und die Vorfahren unserer Schwestern geschlagen, haben sich und alles geopfert für das Versprechen, daß es ihren Nachkommen, also uns, einmal besser gehen wird, daß sie diejenigen sein werden, die endlich die neue Welt erblicken. Es ist an der Zeit, den Vertrag zu erfüllen, Könige und Herrscher der Heerscharen!

t h e o r e m   3:
Das Optimum liegt nicht auf unserer Weltlinie, doch innerhalb des Zukunftsteils des Wahrheitskegels, also ließe sich durch Beschleunigung (Bremsen/Lenken) noch was reißen.

h y p o t h e s e   I :
Gelänge es uns, den Apparat, anstatt ihm einen Maulschlüssel ins Getriebe zu schmeißen, ganz langsam abzubremsen, damit er auskühlen kann, müßten wir uns eine Weile mit Ersatz behelfen. Ich denke, das geht klar. So eine Art „Jubeljahr“ oder „Reset“ oder ein Moratorium oder wie auch immer Ihr das in Eurer Sprache nennen wollt. Wir haben schon oft den Warpkern abstoßen und ihn hinterher mühsam zurückholen müssen. Das verzögert die Reise und und und. Aber lieber so als daß uns der Kahn um die Ohren fliegt. Wie soll das aussehen? All die Bösewichte (Medien, Bullen, Staat, System) bekommen von uns, ihren Vorgesetzten, ein Jahr lang bezahlten Urlaub. Sie dürfen ihre Koffer packen und mit ihrer Familie in ihre Ferienhäuser ziehen. Politiker, Generäle, Redakteure, Pharmareferenten, Offiziere, Chefärzte, Aufsichtsräte, Oberstudiendirektoren – die kriegen alle ein schickes Hotelzimmer weit weg von dort, wo sie weiteren Schaden anrichten können… und die sollen bloß ihr Handy zuhause lassen! Denn offensichtlich hat die Brückencrew irgendeine Strahlung abgekriegt und nur die Fußmannschaft kann das jetzt wieder in Ordnung biegen. Wir brauchen Notmannschaften für Kinderferienheime! Und wir fahren die industrielle Produktion von Wegwerfluxus wie Kleidung und Autos auch ein wenig runter. Man könnte ja mal Ferien auf dem Bauernhof machen, oder einen Linux-Programmierkurs in einem Sommercamp (was ist mit Polizisten und Richtern? Siehe axiom C!)…

h y p o t h e s e   I I :
Es steht zu befürchten, daß beim Bremsmanöver das ein oder andere zu Bruch geht, sowie die Trägheitsdämpfer ausfallen. Also, auch, wenn’s schade um’s gute Geschirr ist: gut festhalten und anschnallen und zurrt alle beweglichen Gegenstände fest, damit sie nicht ausversehen jemanden erschlagen. Wenn wir hinterher behaupten, der Flug sei „holprig“ gewesen, sollen uns alle der Aufschneiderei bezichtigen. Und wer jetzt einwendet, wir kämen ja gar nicht in den Maschinenkontrollraum – keine Bange, in den Jeffreys-Röhren sind schon Leute unterwegs. Rechnet mit desorientierten Crewmen, die im Flur vor dem Holodeck herumirren und verwirrt fragen, wo sie sind. Nehmt sie eben beiseite, erklärt ihnen die Sachlage und zeigt ihnen den einfachsten Weg zum Zehn Vorne. Vermutlich werden auch die Turbolifts ausfallen oder verrückt spielen, also nicht panisch werden!

h y p o t h e s e   I I I :
Der Anbau und die Bereitstellung von Nahrung und die Herstellung von Arznei werden kurzzeitig durch einige Engpässe gehen. Also entweder hinten anstellen oder jeder hilft mal eben bei der Ernte, dann ist das auch schnell erledigt. Keine Bange, es ist längst genug für alle da. Und wenn Leute reinwollen, laßt sie rein, die sind nur auf der Durchreise. Wie, „und was, wenn sie frech werden?“! axiom C!

h i n t e r g e d a n k e   a :
Kommt man zwei Wochen vor Ablauf des Moratoriums zum Schluß, das wäre bis hierhin ganz gut gelaufen, wird es nach einstimmiger Absprache um ein weiteres Jahr verlängert. Blödsinn! Ein schon wieder ein Detail zuviel. Ich bin gar nicht für die Machbarkeit zuständig, sondern für den Entwurf. So machen doch Architekten das. Sie bauen ein Modell und dann wird geguckt, ob das auch gebaut wird. Detailskizzen und grobe Schraffuren des Großen Ganzen habe ich ja schon dargelegt. Ich kann niemandem vorschreiben, welche Poster er in seinem Zimmer aufhängen soll.

h y p o t h e s e   I V :
Wir sind verlassen, doch nicht allein, und sind wir allein, doch niemals einsam. Kennt Ihr das Gefühl der Befriedigung, wenn Ihr mit vielen zusammen geholfen habt, ein wildfremdes Auto anzuschieben? Ich habe mal an einer Tankstelle gearbeitet…

h y p o t h e s e   V :
„Und was kostet das ganze?“ – mindestens den Verstand (wie Ihr an mir seht :-) Nein, ehrlich. Keine Ahnung. Was ist uns die Welt wert, was ist das Leben wert? 359,-€? Was ist das umgerechnet in Pfund Sterling, oder in Labskaus, oder in Streicheleinheiten? Und wenn’s nun kein richtiges Leben ist? Wenn wir entscheiden, wir bauen ein Reisfeld in die Sahara, laufe ich notfalls auch zu Fuß hin, solange nicht der ganze Rest das Flugzeug nimmt. Es geht immer um Relationen und ihre Intervalle, nicht um die absoluten Werte, die für sich genommen und ohne Kontext keinerlei Wert besitzen. Mit Takt rüberbringen: hier spielt die Musik. Und für den Reichen ist es immer gut, viel Schulden zu haben, man weiß ja, was früher mit Gewichtezinkern gemacht wurde.

t h e o r e m   4 :
Wir werden scheitern, aber das ist nicht schlimm. Wir werden wenigstens sagen können, wir hätten was getan statt nur die Hände im Schoß zu falten.

a x i o m   F :
Herkömmliche Rechtsauffassungen sind nachrangig. Es gilt das Recht des Stärkeren. Und wer ist stärker: der, der die größte Keule schwingt oder der, der ihn mit Worten und Gesten dazu bringt, seine Waffe niederzulegen und sein Leben zu verschonen?

h y p o t h e s e   V I :
Viele kommen ja gar nicht zurecht, ohne darauf zu verweisen, daß eine Veränderung der bestehenden Verhältnisse – Machbarkeit hin oder her – nach allen Maßstäben gültiger juristischer Paradigmen und aktueller Gesetzeslage voll und ganz illegal sei. Das mag faktisch richtig sein. Ist aber scheißegal, denn es beweist nur, daß mit den Gesetzen etwas nicht stimmt. Rechte werden nicht gewährt, sondern erstritten. Wer streitet mit für eine bessere Welt?

t h e o r e m   5 :
Das ist doch krank! Zu produzieren, obwohl kein Bedarf da ist, und dann also Bedürfnisse erschaffen zu müssen, damit der Schund auch konsumiert wird. Und das alles mit Hinweis darauf, es sei „ökonomischer“. Gemeint sind hier beispielhaft billiges Plastikschrottspielzeug (Handys?!?) und teure Fernlenkwaffen mit GPS-Koordination, Zielsuchsensor und Wärmebildkameras, die dann doch irgendeine Kindergartenparty sprengen. Währenddessen bleibt die Produktion tatsächlich dringend benötigter Güter liegen, weil das nicht ökonomisch sei – Medizin, Bildung, Anlagen zur Erschließung ressourcenschonender Energiequellen. Das ist doch krank! Ein Heer von Arbeits- und Erwerbslosen hier, ausgebrannte und gehetzte Doppelschichtenschieber mit Angst um ihren Arbeitsplatz dort. Immer mit Hinweis auf das Geld.

h y p o t h e s e   V I I :
Es muß unbedingt neues Geld her. Ein Geld, dessen Wert nicht an die Casinomentalität von Spekulanten und Derivatenzockereien und die Launen der Börsen und Weltmärkte und das Bohren nach brennbaren, hochtoxischen Erdinnereien geknüpft ist, sondern ein verlässliches Tauschmedium für den alltäglichen Lebensunterhalt darstellt. Silvio Gesell hat mit seiner Freiwirtschaft ein solches Wirtschaftssystem, das das natürliche Wesen des Seins widerspiegelt (Werden im Überfluß und seine Vergänglichkeit) sehr genau skizziert, und ich würde gerne wissen, ob das praktikabel ist. Mindestens dürfte es eine Menge Druck aus dem Kessel nehmen, wenn die Inflation 0 beträgt. Es bringt doch nichts, noch ein Gesetz aufzustellen, nach dem es beispielsweise verboten sei, in perversen Dimensionen Geld zu horten – dann wird das Gesetz eben von den Hortern umgangen und die Leidtragenden sind wieder die Habenichtse, denen ihren Sparstrümpfe weggenommen werden. Geld muß natürlich fließen.

a x i o m   G :
Energie! Wir brauchen Energie für den Transport und die Fortbewegung, zum Essenkochen, für Licht und Wärme und für unsere GameBoys.

t h e o r e m   6 :
Energie ist im Überfluß vorhanden. Wir brauchen keine Atomkraftwerke und Castortransporte, keine Kohlekraftwerke und, festhalten, liebe „Ökos“, noch nichteinmal Photovoltaik-Anlagen, die bei ihrer Produktion und Entsorgung mehr Energie verbrauchen als sie in ihrer Lebensspanne zu erzeugen hoffen dürfen. Ich setze meine Hoffnung auch nicht offen auf die Bemühungen der Nullpunktenergieforscher, brauche ich auch nicht unbedingt, solange die Sonne scheint. Und wenn sie scheint wie in der Sahara, wo man wunderbare Sonnenöfen hinsetzen könnte, ist doch alles super. Und bei schlechtem Wetter? Lassen wir das bei Überproduktion hochgepumpte Wasser aus den Stauseen in Norwegen raus, die gewinnen jetzt nämlich bereits über 90% ihres Strombedarfs aus natürlichen Energiequellen. Und dann gibt es immer noch die Stirling-Motor-Variante mit der Fresnel-Linse und die Hoffnung, das war kein Blödsinn mit den Autos, die ab und zu auftauchen und angeblich mit Wasser laufen sollen. Das klingt wie Spinnerei? Zugegeben, auf solche Ideen kommt man in einer Welt, in der die Energie-Mafia Laufzeitverlängerungen von Atomkraftwerken durchpauken kann gegen den kollektiven Willen der Bevölkerung und wider die Erfahrung in Tschernobyl.

a x i o m   H :
Wasser! Wir brauchen Wasser, insbesondere dort, wo es keines gibt.

t h e o r e m   7 :
Doch nach allem, was ich gehört habe, wäre das prinzipiell alles gar kein Problem, nur, wenn man eins draus macht. Ich meine, schon in der Antike kannte man Mittel und Wege, Wasser zu transportieren, bergauf sogar, wenn nötig, und das ohne Pumpen. Um für’s Öl ne Pipeline durch die Vorgärten irgendwelcher Völker zu bauen, führen wir mit Freuden Krieg, aber wehe, es kommt einer auf die Idee, in Trockengebieten ein paar Meter Rohr zu verlegen, dann ist man gleich ein Spinner, Phantast und unverbesserlicher Weltenverbesserer… und vielleicht war Viktor Schauberger ein dummer, spinnerter Förster, der zufällig auch eine gute Idee hatte mit seinen Schwemmanlagen, vielleicht war er auch ein bedeutender Erforscher der (Meta-)Physik des Wassers und seine Erkenntnisse lassen sich dabei nutzbar machen.

a x i o m   I :
Nahrung, wir brauchen Nahrung.

h y p o t h e s e   V I I I :
Vielleicht haben wir Glück und es gelingt uns, ein paar Wüsten zu begrünen. Ja, sicher, wir mögen die dort bestehenden Ökosysteme alle ganz doll. Vielleicht lassen wir die eine oder andere Düne auch stehen (als Filmkulisse oder für romantische Sonnenuntergänge). Aber wir können ja hier und da eine Oase etwas vergrößern. Von wegen, der Boden gäbe nichts her. Wir sind Menschen, wir haben bisher noch jedes Land urbar gemacht! Wir haben immerhin Pläne für’s Terraforming dessen, was wir „lebensfeindliche“ Planeten nennen, in den Schubladen (irgendwo ganz unten, unter den Photonentorpedorißzeichnungen und Überwachungssatellitenzugangsdaten).

h i n t e r g e d a n k e   b :
Werft mir doch ruhig Speziismus vor!

a x i o m   J :
Bildung, oder Erziehung, oder Prägung, oder wie man das nennt.

h y p o t h e s e    I X:
Da gibt es wahnsinnig viele Auffassungen drüber. Auch kein Problem. Jeder hat da andere Erfahrungen gemacht – ob als Kind oder als Erzeuger oder Erzieher oder Lehrer… bisher habe ich die Vorschläge gemacht, jetzt seid Ihr dran.

h i n t e r g e d a n k e   c :
Meine Erfahrung ist z.B., daß das institutionalisierte Lernen im vom alten Preußen inspirierten Schulbetrieb eine ganz fürchterliche Sache und nahe genug dran ist, die Kriterien für Folter, Verstümmelung und Vergewaltigung zu erfüllen. Das mag übertrieben klingen, aber neulich habe erstmals den Ausdruck „Deschooling“ gehört und die Vertreter desselben finden da noch ganz andere Vergleiche: Schule als Krieg gegen das Kindsein. Aber es ging ja nicht ums Meckern, sondern um Alternativen. Hm… was ist mit Schulen, Gymnasien, Akademien und Universitäten, in der jedes Kind und jeder Heranwachsende nach Lust und Laune und unter so fachkundiger wie liebevoller Anleitung lernen kann, wonach ihm der Sinn steht? Also eben keine top-to-bottom-Gehirn-Massenabfertigung nach Lehrplan, sondern nach individuellen Interessen und Vorlieben, mögen sie auch noch so wechselhaft sein, mit Rücksicht auf all die vielen kleinen Schübe, die ein Menschlein auf seinem Weg zur Reife durchzumachen hat. Keine Gewöhnung an Leistungsdruck, keine Erziehung zu Konkurrenzdenken und Schummeln-ohne-dabei-erwischt-zu-werden, sondern aus Freude am Lernen der Lernenden und am Lehren der Lehrenden. Ich hege die Hoffnung und die vielleicht nicht vollkommen unbegründete Vermutung, daß da eine ganz andere Generation Mensch heranwachsen würde, der zur Gänze unverständlich erscheinen muß, daß wir das gegenwärtige System überhaupt so lange haben praktizieren können.

a x i o m   K :
Ganzheitliches Denken, Naturverbundenheit, Rücksicht und technologischer Fortschritt schließen einander nicht aus.

h y p o t h e s e   X :
Vielleicht bedingen sie einander gar. Ich habe jedenfalls satt, mir anhören zu müssen, ich würde den Arbeiter- und Bauernstaat proklamieren oder in rückständiger Neandertal-Romantik schwelgen, noch während ich über Raumschiff Enterprise fabuliere und die Vorzüge des C64 gegenüber dem plus/4 preise oder darlege, daß das Internet – in seiner Form kurz, bevor es der Kapitalisierung anheim fiel – jene weltverändernde Zäsur darstellen könnte, die uns ermöglicht, zueinanderzufinden, die Ketten abzustreifen und uns global in flachestmöglichen Hierarchien zu organisieren. Und wenn jetzt wieder eine Ismen-Schublade dafür braucht, kann er den Entwurf entweder unter futuristisch-progressivem Konservatismus, konservativ-progressivem Futurismus oder konservativ-futuristischem Progressivismus ablegen, den Anarchie-Stempel drauftackern und das Ganze noch mit einem giftgrünen Post-It versehen, auf dem „Öko“ steht. Ich finde es nämlich ganz dufte, daß die moderne Medizin früher unheilbare Krankheiten oder Verletzungen ambulant und schmerzfrei zu versorgen weiß, und daß heute ein vernünftiger Mähdrescher in der gleichen Zeit die Arbeit von mehreren Dutzend Sensenmännern zu verrichten vermag, all sowas. Das alles abzuschaffen und hoffnungslos Kranke verrecken zu lassen, nur, damit wieder Arbeit für alle da ist (bzw. für alle Arbeit da ist), wäre Unsinn. Finde ich, jedenfalls – aber sicherlich (hoffentlich!) findet sich in Schlaraffia auch ein Domizil für den Armish geistesverwandte (bei der Revision fällt mir auf, daß das härter klingt, als es sollte, also unmißverständlicher ausgedrückt: Technologie nicht um jeden Preis und wer nicht will, der braucht nicht, soll aber auch nicht schimpfen).

a x i o m   L :
Immer mit der Ruhe, dann mit ‚nem Ruck.

h i n t e r g e d a n k e   d :
Ich habe keine Ahnung, wie sich das ganze Dingen organisieren und selbsterhalten soll, selbst – und insbesondere! – ohne Druck von außen, ohne herrschende Klasse und ohne Führer, der im Detail erklärt, wie das alles abzulaufen hat. Ich betone: das ist überhaupt nicht mein Job! Aber auch darüber wurde schon lang und breit hin- und hertheoretisiert, und wer wirklich ein Stichwort braucht, kann ja mal „Demarchie“ googeln oder „ParEcon“ oder „Anarchosyndikalismus“ oder „Räterepublik“ oder „Liquid Democracy“… oder sich eigene Gedanken machen und die Früchte seiner Bemühungen hier oder woanders zu Markte tragen.

a x i o m   M :
Achso, die Medien!

h y p o t h e s e   X I :
Ich stelle mir das so vor, daß nicht berichtet wird, was die Leute gerne hören wollen, damit sie die Zeitung kaufen, sondern, daß da auch mal ein paar unangenehme Wahrheiten drinstehen, Dinge von Belang und Bedeutung (die Dugarun sind kein gutes Beispiel, aber ich kann mir schon vorstellen, daß manch einem regelrecht krank um Herz und Magen wird, wenn er erfährt, daß er in einem Gefängnis lebt und all die Jahre nichts davon geahnt hat, das kann furchtbar traumatisierend sein – sorry! Aber da mußte ich auch durch. Harte Zeit. Das geht vorbei. Alles wird gut!). Zum Beispiel, es passiert irgendwo was – eine Dürre, ein Tsunami, ein Kometeneinschlag, weiß der Geier. Dann drucken wir da nicht die Fotos von den Leichenbergen ab und schreiben, wie schlimm das alles ist, sondern berichten, was die Leute vor Ort sagen, was sie jetzt gerade ganz unbedingt brauchen: unser Mitgefühl, unsere Gebete, warme Decken, Konservennahrung, um die nächsten 2 Wochen zu überstehen, 2500 Mann, die ranrauschen und beim Aufräumen und Wiederaufbau helfen und sich solange um die Kinder kümmern, wie die Eltern dabei sind, einander wiederzufinden – bitte melden unter http://www…. und da steht dann schon: yo, die Decken sind unterwegs, braucht sich keiner mehr zu kümmern, die Helfer sind auch schon fast alle da, wir brauchen noch Spezialisten für die Trinkwasseraufbereitung, und wenn ihr noch was tun wollt: betet. Danke für alles, Gott vergelt’s, wir können nämlich gerade nicht, aber irgendwann ist jeder mal dran…

a n t i t h e s e   1 :
Ja, aber – das kann nicht gehen! Das ist zwar alles sehr schön und gut durchdacht und furchtbar romantisch, aber der Mensch ist nunmal eben nicht so edel, hilfreich und gut. Er braucht ein Alphatier, dem er sich unterordnen kann, und wenn er keins findet, wird er sich selbst durchs Rudel beißen. Der Mensch ist egoistisch und eigensüchtig. Der Mensch ist primitiv und selbstbezogen, dumm und faul sowieso. Man sieht, was mit ihnen passiert, wenn man sie alleine läßt, in den Ghettos, Slums und Barrios, in den von Bierdämpfen und Tabakqualm durchseuchten Hartz-IV-Appartements selbst hier inmitten auf unserer Insel der relativen Glückseligkeit durch Wohlstand und Sicherheit. So sieht Anarchie aus: Gewalt, Niedertracht, Gesetzeslosigkeit, Faustrecht, Drogen und Mafias und Gangs und Zwangsprositution, Hunger und Kindersoldaten. Was ich mir da ausmale, hat nichts, nicht das Geringste mit der Realität zu tun. Wir müssen die Menschen nehmen, wie sie sind – andere haben wir nicht. Und sie beißen die Hand, die sie füttert, sie sind aggressiv und mordlüstern, manisch depressiv, suizidal, schizophren und ungebildet, dumpf und roh und zu keiner vernünftigen, verstandesmäßigen Übereinkunft fähig. Es würde ihnen gehen wie unseren Milchzuchtkühen, wenn man sie zum ersten Male auf eine echte Weide triebe: sie würden nach wenigen Minuten kollabieren, unfähig, selbst das saftigste Gras und die schmackhaftesten Kräuter zu verdauen, nachdem sie ihr Leben lang mit vorportionierter Hochleistungsmast vollgestopft wurden. Man hat sie doch aus den Ghettos umgesiedelt in schicke Neubauwohnungen, sieh, wie die Wohnungen und Viertel nach sechs Monaten aussahen! You can get the people out of the ghetto, but you can’t get the ghetto out of the people. Ich sollte es einsehen. Mein Wunschdenken, meine Phantasie, mein Idealismus, mein Eifer für Freiheit, Gerechtigkeit, Liebe und Frieden und Fortschritt und Maoam für alle in hohen Ehren, aber es wäre besser, ich suchte mir einen Job und eine Frau oder eine Katze oder alles drei und würde mich damit abfinden, daß ich mich irgendwie einfinden muß in dieses System – ob es mir gefällt oder nicht, Ideale, Moral, Leidenschaften und Gewissen hin oder her.

So oder so ähnlich hat mir ein guter Bekannter, ein Freund sozusagen, zugesprochen, glaubte, mein Weltgebäude im Fundament erschüttert zu haben. Komisch, die Phase des Misanthropismus habe ich lange hinter mir geglaubt, doch da packte es mich wieder, die unbändige Lust, einfach zu resignieren, drauf zu scheißen und mit schallendem Gelächter von der nächsten Eisenbahnbrücke zu springen (sie war nicht weit).

Der Gedanke verflog schnell genug, mich hier nun diese Zeilen schreiben zu lassen. Ich bin Berufsoptimist :-)

Und ich bin auch nicht zum Frisör gegangen und habe mich dann für eine kaufmännische Lehre bei der Commerzbank angestellt oder begonnen, mich irgendwie total exaltiert (exaltierter als sonst) zu verhalten und irgendwelchen Kommerzpopscheiß zu produzieren, um schnellstmöglich reich und berühmt zu werden, sondern gleich die nächsten drei verquer schrägschönen GameBoy-Tracks fürs fünfte SorgenFreu-Album klargemacht. Vollkommen nicht grundlos mögt Ihr grübeln, warum es mich nicht längst darniedergerafft hat, ich nicht Zuflucht in Drogen, Sucht, Einsamkeit und morbid-sadistischen Amoklaufphantasien suche.

Ich habe das Paradies gesehen, nein, sagen wir, eine Vorstellung davon bekommen, wie es sein könnte in einer Welt, wie ich sie versuche, Euch zu verkaufen.

„Eine Vision! Der Geist ist in ihn gefahren, seht, er spricht!“ geht ein Raunen durch die Menge.

Nenene, ist viel banaler.

Sicherlich habt Ihr schon von den Zeugen Jehovas gehört, vielleicht sogar irgendwie am Rande oder durch einen kleinen Nebensatz mitbekommen, daß ich die Schulung und Erziehung der „Ernsthaften Bibelforscher“ im wahrsten Wortsinne mit der Muttermilch aufgenommen habe. Dies ist weder die Zeit, darin die Ursache für meine seelischen Leiden und psychischen Nöte zu verorten noch der Ort, um über die Inhalte der Lehren zu debattieren, über ihre totalitäre Herrschaftsstruktur und den alleinigen Wahrheitsanspruch oder darüber, daß die echt die Frechheit besitzen, einen jedes halbe Jahr am Ausschlafesamstag um acht Uhr morgens aus dem Bett zu klingeln, um einem ein Gespräch über die Bibel aufzudrängen, denn ich möchte auf etwas anderes hinaus.

Denn nicht nur meinen militanten Pazifismus und die Skepsis gegenüber dem Schulwissen und unseren Weltenlenkern (und einen gesunden Schuß Paranoia) habe ich der Indoktrination mit „Wachturm“ und „Erwachet!“ zu verdanken, sondern auch, daß ich Utopia in Aktion sehen durfte.

Damit meine ich nicht etwa die leicht als selbstgefällige Propaganda abzutuenden Berichte über die Blitzhilfe, die sie sich gegenseitig und ihren Nachbarn in Katastrophenfällen zuteil werden lassen. Seeing is believing, und ich habe immerhin fast zwanzig Jahre lang keinen Bezirkskongress verpasst (das sind die Dinger, wo sie mit über 10.000 Mann ein Fußballstadion für’s Wochenende anmieten und sich von ausgesuchten Rednern erklären lassen, daß ein unbegreiflich mächtiges Geistwesen zu gegebener Stunde schon klar Schiff machen wird an Bord von Terra Titanic, um das komplette Stadion hinterher im blitzeblanken Zustand wieder abzugeben), und ich war dabei, als unsere kleine Versammlung aus einem kleinen, muffigen, ölofenbeheizten Kellerloch umgezogen ist in den neuen Königreichssaal. Das besondere daran ist, daß dieser erst gebaut werden mußte. Aus allen Nachbarversammlungen kamen sie rangerauscht und packten mit an. Erst wurde das Fundament gegossen, dann wurde ein Gerüst drumrumgebaut, dann das Dach, dann kam ein Kran, hat das Dach hochgehoben und der Rest vom Haus wurde druntergestellt (ein bisschen wie im Ostfriesenwitz). Das ganze innerhalb von ein bis zwei Hauptbauwochenenden. Hinterher wurde freilich noch tapeziert und die WCs gefliest und Geranien gepflanzt, aber da waren die LKWs, Baumaschinen und der Kran schon längst beim nächsten Bau. And here cometh the kicker: keiner hat auch nur einen Pfennig (war noch zu DM-Zeiten) Geld gesehen für seine Arbeit, im Gegenteil, das ganze Projekt wurde mit Spenden gewuppt – Kinder waren dabei, Frauen, Männer, Greise, Krüppel. Arme, Reiche, Schlaue, Dumme. Und bevor jemand schlechte Witze macht: ja, das Haus steht noch, wenn Ihr mal durch die Goldene Mark kommt, macht einen Abstecher über Obernfeld und guckt Euch das Ding an. Sehr schön. Nur das Interieur ist für meinen Geschmack zu altrosa geraten.

Ich war da, als der eiserne Vorhang fiel und die Brüder und Schwestern aus dem wildesten und entferntesten Osten angereist kamen in unsere Grenzkleinstadt, um zum ersten Mal in ihrem Leben einer Versammlung in Freiheit und ohne Angst vor Verfolgung (das Predigtwerk war im Ostblock böse verboten) beizuwohnen.

Inwieweit hier ideologischer Hirnfick und der Veitstanz um die Heiligkeit des Blutes eine Rolle spielt, soll Bestandteil einer anderen Diskussion sein; sofort will ich entgegenhalten: lieber konstruktiven und freiwilligen Hirnfick als destruktiven erzwungen Hirnfick, der die Menschen dazu bringt, sich gegenseitig über den Haufen zu ballern oder am langen Arm verhungern zu lassen.

Ich will nach wie vor auf was anderes hinaus: das mag nur ein Beispiel sein, doch es hat System, das sich überall auf der Welt tagtäglich aufs Neue beobachten läßt, in immer anderen Ausformungen. Was ihnen gemein ist: da steht keiner mit der Peitsche und brüllt „mach jetzt“, sondern alle, die mit anpacken, tun es aus freien Stücken und aus Freude an der Sache, aus tiefster und innerster Überzeugung, daß da was draus werden kann mit Hand und Fuß. Und weil nicht jeder Profi ist, hört er auf das, was diejenigen, die seit Jahren nichts anderes machen, zu sagen hat (die „Ältesten“ hatten beim Saalbau nicht viel zu melden, die eigens angereisten Bauleiter haben Kraft ihrer Autorität durch Wissen und Erfahrung einen weitesgehend reibungsfreien Ablauf gewährleistet. Jeder Baukonzernchef hätte sicher die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen ob des dilettantischen Gestümpers, das wir vermutlich ab und zu an den Tag gelegt haben (wir hatten beispielsweise einen, der kam mit seiner Schublade voll Kies nicht über die Planke und hat alles im Graben versemmelt) – so what? Wir hatten die Manpower, das in Windeseile wieder geradezubiegen, und so schnell baut den Zeugen keiner ein Haus nach). Wir sind altruistische Gemeinschaftswesen. Wie sonst ließe sich erklären, daß Chaos-Projekte wie die unter der GNU-Lizenz – Linux, OpenOffice oder Wikipedia – tatsächlich irgendwann gangbare Produkte auf den Markt bringen können, daß manche Leute Stunden, wenn nicht Tage ihres Lebens darauf verwenden, irgendetwas schickes ins Netz zu stellen, um anderen eine unentgeltliche Freude zu machen, daß ein riesengroßer Teil der in Deutschland verrichteten Arbeit keine sozialversicherungspflichtige, sondern ehrenamtliche ist?

Daraus, d.h., aus persönlichem Erleben, aus Erfahrung, nicht aus irgendwelchen weltentrückten Träumereien, schöpfe ich die Hoffnung, daß man sowas in der Art auf globaler Ebene in die Wege leiten könnte – nur halt ohne den ganzen konfessionellen und weltanschaulichen Hokuspokus und ohne psychologische Folterinstrumenten wie Schuld und Scham, einzig auf Basis eines Minimalkonsens- (wie bildet man in diesem Falle des Genitivs?) – der besseren Welt zum Beispiel – und einem einzigen, hochheiligen Gebot: der Liebe.

Und jetzt komme mir einer mit Ja-aber-Gelaber.

So, damit endet die Reihe „Zur Zeit“. Ich hoffe, dieser kleine Exkurs ist Euch nicht allzu langweilig geraten und der ein oder andere Gag konnte über das ganze andere wirre und ungeordnete Zeug hinwegtrösten. Normalerweise käme hier noch so’n „call to action“, aber Ihr werdet schon wissen, was zu tun ist, wenn es Euch frenetisch mit den Armen wedelnd entgegengehoppelt kommt ;-)

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