Besetzt!

Dugarun

Irgendwie haben diese Filmheldinnen ja was, die irgendwann im Laufe des Plots ihren Widersachern hilflos ausgeliefert sind. Ikonisch: Prinzessin Leia Organa als politische Gefangene Darth Vaders in “Star Wars – A New Hope” und als Tanzsklavin von Jabba dem Hutt in “Star Wars – Return of the Jedi”. Intensiv: Evelyn Salt in “Salt”. Fast schon klassisch: Hermione Granger in “Harry Potter and the Deathly Hallows”. Die Taarna-Episode in “Heavy Metal”  stimmt gar einen regelrechten Hymnus an die in Fesseln gelegte Kämpferin für die gerechte Sache an.

In diesem Sinne ein kleines heiteres Filmeraten:

Occupy Eugene

Foto: Chris Pietsch / cryptome.org

Aus welchem Film mag dieser Ausschnitt stammen? Und wie lautet erst der Plot dazu, wenn es zwei Polizisten braucht, das Mädel abzuführen, bzw. an den auf dem Rücken gefesselten Armen über die Straße zu schleifen? Klar ist, daß sie – wenn sie auch auf den ersten Blick recht harmlos aussehen mag – es faustdick hinter den Ohren haben muß und sicherlich verdammt gefährlich ist. Im Hintergrund ist der Eingang zu einer Filiale der Chase Bank zu sehen. Handelt es sich vielleicht um eine Bankräuberin? Eine Spezialagentin? Dafür sieht sie noch recht jung aus. Woher dieser entschlossen-stoische Gesichtsausdruck? Und wer garantiert, daß sie nicht gleich mit einem einzigen Karate-Trick alle drei Cops gleichzeitig ausschaltet und aus dem Bild flieht? Wann kommt der Streifen in die Kinos?

Der Film: die Realität, Unterkapitel: die Occupy-Bewegung. Der Plot: 99% der Weltbevölkerung müssen unter der Knute einer kleinen Elite leiden, die sich mithilfe der Regierungen an der Produktivität der arbeitenden Bevölkerung auf Kosten von Natur, Umwelt und Gesellschaft in abstoßerregendem Ausmaße bereichert haben. Nur eine Handvoll von Widerständlern leistet zivilen Ungehorsam, beruft sich auf das Recht auf Versammlungsfreiheit und freie Rede und besetzt – wie die Vorbilder der Revolutionen in Kairo und anderen Städten, die 2011 vom “arabischen Frühling” gestreift wurden, und wie die Protestbewegung in Spanien  – öffentliche Plätze, um ihren Unmut über die globalen Verhältnisse zu bekunden.

Fast Forward: Eugene, Oregon, am 17. November 2011. Unsere Heldin wird zusammen mit 16 weiteren Demonstranten verhaftet, nachdem sie den Eingang einer Bank besetzt haben.

Damit sollte sich die emotionale Wirkung des Bildes eigentlich in Wohlgefallen auflösen. Es ist davon auszugehen, daß das sture Gör mehrmaligen Aufforderungen seitens der Polizei, den Platz zu räumen, nicht nachgekommen ist, und offensichtlich haben die Polizeibeamten keine andere Wahl, als das verzogene Blag auf diese Weise wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt in Gewahrsam zu nehmen, wenn sie sich weigert, auf ihren eigenen Füßen zu gehen – und stattdessen die Beine anzieht, um eine “würdigere” Verhaftung (wie im Falle von Naomi Wolf) zu verunmöglichen.

Und damit wird ein weiteres Problem der Occupy-Protestler offensichtlich: sie berufen sich auf die unantastbaren Werte der demokratischen Grundordnung (wie das Recht auf Versammlungsfreiheit), stellen in ihrer Arroganz und ideologischen Verblendung jedoch ihre “gute Sache” über die Anweisungen der Ordnungshüter, die zur Durchsetzung eben dieser Ordnung ausgebildet, befähigt und von demokratischen Institutionen legitimiert wurden, um dann medienwirksam rumzuplärren, wenn das Ende der Party aufgrund unhaltbarer hygienischer Zustände und Nichtbefolgung der Ordnungsanweisungen der Polizei ausgerufen wird, wie in New York im Zusammenhang mit Occupy Wall Street durch den Bürgermeister Bloomberg geschehen. Geschieht ihnen ganz recht!

“Ein weiteres Problem”? Das – mittlerweile zur Genüge debattierte – Hauptproblem der Bewegung ist nach wie vor, daß sie sich nicht artikulieren können. Was wollen die eigentlich? Kommunismus, Sozialismus, Anarchie? Abschaffung der Banken? Man fragt zehn Teilnehmer und erhält hundert Antworten. Wie soll man die denn bitteschön ernst nehmen? Eine Bewegung um der Bewegung willen? Was für eine Veränderung gibt es lautstark auf der Strasse zu fordern, die man nicht auch alle vier Jahre auf gesittete Weise per Kreuz an der Wahlurne bestellen kann, wie sich das für eine Demokratie gehört?

Anstatt öffentliche Parks und Anlagen in Beschlag zu nehmen und vor Bankfilialen herumzulungern, täten die “Empörten” sich selbst und der Gesellschaft einen größeren Gefallen, wenn sie sich duschen, rasieren, kämmen und um einen Job bewerben würden. Dann kämen sie auch nicht auf die Idee, monatelang den Behörden auf der Nase rumzutanzen und dann abzufeiern, daß ausgerechnet Al Jazeera und RT von der Evakuierung des Camps berichten, während die einheimische Presse sich gar nicht erst für den führungslosen Chaotenhaufen interessiert. Klar, denn es gibt einfach wichtigeres in der Welt als ein paar unbelehrbare Späthippies mit ihren ewiggestrigen Träumereien von einer friedlichen Welt unter dem Banner des internationalen Kommunismus oder was auch immer.

Doch zurück zum heiteren Filmeraten:

Morpheus offering Neo two pills

Remember: all I'm offering is the truth (WB)

Klar, “The Matrix”. Morpheus hält seine Ansprache über die Wirkung der beiden Pillen – rote Pille: ausgestöpselt werden, schmerzhaftes Erwachen zu Erlöserdasein und Heldentum. Blaue Pille: weiter in einer miefigen Bude auf der Computertastatur schlummern, Drogen ticken, Anschiss vom Chef abholen, “believe whatever you want to believe”.

Bezeichnend indes: noch während er Neo beide Pillen hinhält, und just, da dieser sich nach der roten Pille ausstreckt, läßt er ihn mit einem “Remember!” innehalten und betont: All I’m offering is the truth…

“Die rote Pille” steht in der modernen Populärkultur seit über zehn Jahren für das Erweckungserlebnis aus einer immer unwirklicher werdenden Realität. So, wie der Film sich beim “Zauberer von Oz”, “Alice im Wunderland” und nicht zuletzt bei Platos Höhlengleichnis bedient, ist er selbst zur Parabel über eine Welt geworden, die ein Gefängnis für den Geist darstellt und aus der auszubrechen entweder unmöglich oder zumindest extrem schmerzhaft ist, so, wie auch manche “Befreite” aus Platos Höhlengleichnis das gleißende Sonnenlicht nicht ertragen und zurück in die Höhle flüchten, um sich weiter am Spiel der Schatten an der Wand zu ergötzen. Morpheus macht Neo jedoch klar, daß es in dieser Geschichte kein Zurück geben kann; zwar wird im späteren Verlauf ein anderer Held dieser Geschichte, Cypher, einen Versuch unternehmen, sich nachträglich die “blaue Pille” zu geben und alles zu vergessen – jedoch mit erwartbarem (Miß-)Erfolg.

Sein Bestreben, sein Bedauern, nicht die blaue Pille genommen zu haben, ist nachvollziehbar, denn die “Freiheit” ausserhalb des Gefängnisses ist viel gefahrenreicher und unangenehmer als das unspürbare und geruchsneutrale Gedankengefängnis der Matrix: mieses Essen, ein klappriges Schiff, durchgeknallte Eso-Freaks, Eifersüchteleien unter den Crewmitgliedern und die ständige Angst, vom “System” entdeckt und aufgebracht zu werden. Das hätte einem auch vorher mal gesagt werden können! Dann lieber über eine dicke Magensonde in der Speiseröhre mit den flüssigen Toten ernährt werden, um als menschliche Batterie den Rest des atrophierten Daseins in einem Schleimtank zu fristen und nichts von alledem mitbekommen…

Und damit zurück zu den Straßenbesetzern.

Es ist wichtig, im Hinterkopf zu behalten, daß es sich für viele – aus eingangs beschriebener Sicht – um einen unkoordinierten Sauhaufen handelt, der eigentlich gar nicht weiß, was er will, die öffentliche Ordnung stört und sich der Staatsgewalt widersetzt und sich demzufolge nicht nur eine – relativ harmlose – Ingewahrsamnahme wie die oben abgebildete damit rechtfertigen läßt; auch die großzügige Anwendung von Tränengas (in Eugene, anders als in New York und den meisten anderen Städten Amerikas, seit ’99 wegen des Einsatzes gegen eine Baumbesetzung bähbäh), Schlagstöcken, das Aufgebot von berittener Polizei und LRADs (“non-letale” Schallwaffen) gegen allzu bockige Störenfriede (Kinder, Greise, Behinderte) und die Inbeschlagnahme der “Volksbibliothek” findet mehr als nur verhaltenen Beifall auch auf Seiten jener, für die die “99%” zu sprechen glauben.

Hinzu kommt, daß selbst im Lager jener, die größere Schnittmengen mit den Ansichten und Forderungen der Bewegung teilen, die Skepsis groß ist: stecken vielleicht die Gewerkschaften oder die CIA dahinter? Was, wenn auch diese Revolution wieder von finsteren Mächten aus dem Hintergrund gesteuert wird, um, wie George Orwell es in “1984″ beschreibt, einfach nur die Führungsriege auszutauschen, sich also für die “Dritte Klasse” nur die Melodie ändert, nach der sie zu tanzen hat? Man kann nie paranoid genug sein.

Dann erst läßt sich erklären, warum all die Leute überhaupt an dem Zirkus teilnehmen, statt ihre Forderungen auf ein Blatt Papier zu schreiben und als Petition einzureichen. Adressat sind nämlich nicht die Spekulanten und die Polizei, auch nicht die Bänker oder die Regierung. Sie sind lediglich Erfüllungsgehilfen jener Gewaltpolitik und Vernichtungslogik, gegen die sich die Kritik der Bewegung richtet.

Adressaten sind wir.

Die weltweiten Proteste haben – wenn auch bisher nicht eine einzige Forderung erfüllt wurde – eines geleistet: sie haben die Ohnmacht der habend/herrschenden Klasse im Umgang mit dem friedlichen, doch entschlossenen und lautstarken Protest einiger weniger bloßgestellt und besonders das überhebliche Getue westlicher Nationen  dem Rest der Welt gegenüber in Sachen “Demokratie” und “Menschenrechte” als billige Dampfplauderei entlarvt. Die Mainstream-Medien haben sich mit ihrem süffisanten Unterton, Auslassungen und tendenziösen Halbwahrheiten als Hofberichterstatter und Show-Einheizer geoutet. Denn anders, als diese glauben machen wollen, sind die Forderungen der Bewegung doch relativ leicht zusammenzufassen: Liebe, Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit! Ganz so unverständlich sollte das nicht sein.

Natürlich geht es auch präziser. Nun wäre es unsinnig, die Forderungen (inoffizielle Liste) der US-amerikanischen Occupy-Bewegung ins Deutsche zu übersetzen; hier gibt es keinen “Patriot Act”, der abgeschafft werden könnte (abgesehen vom TBEG); 9-11 läßt sich von hier aus auch nicht neu untersuchen; es gibt hier kein Schuldendrucksystem wie die Federal Reserve Bank, von dem man sich mit einer läppischen Milliarde loskaufen könnte.

Doch auch hier gibt es eine enorme Arbeitslosenquote, prekär Beschäftigte und Überstundenzwang – Seit’ an Seit’! Auch hier entzieht sich die Ökonomie den Begrifflichkeiten und der Kontrolle der tatsächlichen Bedürfnisse derjenigen, denen der Markt doch eigentlich dienlich sein sollte und wollte. Auch hier, wie überall, verbarrikadiert sich die politische Klasse hinter Unausweichlichkeiten und blanker Alternativenarmut. Auch hier geben schon längst Großkonzerne die Melodie vor, die gespielt wird, auch hier wird mit Berufung auf zu verteidigende Menschenrechte für den nächsten Krieg gerüstet. Auch hier geht die Staatsgewalt mit unverhältnismässigen und quasi-militärischen Mitteln gegen den Protest von Kindern und Rentnern vor.

Wir, die Adressaten, lassen seit Jahren eine kleine Elite für uns über unsere Zukunft entscheiden, statt die Verantwortung dafür zu übernehmen, was mit unserer Umwelt geschieht, während wir uns in der Sicherheit wiegen, von fähigen und unabhängigen Experten beraten und regiert zu werden, aus Furcht davor, all die kleinen Annehmlichkeiten des Kapitalismus – fließend Wasser, elektrischer Strom, Internetzugang, billige Klamotten und das neue iPhone – zu verlieren, wenn wir uns für die Freiheit entscheiden und die “Anarchie” über uns hereinbricht. Nicht nur, daß wir dafür  billigend in Kauf nehmen, daß auch schonmal ein “robustes Mandat” die “Wirtschaftsinteressen” sichert, hochtoxischer Atommüll durch die Botanik gekarrt wird und das Mittelmeer für Tausende zum nassen Todesstreifen wird. Nicht nur, daß wir die Schuld für das Versagen eines korrupten Systems eher bei der Dummheit, Gier und Faulheit unserer Mitmenschen verorten als bei den Mechanismen, die mit aller psychologischer Gewalt den naturgegebenen Wissensdurst, den Gemeinschaftssinn und den Tatendrang schon im Vorschulalter zu unterdrücken versuchen.

Darüberhinaus müssen wir uns auch noch mit einem gerüttelten Maß an Zynismus wappnen und Spott und Hohn über die “Träumer” und “Berufsdemonstranten” ausschütten, die die Hoffnung auf eine friedlichere und gesündere Welt noch nicht aufgegeben haben und denen die Gesellschaft nicht anders zu begegnen weiß als mit Häme, Schikanen, Prügelei, blinder Zerstörungswut und Tränengas; die dennoch lieber das Risiko einer Verhaftung eingehen, als sich weiter aus Angst vor der Gewalt des Staates und desillusioniert von der Apathie derer, denen es noch zu gut geht, zu verkriechen und einfach aufzugeben, um die längst überfällige Revolution auch diesesmal an die nächste Generation weiterzudeligieren.

Rewind: Eugene, Oregon, am 17. November 2011. Die “Emerald City” in der Nähe von Springfield wurde von ihrem damaligen Bürgermeister bereits die “anarchistische Hauptstadt Amerikas” genannt. Vielleicht ist unsere Heldin also nur mit zur Bankbesetzung gegangen, weil sie einen von den Anarcho- Typen knuffig findet. Vielleicht hat sie auch teilgenommen aus tiefster, innerster Überzeugung, daß etwas geschehen muß und gerade dabei ist, zu geschehen; froh darüber, sich mit ähnlich und gleich Gesinnten austauschen zu können und nicht alleine protestieren zu müssen.

In diesem Falle wäre sie wirklich gefährlicher als jeder Bankräuber, denn sie hat eine Idee, einen Glauben, eine Hoffnung; und vielleicht läßt das angedeutete Lächeln erahnen, daß sie weiß, wie entblößt, schwach, verzagt, hilflos und ängstlich die Staats-Gewalt im Umgang mit einem 16jährigen Mädchen und seinen Idealen aussieht.

10 Kommentare

10 Kommentare

  1. BansheeOne  •  Dez 4, 2011 @14:55

    Letztlich ist die “Occupy”-Bewegung schlicht die jüngste populär gewordene Inkarnation der Vorstellung, dass eine sinistre Minderheit mit finanziellen Mitteln nicht nur Einfluss auf, sondern gleich das Ruder in der Politik übernimmt. Das ist eine Erscheinung der Moderne, die nicht auf ein bestimmtes politisches Lager beschränkt ist und daher in der aktuellen Form das beschrieben diffuse Erscheinungsbild aufweist. Interessanter Beitrag hierzu aus der “Jüdischen Allgemeinen”, obwohl der (das ist dem Medium geschuldet) seine Folgerungen auf den Antisemitismus verengt:

    Occupy-Bewegung

    Moneten und Mythen

    Manche Kritiker des Finanzsystems denken in simplen Mustern – und pflegen antisemitische Vorurteile

    27.10.2011 – von Samuel Salzborn

    Gegenüber politischen Bewegungen, die behaupten, 99 Prozent der Menschheit zu repräsentieren, ist immer Skepsis angebracht. Zu offensichtlich ist die Kollektivierung von Individualitäten, zu aufdringlich das Pathos der moralischen Empörung, der angeblich stimmenlosen Minderheit eine Stimme zu verleihen.

    So verhält es sich auch mit der jüngsten Protestbewegung, die unter dem Slogan »Occupy Wall Street« in Amerika und seit einigen Tagen mit Abwandlungen der Parole auch in Deutschland auf die Straße geht. Ein Prozent der Bevölkerung würde, so das eingängige und Empörung stiftende Schlagbild, 99 Prozent beherrschen und kontrollieren. Damit wird die Unterstellung lanciert, als faktische Mehrheit von einer Minderheit dominiert zu werden.

    [...]

    Personalisierung und Moralisierung von Kritik appellieren an ein Gesellschaftsverständnis, das abstrakte Strukturen nicht begreift, dafür aber konkrete Menschen in die Verantwortung für ein System nehmen möchte, das zugleich als anonym und unfassbar verklärt wird. Darin liegt bereits eine der großen Paradoxien der Antiglobalisierungsbewegung: Hinter einer ökonomischen Struktur anonymer Mächte (der Slogan von der »Macht der Finanzmärkte« spricht dies ganz offen an) wird nach konkret identifizierbaren Menschen gefahndet, die verantwortlich gemacht werden können.

    Affekt Der Banker, der Millionen »verzockt«, der auf Geldblasen setzende Börsenspekulant oder der entlassene Vorstandsvorsitzende mit Millionenabfindungen werden zum personifizierten Feindbild, auf das sich Wut abreagiert, die aus intellektueller Unfähigkeit resultiert, die Struktur der kapitalistischen Gesellschaft zu begreifen. Selbst die banale Erkenntnis, dass, wenn der eine etwas gewinnt, der andere etwas verlieren muss (weil Reichtum und Armut im Kapitalismus immer in einem relationalen Verhältnis stehen), scheint unmöglich. Statt die Struktur zu kritisieren, werden Personen in die Verantwortung genommen – der Verstand wird damit zugunsten des Affekts suspendiert.

    [...]

    Denklogik Die Ursache hierfür liegt in einer wahrgenommen Differenz zwischen Abstraktem und Konkretem. Das Abstrakte wird in der kapitalistischen Gesellschaft von den Globalisierungsgegnern verteufelt: das Geld, die Aktien, der »künstliche« Profit, das Finanzkapital. Hingegen wird das Konkrete glorifiziert: die »ehrliche« und »nützliche« Arbeit, die »natürliche« Grundversorgung, das Industriekapital. Die globalisierungskritische Denklogik meint, die Probleme in den Griff bekommen zu können, wenn der verteufelte Teil des Kapitalismus angegriffen wird – und fühlt sich dabei einer anonymen, unheimlichen und scheinbar omnipotenten Macht ausgesetzt.

    Um diese doch fassbar zu machen, wird sie personalisiert und als moralisch nieder und verwerflich attackiert. In der antisemitischen Fantasie wird die Sphäre des Abstrakten dabei mit »den Juden« identifiziert. Denn Antisemiten glauben, dass gerade Juden diejenigen seien, die Profit aus Kapitalismus und Finanzkrise schlagen – weil sie für den Antisemiten all das verkörpern, was er selbst nicht versteht und wovor er sich fürchtet: das abstrakte Gesetz, den Verstand, die Individualität, die Freiheit, kurzum – die Moderne. Wer also Kapitalismuskritik als Finanzkapitalkritik formuliert, hat die Denklogik des Antisemitismus bereits internalisiert – und das möglicherweise sogar, ohne es zu wissen.

    Nochmal: Ich teile nicht die Schlussfolgerung des Autors, dass der gegenwärtigen Finanzkapitalkritik per se ein antisemitischer Zug innewohnt – ich bin vielmehr der Auffassung, dass dieser und dem Antisemitismus die gleichen populären Denkmuster zugrundeliegen: Dass irgendwelche finsteren Mächte mit unehrlich erworbenenen Geldmitteln den großen Rest der ehrlich arbeiten wollenden Weltbevölkerung beherrschen. Natürlich schließt die eine Einstellung die andere nicht aus; siehe die bekannte Unterscheidung der Nazis in “raffendes” und “schaffendes” Kapital. Dieselbe Denkweise findet sich aber ebenso auf der Linken und in der berühmten “Mitte der Gesellschaft”. Was ja letztlich den Zulauf der aktuellen Bewegung erklärt.

  2. Akareyon  •  Dez 4, 2011 @17:11

    In “Dialektik der Aufklärung” wird Antisemitismus definiert als “Gleichmacherei”. In diesem Sinne habe ich auch volles Verständnis für die von Salzborn gezogene Parallele zwischen dem “klassischen” Antisemitismus, der pauschal “die Juden” verantwortlich für Brunnenvergiftungen und die Zinsknechtschaft macht, und einer Dialektik, die verworren-diffus die Selbstbereicherungs einer 1%-Minderheit anprangert.

    Und wo wir schon bei der “Gleichmacherei” sind, sei auch betont, daß eben gerade die Heterogenität der Okkupisten (von dem Artikelfoto hervorragend illustriert) einen gewissen Ausgleich zu den allzu primitiven, monokausalen Denkmustern herbeiführt/herbeigeführt hat/herbeiführen könnte. “Der große Crash (Margin Call)” hilft eigentlich ganz gut, zu verstehen, daß auch Bänker und Spekulanten nur Menschen sind, die im Rahmen des ihnen möglichen (und manchmal darüber hinaus) versuchen, so viel Profit wie möglich aus dem System zu melken. Jeder einzelne würde genauso handeln, wenn ihm die Mittel gegeben wären.

    Salzborn betreibt Gleichmacherei, wenn er schreibt:

    Statt die Struktur zu kritisieren, werden Personen in die Verantwortung genommen – der Verstand wird damit zugunsten des Affekts suspendiert.

    Es ist nämlich schlicht nicht wahr, daß es der Bewegung an unaufgeregter Analysefähigkeit fehlen würde. Mehrheitlich wird das “System” (er nennt es die “Struktur”) kritisiert und eine Änderung desselben gefordert (im OT verlinkte Gesetzesänderungen), und von offenen Drohungen gegen Bänker in Form von von Laternen baumelnden Galgenstricken oder Guilluotineninstallationen im Zucchotti-Park hat man bisher noch nichts gehört.

    Die Ursache hierfür liegt in einer wahrgenommen Differenz zwischen Abstraktem und Konkretem. Das Abstrakte wird in der kapitalistischen Gesellschaft von den Globalisierungsgegnern verteufelt: das Geld, die Aktien, der »künstliche« Profit, das Finanzkapital. Hingegen wird das Konkrete glorifiziert: die »ehrliche« und »nützliche« Arbeit, die »natürliche« Grundversorgung, das Industriekapital. Die globalisierungskritische Denklogik meint, die Probleme in den Griff bekommen zu können, wenn der verteufelte Teil des Kapitalismus angegriffen wird – und fühlt sich dabei einer anonymen, unheimlichen und scheinbar omnipotenten Macht ausgesetzt.

    Um diese doch fassbar zu machen, wird sie personalisiert und als moralisch nieder und verwerflich attackiert. In der antisemitischen Fantasie wird die Sphäre des Abstrakten dabei mit »den Juden« identifiziert. Denn Antisemiten glauben, dass gerade Juden diejenigen seien, die Profit aus Kapitalismus und Finanzkrise schlagen – weil sie für den Antisemiten all das verkörpern, was er selbst nicht versteht und wovor er sich fürchtet: das abstrakte Gesetz, den Verstand, die Individualität, die Freiheit, kurzum – die Moderne.

    Es ist schwer, das auseinanderzudröseln, weil es einmal um die Globalisierungskritiker und einmal um die Antisemiten, einmal um den Kapitalismus und einmal um die Juden geht.

    Letztlich muß es jedoch so verstanden werden, daß aus Sicht des Globalisierungskritikers dem Konkreten – Arbeit, Produktion, Dienstleistung, Menschen – etwas Abstraktes gegenübersteht, das er bekämpft: Gesetz, Verstand, Individualität und Moderne. So gesehen spricht der Autor kurzerhand allen Teilnehmern der Proteste die Intelligenzleistung ab, die Moderne zu akzeptieren, das Gesetz zu begreifen, und schert sie allesamt als verstandesfernes Kollektiv über einen Kamm und erfüllt damit (bis auf das ethnische) alle Kriterien des Antisemitismus.

    Abgesehen von den “Jump you fuckers”-Schildern und einiger anderer Ausrutscher geht tatsächlich erstaunlich wenig Aggression gegen Personen oder Personenkreise von den Demonstranten aus, der Rachegedanke (“Nemesis”, einer der ältesten Rechtsbegriffe) scheint nur eine untergeordete Rolle im o.g. Forderungskatalog zu spielen, der Rest bezieht sich – tada! – auf das “Abstrakte”, nämlich die Gesetze, die es der Minderheit überhaupt erst ermöglicht haben, sich einen uneinholbaren Vorsprung herauszuspielen.

    Denn daß die Welt komplex und abstrakt geworden ist, haben wir schon mitbekommen. Das bedeutet aber nicht automatisch, daß sie sich dadurch der Analyse entzieht. Schon längst gibt es den Begriff “strukturelle Gewalt” für den lautlosen Krieg des Marktes gegen ganze Volkswirtschaften; was ist Verhungernlassen anderes als Genozid? Schon längst ist die Kritik an den herrschenden Gesetzen – auch (und besonders!) aus Sicht des Verstandes, der Individualität und der Moderne – ausformuliert worden.

    Das passt aber natürlich nicht zusammen mit einer Argumentationslinie, die darauf aus ist, die Welt für viel zu komplex und all die unhaltbaren Zustände für alternativlos, systembedingt und der Verstandessphäre des dem Abstrakten unzugänglichen Pöbels entrückt zu erklären.

    //edit:

    Selbst die banale Erkenntnis, dass, wenn der eine etwas gewinnt, der andere etwas verlieren muss [...], scheint unmöglich.

    Nicht unmöglich, nur vorschnell und damit Dogma statt Erkenntnis und schon gar nicht banal. Verwiesen sei auf die Doppelsieg-Strategie:

    Win-win lässt sich nur dann erzielen, wenn 1) kein Interessengegensatz vorliegt und 2) es gelingt, die Interessen zu artikulieren. Die in einem Konflikt eingebrachten Positionen spiegeln die persönlichen Forderungen und Meinungen wider und sind meist hart umkämpft, da sie mit Emotionen verknüpft sind und sich die Beteiligten mit ihren Positionen identifizieren. Im Extremfall steht Meinung gegen Meinung und Forderung gegen Forderung. Dahinter verbergen sich die eigentlichen Interessen, das, was mit den Positionen erreicht werden soll. Sobald es gelingt herauszufiltern, was „hinter“ Forderungen und Äußerungen steckt, statt sich mit Vordergründigem zu beschäftigen, kann eine sachliche Diskussion darüber geführt werden, welche Lösungsvariante die Interessen aller Beteiligten abdeckt.

    Konflikte werden üblicherweise in zwei Varianten „gelöst“: entweder setzt sich eine Partei mit ihren Vorstellungen durch oder die Beteiligten finden einen Kompromiss. Beide Fälle stellen Lösungen nach dem Gewinner-Verlierer-Modell dar. Im ersten Fall gibt es einen offensichtlichen Verlierer, im Kompromissfall verliert jeder die Hälfte seines als berechtigt empfundenen Anspruches. Demzufolge sind Kompromisse in der weiteren Entwicklung auch wenig verlässlich und führen meistens zu Folgekonflikten, verdeckten Gegenangriffen sowie Einbrüchen in der Motivation bei den Beteiligten. Daneben gibt es noch den Konfliktausgang, in dem beide Kontrahenten scheitern (Verlierer-Verlierer-Modell), welches nicht selten begrüßt wird „damit wenigstens auch der andere nichts davon hat“. Die Wiederaufnahme des Streites bei der nächsten kritischen Gelegenheit wird innerhalb der Soziologie im Rahmen der Tauschtheorie als antagonistischer Tausch behandelt. In der Spieltheorie der Volkswirtschaftslehre ist diese Entwicklung als Minimax-Prinzip bekannt und in der Psychologie als fauler Kompromiss bzw. Objektwegnahme nach Sigmund Freud.

    Bei der Win-win-Strategie geht es nicht darum, die eigene Position durchzusetzen oder gezwungenermaßen Abstriche zu machen, sondern eine dauerhafte Lösung zu finden, die von allen Beteiligten getragen und akzeptiert wird. Hier wird eine Situation geschaffen, in der jeder die Wahrnehmung und auch das Gefühl hat, durch diese Lösung etwas zu gewinnen und nicht zu verlieren.

    [...]

    Eine Konfliktlösung gemäß der Win-win-Strategie ist nicht möglich, wenn Interessengegensätze vorliegen. Auch wenn die Macht zwischen den Verhandlungspartnern sehr unproportional verteilt ist, ist die schwächere Seite eher in einer lose-Situation.

  3. BansheeOne  •  Dez 5, 2011 @10:52

    Ja, bei der Gewinn-Verlust-Diametrie habe ich auch die Stirn in Dackelfalten gelegt, da mir das nicht unbedingt ein Grundkennzeichen des Kapitalismus schien; im Nachhinein habe ich mir zusammengereimt, dass der gute Salzborn sich hier wohl auf das populäre Wüten gegen das “Spekulantentum”, namentlich das Wetten auf oder gegen Kursentwicklungen bezieht. Dabei wird in der Tat meist vernachlässigt, dass es für jeden “Spekulanten” der gewinnt einen geben muss, der verliert. In welchem Fall der Autor in die beliebte hermeneutische Falle getappt wäre, beim Publikum die Kenntnis seiner inneren Gedankengänge vorauszusetzen, und wer dafür zu doof sei, habe eben Pech gehabt.

    Die zweite Hermeneutikfalle ist natürlich die nicht weniger beliebte, nach der für den Hammer alles wie ein Nagel aussieht, und da Salzborns Thema “Der Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne” ist, drischt er damit eben fröhlich auf alles, was aus dem Holz herausragt (zumal der Beitrag wie gesagt aus der “Jüdischen Allgemeinen” stammt, die ihrerseits vom Zentralrat der Juden herausgegeben wird). Allerdings: Entkleidet von dieser Verengung beschreibt er recht gut die Verarbeitungsmechanismen, zu denen der mit der Komplexität der Moderne konfrontierte Mensch gerne Zuflucht nimmt. Wobei das selbstverständlich seinerseits immer nur Verallgemeinerung sein kann.

    Zumindest erklärt mir das aber nachvollziehbar, warum ich immer “das internationale Finanzjudentum” (oder, wie der arrivierte Nazi von heute sagt, “die amerikanische Ostküste”) verstehe wenn ich “Spekulanten” höre. Und es amüsierte mich endlos, als ich kürzlich auf den alten Mythos stieß, wonach sich die Führer des internationalen Judentums alle hundert Jahre auf dem jüdischen Friedhof in der Prager Altstadt träfen um zu bereden, wie weit man denn mit der Unterwanderung der Gesellschaft bereits gekommen sei und was man sich als nächstes vornehmen wolle; welch frappante Ähnlichkeit zu dem jüngsten Geraune, dass die Kandesbunzlerin den Vertretern der wichtigsten Medien bei einem Treffen im Kanzlerinnenamt erläutert habe, was diese dem Volk in der Wirtschaftskrise zu erzählen hätten. Wobei ich mich immer frage: Wer nordet die nicht ganz so wichtigen Medien ein, und was sagt man als Kanzlerin eigentlich bei solchen Gelegenheiten? “Berichtet nur was ich Euch sage, oder ich schicke Euch den Mossad nach Hause, und der sabotiert dann Eure Fallschirme in der Badewanne”?

  4. Akareyon  •  Dez 5, 2011 @14:56

    Allerdings: Entkleidet von dieser Verengung beschreibt er recht gut die Verarbeitungsmechanismen, zu denen der mit der Komplexität der Moderne konfrontierte Mensch gerne Zuflucht nimmt.

    Wie gesagt, deswegen habe ich ja auch versucht, ihn nackig zu machen. Es gibt Verschwörungstheoretiker, die der zunehmenden Komplexität durch Vereinfachung und monokausale Weltbilder zu begegnen versuchen? Das ist nichts neues, und es ist wahr, daß jahrhundertelang – damals noch kulturell-religiös bedingt – der Stereotyp vom gerissenen Geldverleiher mit dem siebenarmigen Kerzenleuchter und der Hakennase die Rolle des Sündenbocks einer solchen Verengung übernommen hat. Heute ist es unfein, vom “Juden” zu sprechen, dennoch fühlt sich selbiger natürlich angesprochen, wenn sich nur das Label ändert und es stattdessen heißt “der Bänker”. Es ist im Hinblick auf die Schoah mehr als nachvollziehbar, wenn derartige Rhethorik als das benannt wird, was sie ist: Aufwiegelei, Hetze und ein Rückschritt in die Barbarei. Ein Stein in der Mauer des Gedanken-KZ.

    Weder die Verengung noch die pauschale Abweisung der Kritik als kategorisch “strukturell antisemitisch” und die damit einhergehende Immunisierung gegen eine sachliche Diskussion sind indes einer ernsthaften Untersuchung über Woher und Wohin der globalen Wirtschaftsordnung sonderlich dienlich; und wenn ich ein argumentum ad personam einflechten darf: für einen Politikwissenschaftler, als der sich Salzborn ausweist, ist es sogar ausserordentlich peinlich, daß er seine Betrachtung auf ein paar Verschwörungsspinner verengt, als wären die konstruktiven Lösungsvorschläge, Debatten, Diskussionen und Analysen aus dem Lager der Kapitalismuskritik, die Betonung auf Frieden und Freiheit ausnahmslos aller Menschen aller Völker, Stämme und Konfessionen schlichtweg nicht existent – mal so gesagt: wer ist denn hier der Verschwörungstheoretiker mit dem monokausalen Weltbild?

    Gerade weil die Welt so komplex ist und die Sphäre des Abstrakten immer mehr Raum einnimmt, täte man gut daran, das den Vielen unbekannte Gebiet zu kartographieren, statt zu erwarten, daß man sich mit einem lapidaren hic sunt dracones zufriedengibt (was ja noch angehen könnte, wenn die Drachen nicht regelmäßig aufstiegen, um Dörfer und Städte in Schutt und Asche zu legen und Jungfrauen zu klauen, anstatt einfach friedlich auf ihrem Goldhort zu schlummern). Sonst braucht man sich nicht zu wundern, in den Verdacht zu geraten, die Dracheneier höchstpersönlich auszubrüten.

    Beim Babyshambler gibt’s übrigens einen recht guten Artikel (und eine hervorragende Diskussion zwischen Marxisten und Gesellianern), der sich mit ein paar der allzu dussligen Argumente der verkürzten Geldsystemkritikkritik auseinandersetzt, und aus meinem Kommentar dort möchte ich (der Rest ist eigentlich schon in älteren Dugarun gesagt worden) in diesem Zusammenhang diesen Teil zitieren:

    [J]eder Mensch, der zur Welt kommt, soll sich willkommen geheißen fühlen und Anteil am materiellen und ideellen Reichtum unseres wunderschönen Planeten und unserer großartigen Spezies haben, ohne, daß er darum betteln oder dafür kämpfen muß oder dieser ihm abgesprochen wird, weil er zufällig von den falschen Eltern gezeugt wurde. Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn sich jemand einen relativ größeren Wohlstand erwirtschaftet, in dem Sinne „reich ist“, weil er fleißig, gewitzt oder gerissen war oder schlicht Fortunas Gunst gewonnen hat. Wenn er jedoch so hoch steigt, daß er vor lauter Angst vor dem immer tieferen Fall mehr und immer noch mehr scheffeln muß, läuft was verkehrt und er ist genauso „Opfer“ des Systems wie diejenigen, die er mittelbar und unmittelbar dafür knechten muß („oppressor and slave are cooperators in ignorance“, James Allen). Es ist auch gar nichts einzuwenden gegen den Broker/Händler, dessen Leistung darin besteht, durch geschicktes An- und Verkaufen von Gütern einen Gewinn für sich (und durch den sich daraus ergebenden geringstmöglichen Preis für den Endverbraucher) zu erwirtschaften.

    Und Ken Jebsen äußerte sich kürzlich sinngemäß folgendermaßen: das 1% kann sich nichts mehr kaufen. Es gehört ihnen schon alles. Sie sind zutiefst unglücklich. Sie nicht zu enteignen, wäre unterlassene Hilfeleistung!

    Es ist einfach, das ganze Dilemma einfach an einer kleinen Gruppierung festzumachen (je nach Quelle die Ausländer, Illuminaten, Juden, Bänker, Bilderberger, Trilaterale Kommission oder die Weltbank) und, im Gegenzug, solche Anschuldigungen als dumm, ungebildet, menschenverachtend und plakativ zurückzuweisen.

    Viel schwieriger ist es, den Mechanismus aufzuzeigen, der sowohl “Sklaven” als auch “Unterdrücker” in die Schuldsymbiose drängt. Ganz offensichtlich haben wir uns vor ein paar tausend Jahren auf Atlantis – vielleicht auch erst 1910 auf Jekyll Island – einen zunächst dienstbaren Golem geschaffen, der uns nun beherrscht, und schieben uns gegenseitig die Schuld für die Invokation zu, anstatt uns gemeinsam Gedanken darüber zu machen, wie wir das Viech wieder unter Kontrolle kriegen. Dazu ist es aber notwendig, daß überhaupt ein Handlungsbedarf erkannt wird. Und so verstehe ich den nicht wegzuleugnenden “verständigen” Teil der Occupy-Bewegung: als Versuch, genau diese Erkenntnis zu vermitteln. Es reicht. Es ist genug. Es muß was getan werden.

    Es bringt genausowenig, einfach ein paar Banker an die Wand zu stellen (Hydras Kopf und so), wie es bringt, einfach mehr Geld zu drucken (das ist wie Saufen gegen den Kater) und mehr Krieg (=Selbstzerfleischung) zu praktizieren. Es ist die Matrix, der Golem, das System, die Spielregeln, die Sphäre des Abstrakten, die untersucht und den Bedingungen der Moderne – des Individualismus und des Verstandes, der Liebe und des Friedens – angepasst werden müssen.

    Denn letztlich fühlt sich auch “die Elite” nicht ganz wohl, soviel ist aus dem Subtext im Flugzettel abzulesen, den ein paar Witzbolde in in NY unters We-the-People-Volk gebracht haben (wirklich von Brokern oder ein “Protokoll der Weisen von der Wall St”?). Hände reichen statt Fäuste ballen! Wovor haben wir (also “die” und “wir”) Angst, und wie können wir uns gegenseitig diese Ängste nehmen? Ich weiß, diese Ansicht ist sehr radikal und selbst unter den Occupiern nicht sehr beliebt, scheint sich aber doch Stück für Stück durchzusetzen :-)

    [...] welch frappante Ähnlichkeit zu dem jüngsten Geraune, dass die Kandesbunzlerin den Vertretern der wichtigsten Medien bei einem Treffen im Kanzlerinnenamt erläutert habe, was diese dem Volk in der Wirtschaftskrise zu erzählen hätten. Wobei ich mich immer frage: Wer nordet die nicht ganz so wichtigen Medien ein, und was sagt man als Kanzlerin eigentlich bei solchen Gelegenheiten? “Berichtet nur was ich Euch sage, oder ich schicke Euch den Mossad nach Hause, und der sabotiert dann Eure Fallschirme in der Badewanne”?

    Da kann ich Dir als lupenreiner Verschwörungstheoretiker und ausgewiesener Esoteriker gerne weiterhelfen. Muß mich nur eben von dem Lachkick erholen… “Kanzlerinnenamt”, rofl!

    So, eingekriegt.

    Die “nicht ganz so wichtigen Medien” gibt es ja kaum noch. Die meisten Tageszeitungen schreiben ohnehin nur die Pressemitteilungen ihres Taubenzüchterortsverbandes ab, und auch der Inhalt des Politik-Teils wird zum größten Teil vom Diskurs der “Großen” vorgegeben. Darüber braucht man sich schonmal keine Sorgen zu machen. Und der Rest ist so zentralisiert, daß es vermutlich reicht, daß der Reflex des vorauseilenden Gehorsams schon seit ein paar Jahren fest in den Köpfen der Redakteure einprogrammiert ist, sonst schreibt man ganz schnell für ein unwichtiges Medium (ein Blog zum Beispiel).

    Also, in meinem paranoid geschulten Gehirn sähe so ein Briefing folgendermaßen aus: “Nun, sehr verehrte Damen und HerrInnen, uns steht eine Rezession vom Allerfeinsten bevor. 2008 war dagegen Kindergeburtstag. Wir wissen nicht ein und aus und es wird bald fürchterlich Rumms! machen. Es obliegt Ihrer Verantwortung als vierter Säule der Demokratie, das den Leuten so schonend wie möglich beizubiegen. Es wäre aber unverantwortlich, eine Massenpanik heraufzubeschwören. Wir werden Sie deswegen natürlich täglich über die jüngsten Entwicklungen auf dem Laufenden halten. Vermeiden Sie unbedingt, die wahren Ursachen der Krise zu hinterfragen oder auf alternative Wirtschaftsmodelle hinzuweisen, das letzte, was wir wollen, ist, die Bevölkerung zu verunsichern. Näheres entnehmen Sie bitte dem Handlungsempfehlungsdossier, das wir Ihnen gleich aushändigen werden. Behandeln Sie das hier gehörte und gesagte bitte im Interesse der nationalen Sicherheit – und Ihrem eigenen – streng vertraulich.”

    Zwar jetzt ohne (explizite) Fallschirm- und Badewannensabotagenandrohung, aber dafür ist man ja Politiker: man weiß, seine Nachrichten schön zu verpacken. “Liebe Arbeiter! Wir haben keine Verwendung für Euch. Guckt fern, sauft Bier, freßt Chips, rasiert Euch Glatzen, zeugt lauter Käwinns und Schantalls, verzichtet auf Eure Grundrechte und gebt auch ansonsten ein möglichst gruseliges Drohszenario ab für die, die im Betrieb verbleiben, damit die nicht auf die Idee kommen, aufzumucken. In ein paar Jahren schicken wir Euch dann RTL II vorbei, dann kommt Ihr im Fernsehen” wird dann zum Beispiel schonmal “Hartz IV” genannt.

    Glücklicherweise hat sich bei mir die Erkenntnis durchgesetzt, daß es eine solche “Verschwörung” noch nicht gibt/geben kann; daß auch die allermeisten Politiker und Konzernmanager nur Menschen sind mit Sorgen, Nöten und Problemen und gewisslich alles in ihrer Macht stehende tun, das Schlimmste abzuwenden. So schlecht und verdorben können sie nicht alle sein. Deswegen habe ich ja die Hoffnung noch nicht aufgegeben, daß auch dort wiederum, wenigstens von einigen, Erkenntnisfähigkeit unter Beweis gestellt wird und der eine oder andere mal ins Grübeln kommt ob das wirklich alles so sein muß, wie es ist – ich würde sogar fast drauf wetten, daß viele Politiker, Banker und Konzernmanager sich nur deswegen an das gegenwärtige System klammern, weil es scheinbar keine gangbare Alternative zum Kapitalismus gibt (und Kommunismus ist bekanntlich keine Alternative, wegen Stalin, Gulags, China, DDR und so). Das wäre aber Job von Experten, nicht von ein paar zotteligen Strassencampern, schon allein, weil “Die natürliche Gesellschaftsordnung” selbst bei kleinster Schriftgröße nicht auf ein Plakat passt :-)

  5. BansheeOne  •  Dez 5, 2011 @15:55

    Für das “Kanzlerinnenamt” kann ich leider kein Urheberrecht anmelden, das habe ich in irgendeiner Satire gehört oder gesehen. Letzthin las ich als Steigerung dazu noch “Kanzlerettenamt”, aber da bewegt man sich selbst für meine männlich-emanzipierten Begriffe so langsam in den Bereich der geschlechts- statt sachbezogenen Verunglimpfung des Politischen.

    Im Übrigen kann ich als jemand, der in den letzten sieben Jahren auf beiden Seiten des Pressemitteilungsweges gestanden hat glaubhaft versichern, dass Informationspolitik so nicht funktioniert. Ein durchaus reales Problem, das auch in Politik und Journalismus recht offen diskutiert wird, ist aber ganz ähnlich: dass nämlich viele Journalisten das Wort von der vierten Gewalt im Staate ein bisschen zu ernst nehmen und sich selbst als Teil des Politikbetriebes sehen. Die daraus resultierende all zu enge Beziehung wirkt sich allerdings in beide Richtungen aus: Politiker spielen mit und bedienen die Eitelkeit der Journalisten mit Insider-Informationen und Zugang zu ihren Zirkeln, damit diese in ihrem Sinne berichten – und lassen sich andererseits selbst zu dem Handeln leiten, das die veröffentlichte Meinung ihnen vorgibt.

    Gerade die Hauptstadtpresse ist ja ein ziemlich satter Haufen mit ausgeprägtem Anspruchsdenken, der gerne seine Befindlichkeiten pflegt und erwartet, als privilegierte Institution der Informationsvermittlung behandelt zu werden. Wenn sich die Regierung etwa erdreistet, unter Nutzung der neuen Medien direkt mit dem Bürger zu kommunizieren, anstatt die Exegese gefälligst den Standesangehörigen zu überlassen, oder der Verteidigungsminister eine Erklärung vor “ausgewählten Journalisten” abgibt statt in der Bundespressekonferenz (die ja trotz des amtlich klingenden Titels ein Zusammenschluss von Journalisten ist, die Regierungsvertreter zur Befragung einladen statt umgekehrt), gibt’s dortselbst Theater.

    Zugleich ist der selbe, mittlerweile ehemalige, Verteidigungsminister dem Vernehmen nach von Journalisten seines Vertrauens beraten worden, ob er denn seine Frau mit nach Afghanistan nehmen solle. Bei diesen und anderen Gelegenheiten – etwa solchen, die Personalentscheidungen über das Kommando eines gewissen Segelschulschiffs der Deutschen Marine betreffen – fragt man sich dann doch, ob Politik neuerdings in der “Bild”-Redaktion gemacht wird. Für andere Akteure streiche “Bild”, setze “Spiegel”, “Tagesthemen”, etc.

  6. Akareyon  •  Dez 5, 2011 @18:49

    “Kanzlerette” is doch auch süß… aber Sexismus beiseite, ist genauso unfein wie Rassismus, Speziismus, Nationalismus und Kürbismus.

    Ich kann gar nicht genug betonen, wie wertvoll es für meine Meinungsbildung war und ist, als Du vor ein paar Jahren geschrieben hast, daß es in Wahrheit auch in Berlin nur so vor sich hin menschelt, da ist an eine halbwegs ausgereifte Verschwörung gar nicht zu denken. Und, wie gesagt, den Rest des allzueifrigen Verschwörungsglaubens hat mir Umberto Eco ausgeprügelt.

    Gerade deshalb versuche ich auch gar nicht, “die Verschwörung” an Einzelpersonen oder Gruppierungen festzumachen (nicht deshalb nicht, weil das “antisemiti(sti)sch” wäre; die Keule wird einfach zu häufig geschwungen, um noch zu beeindrucken – und wenn sogar Noam Chomsky damit bedroht wird…). Offensichtlich aber gibt es eine Art selbstperpetuierenden Mechanismus (um innerhalb der Begrifflichkeiten des newtonschen Weltbildes zu bleiben, Esoteriker würden es vielleicht ein “morphogenetisches Feld”, ein “Kollektivbewußtsein” oder “Hyperintelligenz” nennen), der dafür sorgt, daß wirklich gute Ideen, wie zum Beispiel der Weltfriede oder saubere Energie, so gut wie überhaupt nicht im öffentlichen Bewußtsein vorkommen – und wenn, dann verkleidet im Gewand einer beknackten und vollkommen unerfüllbaren Träumerei. Mal ganz abgesehen von dem institutionellen Schwachfug, bei dem man teilweise doch sehr, sehr viel Glauben an das Gute im Menschen braucht, um darin das Ergebnis zähen Ringens um Wohl und Wehe und Wahrheit zu sehen und nicht die en passant übernommene Einflüsterung eines Lobby-Verbandes.

    Hiermit zum Beispiel:

    Ein durchaus reales Problem, das auch in Politik und Journalismus recht offen diskutiert wird, ist aber ganz ähnlich: dass nämlich viele Journalisten das Wort von der vierten Gewalt im Staate ein bisschen zu ernst nehmen und sich selbst als Teil des Politikbetriebes sehen. Die daraus resultierende all zu enge Beziehung wirkt sich allerdings in beide Richtungen aus: Politiker spielen mit und bedienen die Eitelkeit der Journalisten mit Insider-Informationen und Zugang zu ihren Zirkeln, damit diese in ihrem Sinne berichten – und lassen sich andererseits selbst zu dem Handeln leiten, das die veröffentlichte Meinung ihnen vorgibt.

    beschreibst Du einen Teil genau dieses Mechanismus’: ein rückkoppelnder Schaltkreis, der sich aufschwingt – zum Schaden aller Beteiligten: der Politiker, der Journalisten und des Volkes, denn daß dabei als allererstes die Objektivität und die Wahrheit durchbrennen, liegt auf der Hand. Und was soll man mit durchgebrannten Sicherungen nicht machen? Sie durch das Kaugummipapier der Normalität ersetzen, sonst fackelt einem die Hütte schneller ab, als einem lieb ist.

    Nochmal ein Querverweis, weil mich auch diese Diskussion unlängst anderswo gestreift hat: Richard Gutjahr mit ‘nem sweeten Tütchen als Aufhänger, einer Pril-Flasche mit Broiler als Überleitung und der abschließenden Frage:

    Das Internet mit seiner dezentralen, egalisierenden Struktur stellt uns vor die entscheidende Frage: Wieviel Demokratie verträgt ein Staat?

    Man kann nicht umhin, ganz rabulistisch nachzufragen: muß der Staat die Demokratie vertragen oder die Demokratie den Staat?

    Auch die aktuelle Diskussion um die Nazi-Terroristen und die Verwicklung der deutschen Geheimdienste in die Szene ist nicht leise mit dem Verdacht, daß die V-Männer sich ihre Existenzberechtigung selbst erschaffen haben (Mitte des Jahres wurde mir schon von einer Gegen-Demo erzählt, aus der den Adolfisten entgegenschallte: “Ohne Bundesverfassungsschutz wärt Ihr nur zu fünft!”)

    Mehr und mehr mendelt sich hier heraus, daß einige Entitäten, die ihren Daseinszweck längst erfüllt und überlebt haben, zum Selbstläufer werden und sich verzweifelt und mit aller Macht an eine Vergangenheit krallen, über die schon längst die Zukunft der Gegenwart geschwappt ist. Das ist wie, tja, eine “Verschwörung” der Eistransporter gegen die Markteinführung des elektrischen Kühlschranks. Okay, die Eistransporter waren halt nicht “fit” genug im darwinistischen Sinne. Die Kernenergielobby, die Geldindustrie, die Ölindustrie, das Fernsehen, die alten Medien, die GEMA, die Pharmaunternehmen, die Rüstungskonzerne undsoweiter sind es scheinbar.

    Nein, nicht alle haben ihre Daseinsberechtigung ausgehaucht mit dem Advent des Internets, der erneuerbaren (und der freien) Energie und der alternativen Medizin. Es gibt ja auch noch ein paar Dinosaurier – Haie, Krokodile und Schildkröten und ist ja auch schön so. Aber das Risiko eines Waldspaziergangs ist für uns Säugetiere doch kalkulierbar geworden, seitdem man sich nicht mehr panisch nach Fußabdrücken eines Tyrannosaurus Rex umgucken muß. Was ich damit sagen will, ist, daß Facebook und Twitter nicht die fundierte Recherche eines gelernten Journalisten ersetzen können und der fetteste Joint nicht die Not-OP eines geschulten Mediziners. Selbst der Ölindustrie hat man gutes zu verdanken.

    Doch mag der Sozialdarwinismus unter den Linken noch so verpönt sein: manche Wirtschaftszweige gehören einfach ausgestorben in einer Welt, die so klein ist, wie die unsere in den letzten zwanzig Jahren Internet geworden ist. Sie schaden mehr als daß sie nutzen, es gibt längst Alternativen, und weil sie das erkannt haben, setzen sie alles daran, nicht in den Rinnstein der Geschichte gekickt zu werden. Ich schätze, das ist wohl auch schon die ganze “Verschwörung”.

    Das muß man jetzt nur noch ordentlich zusammenfassen, auf den Punkt bringen, anständig mit Fußnoten und Quellenverweisen dokumentieren und auf ein Plakat schreiben: “Sterbt endlich aus!”, “Mendelt euch weg!”, “Der Komet kommt!”.

    Spaß beiseite: das wäre alles nicht das Problem, wenn die in diesen Zweigen beschäftigten sich sicher sein könnten, daß sie mehr zu gewinnen als zu verlieren haben. Es wird wohl darum gehen, jede Menge Existenzängste zu nehmen, denn wer kann es sich schon leisten, den Untergang des eigenen Berufsstandes einfach hinzunehmen…? Nur, wer sich sicher sein kann, danach einen noch besseren Job zu bekommen, ohne dabei gleich an den Fuß der Maslowschen Bedürfnispyramide zu rutschen. Wie gesagt: das Problem scheint die Fallhöhe zu sein.

    Und wenn sich erstmal rumspricht, daß es auch zum von unserem Bundeskanzer (generisches Maskulinum!) favorisierten Bikameralismus aus dem (vor?)letzten Jahrhundert und der repräsentativen Demokratur auch schon längst zukunftsträchtigere Alternativen gibt… na, dann ist was los :-)

  7. Akareyon  •  Dez 8, 2011 @03:22

    Uh oh. Fließt, Ihr kleinen Terroristen und Terroristinnen des Friedens!

  8. Akareyon  •  Dez 15, 2011 @10:39

    Ich könnt heulen vor Glück. Das klappt mit den Memversuchen! Der Dachverband der deutschen Sparkassen lädt auf Facebook ein zum Dialog mit Kunden und Occupy-Bewegung zum Thema Finanzkrise: http://www.facebook.com/sparkassen.im.dialog FTW!

  9. menschlich korrekt  •  Jul 25, 2013 @21:46

    “das Problem scheint die Fallhöhe zu sein.”

    Und zu dieser Angst führt die Fehlgewichtung von Werten und die Überbewertung des Unmittelbaren zuungunsten des Mittelbaren.
    Ein Gen-Schalter für vorausschauendes Bewusstsein und Demut wäre praktisch. Gekoppelt mit einem Spaßverstärker für ressourcenschonendes Lernen und Denken.

    “Gott, was ist Glück? Eine Grießsuppe, eine Schlafstelle und keine körperlichen Schmerzen – das ist schon viel.”
    Theodor Fontane

    Zur “Struktur/System” ein ganzheitlicher Lösungsvorschlag. Und zu “Vernunft/Dummheit/Schuldsymbiose/selbstperpetuierender Mechanismus” eine Ergänzung von @DerEgregant.

    Was ich bei den mir am wahrscheinlichsten erscheinenden Diagnosen (halbwegs ausgereifte lose Rudel-, Clan- und Bandenbildung) vermisse, ist ein messbares, aus der Endlosschleife führendes Tun, welches jeder in seinen Alltag so integrieren kann wie Zähneputzen. Weitergeben reicht nicht.

    Wer besseren (multikausaleren) Stoff hat, bitte melden.

  10. Akareyon  •  Jul 26, 2013 @08:52

    Nun: schließt Freiheit nicht auch das Recht der Wahl des Unglücklichsein ein? Wie vermessen wäre es vom Denkenden, eine Tyrannei der Freude heraufzubeschwören, die “Geistesträgen” (wie sie Egregantius nennt) zum Glücke zwingen zu wollen!

    Doch nein, ein Kyniker will man nicht werden, ob der Stumpfheit der Mengen nicht misanthropisch herumschopenhauern oder wie Nietzsche irgendwelche Supermenschen herbeifabulieren.

    Hypothese: die oben genannte Angst der Weltherrscher läßt sich bemessen in Einheiten der Energie, die darauf verwendet wird, des Menschen ureigensten, angeborenen Naturdrang nach Wissen, Erkenntnis, Liebe und Freiheit zu verstümmeln. Diese Beschneidung erfolgt mit der größten Nachhaltigkeit in der Prägephase des Neugeborenen, da, wo noch jede Faser des Geistes und des Körpers begierig das Universum zu begreifen und zu gestalten versucht. Systematisch-sadistisch werden kleine Kinderseelen zu Hunderten in Anstalten gepfercht, da ihnen Neugier aberzogen und Nachplapperei eingetrichtert werden, Fragen und Antworten eingebleut, altruistisch-gemeinschaftliches Denken und Handeln pawlowisch bestraft und pyramidal-hierarchische Denkmuster des Überlebenskampfes auf Kosten anderer sowie des eigenen Seelenheils schon durch die Panoptikum-Sitzordnung zementiert – allein jene, die dieser “Wirklichkeit” mittels phantastischer Literatur zu entfliehen imstande waren, sind später noch in der Lage, überhaupt jene bessere Welt zu denken, die den meisten als bloße, unbegreifliche Träumerei ohne realisierbare Grundlage erscheint. The Underground History Of American Education von John Taylor Gatto liefert ein gerütteltes Maß an Verständnis für die “Dummen”.

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