Zum Jubiläum

Dugarun

Es mag morbide erscheinen, keinesfalls wäre es aber zusammenhangslos, anlässlich des 10. einen Mann vom Fach zu Wort kommen zu lassen.

Reichsarchitekt Albert Speer beschreibt in „Technik und Macht“ (Bechtle, 1979) seine (er betont, daß sie nicht von Hitler stammt) Theorie vom Ruinenwert. Und zwar habe er

einmal gesehen, wie die Trümmer einer Straßenbahnhalle in Nürnberg – aus Eisen und Beton konstruiert – herumlagen. Welch unansehnlichen Eindruck machte diese Trümmerstätte. In diesem Augenblick kam mir der Gedanke, daß man unsere Großbauten nicht in Stahlbeton bauen dürfe, sondern an die Baumethoden der Antike anknüpfen müßte, damit diese Bauwerke auch noch als Ruine ansehnlich sind. Ich habe meine Idee dann weiter zu untermauern versucht und eine, leider verlorengegangene, große Zeichnung vom Zeppelinfeld in Nürnberg anfertigen lassen, wie es als Ruine mit Efeu bewachsen aussehen könnte.

Manche empfanden es als Sakrileg, davon auszugehen, das Tausendjährige Reich würde nicht mindestens ewig, wenn nicht sogar länger, bestehen. Hitler selbst indes ist voll auf die Idee abgefahren und nannte später die bereits vollendeten Bauten in einem Atemzug mit den Monumenten und Weltwundern der Weltgeschichte; sah sie eingefügt „im ewigen Schatz der Kunst“.

Die ganze Idee der Unvergänglichkeit hat um ’45 rum einen empfindlichen Dämpfer bekommen.  Ging man deshalb so pragmatisch vor, als man wenige Jahrzehnte später anderswo seine Superlative in die Geschichtsbücher der Architektur gemeisselt hat? „Hm, wie sieht das wohl als Ruine aus?“ – „Scheißegal, wir bauen die Türme sowieso so, daß sich das ganze Gezumpel auf Knopfdruck von ganz allein fein säuberlich zusammenfaltet und am Stück wegtragen läßt.“ – „Achso!“

Die Wegwerfgesellschaft macht selbst vor Jahrhundertbauten nicht halt.

Doch halt, was ist das?


hanger 17 pearl harbour again hat gut dokumentiert, aus welchem Stahl die Türme geschmiedet waren. Irgendwo, irgendwann zwischen all der Panik, dem Terror, dem Schockzustand, dem Schmerz, dem Entsetzen all der Bilder, die heute wahrscheinlich den ganzen Tag im TV rauf- und runterlaufen, der verzweifelten Suche nach Überlebenden in dem Trümmerberg, dann der Trauer und den Aufrufen zu schnellst- und strengstmöglicher Strafzufuhr, der Verbringung des Metalls zum nächstbesten Lumpensammler und schließlich der Einlagerung einiger weniger Trümmerteile im Museum hatte irgendwer Zeit und Muße, Reliquien en gros aus den Trägern zu schnitzen.

Hätte man auf Speer gehört, hätten die Flugzeuge buchstäblich auf Granit gebissen. Oder zumindest könnte man noch sein „I was here“ hineinritzen. War doch nicht alles schlecht damals – apropos damals, als wir anfingen, Mobiltelefone spazierenzutragen und im Internet rumzuklicken…

Wir sprachen vorhin über den Entpersönlichungsprozeß, den Hitlers Bauten durch ihre Überdimensionierung, durch ihre nicht an die menschlichen Maßstäbe gebundenen Größenordnungen eingeleitet haben. Diese Entpersönlichung des einzelnen im totalitären Staat, der keinerlei Kritik an den großen Gegebenheiten zuläßt, breitet sich heute in den demokratischen Systemen immer weiter aus: Bürokratie und Technokratie befinden sich in einer nie zuvor gekannten Hochkonjunktur. Und ein Ende ist nicht abzusehen.

Was wir am Beispiel der modernen Großbauten erleben, ist die absolute Vorherrschaft der Technik, die wiederum alle Persönlichkeitswerte des Menschen unterdrückt. Deshalb glaube ich auch nicht, daß die Gefahr eines „neuen Hitler“ irgendwo in der Welt akut besteht. Mir scheint viel eher, daß wir uns bereits auf dem Weg zu einer Diktatur der Technik oder der technologischen Mittel über den Menschen befinden. Darunter verstehe ich nicht nur unsere Abhängigkeit von der modernen Technik. Ich denke vielmehr an Faktoren, die auch zur Zeit der Diktatur Hitlers von entscheidender Bedeutung waren: etwa das Moment der Faszinantion. Gerade dieses Moment spielt heute wieder eine große Rolle, und zwar in Gestalt der suggestiven Wirkung, die von der Technik ausgeht, so daß wir glauben, ohne fortlaufend neue technologische Fortschritte nicht mehr existieren zu können. (ebd.)

Und wiedermal ist „die Welt nicht mehr die gleiche, wie sie vorher war“ – weil sie, wie sie ist, nicht bleiben kann.

Fotohandys, Digitalkameras im Etuiformat – die Zahl der Dokumente wäre heute ungleich höher und würde helfen, das „unbegreifbare“ (argh!) kollektiv zu verarbeiten (Loveparade) oder Lügengespinste auseinanderdröseln. Da ist nicht mehr mit mal eben ein paar Tankstellen abklappern und Überwachungsbänder einsammeln; fast ist es, als würde die mediale Aufrüstung einem Sicherheitsversprechen Folge leisten.

Die Erinnerung wird digitalisiert und im Netz archiviert – Wikipedia, Youtube, Facebook, Twitter, Flickr, Myspace (R.I.P.), Blogs und Websites, CD-ROM-Sammlungen und Festplattenstapel. Was, wenn…?

Heutzutage reicht ein Teppichmesser, um ein Hochhaus abzureißen und das System empfindlich zu lähmen.

Aber auf die kleinen USB-Festplatten passt einiges drauf, vielleicht gut verpacken in einer Metallschachtel (Faraday und Mikrowellen und Satelliten und so) und für gleichmäßige Temperierung sorgen (tief vergraben) – reicht doch, wenn’s für ein paar Jahre hält. Was soll die Nachwelt denken, wenn über unseren Monumenten der Efeu rankt? Man kann nie paranoid genug sein.

6 Kommentare

6 Kommentare

  1. BansheeOne  •  Sep 12, 2011 @10:23

    Als jemand, der in einem offenbar von Grand Moff Tarkin entworfenen Repräsentationsbau des deutschen Regierungssystems arbeitet (welcher sich zudem ob des sandigen Berliner Bodens gemächlich neigt, was zu gelegentlichen Abstürzen von Scheiben dieser tollen gläsernen Fahrstuhlschächte aus dem fünften Stock in die Todesstern-Wandelhalle führt), kann ich Albert da nur zustimmen. Dieses ganze architektonisch umgesetzte Konzept transparenter Demokratie ist ja ganz nett, nur an die täglichen Nutzer wurde bei der Auslegung offenbar nicht gedacht.

    Apropos Pfusch am Bau: Sieben Tonnen Stahl aus dem World Trade Center wurden umgeschmolzen und beim Bau des amphibischen Landungsschiffs USS New York verwendet. Das ist sehr schön symbolisch, wird aber dadurch beeinträchtigt, dass der Kahn nach seiner Seeerprobung wieder zurück ins Dock musste, weil die Lager der Antriebsdiesel gleich mal den Geist aufgegeben hatten. Was aber vermutlich nicht am Recycling-Material lag, das im Bug eingebaut wurde.

  2. Akareyon  •  Sep 12, 2011 @12:22

    …ist ja auch gar nicht symbolträchtig, das Repräsentationsgebäude einer Republik auf Sand zu bauen (hallo?!? Liest denn heutzutage keiner mehr die Bibel?), damit man ihm schön transparent bei der sukzessiven Selbstdemontage zuschauen kann :-)

    Apropos Symbolik: das erinnert mich daran, daß wohl die Hohlräume der Säulen unserer Sakralbauten (Dom zu Köln, Nôtre Dame de Paris) mit Bauschrott und Unrat aufgefüllt worden sein sollen… immerhin, die stehen schon ein paar hundert Jahre rum und haben ihren psychologischen Effekt lange Zeit erfüllt: das gläubige Individuum findet Zuflucht in der prächtigen, dem Himmel zustrebenden Burg des Herrn, im reichen Schoß der Mutter Kirche.

    Speer schreibt hingegen, ein einfacher Bauer vom Lande, zu Besuch in der Reichshauptstadt, sollte beim Betreten der Großen Halle „von ihrem Eindruck einfach zerschmettert“ werden, „mit dem Ziel, den Menschen einzuordnen, unterzuordnen, seine Persönlichkeit zu eliminieren“.

    Die Aussichtsplattform des WTC wiederum als „Top Of The World“ zu vermarkten, spricht Bände über die komplementäre Ideologie, den „American Way Of Life“, die Apotheose des Individuums nach Ayn Rand und den darauf fußenden Neoliberalismus nach Friedman: jeder Einzelne kann es „ganz nach oben“ schaffen.

    Meine Überlegung ist jetzt: darf man nur die Architektur des Auenlandes als wahrhaft demokratisch bezeichnen?

    Nettes Bild übrigens, habe bildlich vor Augen, wie Du morgens den Imperialen Marsch trällernd zur Arbeit kommst…

  3. BansheeOne  •  Sep 12, 2011 @13:45

    Auf jeden Fall habe ich mit meinem Vorgänger im Amt verabredet, dass wir uns den Imperialen Marsch als Teil der Serenade wünschen, falls jemals einer von uns mit einem Großen Zapfenstreich verabschiedet werden sollte. Das passt einfach zum ganzen Setting mit Wachbataillon und Stabsmusikkorps, jedenfalls besser als „I Did It My Way“ für Gerhard Schröder oder „Smoke On The Water“ für KT zu Guttenberg.

    Apropos Ayn Rand, während die Dame selbst von getreuen Jüngern als schwer leserlich eingeschätzt wird, gibt es ja seit einiger Zeit den ersten Teil einer mutmaßlichen Trilogie als Verfilmung von „Atlas Shrugged“. Der wiederum von getreuen Jüngern als nicht besonders gelungen eingeschätzt wird, aber vielleicht kann man sich den Schmonzes ja auf diesem Wege mal geben.

  4. Akareyon  •  Sep 12, 2011 @14:44

    Solange Du nicht am „bring your kids to work day“ friedliebende Planeten von den Sternenkarten fegst, ängstigen solche Auswüchse des Nerdhumors mich nicht. Was muß geschehen – daß Du Bundeskanzler gewesen sein wirst oder daß Deine Doktorarbeit als Plagiat entlarvt wird? :-)

    „Atlas Shrugged“? Ich dachte, auf der Liste der zu verfilmenden Meisterwerke der misanthropischen Philosophiegeschichte wären erstmal Dantes „Commedia“, Machiavellis „Il Principe“, de Sades „Les instituteurs immoraux“ und Hitlers „Mein Kampf“ drangewesen…

  5. BansheeOne  •  Sep 12, 2011 @15:06

    Dafür müsste man mindestens General oder Staatssekretär im Verteidigungsministerium werden, was ich ehrlich gesagt für unwahrscheinlich halte. Jedenfalls bei mir, bei meinem alten Freund wäre ich mir zumindest was ein Staatssekretariat betrifft nicht so sicher.

    Und leider hat Sir Norman Foster den Superlaser verkehrtrum in die Reichstagskuppel eingebaut, insofern ist der einzige Planet in Schussrichtung die Erde selbst …

  6. Akareyon  •  Sep 12, 2011 @18:42

    …uiuiui, das ist ja doch ganz schön spooky in den Hallen der Macht. Du bist Dir auch ganz sicher, daß da keine kugelförmigen Droiden tiefschwarz schimmernd durch die Gänge segeln mit dem Auftrag, Dissidenten aus Regierungskreisen zum Informations- und Gedankenaustausch mit dem Imp… mit der Republik zu ermutigen?

    Repräsentationsarchitektur, das waren hierzulande mal ein paar Sitzsteine rund um eine Buche…

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