Irgendwie haben diese Filmheldinnen ja was, die irgendwann im Laufe des Plots ihren Widersachern hilflos ausgeliefert sind. Ikonisch: Prinzessin Leia Organa als politische Gefangene Darth Vaders in “Star Wars – A New Hope” und als Tanzsklavin von Jabba dem Hutt in “Star Wars – Return of the Jedi”. Intensiv: Evelyn Salt in “Salt”. Fast schon klassisch: Hermione Granger in “Harry Potter and the Deathly Hallows”. Die Taarna-Episode in “Heavy Metal” stimmt gar einen regelrechten Hymnus an die in Fesseln gelegte Kämpferin für die gerechte Sache an.
In diesem Sinne ein kleines heiteres Filmeraten:
Aus welchem Film mag dieser Ausschnitt stammen? Und wie lautet erst der Plot dazu, wenn es zwei Polizisten braucht, das Mädel abzuführen, bzw. an den auf dem Rücken gefesselten Armen über die Straße zu schleifen? Klar ist, daß sie – wenn sie auch auf den ersten Blick recht harmlos aussehen mag – es faustdick hinter den Ohren haben muß und sicherlich verdammt gefährlich ist. Im Hintergrund ist der Eingang zu einer Filiale der Chase Bank zu sehen. Handelt es sich vielleicht um eine Bankräuberin? Eine Spezialagentin? Dafür sieht sie noch recht jung aus. Woher dieser entschlossen-stoische Gesichtsausdruck? Und wer garantiert, daß sie nicht gleich mit einem einzigen Karate-Trick alle drei Cops gleichzeitig ausschaltet und aus dem Bild flieht? Wann kommt der Streifen in die Kinos?
Der Film: die Realität, Unterkapitel: die Occupy-Bewegung. Der Plot: 99% der Weltbevölkerung müssen unter der Knute einer kleinen Elite leiden, die sich mithilfe der Regierungen an der Produktivität der arbeitenden Bevölkerung auf Kosten von Natur, Umwelt und Gesellschaft in abstoßerregendem Ausmaße bereichert haben. Nur eine Handvoll von Widerständlern leistet zivilen Ungehorsam, beruft sich auf das Recht auf Versammlungsfreiheit und freie Rede und besetzt – wie die Vorbilder der Revolutionen in Kairo und anderen Städten, die 2011 vom “arabischen Frühling” gestreift wurden, und wie die Protestbewegung in Spanien – öffentliche Plätze, um ihren Unmut über die globalen Verhältnisse zu bekunden.
Fast Forward: Eugene, Oregon, am 17. November 2011. Unsere Heldin wird zusammen mit 16 weiteren Demonstranten verhaftet, nachdem sie den Eingang einer Bank besetzt haben.
Damit sollte sich die emotionale Wirkung des Bildes eigentlich in Wohlgefallen auflösen. Es ist davon auszugehen, daß das sture Gör mehrmaligen Aufforderungen seitens der Polizei, den Platz zu räumen, nicht nachgekommen ist, und offensichtlich haben die Polizeibeamten keine andere Wahl, als das verzogene Blag auf diese Weise wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt in Gewahrsam zu nehmen, wenn sie sich weigert, auf ihren eigenen Füßen zu gehen – und stattdessen die Beine anzieht, um eine “würdigere” Verhaftung (wie im Falle von Naomi Wolf) zu verunmöglichen.
Und damit wird ein weiteres Problem der Occupy-Protestler offensichtlich: sie berufen sich auf die unantastbaren Werte der demokratischen Grundordnung (wie das Recht auf Versammlungsfreiheit), stellen in ihrer Arroganz und ideologischen Verblendung jedoch ihre “gute Sache” über die Anweisungen der Ordnungshüter, die zur Durchsetzung eben dieser Ordnung ausgebildet, befähigt und von demokratischen Institutionen legitimiert wurden, um dann medienwirksam rumzuplärren, wenn das Ende der Party aufgrund unhaltbarer hygienischer Zustände und Nichtbefolgung der Ordnungsanweisungen der Polizei ausgerufen wird, wie in New York im Zusammenhang mit Occupy Wall Street durch den Bürgermeister Bloomberg geschehen. Geschieht ihnen ganz recht!
“Ein weiteres Problem”? Das – mittlerweile zur Genüge debattierte – Hauptproblem der Bewegung ist nach wie vor, daß sie sich nicht artikulieren können. Was wollen die eigentlich? Kommunismus, Sozialismus, Anarchie? Abschaffung der Banken? Man fragt zehn Teilnehmer und erhält hundert Antworten. Wie soll man die denn bitteschön ernst nehmen? Eine Bewegung um der Bewegung willen? Was für eine Veränderung gibt es lautstark auf der Strasse zu fordern, die man nicht auch alle vier Jahre auf gesittete Weise per Kreuz an der Wahlurne bestellen kann, wie sich das für eine Demokratie gehört?
Anstatt öffentliche Parks und Anlagen in Beschlag zu nehmen und vor Bankfilialen herumzulungern, täten die “Empörten” sich selbst und der Gesellschaft einen größeren Gefallen, wenn sie sich duschen, rasieren, kämmen und um einen Job bewerben würden. Dann kämen sie auch nicht auf die Idee, monatelang den Behörden auf der Nase rumzutanzen und dann abzufeiern, daß ausgerechnet Al Jazeera und RT von der Evakuierung des Camps berichten, während die einheimische Presse sich gar nicht erst für den führungslosen Chaotenhaufen interessiert. Klar, denn es gibt einfach wichtigeres in der Welt als ein paar unbelehrbare Späthippies mit ihren ewiggestrigen Träumereien von einer friedlichen Welt unter dem Banner des internationalen Kommunismus oder was auch immer.
Doch zurück zum heiteren Filmeraten:
Klar, “The Matrix”. Morpheus hält seine Ansprache über die Wirkung der beiden Pillen – rote Pille: ausgestöpselt werden, schmerzhaftes Erwachen zu Erlöserdasein und Heldentum. Blaue Pille: weiter in einer miefigen Bude auf der Computertastatur schlummern, Drogen ticken, Anschiss vom Chef abholen, “believe whatever you want to believe”.
Bezeichnend indes: noch während er Neo beide Pillen hinhält, und just, da dieser sich nach der roten Pille ausstreckt, läßt er ihn mit einem “Remember!” innehalten und betont: All I’m offering is the truth…
“Die rote Pille” steht in der modernen Populärkultur seit über zehn Jahren für das Erweckungserlebnis aus einer immer unwirklicher werdenden Realität. So, wie der Film sich beim “Zauberer von Oz”, “Alice im Wunderland” und nicht zuletzt bei Platos Höhlengleichnis bedient, ist er selbst zur Parabel über eine Welt geworden, die ein Gefängnis für den Geist darstellt und aus der auszubrechen entweder unmöglich oder zumindest extrem schmerzhaft ist, so, wie auch manche “Befreite” aus Platos Höhlengleichnis das gleißende Sonnenlicht nicht ertragen und zurück in die Höhle flüchten, um sich weiter am Spiel der Schatten an der Wand zu ergötzen. Morpheus macht Neo jedoch klar, daß es in dieser Geschichte kein Zurück geben kann; zwar wird im späteren Verlauf ein anderer Held dieser Geschichte, Cypher, einen Versuch unternehmen, sich nachträglich die “blaue Pille” zu geben und alles zu vergessen – jedoch mit erwartbarem (Miß-)Erfolg.
Sein Bestreben, sein Bedauern, nicht die blaue Pille genommen zu haben, ist nachvollziehbar, denn die “Freiheit” ausserhalb des Gefängnisses ist viel gefahrenreicher und unangenehmer als das unspürbare und geruchsneutrale Gedankengefängnis der Matrix: mieses Essen, ein klappriges Schiff, durchgeknallte Eso-Freaks, Eifersüchteleien unter den Crewmitgliedern und die ständige Angst, vom “System” entdeckt und aufgebracht zu werden. Das hätte einem auch vorher mal gesagt werden können! Dann lieber über eine dicke Magensonde in der Speiseröhre mit den flüssigen Toten ernährt werden, um als menschliche Batterie den Rest des atrophierten Daseins in einem Schleimtank zu fristen und nichts von alledem mitbekommen…
Und damit zurück zu den Straßenbesetzern.
Es ist wichtig, im Hinterkopf zu behalten, daß es sich für viele – aus eingangs beschriebener Sicht – um einen unkoordinierten Sauhaufen handelt, der eigentlich gar nicht weiß, was er will, die öffentliche Ordnung stört und sich der Staatsgewalt widersetzt und sich demzufolge nicht nur eine – relativ harmlose – Ingewahrsamnahme wie die oben abgebildete damit rechtfertigen läßt; auch die großzügige Anwendung von Tränengas (in Eugene, anders als in New York und den meisten anderen Städten Amerikas, seit ‘99 wegen des Einsatzes gegen eine Baumbesetzung bähbäh), Schlagstöcken, das Aufgebot von berittener Polizei und LRADs (”non-letale” Schallwaffen) gegen allzu bockige Störenfriede (Kinder, Greise, Behinderte) und die Inbeschlagnahme der “Volksbibliothek” findet mehr als nur verhaltenen Beifall auch auf Seiten jener, für die die “99%” zu sprechen glauben.
Hinzu kommt, daß selbst im Lager jener, die größere Schnittmengen mit den Ansichten und Forderungen der Bewegung teilen, die Skepsis groß ist: stecken vielleicht die Gewerkschaften oder die CIA dahinter? Was, wenn auch diese Revolution wieder von finsteren Mächten aus dem Hintergrund gesteuert wird, um, wie George Orwell es in “1984″ beschreibt, einfach nur die Führungsriege auszutauschen, sich also für die “Dritte Klasse” nur die Melodie ändert, nach der sie zu tanzen hat? Man kann nie paranoid genug sein.
Dann erst läßt sich erklären, warum all die Leute überhaupt an dem Zirkus teilnehmen, statt ihre Forderungen auf ein Blatt Papier zu schreiben und als Petition einzureichen. Adressat sind nämlich nicht die Spekulanten und die Polizei, auch nicht die Bänker oder die Regierung. Sie sind lediglich Erfüllungsgehilfen jener Gewaltpolitik und Vernichtungslogik, gegen die sich die Kritik der Bewegung richtet.
Adressaten sind wir.
Die weltweiten Proteste haben – wenn auch bisher nicht eine einzige Forderung erfüllt wurde – eines geleistet: sie haben die Ohnmacht der habend/herrschenden Klasse im Umgang mit dem friedlichen, doch entschlossenen und lautstarken Protest einiger weniger bloßgestellt und besonders das überhebliche Getue westlicher Nationen dem Rest der Welt gegenüber in Sachen “Demokratie” und “Menschenrechte” als billige Dampfplauderei entlarvt. Die Mainstream-Medien haben sich mit ihrem süffisanten Unterton, Auslassungen und tendenziösen Halbwahrheiten als Hofberichterstatter und Show-Einheizer geoutet. Denn anders, als diese glauben machen wollen, sind die Forderungen der Bewegung doch relativ leicht zusammenzufassen: Liebe, Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit! Ganz so unverständlich sollte das nicht sein.
Natürlich geht es auch präziser. Nun wäre es unsinnig, die Forderungen (inoffizielle Liste) der US-amerikanischen Occupy-Bewegung ins Deutsche zu übersetzen; hier gibt es keinen “Patriot Act”, der abgeschafft werden könnte (abgesehen vom TBEG); 9-11 läßt sich von hier aus auch nicht neu untersuchen; es gibt hier kein Schuldendrucksystem wie die Federal Reserve Bank, von dem man sich mit einer läppischen Milliarde loskaufen könnte.
Doch auch hier gibt es eine enorme Arbeitslosenquote, prekär Beschäftigte und Überstundenzwang – Seit’ an Seit’! Auch hier entzieht sich die Ökonomie den Begrifflichkeiten und der Kontrolle der tatsächlichen Bedürfnisse derjenigen, denen der Markt doch eigentlich dienlich sein sollte und wollte. Auch hier, wie überall, verbarrikadiert sich die politische Klasse hinter Unausweichlichkeiten und blanker Alternativenarmut. Auch hier geben schon längst Großkonzerne die Melodie vor, die gespielt wird, auch hier wird mit Berufung auf zu verteidigende Menschenrechte für den nächsten Krieg gerüstet. Auch hier geht die Staatsgewalt mit unverhältnismässigen und quasi-militärischen Mitteln gegen den Protest von Kindern und Rentnern vor.
Wir, die Adressaten, lassen seit Jahren eine kleine Elite für uns über unsere Zukunft entscheiden, statt die Verantwortung dafür zu übernehmen, was mit unserer Umwelt geschieht, während wir uns in der Sicherheit wiegen, von fähigen und unabhängigen Experten beraten und regiert zu werden, aus Furcht davor, all die kleinen Annehmlichkeiten des Kapitalismus – fließend Wasser, elektrischer Strom, Internetzugang, billige Klamotten und das neue iPhone – zu verlieren, wenn wir uns für die Freiheit entscheiden und die “Anarchie” über uns hereinbricht. Nicht nur, daß wir dafür billigend in Kauf nehmen, daß auch schonmal ein “robustes Mandat” die “Wirtschaftsinteressen” sichert, hochtoxischer Atommüll durch die Botanik gekarrt wird und das Mittelmeer für Tausende zum nassen Todesstreifen wird. Nicht nur, daß wir die Schuld für das Versagen eines korrupten Systems eher bei der Dummheit, Gier und Faulheit unserer Mitmenschen verorten als bei den Mechanismen, die mit aller psychologischer Gewalt den naturgegebenen Wissensdurst, den Gemeinschaftssinn und den Tatendrang schon im Vorschulalter zu unterdrücken versuchen.
Darüberhinaus müssen wir uns auch noch mit einem gerüttelten Maß an Zynismus wappnen und Spott und Hohn über die “Träumer” und “Berufsdemonstranten” ausschütten, die die Hoffnung auf eine friedlichere und gesündere Welt noch nicht aufgegeben haben und denen die Gesellschaft nicht anders zu begegnen weiß als mit Häme, Schikanen, Prügelei, blinder Zerstörungswut und Tränengas; die dennoch lieber das Risiko einer Verhaftung eingehen, als sich weiter aus Angst vor der Gewalt des Staates und desillusioniert von der Apathie derer, denen es noch zu gut geht, zu verkriechen und einfach aufzugeben, um die längst überfällige Revolution auch diesesmal an die nächste Generation weiterzudeligieren.
Rewind: Eugene, Oregon, am 17. November 2011. Die “Emerald City” in der Nähe von Springfield wurde von ihrem damaligen Bürgermeister bereits die “anarchistische Hauptstadt Amerikas” genannt. Vielleicht ist unsere Heldin also nur mit zur Bankbesetzung gegangen, weil sie einen von den Anarcho- Typen knuffig findet. Vielleicht hat sie auch teilgenommen aus tiefster, innerster Überzeugung, daß etwas geschehen muß und gerade dabei ist, zu geschehen; froh darüber, sich mit ähnlich und gleich Gesinnten austauschen zu können und nicht alleine protestieren zu müssen.
In diesem Falle wäre sie wirklich gefährlicher als jeder Bankräuber, denn sie hat eine Idee, einen Glauben, eine Hoffnung; und vielleicht läßt das angedeutete Lächeln erahnen, daß sie weiß, wie entblößt, schwach, verzagt, hilflos und ängstlich die Staats-Gewalt im Umgang mit einem 16jährigen Mädchen und seinen Idealen aussieht.

