Also schön, WikiLeaks.
Zum ersten Mal habe ich den Laden bewusst wahrgenommen, als er den berühmten Feldjägerbericht zum Luftschlag von Kunduz veröffentlichte. Das fand ich damals gut, denn es ermöglichte in einer wie üblich völlig realitätsentkoppelten Debatte jedem einen Blick auf die Fakten, und trug damit zur Versachlichung bei. Ich persönlich hatte schon vorher plädiert, das Ding einfach von Amts wegen zu veröffentlichen (Alibierklärung: Ich war aber nicht das Leck, und ich kann’s sogar beweisen – da die Dokumente im Anhang teilweise mit der “Datum bei Druck automatisch einfügen” Funktion von Word erstellt worden sind, ist klar, dass die WikiLeaks-Version mehrere Tage erstellt worden ist, bevor es bei uns auf die Tische kam; mit anderen Worten, das Leck saß offenbar im Verteidigungsministerium selbst, was einen bei dieser Schlangengrube nicht weiter überrascht). Dabei hätte ich zwar die Namen und vielleicht noch ein paar sicherheitsrelevante Details geschwärzt, aber so ist es eben: Wenn man mit notwendigen Informationen nicht selber aus dem Knick kommt, hat man keine Kontrolle, in welcher Form diese schließlich doch veröffentlicht werden.
Insofern stimme ich mit der WikiLeaks-Philosophie, dass viel zu viel eingestuft wird und durch Veröffentlichungen Druck zur Änderung dieser Praxis erzeugt werden solle, vollkommen überein. Allein alles, was mit der niedrigsten Stufe “Verschlusssache – Nur für den Dienstgebrauch” (die eigentlich gar keine Geheimstufe im Sinne unserer Geheimschutzordnung ist) klassifiziert wird, könnte genauso gut gleich CC an die Presseagenturen gehen. Das steht schließlich auf jedem verdammten Dokument, mit dem in den letzten Jahrzehnten jeder verdammte Wehrpflichtige umgegangen ist, und auf das jeder verdammte Praktikant in jeder verdammten Behörde Zugriff hat. Spätestens wenn den Regeln nach in öffentlicher Sitzung des Kunduz-Untersuchungsausschusses den Zeugen keine Vorhaltungen aus Presseberichten gemacht werden können, die ihrerseits aus VS-NfD-Dokumenten zitieren, wird’s albern. Deswegen kümmert sich gemeinhin auch keiner darum, obwohl die Presse es liebt, den vielfach völlig banalen Inhalt (”Ooooh, der Tagesdienstplan der Hühnerficker-Ausbildungskompanie 802!”) mit Donnerhall als “Geheimsache” zu verkaufen.
Die Kehrseite dessen ist nämlich, dass das völlig Banale zum Sensationellen hochgekocht wird, wie “Cablegate” schön anschaulich zeigt. Angela Merkel wenig kreativ, aber in Verhandlungen hartnäckig? Guido Westerwelle arrogant, aber ahnungslos? Mein Gott, das ist ja unglaublich! Die arabischen Golfstaaten haben mehr Probleme mit Iran als mit Israel? Iran liefert Waffen an die Hisbollah? Nordkorea liefert Waffen an Iran? Die Chinesen haben den Kanal voll von Nordkoreas Spielchen? Stoppt die Pressen! Es ist schließlich nicht so, dass das nicht seit Jahren in offenen Quellen zu lesen wäre. Aber selbstverständlich weiß jeder WikiLeaks-Anhänger, dass alle Berichte von Regierungen und Mainstream-Medien mit dem Ziel der globalen bösartigen Volksverdummung gelogen sind. Steht dagegen das exakt selbe bei WikiLeaks, ist es natürlich die heilige Wahrheit und deckt die Lügen der Herrschenden auf. Klar soweit?
Im Übrigen erreichte meine Sympathie für WikiLeaks mit der Veröffentlichung des “Collateral Murder”-Videos schlagartig den Nullpunkt. Statt neutraler Veröffentlichung enthüllungsbedürftiger Geheimnisse war hier nämlich ein Stück manipulativen Agitprops mit klarer Stoßrichtung zu besichtigen, das sich nicht nur auf einen redaktionellen Standpunkt stellte, sondern auch gezielt Kontext unterschlug und dem Publikum hilfreich vorgab, was es zu denken habe. Ich habe mein Berufsleben zwar selbst als Journalist begonnen, aber: Wenn ich in einer Stadt, in der wegen schwerer Gefechte Ausgangssperre herrscht, mit einer Gruppe Bewaffneter herumlaufe (und sei es zu meinem Schutz) und ein langes Objektiv auf Truppen richte, die eine Straße weiter bereits unter Feuer stehen – dann ist das zwar mein Job, aber dann muss ich immer auch damit rechnen, dass ich von jemandem zersiebt werde, der kein Risiko für diese Truppen eingehen will. Es wäre nämlich nicht das erste Mal.
Das kümmerte natürlich die Macher des Streifens nicht, die als Serviceleistung für den Rezipienten fein säuberlich Kreise, Pfeile und Beschriftungen einblenden: Das hier sind die beiden Reporter, was die Hubschrauberbesatzung hier für eine RPG hält ist in Wirklichkeit eine Kamera, die fünf Pixel hier im Seitenfenster des Kleinbusses sind Kinder, und das hätte die Besatzung in dieser Situation auf ihren Monitoren erkennen müssen. Damit das gewünschte Bild klarer wird, lassen wir mal den zu hörenden Funkverkehr der kämpfenden Bodentruppen um die Ecke bei den Texteinblendungen weg, und das die Aufständischen solche Kleinbusse für das Absetzen und Wiederaufnehmen ihrer Kämpfer benutzen, tut hier nichts zur Sache. Was gerade den Beschuss dieses Fahrzeugs nicht schöner macht, aber wer die Kommentare der Besatzung dazu anprangert, sollte sich lieber nicht Videos mit den Unterhaltungen von Chirurgen bei Operationen anschauen. Der Schutzmechanismus der Seele, sich bei andauernder Erfahrung von Tod und Verletzung hinter zynische Sprüche zurückzuziehen, ist ja nicht auf vom Krieg abgestumpfte Soldaten beschränkt.
Die Nonchalance, mit der bei der nachfolgenden Veröffentlichung der Dokumente aus dem Irak und Afghanistan über die Sicherheit der lokalen Quellen hinweggegangen wurde, verfestigte den bestehenden Eindruck lediglich. Natürlich erklärte Julian Assange dazu, es sei noch nie jemand nachweislich durch WikiLeaks zu Schaden gekommen, aber seine diesbezüglichen Aussagen sind offenbar davon abhängig, wie sein Gefühl der eigenen Wichtigkeit an diesem Tag gerade ausfällt. Denn er hat ja auch schon mal bezüglich der Veröffentlichung von Dokumenten über die kenianische Regierung erläutert:
The leak exposed massive corruption by Daniel Arap Moi, and the Kenyan people sat up and took notice. In the ensuing elections, in which corruption became a major issue, violence swept the country. “1,300 people were eventually killed, and 350,000 were displaced. That was a result of our leak,” says Assange. It’s a chilling statistic, but then he states: “On the other hand, the Kenyan people had a right to that information and 40,000 children a year die of malaria in Kenya. And many more die of money being pulled out of Kenya, and as a result of the Kenyan shilling being debased.”
Natürlich, alles ist relativ, es sterben schließlich auch 500 mal so viele Deutsche bei Verkehrsunfällen wie in Afghanistan; das Wohl der Sache steht über dem Leben des Einzelnen, wo gehobelt wird fallen Späne, und wie mein Professor für Internationale Beziehungen mal sagte: Zur Durchsetzung von Politik muss man manchmal vielleicht auch einen kleinen Luftangriff fliegen. Dem würde ich unter dem Vorbehalt der Prüfung im Einzelfall auch allem zustimmen; abgesehen von der Chuzpe, mit der er hier die Urheberschaft für die Unruhen in Kenia für sich reklamiert, müsste man mir nur mal erklären, wo dann der Unterschied zwischen WikiLeaks und der Politik liegt, die Assange kritisiert. Und wenn man bei den Großen mitspielen will, gelten die gleichen Regeln auch für einen selbst.
Bizarr also, wenn der Julian den Daniel anmacht, weil letzterer interne WikiLeaks-Chat veröffentlicht; noch bizarrer, wenn er ihm mit rechtlichen Schritten droht, weil er WikiLeaks Dokumente geklaut habe, die andere vorher für WikiLeaks geklaut haben. Und wieder sehen wir, dass das Handeln politischer Akteure wesentlich vom Menschlich-Persönlichen bestimmt wird. Schließlich verwenden wir in unserem Laden 90 Prozent der Zeit und Energie nicht auf Inhalte, sondern auf Hahnenkämpfe und Stutenbisse; warum soll es dem politischen Akteur WikiLeaks da besser gehen, zumal Assanges Narzissmus mit Tendenz zu Größenwahn und Paranoia für jeden ersichtlich ist, der mal ein Interview mit ihm gesehen hat. Das macht es ja auch so naheliegend, dass er es für selbstverständlich hält, wenn sich ihm von der Brillianz seiner Persönlichkeit angezogene Frauen an den Hals werfen, wobei ihre Wünsche im Detail nicht weiter wichtig sind.
Dass die konkreten “Vergewaltigungs”-Vorwürfe natürlich nur von dem schwedisches Gesetz gewordenen Gipfel der political correctness aus gesehen Sinn machen, braucht nicht debattiert zu werden. Es ist ironisch, dass der selbsternannte Weltverbesserer Assange ausgerechnet in die justiziellen Mühlen des selbsternannten Weltverbesserers Schweden gerät. Seine Anhänger wissen dabei je nach persönlicher Weltsicht selbstverständlich genau, dass seine Anklägerinnen a) männerhassende linke Radikalfeministinnen, b) gekaufte Prostituierte oder c) von der CIA angesetzt sind, weil die Gleichstellungsbeauftragte in lateinamerikanischer Politik macht und mal auf einer Veranstaltung von Exilkubanern war. Wobei jeder Nachrichtendienst mit einem Funken Selbstachtung Assange wohl eine minderjährige Cracknutte untergejubelt hätte, um ihn nach Applikation entsprechender Tatspuren wegen echter Vergewaltigung dranzukriegen. Dagegen ist die linksfeministische CIA-Gleichstellungsprostituierte mit ihrem geplatzten Kondom schon ziemlich arm.
Aber die entsprechenden Leute glauben ja offensichtlich auch, dass sich Schweden zu solch schmutzigen Tricks willentlich von den USA einspannen ließe. Siehe hierzu oben unter “selbsternannte Weltverbesserer” – wenn es jemanden gibt, der in seinem Selbstbild als aufgeklärter Gegenentwurf zur Cowboy-Politik amerikanischen Zuschnitts schlimmer ist als die Deutschen, sind das auf jeden Fall die Schweden. Zumindest sorgt das Ganze für Unterhaltung, Assange kann in der Aufmerksamkeit baden, die Medien kriegen ihre Schlagzeilen, das Netz brummt vor Solidarität und Verschwörungstheorien, und alle sind glücklich. Und alles, ohne dass WikiLeaks im letzten Jahr eine einzige umwerfende Enthüllung veröffentlicht hätte. Geniales Marketing!
Immerhin – die Bewegung zu mehr Transparenz in der deutschen Politik ist zumindest in meinem Fachgebiet real und messbar. Noch in der letzten Legislaturperiode mochte man der Öffentlichkeit beispielsweise die Realität in Afghanistan nicht zumuten, weil man Angst vor der Reaktion des Wählers hatte. Ich war damals schon der Meinung, dass der Wähler durchaus in der Lage ist, mit der Realität umzugehen, wenn man sie ihm denn ehrlich präsentiert, und sich vom Drumherumreden eher verkackeiert fühlt. Die klare Sprache und offensive Öffentlichkeitsarbeit der letzten 18 Monate scheinen das zu bestätigen. Ganz neu ist, dass die wöchentliche Unterrichtung des Parlaments zur Lage in den Einsatzgebieten jeweils einige Tage später in abgespeckter Form auf der Website der Bundeswehr eingestellt wird. Bis auf die tabellarischen Übersichten der Missionsstärken, der Austauschkräfte und der Gesamtzahlen der Sicherheitsvorfälle sowie die lokalen Gefahrenstufen in Afghanistan ist das genau dasselbe, was bei uns jeden Freitag auf dem Tisch landet. Tja, der Herr zu Googleberg, der kennt sich eben aus mit dem Netz.
Aber das, liebe Kinder, ist eine andere Geschichte.