Leonard Cohen wusste alles

Dugarun, Gastbeiträge

Das Internet ist schon eine tolle Sache. Früher hätte so mancher noch auf einer Bananenkiste im Park stehen müssen, um der Welt seine Sorgen und Erkenntnisse mitzuteilen. Heute kann der vernetzte Mensch eine E-Mail direkt an die Bundeskanzlerin schreiben, CC: Bundespräsident, Bundesverfassungsgericht, Botschafter ausgewählter Nationen und sämtliche Bundestagsabgeordnete – ein einziger Klick, und schon sind alle gleichzeitig informiert. So erfährt man immer wieder erstaunliche Neuigkeiten.

Die meisten dieser geplagten Menschen wollen sich nur mal beschweren, dass sich zum Beispiel die örtliche  Bank mit der Justiz und der öffentlichen Verwaltung verschworen hat, ihnen kein Konto zu geben. Etwas schwerer hat es schon die Dame mit der Klage, dass Wolfgang Schäuble seit Jahren versuche, sie zu vergiften. Oder die andere Dame, deren Vater von dem ehemaligen NATO-Oberbefehlshaber Wesley Clark vor ihren Augen gefoltert und umgebracht wurde, welcher sie weiterhin ständig verfolgt um sie zu überreden, für das Pentagon zu arbeiten, weil sie seit 1968 ein Dutzend Mal den 11. September vorhergesagt hat. Außerdem haben die Amerikaner ihr Telefon angezapft, was man daran sieht, dass Donald Rumsfeld sich mal live im Fernsehen auf ihr Gespräch mit Harrison Ford bezogen hat, und Heidi Klum wörtlich ihre Vorhersage wiederholt hat, dass Saddam Hussein in wenigen Tagen gefunden wird. Sogar Julian Assange hat sie schon mal gefragt, warum ihr Name in Pentagon-Dokumenten auftaucht. Wenigsten hat sich Kronprinz Wilhelm-Alexander inzwischen zweimal persönlich an der Autobahn für die Rolle entschuldigt, die der niederländische Geheimdienst bei der Ermordung ihres Vaters gespielt hat; die Typen vom BND halten ihr immer nur eine Knarre an den Kopf.

Heute also kriegten wir die Strafanzeige eines Rechtsanwalts zur Kenntnis, der sich früher schon in drängenden Problemfällen wie der geplanten Dezimierung der Menschheit durch die guten alten Chemtrails engagiert hat. Diesmal geht es allerdings um den schweren Anschlag, den ausländische Geheimdienste am 26. Juni auf die Eröffnung der Fußball-WM der Frauen in Berlin verüben wollen, um sie dann den Moslems in die Schuhe zu schieben. Deutliche Hinweise hierfür finden sich unter anderem in Form von Leonard Cohens altem Gassenhauer „First we take Manhattan, then we take Berlin“, der ja zu allem Überfluss auch noch mit der Einspielung einer deutschen Radiomeldung zum Anschlag auf die Deutsch-Arabische Gesellschaft in Berlin 1986 anfängt. Das wusste ich zum Beispiel vorher gar nicht – man sieht, bei solchen Sachen lernt man was. Mindestens genauso schwerwiegend auch die Darstellung von Bomben, panisch flüchtenden Menschen, einer brennenden Stadt und satanischen Symbolen in dem aktuellen Nike-Werbespot mit der Nationalspielerin Lira Bajramaj. Ganz wie der 11. September lange vorher in Hollywood-Filmen angekündigt wurde. Man muss nur mal die Kabbala bemühen und die richtigen Quersummen ziehen.

Immerhin – anders als manch anderer Prophet, der später ganz schön dumm da gestanden hat, baut der wackere Rechtsanwalt für alle Eventualitäten vor. Wenn dann am 26. Juni gar kein Anschlag stattfinde, so erklärt er, werde das wohl daran liegen, dass die finsteren Pläne der Drahtzieher mittlerweile immer mehr Menschen über das Internet enhüllt würden. Dieser bestechenden Argumentation kann man sich natürlich nicht entziehen und möchte auf jeden Fall an der Weiterverbreitung dieser brandheißen Informationen mitwirken. Was ich hiermit getan haben möchte. Dankt mir nicht.

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Umberto Eco: La ricerca della lingua perfetta nella cultura europea

fundstücke

… Das für die Zukunft einer Sprache der Bilder entmutigendste Dokument ist vielleicht der 1984 von Thomas A. Sebeok verfaßte Bericht für das amerikanische Office of Nuclear Waste Isolation und eine Reihe weiterer Institutionen, die beauftragt waren, Vorschläge zur Lösung eines Problems zu machen, das von der U. S. Nuclear Regulatory Commussion aufgeworfen worden war. Die amerikanische Regierung hatte einige Wüstenzonen der Vereinigten Staaten ausgewählt, um darin (in vielen Hundert Metern Tiefe) nuklearen Abfall zu begraben. Das Problem war nicht so sehr, die Zone vor unbedachtem Eindringen heute zu schützen, sondern die Tatsache, daß die Abfälle noch in zehntausend Jahren radioaktiv sein werden. Große Reiche und blühende Zivilisationen sind in weit kürzeren Zeiträumen untergegangen, wir haben gesehen, daß einige Jahrhunderte nach dem Ende der letzten Pharaonen die ägyptischen Hieroglyphen unverständlich geworden waren, und es könnte sein, daß die Erde in zehntausend Jahren so große Umwälzungen erlitten hat, daß sie von Populationen bewohnt wird, die wieder barbarisch geworden sind, und nicht nur das, sie könnte sogar von Bewohnern anderer Planeten besucht werden. Wie kann man nun diesen Besuchern aus dem All mitteilen, daß die betreffende Zone gefährlich ist?

Sebeok hat sofort jede Form von verbaler Kommunikation ausgeschlossen, desgleichen elektrische Zeichen, da sie von konstanter Energiezufuhr abhängig wären, Geruchsbotschaften, da sie von kurzer Dauer sind, sowie jede Form von Ideogrammen, die nur aufgrund präziser Übereinkunft erkennbar sind. Aber auch die piktographischen Sprachen geben Anlaß zu ernsten Zweifeln. Man kann zwar der Meinung sein, daß jedes Volk einige elementare Figuren versteht (die menschliche Gestalt, Tierskizzen etc.), aber Sebeok präsentiert ein Bild, bei dem unmöglich zu entscheiden ist, ob die dargestellten Individuen kämpfen, tanzen, jagen oder sonst irgendeine erkennbare Tätigkeit verrichten.

Eine Lösung wäre, Zeitabschnitte von jeweils drei Generationen festzulegen (ausgehend von der Überlegung, daß sich die Sprache in jeder beliebigen Zivilisation vom Großvater zum Enkel nicht wesentlich ändert) und durch entsprechende Instruktionen dafür sorgen, daß die Warnungen am Ende jedes Abschnitts neuformuliert werden, um sie den semiotischen Konventionen der Zeit anzupassen. Aber diese Lösung setzt genau jene soziale und territoriale Kontinuität voraus, die der Auftrag in Frage stellte. Eine andere Lösung wäre, die Gefahrenzone mit Warnbotschaften aller Art, in jeder Sprache und jedem semiotischen System zu überhäufen, in der Hoffnung auf die statistische Möglichkeit, daß wenigstens eines dieser Systeme den künftigen Besuchern verständlich bleibt: Wenn auch nur ein einziges Segment einer einzigen Botschaft entzifferbar bliebe, würde die Redundanz des Ganzen für die künftigen Besucher eine Art Stein von Rosette darstellen. Auch diese Lösung setzt freilich ein Minimum an kultureller Kontinuität voraus.

Bliebe also nur, eine Art Priesterkaste zu instituieren, gebildet aus Atomwissenschaftlern, Anthropologen, Linguisten, Psychologen, die sich durch Kooptation über die Jahrhunderte fortpflanzt und die Kenntnis der Gefahr am Leben hält, indem sie Mythen, Legenden und Aberglauben kreiert. Mit der Zeit würden sich die Angehörigen dieser Kaste verpflichtet fühlen, etwas weiterzugeben, dessen exakte Kenntnis sie verloren haben, und so könnten in ferner Zukunft, auch in einer wieder barbarisch gewordenen Horde, unpräzise, aber wirksame Tabus fortbestehen.

(Eco, Umberto: Die Suche nach der vollkommenen Sprache. München : Beck, 1994 (Europa bauen), S. 186 f, aus dem Ital. von Burkhart Kroeber)

Und ich so beim letzten Absatz: *grübel*, weißte…

Nein, es ging mir nicht um aktuelles Zeitgeschehen, Castor und Fukushima und die Probleme, die wir uns da eingehandelt haben, ohne zu wissen, wie wir sie lösen sollen. Das ist alles hinlänglich bekannt.

Aber der sich aufdrängende Gedanke, auch die in unserer Gesellschaft bestehenden Denkverbote, Tabus und Dogmen könnten einem fehlinterpretierten und von einer „Priesterklasse“ tradierten Schutzmechanismus einer vorgeschichtlichen Zivilisation verschuldet sein, hat was prickelndes.

Ganz ähnlich werden zuweilen ja auch die für viele Gesellschaften im Nahen Osten gültigen, religiösen Verzehrverbote für „unreine“ Tiere oder die mosaischen Hygienegesetze gedeutet. Damals, als die Klospülung noch nicht erfunden war, hat man den Leuten halt noch sagen müssen, daß sie ihre Hinterlassenschaften bitteschön vergraben möchten, weil sie sonst der Blitzschlag trifft.

Aber vom einführenden Zitat mal abgesehen ist „Die Suche nach der vollkommenen Sprache“ auch sonst ein sehr empfehlenswertes und hochinteressantes Buch. Wer „Der Name der Rose“ mochte und auch „Das Foucaultsche Pendel“ nicht zur Seite packen konnte, dem wird auch dieses Sachbuch ein bisschen wie ein sich über die Jahrhunderte erstreckender, unterhaltsamer Roman vorkommen, an dessen Ende man sich irgendwie erhellt vorkommt, ohne belehrt worden zu sein.

Ausgehend vom Mythos der babylonischen Sprachverwirrung nämlich haben sich viele Philosophen und Spinner auf die Suche nach der „perfekten Sprache“ gemacht, in der Gott sich mit Adam unterhalten hat. Oder Adam mit Eva. Oder die Schlange mit Eva. Oder Kain mit Abel.

Im Mittelalter freilich kam nur das Hebräische in Frage, und das zu beweisen, mühten sich viele Weise in bester kabbalistischer Tradition mit der Anagrammisierung und Permutation von Wörtern und Buchstaben ab. Das Latein als Verkehrssprache der Intellektuellen und Mächtigen jener Zeit lag auch recht nahe, und bald, so zeigt Eco, mangelte es auch nicht an Beweisen für die Überlegenheit/Natürlichkeit/Gottgegebenheit des Deutschen, des Flämischen, des Englischen, des Arabischen…

Wir erfahren, was es mit den Lullismus auf sich hat(te) und was dergleichen noch an Versuchen unternommen wurde, eine künstliche, ein-eindeutige, philosophische Sprache zu entwickeln oder aus den existierenden auf eine gemeinsame Ursprache zu extrapolieren. Nicht ohne Humor seziert Eco die bestgemeinten Bemühungen und ihre inneren Widersprüche, Irrtümer und zuweilen gar Geistesblitze, die hier wieder in Vergessenheit geraten, verlacht und bekämpft werden, dort dann Jahrzehnte und Jahrhunderte später wieder aufgegriffen werden und gar nicht so selten zu Grundpfeilern der modernen Sprachwissenschaft werden – siehe Noam Chomskys Universalgrammatik.

Das alles ist natürlich furchtbar unterhaltsam aus hobbyphilosophischer Sicht auch und insbesondere, wenn die Lektüre von „Das Foucaultsche Pendel“ einen mal von den bösesten und wirrsten Verschwörungstheorien geheilt hat, kann es sehr interessant sein, die Entwicklung der europäischen Geschichte mal aus sprachwissenschaftlicher Sicht zu beobachten und Eco beim Nachzeichnen der verschiedenen  Strömungen (und ihrer Irrläufer) zu verfolgen.

Schließlich, wir haben Renaissance und Barock schon hinter uns, stellt Eco uns noch Volapük, Esperanto, Lincos, Programmiersprachen und Aymara vor und kommt auf den letzten Seiten mit Bezug auf den spanisch-arabischen Theologen Ibn Hazm zu einem äußerst überraschenden Schluß: daß die durch den blasphemischen Versuch des babelschen Turmbaus verursachte Sprachverwirrung eben nicht als mit allen Mitteln umzukehrender Fluch, sondern vielmehr als felix culpa zu betrachten sei – die Ursprache habe alle Sprachen bereits enthalten, und da Sprache und  Denken miteinander wechselwirken, bereichert jede Sprache die Welt um eine andere Perspektive ein und der selben Realität; und ich glaube, einen poetischeren Schluß hätte man sich für so ein spannendes Sachbuch kaum ausdenken können.

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Kann die Menschheit noch ernährt werden?

fundstücke

Vor fast einem halben Jahrhundert schon stand die Frage im Raum…

Es ist aber grundsätzlich nicht schwierig, für eine bekannte Entwicklung der Bevölkerung den Nahrungsbedarf in einer vernünftigen Näherung zu bestimmen.

Zur Zeit kennzeichnen sich die Verhältnisse folgendermaßen: Die pro Kopf und Tag verfügbare Nahrungsmittelmehge auf der Erde bewegt sich, stets im Mittel gerechnet, zwischen 1970 (Indien) und 3200 (USA und Australien) Kilokalorien je Kopf und Tag. […] Westeuropa liegt mit 2900 bei den höchsten und Südamerika nicht viel über den niedrigsten Werten.

Setzen wir also für irgendein Land der Erde etwa 2500 Kilokalorien pro Kopf und Tag an, so treffen wir die Verhältnisse auf der ganzen Erde für den heutigen Zeitpunkt mit einem Fehler, der nicht größer ist als ± 20 Prozent. […]

Weitere Möglichkeiten, an die man denken könnte, sind die verbesserte Ausnützung der landwirtschaftlich bewirtschafteten Bodenfläche, Landerwerb, bessere Ausnützung der Meere, Hydroponik, Einfuhren größeren Stils und möglicherweise in kommenden Jahrzehnten die synthetische Erzeugung von Futtermitteln und Nahrung.

Mit unserer Frage, ob die Nahrung reicht, kommen wir schließlich zu folgendem Sachverhalt: Für die Zeit um 2000 wird etwa die doppelte, für 2040 die dreifache Menge an Nahrung gebraucht werden wie heute. Können die erforderlichen 16 Billionen Kilokalorien je Tag auf der Erde im Jahre 2000 und die erforderlichen 22 Billionen im Jahre 2040 bereitgestellt werden? Hier gehen die veröffentlichten Ergebnisse weit auseinander. Wir wollen folgendermaßen rechnen:

Erdoberfläche 510 Millionen Quadratkilometer; davon rund 30 Prozent Land, also rund 150 Millionen qkm; unter Ausschluß der Polargebiete 135 Millionen qkm. Davon ist etwa ein Zehntel unter Kultur genommen, also 13,5 Millionen Quadratkilometer. Wir rechnen für die Ernährung, Bekleidung usw. ein Achtel Hektar pro Kopf oder einen Quadratkilometer für 800 Menschen. Somit dürften aus den schon kultivierten Flächen 10,8 oder rund 11 Milliarden Menschen ernährt werden können.

Dies Ergebnis zeigt, daß die bis etwa zur Mitte des kommenden Jahrhunderts errechnete Menschenzahl ernährt werden kann. Die Erweiterung der Kulturfläche, bessere Ausnützung der Meere und Hydroponik in großem Stil sind möglich, synthetische Nahrungsmittelerzeugung ist nicht ausgeschlossen.

Aus: Wilhelm Fucks, Formeln zur Macht – Prognosen über Völker, Wirtschaft, Potentiale, Büchergilde Gutenberg, 1965 & 1969, S. 144 ff

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Tom Woxom – Robot

Friends, Musik

Freiheit den Robotern!

Tom Woxom - Robot

Tom Woxom - Robot

Tom Woxoms neues Album ist fertig und bittet mit techno-/discoiden Vocoderhymnen zum Tanze, lädt zum Chillen auf triphoppige Beats ein und singt in Träume von elektrischen Schafen.  Neu zum gewohnten C64/Amiga-Instrumentarium hinzugekommen ist der GameBoy, der sich perfekt in den 8-Bit-Mix fügt, abgerundet wird das Werk von Remixes von Low Bit Revolte und Rico Zerone. Mein ganz persönlicher Anspieltip: „Herz aus Gold“!

Zu haben bei Da ! Heard It Records

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Video: SorgenFreu – EX OVO OMNIA

Musik, SorgenFreu

Habe aus lauter Jux und Dollerei mal wieder zwei alte Fraktalrenderer ausgegraben und ein paar Streifzüge durch die wunderschöne Welt des Chaos unternommen. Früher war ich ja immer mit Fractint unterwegs und die Mandelbrotmenge mein Favorit, aber wenns dann ans Animieren geht, ist man da doch sehr gebunden (und ich wollte nicht noch eins von den Deep-Zoom-Videos machen, da gibbet schon genug von).

Chaoscope hat sich auf seltsame Attraktoren spezialisiert, und wenn man da ein wenig mit rumdaddelt, kommen da richtig interessante Sachen bei raus – sogar das Julia-Fraktal macht plötzlich richtig was her (fand ich früher immer langweilig).

Ein paar von den Attraktoren im Video sehen vergleichsweise furchtbar aus, weil ich ein wenig gebraucht habe, um das Programm zu verstehen, aber als ich dann schließlich dahintergekommen bin, sind das blaue Oszillogramm aus der letzten Strophe und die Julia-Drehung aus der zweiten enstanden und die anderen waren dann doch zu schade, einfach wieder gelöscht zu werden (und die alle nochmal neu zu rendern, fehlte mir die Motivation). Ein paar basieren auf den mit dem Programm gelieferten Samples, wie z.B. „Solar Sail“, „Sunday Afternoon“, „Double Helix“, „Phobos and Deimos“ und „Synchlotron“.

Die beiden Quaternionen sind ganz simple Julia- und Mandelbulb-Presets aus Chaospro, spasseshalber auch mal die Potenz auf 2 runtergeschraubt, da werden sie schön asymetrisch.

Achja, und das Lied wurde natürlich mit LSDJ auf einem (vor langer Zeit) handelsüblichen Nintendo GameBoy (DMG-01) komponiert.

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Z U R Z E I T : _epilog

Zur Zeit

Nein, denn hier, jetzt, möcht ich Dich fühlen, berührungslos Deine Wärme spüren, Dein sonngengleiches Lächeln, den Blütenduft Deiner Haut und das Lachen Deiner Augen genießen, in diesem Augenblick voll Wonne mich laben an dem zarten Lichterfaden, den mein Herz tastend, zagend zu spinnen sucht nach dem Deinen, will besinnungslos mich berauschen an der Nektarsüße dessen, was Deine Lippen verborgen halten, will alles hingeben, eingehen in Deinen Palast ohne Gedanken an Wiederkehr, will mich voll und ganz verlieren ohne Aussicht auf Rettung im Labyrinth jener Schönheit, die zu beschreiben kein Wort je erfunden wurde außer:

ich liebe Dich.

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Z U R Z E I T . XXVIII

Zur Zeit

a x i o m    A:
Der Modus der Beziehungen der Menschen untereinander und miteinander hat Optimierungspotential.

a x i o m    B:
Der Modus steht in Wechselwirkung mit den von der Umwelt erlernten Mustern.

a x i o m    C:
Angst haben wir alle. Aber das ist okay. Wichtig ist, daß wir keine Angst voreinander haben.

a x i o m    D:
Dann können wir reden über die Muster und Symbole, die sie bedeuten.

a x i o m    E:
Wie alles in der Natur finden wir das Gleichgewicht zwischen Schönheit und Ökonomie.

t h e o r e m   1:
Die, die heute Kinder sind, werden darüber entscheiden, welche Zukunft sie wählen. Unser Streben sollte darauf abzielen, ihnen eine bestmögliche Gegenwart zu liefern. Weil die Alternative darin besteht, sie anzulügen und zu sagen, es sei nunmal so und schon immer so gewesen und da kann man nichts dran ändern sondern muß das beste draus machen, und wenn sie uns dann in fünfzig Jahren pflegen müssen und uns voller Gnade einen schnellen und schmerzlosen Tod wünschen, weil wir alt und grau und tattrig und schusslig und inkontinent und wertlos geworden sind, weil das schon immer so war und sich nun auch nichts mehr dran ändern läßt.

t h e o r e m   2:
Einige der Vorfahren der meisten von uns haben sinnlose Kriege gegen ihre Brüder und die Vorfahren unserer Schwestern geschlagen, haben sich und alles geopfert für das Versprechen, daß es ihren Nachkommen, also uns, einmal besser gehen wird, daß sie diejenigen sein werden, die endlich die neue Welt erblicken. Es ist an der Zeit, den Vertrag zu erfüllen, Könige und Herrscher der Heerscharen!

t h e o r e m   3:
Das Optimum liegt nicht auf unserer Weltlinie, doch innerhalb des Zukunftsteils des Wahrheitskegels, also ließe sich durch Beschleunigung (Bremsen/Lenken) noch was reißen.

h y p o t h e s e   I :
Gelänge es uns, den Apparat, anstatt ihm einen Maulschlüssel ins Getriebe zu schmeißen, ganz langsam abzubremsen, damit er auskühlen kann, müßten wir uns eine Weile mit Ersatz behelfen. Ich denke, das geht klar. So eine Art „Jubeljahr“ oder „Reset“ oder ein Moratorium oder wie auch immer Ihr das in Eurer Sprache nennen wollt. Wir haben schon oft den Warpkern abstoßen und ihn hinterher mühsam zurückholen müssen. Das verzögert die Reise und und und. Aber lieber so als daß uns der Kahn um die Ohren fliegt. Wie soll das aussehen? All die Bösewichte (Medien, Bullen, Staat, System) bekommen von uns, ihren Vorgesetzten, ein Jahr lang bezahlten Urlaub. Sie dürfen ihre Koffer packen und mit ihrer Familie in ihre Ferienhäuser ziehen. Politiker, Generäle, Redakteure, Pharmareferenten, Offiziere, Chefärzte, Aufsichtsräte, Oberstudiendirektoren – die kriegen alle ein schickes Hotelzimmer weit weg von dort, wo sie weiteren Schaden anrichten können… und die sollen bloß ihr Handy zuhause lassen! Denn offensichtlich hat die Brückencrew irgendeine Strahlung abgekriegt und nur die Fußmannschaft kann das jetzt wieder in Ordnung biegen. Wir brauchen Notmannschaften für Kinderferienheime! Und wir fahren die industrielle Produktion von Wegwerfluxus wie Kleidung und Autos auch ein wenig runter. Man könnte ja mal Ferien auf dem Bauernhof machen, oder einen Linux-Programmierkurs in einem Sommercamp (was ist mit Polizisten und Richtern? Siehe axiom C!)…

h y p o t h e s e   I I :
Es steht zu befürchten, daß beim Bremsmanöver das ein oder andere zu Bruch geht, sowie die Trägheitsdämpfer ausfallen. Also, auch, wenn’s schade um’s gute Geschirr ist: gut festhalten und anschnallen und zurrt alle beweglichen Gegenstände fest, damit sie nicht ausversehen jemanden erschlagen. Wenn wir hinterher behaupten, der Flug sei „holprig“ gewesen, sollen uns alle der Aufschneiderei bezichtigen. Und wer jetzt einwendet, wir kämen ja gar nicht in den Maschinenkontrollraum – keine Bange, in den Jeffreys-Röhren sind schon Leute unterwegs. Rechnet mit desorientierten Crewmen, die im Flur vor dem Holodeck herumirren und verwirrt fragen, wo sie sind. Nehmt sie eben beiseite, erklärt ihnen die Sachlage und zeigt ihnen den einfachsten Weg zum Zehn Vorne. Vermutlich werden auch die Turbolifts ausfallen oder verrückt spielen, also nicht panisch werden!

h y p o t h e s e   I I I :
Der Anbau und die Bereitstellung von Nahrung und die Herstellung von Arznei werden kurzzeitig durch einige Engpässe gehen. Also entweder hinten anstellen oder jeder hilft mal eben bei der Ernte, dann ist das auch schnell erledigt. Keine Bange, es ist längst genug für alle da. Und wenn Leute reinwollen, laßt sie rein, die sind nur auf der Durchreise. Wie, „und was, wenn sie frech werden?“! axiom C!

h i n t e r g e d a n k e   a :
Kommt man zwei Wochen vor Ablauf des Moratoriums zum Schluß, das wäre bis hierhin ganz gut gelaufen, wird es nach einstimmiger Absprache um ein weiteres Jahr verlängert. Blödsinn! Ein schon wieder ein Detail zuviel. Ich bin gar nicht für die Machbarkeit zuständig, sondern für den Entwurf. So machen doch Architekten das. Sie bauen ein Modell und dann wird geguckt, ob das auch gebaut wird. Detailskizzen und grobe Schraffuren des Großen Ganzen habe ich ja schon dargelegt. Ich kann niemandem vorschreiben, welche Poster er in seinem Zimmer aufhängen soll.

h y p o t h e s e   I V :
Wir sind verlassen, doch nicht allein, und sind wir allein, doch niemals einsam. Kennt Ihr das Gefühl der Befriedigung, wenn Ihr mit vielen zusammen geholfen habt, ein wildfremdes Auto anzuschieben? Ich habe mal an einer Tankstelle gearbeitet…

h y p o t h e s e   V :
„Und was kostet das ganze?“ – mindestens den Verstand (wie Ihr an mir seht :-) Nein, ehrlich. Keine Ahnung. Was ist uns die Welt wert, was ist das Leben wert? 359,-€? Was ist das umgerechnet in Pfund Sterling, oder in Labskaus, oder in Streicheleinheiten? Und wenn’s nun kein richtiges Leben ist? Wenn wir entscheiden, wir bauen ein Reisfeld in die Sahara, laufe ich notfalls auch zu Fuß hin, solange nicht der ganze Rest das Flugzeug nimmt. Es geht immer um Relationen und ihre Intervalle, nicht um die absoluten Werte, die für sich genommen und ohne Kontext keinerlei Wert besitzen. Mit Takt rüberbringen: hier spielt die Musik. Und für den Reichen ist es immer gut, viel Schulden zu haben, man weiß ja, was früher mit Gewichtezinkern gemacht wurde.

t h e o r e m   4 :
Wir werden scheitern, aber das ist nicht schlimm. Wir werden wenigstens sagen können, wir hätten was getan statt nur die Hände im Schoß zu falten.

a x i o m   F :
Herkömmliche Rechtsauffassungen sind nachrangig. Es gilt das Recht des Stärkeren. Und wer ist stärker: der, der die größte Keule schwingt oder der, der ihn mit Worten und Gesten dazu bringt, seine Waffe niederzulegen und sein Leben zu verschonen?

h y p o t h e s e   V I :
Viele kommen ja gar nicht zurecht, ohne darauf zu verweisen, daß eine Veränderung der bestehenden Verhältnisse – Machbarkeit hin oder her – nach allen Maßstäben gültiger juristischer Paradigmen und aktueller Gesetzeslage voll und ganz illegal sei. Das mag faktisch richtig sein. Ist aber scheißegal, denn es beweist nur, daß mit den Gesetzen etwas nicht stimmt. Rechte werden nicht gewährt, sondern erstritten. Wer streitet mit für eine bessere Welt?

t h e o r e m   5 :
Das ist doch krank! Zu produzieren, obwohl kein Bedarf da ist, und dann also Bedürfnisse erschaffen zu müssen, damit der Schund auch konsumiert wird. Und das alles mit Hinweis darauf, es sei „ökonomischer“. Gemeint sind hier beispielhaft billiges Plastikschrottspielzeug (Handys?!?) und teure Fernlenkwaffen mit GPS-Koordination, Zielsuchsensor und Wärmebildkameras, die dann doch irgendeine Kindergartenparty sprengen. Währenddessen bleibt die Produktion tatsächlich dringend benötigter Güter liegen, weil das nicht ökonomisch sei – Medizin, Bildung, Anlagen zur Erschließung ressourcenschonender Energiequellen. Das ist doch krank! Ein Heer von Arbeits- und Erwerbslosen hier, ausgebrannte und gehetzte Doppelschichtenschieber mit Angst um ihren Arbeitsplatz dort. Immer mit Hinweis auf das Geld.

h y p o t h e s e   V I I :
Es muß unbedingt neues Geld her. Ein Geld, dessen Wert nicht an die Casinomentalität von Spekulanten und Derivatenzockereien und die Launen der Börsen und Weltmärkte und das Bohren nach brennbaren, hochtoxischen Erdinnereien geknüpft ist, sondern ein verlässliches Tauschmedium für den alltäglichen Lebensunterhalt darstellt. Silvio Gesell hat mit seiner Freiwirtschaft ein solches Wirtschaftssystem, das das natürliche Wesen des Seins widerspiegelt (Werden im Überfluß und seine Vergänglichkeit) sehr genau skizziert, und ich würde gerne wissen, ob das praktikabel ist. Mindestens dürfte es eine Menge Druck aus dem Kessel nehmen, wenn die Inflation 0 beträgt. Es bringt doch nichts, noch ein Gesetz aufzustellen, nach dem es beispielsweise verboten sei, in perversen Dimensionen Geld zu horten – dann wird das Gesetz eben von den Hortern umgangen und die Leidtragenden sind wieder die Habenichtse, denen ihren Sparstrümpfe weggenommen werden. Geld muß natürlich fließen.

a x i o m   G :
Energie! Wir brauchen Energie für den Transport und die Fortbewegung, zum Essenkochen, für Licht und Wärme und für unsere GameBoys.

t h e o r e m   6 :
Energie ist im Überfluß vorhanden. Wir brauchen keine Atomkraftwerke und Castortransporte, keine Kohlekraftwerke und, festhalten, liebe „Ökos“, noch nichteinmal Photovoltaik-Anlagen, die bei ihrer Produktion und Entsorgung mehr Energie verbrauchen als sie in ihrer Lebensspanne zu erzeugen hoffen dürfen. Ich setze meine Hoffnung auch nicht offen auf die Bemühungen der Nullpunktenergieforscher, brauche ich auch nicht unbedingt, solange die Sonne scheint. Und wenn sie scheint wie in der Sahara, wo man wunderbare Sonnenöfen hinsetzen könnte, ist doch alles super. Und bei schlechtem Wetter? Lassen wir das bei Überproduktion hochgepumpte Wasser aus den Stauseen in Norwegen raus, die gewinnen jetzt nämlich bereits über 90% ihres Strombedarfs aus natürlichen Energiequellen. Und dann gibt es immer noch die Stirling-Motor-Variante mit der Fresnel-Linse und die Hoffnung, das war kein Blödsinn mit den Autos, die ab und zu auftauchen und angeblich mit Wasser laufen sollen. Das klingt wie Spinnerei? Zugegeben, auf solche Ideen kommt man in einer Welt, in der die Energie-Mafia Laufzeitverlängerungen von Atomkraftwerken durchpauken kann gegen den kollektiven Willen der Bevölkerung und wider die Erfahrung in Tschernobyl.

a x i o m   H :
Wasser! Wir brauchen Wasser, insbesondere dort, wo es keines gibt.

t h e o r e m   7 :
Doch nach allem, was ich gehört habe, wäre das prinzipiell alles gar kein Problem, nur, wenn man eins draus macht. Ich meine, schon in der Antike kannte man Mittel und Wege, Wasser zu transportieren, bergauf sogar, wenn nötig, und das ohne Pumpen. Um für’s Öl ne Pipeline durch die Vorgärten irgendwelcher Völker zu bauen, führen wir mit Freuden Krieg, aber wehe, es kommt einer auf die Idee, in Trockengebieten ein paar Meter Rohr zu verlegen, dann ist man gleich ein Spinner, Phantast und unverbesserlicher Weltenverbesserer… und vielleicht war Viktor Schauberger ein dummer, spinnerter Förster, der zufällig auch eine gute Idee hatte mit seinen Schwemmanlagen, vielleicht war er auch ein bedeutender Erforscher der (Meta-)Physik des Wassers und seine Erkenntnisse lassen sich dabei nutzbar machen.

a x i o m   I :
Nahrung, wir brauchen Nahrung.

h y p o t h e s e   V I I I :
Vielleicht haben wir Glück und es gelingt uns, ein paar Wüsten zu begrünen. Ja, sicher, wir mögen die dort bestehenden Ökosysteme alle ganz doll. Vielleicht lassen wir die eine oder andere Düne auch stehen (als Filmkulisse oder für romantische Sonnenuntergänge). Aber wir können ja hier und da eine Oase etwas vergrößern. Von wegen, der Boden gäbe nichts her. Wir sind Menschen, wir haben bisher noch jedes Land urbar gemacht! Wir haben immerhin Pläne für’s Terraforming dessen, was wir „lebensfeindliche“ Planeten nennen, in den Schubladen (irgendwo ganz unten, unter den Photonentorpedorißzeichnungen und Überwachungssatellitenzugangsdaten).

h i n t e r g e d a n k e   b :
Werft mir doch ruhig Speziismus vor!

a x i o m   J :
Bildung, oder Erziehung, oder Prägung, oder wie man das nennt.

h y p o t h e s e    I X:
Da gibt es wahnsinnig viele Auffassungen drüber. Auch kein Problem. Jeder hat da andere Erfahrungen gemacht – ob als Kind oder als Erzeuger oder Erzieher oder Lehrer… bisher habe ich die Vorschläge gemacht, jetzt seid Ihr dran.

h i n t e r g e d a n k e   c :
Meine Erfahrung ist z.B., daß das institutionalisierte Lernen im vom alten Preußen inspirierten Schulbetrieb eine ganz fürchterliche Sache und nahe genug dran ist, die Kriterien für Folter, Verstümmelung und Vergewaltigung zu erfüllen. Das mag übertrieben klingen, aber neulich habe erstmals den Ausdruck „Deschooling“ gehört und die Vertreter desselben finden da noch ganz andere Vergleiche: Schule als Krieg gegen das Kindsein. Aber es ging ja nicht ums Meckern, sondern um Alternativen. Hm… was ist mit Schulen, Gymnasien, Akademien und Universitäten, in der jedes Kind und jeder Heranwachsende nach Lust und Laune und unter so fachkundiger wie liebevoller Anleitung lernen kann, wonach ihm der Sinn steht? Also eben keine top-to-bottom-Gehirn-Massenabfertigung nach Lehrplan, sondern nach individuellen Interessen und Vorlieben, mögen sie auch noch so wechselhaft sein, mit Rücksicht auf all die vielen kleinen Schübe, die ein Menschlein auf seinem Weg zur Reife durchzumachen hat. Keine Gewöhnung an Leistungsdruck, keine Erziehung zu Konkurrenzdenken und Schummeln-ohne-dabei-erwischt-zu-werden, sondern aus Freude am Lernen der Lernenden und am Lehren der Lehrenden. Ich hege die Hoffnung und die vielleicht nicht vollkommen unbegründete Vermutung, daß da eine ganz andere Generation Mensch heranwachsen würde, der zur Gänze unverständlich erscheinen muß, daß wir das gegenwärtige System überhaupt so lange haben praktizieren können.

a x i o m   K :
Ganzheitliches Denken, Naturverbundenheit, Rücksicht und technologischer Fortschritt schließen einander nicht aus.

h y p o t h e s e   X :
Vielleicht bedingen sie einander gar. Ich habe jedenfalls satt, mir anhören zu müssen, ich würde den Arbeiter- und Bauernstaat proklamieren oder in rückständiger Neandertal-Romantik schwelgen, noch während ich über Raumschiff Enterprise fabuliere und die Vorzüge des C64 gegenüber dem plus/4 preise oder darlege, daß das Internet – in seiner Form kurz, bevor es der Kapitalisierung anheim fiel – jene weltverändernde Zäsur darstellen könnte, die uns ermöglicht, zueinanderzufinden, die Ketten abzustreifen und uns global in flachestmöglichen Hierarchien zu organisieren. Und wenn jetzt wieder eine Ismen-Schublade dafür braucht, kann er den Entwurf entweder unter futuristisch-progressivem Konservatismus, konservativ-progressivem Futurismus oder konservativ-futuristischem Progressivismus ablegen, den Anarchie-Stempel drauftackern und das Ganze noch mit einem giftgrünen Post-It versehen, auf dem „Öko“ steht. Ich finde es nämlich ganz dufte, daß die moderne Medizin früher unheilbare Krankheiten oder Verletzungen ambulant und schmerzfrei zu versorgen weiß, und daß heute ein vernünftiger Mähdrescher in der gleichen Zeit die Arbeit von mehreren Dutzend Sensenmännern zu verrichten vermag, all sowas. Das alles abzuschaffen und hoffnungslos Kranke verrecken zu lassen, nur, damit wieder Arbeit für alle da ist (bzw. für alle Arbeit da ist), wäre Unsinn. Finde ich, jedenfalls – aber sicherlich (hoffentlich!) findet sich in Schlaraffia auch ein Domizil für den Armish geistesverwandte (bei der Revision fällt mir auf, daß das härter klingt, als es sollte, also unmißverständlicher ausgedrückt: Technologie nicht um jeden Preis und wer nicht will, der braucht nicht, soll aber auch nicht schimpfen).

a x i o m   L :
Immer mit der Ruhe, dann mit ’nem Ruck.

h i n t e r g e d a n k e   d :
Ich habe keine Ahnung, wie sich das ganze Dingen organisieren und selbsterhalten soll, selbst – und insbesondere! – ohne Druck von außen, ohne herrschende Klasse und ohne Führer, der im Detail erklärt, wie das alles abzulaufen hat. Ich betone: das ist überhaupt nicht mein Job! Aber auch darüber wurde schon lang und breit hin- und hertheoretisiert, und wer wirklich ein Stichwort braucht, kann ja mal „Demarchie“ googeln oder „ParEcon“ oder „Anarchosyndikalismus“ oder „Räterepublik“ oder „Liquid Democracy“… oder sich eigene Gedanken machen und die Früchte seiner Bemühungen hier oder woanders zu Markte tragen.

a x i o m   M :
Achso, die Medien!

h y p o t h e s e   X I :
Ich stelle mir das so vor, daß nicht berichtet wird, was die Leute gerne hören wollen, damit sie die Zeitung kaufen, sondern, daß da auch mal ein paar unangenehme Wahrheiten drinstehen, Dinge von Belang und Bedeutung (die Dugarun sind kein gutes Beispiel, aber ich kann mir schon vorstellen, daß manch einem regelrecht krank um Herz und Magen wird, wenn er erfährt, daß er in einem Gefängnis lebt und all die Jahre nichts davon geahnt hat, das kann furchtbar traumatisierend sein – sorry! Aber da mußte ich auch durch. Harte Zeit. Das geht vorbei. Alles wird gut!). Zum Beispiel, es passiert irgendwo was – eine Dürre, ein Tsunami, ein Kometeneinschlag, weiß der Geier. Dann drucken wir da nicht die Fotos von den Leichenbergen ab und schreiben, wie schlimm das alles ist, sondern berichten, was die Leute vor Ort sagen, was sie jetzt gerade ganz unbedingt brauchen: unser Mitgefühl, unsere Gebete, warme Decken, Konservennahrung, um die nächsten 2 Wochen zu überstehen, 2500 Mann, die ranrauschen und beim Aufräumen und Wiederaufbau helfen und sich solange um die Kinder kümmern, wie die Eltern dabei sind, einander wiederzufinden – bitte melden unter http://www…. und da steht dann schon: yo, die Decken sind unterwegs, braucht sich keiner mehr zu kümmern, die Helfer sind auch schon fast alle da, wir brauchen noch Spezialisten für die Trinkwasseraufbereitung, und wenn ihr noch was tun wollt: betet. Danke für alles, Gott vergelt’s, wir können nämlich gerade nicht, aber irgendwann ist jeder mal dran…

a n t i t h e s e   1 :
Ja, aber – das kann nicht gehen! Das ist zwar alles sehr schön und gut durchdacht und furchtbar romantisch, aber der Mensch ist nunmal eben nicht so edel, hilfreich und gut. Er braucht ein Alphatier, dem er sich unterordnen kann, und wenn er keins findet, wird er sich selbst durchs Rudel beißen. Der Mensch ist egoistisch und eigensüchtig. Der Mensch ist primitiv und selbstbezogen, dumm und faul sowieso. Man sieht, was mit ihnen passiert, wenn man sie alleine läßt, in den Ghettos, Slums und Barrios, in den von Bierdämpfen und Tabakqualm durchseuchten Hartz-IV-Appartements selbst hier inmitten auf unserer Insel der relativen Glückseligkeit durch Wohlstand und Sicherheit. So sieht Anarchie aus: Gewalt, Niedertracht, Gesetzeslosigkeit, Faustrecht, Drogen und Mafias und Gangs und Zwangsprositution, Hunger und Kindersoldaten. Was ich mir da ausmale, hat nichts, nicht das Geringste mit der Realität zu tun. Wir müssen die Menschen nehmen, wie sie sind – andere haben wir nicht. Und sie beißen die Hand, die sie füttert, sie sind aggressiv und mordlüstern, manisch depressiv, suizidal, schizophren und ungebildet, dumpf und roh und zu keiner vernünftigen, verstandesmäßigen Übereinkunft fähig. Es würde ihnen gehen wie unseren Milchzuchtkühen, wenn man sie zum ersten Male auf eine echte Weide triebe: sie würden nach wenigen Minuten kollabieren, unfähig, selbst das saftigste Gras und die schmackhaftesten Kräuter zu verdauen, nachdem sie ihr Leben lang mit vorportionierter Hochleistungsmast vollgestopft wurden. Man hat sie doch aus den Ghettos umgesiedelt in schicke Neubauwohnungen, sieh, wie die Wohnungen und Viertel nach sechs Monaten aussahen! You can get the people out of the ghetto, but you can’t get the ghetto out of the people. Ich sollte es einsehen. Mein Wunschdenken, meine Phantasie, mein Idealismus, mein Eifer für Freiheit, Gerechtigkeit, Liebe und Frieden und Fortschritt und Maoam für alle in hohen Ehren, aber es wäre besser, ich suchte mir einen Job und eine Frau oder eine Katze oder alles drei und würde mich damit abfinden, daß ich mich irgendwie einfinden muß in dieses System – ob es mir gefällt oder nicht, Ideale, Moral, Leidenschaften und Gewissen hin oder her.

So oder so ähnlich hat mir ein guter Bekannter, ein Freund sozusagen, zugesprochen, glaubte, mein Weltgebäude im Fundament erschüttert zu haben. Komisch, die Phase des Misanthropismus habe ich lange hinter mir geglaubt, doch da packte es mich wieder, die unbändige Lust, einfach zu resignieren, drauf zu scheißen und mit schallendem Gelächter von der nächsten Eisenbahnbrücke zu springen (sie war nicht weit).

Der Gedanke verflog schnell genug, mich hier nun diese Zeilen schreiben zu lassen. Ich bin Berufsoptimist :-)

Und ich bin auch nicht zum Frisör gegangen und habe mich dann für eine kaufmännische Lehre bei der Commerzbank angestellt oder begonnen, mich irgendwie total exaltiert (exaltierter als sonst) zu verhalten und irgendwelchen Kommerzpopscheiß zu produzieren, um schnellstmöglich reich und berühmt zu werden, sondern gleich die nächsten drei verquer schrägschönen GameBoy-Tracks fürs fünfte SorgenFreu-Album klargemacht. Vollkommen nicht grundlos mögt Ihr grübeln, warum es mich nicht längst darniedergerafft hat, ich nicht Zuflucht in Drogen, Sucht, Einsamkeit und morbid-sadistischen Amoklaufphantasien suche.

Ich habe das Paradies gesehen, nein, sagen wir, eine Vorstellung davon bekommen, wie es sein könnte in einer Welt, wie ich sie versuche, Euch zu verkaufen.

„Eine Vision! Der Geist ist in ihn gefahren, seht, er spricht!“ geht ein Raunen durch die Menge.

Nenene, ist viel banaler.

Sicherlich habt Ihr schon von den Zeugen Jehovas gehört, vielleicht sogar irgendwie am Rande oder durch einen kleinen Nebensatz mitbekommen, daß ich die Schulung und Erziehung der „Ernsthaften Bibelforscher“ im wahrsten Wortsinne mit der Muttermilch aufgenommen habe. Dies ist weder die Zeit, darin die Ursache für meine seelischen Leiden und psychischen Nöte zu verorten noch der Ort, um über die Inhalte der Lehren zu debattieren, über ihre totalitäre Herrschaftsstruktur und den alleinigen Wahrheitsanspruch oder darüber, daß die echt die Frechheit besitzen, einen jedes halbe Jahr am Ausschlafesamstag um acht Uhr morgens aus dem Bett zu klingeln, um einem ein Gespräch über die Bibel aufzudrängen, denn ich möchte auf etwas anderes hinaus.

Denn nicht nur meinen militanten Pazifismus und die Skepsis gegenüber dem Schulwissen und unseren Weltenlenkern (und einen gesunden Schuß Paranoia) habe ich der Indoktrination mit „Wachturm“ und „Erwachet!“ zu verdanken, sondern auch, daß ich Utopia in Aktion sehen durfte.

Damit meine ich nicht etwa die leicht als selbstgefällige Propaganda abzutuenden Berichte über die Blitzhilfe, die sie sich gegenseitig und ihren Nachbarn in Katastrophenfällen zuteil werden lassen. Seeing is believing, und ich habe immerhin fast zwanzig Jahre lang keinen Bezirkskongress verpasst (das sind die Dinger, wo sie mit über 10.000 Mann ein Fußballstadion für’s Wochenende anmieten und sich von ausgesuchten Rednern erklären lassen, daß ein unbegreiflich mächtiges Geistwesen zu gegebener Stunde schon klar Schiff machen wird an Bord von Terra Titanic, um das komplette Stadion hinterher im blitzeblanken Zustand wieder abzugeben), und ich war dabei, als unsere kleine Versammlung aus einem kleinen, muffigen, ölofenbeheizten Kellerloch umgezogen ist in den neuen Königreichssaal. Das besondere daran ist, daß dieser erst gebaut werden mußte. Aus allen Nachbarversammlungen kamen sie rangerauscht und packten mit an. Erst wurde das Fundament gegossen, dann wurde ein Gerüst drumrumgebaut, dann das Dach, dann kam ein Kran, hat das Dach hochgehoben und der Rest vom Haus wurde druntergestellt (ein bisschen wie im Ostfriesenwitz). Das ganze innerhalb von ein bis zwei Hauptbauwochenenden. Hinterher wurde freilich noch tapeziert und die WCs gefliest und Geranien gepflanzt, aber da waren die LKWs, Baumaschinen und der Kran schon längst beim nächsten Bau. And here cometh the kicker: keiner hat auch nur einen Pfennig (war noch zu DM-Zeiten) Geld gesehen für seine Arbeit, im Gegenteil, das ganze Projekt wurde mit Spenden gewuppt – Kinder waren dabei, Frauen, Männer, Greise, Krüppel. Arme, Reiche, Schlaue, Dumme. Und bevor jemand schlechte Witze macht: ja, das Haus steht noch, wenn Ihr mal durch die Goldene Mark kommt, macht einen Abstecher über Obernfeld und guckt Euch das Ding an. Sehr schön. Nur das Interieur ist für meinen Geschmack zu altrosa geraten.

Ich war da, als der eiserne Vorhang fiel und die Brüder und Schwestern aus dem wildesten und entferntesten Osten angereist kamen in unsere Grenzkleinstadt, um zum ersten Mal in ihrem Leben einer Versammlung in Freiheit und ohne Angst vor Verfolgung (das Predigtwerk war im Ostblock böse verboten) beizuwohnen.

Inwieweit hier ideologischer Hirnfick und der Veitstanz um die Heiligkeit des Blutes eine Rolle spielt, soll Bestandteil einer anderen Diskussion sein; sofort will ich entgegenhalten: lieber konstruktiven und freiwilligen Hirnfick als destruktiven erzwungen Hirnfick, der die Menschen dazu bringt, sich gegenseitig über den Haufen zu ballern oder am langen Arm verhungern zu lassen.

Ich will nach wie vor auf was anderes hinaus: das mag nur ein Beispiel sein, doch es hat System, das sich überall auf der Welt tagtäglich aufs Neue beobachten läßt, in immer anderen Ausformungen. Was ihnen gemein ist: da steht keiner mit der Peitsche und brüllt „mach jetzt“, sondern alle, die mit anpacken, tun es aus freien Stücken und aus Freude an der Sache, aus tiefster und innerster Überzeugung, daß da was draus werden kann mit Hand und Fuß. Und weil nicht jeder Profi ist, hört er auf das, was diejenigen, die seit Jahren nichts anderes machen, zu sagen hat (die „Ältesten“ hatten beim Saalbau nicht viel zu melden, die eigens angereisten Bauleiter haben Kraft ihrer Autorität durch Wissen und Erfahrung einen weitesgehend reibungsfreien Ablauf gewährleistet. Jeder Baukonzernchef hätte sicher die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen ob des dilettantischen Gestümpers, das wir vermutlich ab und zu an den Tag gelegt haben (wir hatten beispielsweise einen, der kam mit seiner Schublade voll Kies nicht über die Planke und hat alles im Graben versemmelt) – so what? Wir hatten die Manpower, das in Windeseile wieder geradezubiegen, und so schnell baut den Zeugen keiner ein Haus nach). Wir sind altruistische Gemeinschaftswesen. Wie sonst ließe sich erklären, daß Chaos-Projekte wie die unter der GNU-Lizenz – Linux, OpenOffice oder Wikipedia – tatsächlich irgendwann gangbare Produkte auf den Markt bringen können, daß manche Leute Stunden, wenn nicht Tage ihres Lebens darauf verwenden, irgendetwas schickes ins Netz zu stellen, um anderen eine unentgeltliche Freude zu machen, daß ein riesengroßer Teil der in Deutschland verrichteten Arbeit keine sozialversicherungspflichtige, sondern ehrenamtliche ist?

Daraus, d.h., aus persönlichem Erleben, aus Erfahrung, nicht aus irgendwelchen weltentrückten Träumereien, schöpfe ich die Hoffnung, daß man sowas in der Art auf globaler Ebene in die Wege leiten könnte – nur halt ohne den ganzen konfessionellen und weltanschaulichen Hokuspokus und ohne psychologische Folterinstrumenten wie Schuld und Scham, einzig auf Basis eines Minimalkonsens- (wie bildet man in diesem Falle des Genitivs?) – der besseren Welt zum Beispiel – und einem einzigen, hochheiligen Gebot: der Liebe.

Und jetzt komme mir einer mit Ja-aber-Gelaber.

So, damit endet die Reihe „Zur Zeit“. Ich hoffe, dieser kleine Exkurs ist Euch nicht allzu langweilig geraten und der ein oder andere Gag konnte über das ganze andere wirre und ungeordnete Zeug hinwegtrösten. Normalerweise käme hier noch so’n „call to action“, aber Ihr werdet schon wissen, was zu tun ist, wenn es Euch frenetisch mit den Armen wedelnd entgegengehoppelt kommt ;-)

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Z U R Z E I T . XXVII

Zur Zeit

Was ich konkret tu? Hei, hier beginnt mein Rückzugsgefecht. Zählt passiver Widerstand auch? Ich war mal Vegetarier für drei oder vier Monate, und ich habe kein Auto und keinen Führerschein (aus Prinzip natürlich: was denkt Ihr denn?). Na, das ist doch ein Verdienst! Ich hab’s drangegeben, wertlosen Schund zu verkaufen und schreibe noch keine Politikerreden. Das ist doch was.

Ihr offenbart eine perverse Lust am Leiden, wenn Ihr das Zeug echt vom ersten Kapitel bis hierhin verfolgt habt. Ist es so spannend, mir zuzusehen, wie ich mich in meine eigenen Widersprüche verstricke und kläglich um Hilfe jammere?

Oder bejubelt Ihr mit Jauchzen und Händeklatschen meine verbalen Kapriolen, doppelten Logik-Rittberger und Rhetorik-Salti? Danke! Danke! *kusshändeinspublikumwirft*

Vergaß ich zu erwähnen, daß es gar nicht um mich geht?

Manchmal habe ich ja tolle Ideen. Ich könnte mich mitten auf die Fußgängerzone stellen, mit einem lustigen Anzug an, und wahllos Passanten aus der Menge fischen, anhalten, ansprechen, sie an den Schultern fassen und die Wirbelsäule aufrichten, zum Schluß mit einem Lächeln und einem Schubs unters verdutzte Kinn den Kopf zurechtrücken und sagen: „Vergiß nicht: Du bist der König/die Königin!“ und mit drei Bällen jonglieren und Flugzettel verteilen und allerlei eulenspiegelerischen Schabernack treiben.

t b c . . . (Achtung, jetzt kommt das Grande Finale!)

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Z U R Z E I T . XXVI

Zur Zeit

Und deshalb, meine treuen Leser, möchte ich Euch berichten von einer langen Reise und von den Abenteuern, Gefahren, Freuden und Freunden, auf die ich dabei stieß.

Bevor ich diese Reise antrat, pflegte ich die Überzeugung und Auffassung auszudrücken, die großen Heldengeschichten unserer Zeit seien mit „Der Herr der Ringe“ geschrieben und mit „Star Wars“ verfilmt worden; die epische Größe der Handlungen und Charaktere schienen mir hinreichend geeignet, die ideengeschichtliche Erbfolge der jahrtausendealten Überlieferungen anzutreten, die uns seit je her bei der Entschlüsselung von Vorgängen unseres Selbst assistieren, indem sie die Dinge und Archetypen als leichter zu fassende Bilder, Symbole und identifikationsfähige Subjekte, Objekte, Situationen und Beziehungen projizieren (Bly et al). Natürlich ist manchmal eine Zigarre einfach nur eine Zigarre (Freud), und manch einer verabscheut Allusionen, wo er sie nur riecht (Tolkien), und doch kann es kaum Zufall sein, daß Meme aus der Welt der Phantasien auch modernerer Epen (teils auch der der noch der „Pop-Kultur“ zugeordneten) in dieser unserer Realität als Hilfskonstrukt dienen, um komplexe Gedankengänge mit nur einem einzigen Bild zu vermitteln. Um das zu veranschaulichen, sei beispielhaft das T-Shirt „I took the red pill“ erwähnt. Wer nun „The Matrix“ nicht gesehen hat, dem mag ein Beispiel aus einer anderen Kultur helfen, zu verstehen, was ich meine: „Miyamoto Musashi ist eine historische Figur, die durch Yoshikawas Roman in die japanische Folklore einging. Musashi und die übrigen Protagonisten des Buches sind in der japanischen Öffentlichkeit so bekannt, daß in Unterhaltungen häufig lebende Personen mit ihnen verglichen werden.“ (Nachwort von Edwin O. Reischauer zu „Musashi“ von Eiji Yoshikawa in der gekürzten Taschenbuchausgabe von 1987)

Mit großem Fleiß hatte ich bisher ein anderes Epos der Popkultur ignoriert, und zwar Gene Roddenberrys „Star Trek“. Nun gut, Eckdaten waren mir bekannt; ich hatte mal den vierten Film gesehen (und den gar nicht so schlecht gefunden) und auch ein oder zwei Folgen mal im Fernsehen, als ich jünger war; aber ich hatte mich nicht wirklich für dieses Universum erwärmen können. So groß, so komplex! Hier Kirk und Spock, da Picard (und was ist das für eine komische Frau neben ihm, die immer erzählt, was sie „fühlt“?!?) und der Android, der ganz und gar unandroidische Dinge sagt, und dann noch DS9 und Voyager – das war mir zuviel. Ich wußte, Star Trek erhebt wissenschaftlichen Anspruch, ich hatte hier und da Dissertationen über die Realisierbarkeit des Warp-Antriebs und der Transportertechnik überflogen; als ich siebzehn war, hat mir mal ein Schulfreund ein dickes Buch in die Hand gedrückt mit lauter Rißzeichnungen der Enterprise unter Captain Kirk. Mich wirklich mit dieser Saga zu beschäftigen, kam mir jedoch während all die Jahre nicht in den Sinn. Und ich wehrte mich auch mit Händen und Füßen, als mir unlängst ein Kollege anbot, doch mal seine TNG-Sammlung auszuleihen – doch wohl nicht vehement genug.

Und nun sitze ich hier und versuche nach einem brutalen Gewaltmarsch durch 170 Folgen Star Trek: The Next Generation das „Erlebte“ zu verarbeiten und weiß nicht so recht, was ich davon halten soll, wo anfangen, die Eindrücke aufrzudröseln in ihre Einzelbestandteile, ohne dem Großen Ganzen(TM) ungerecht zu werden.

Viele Stimmen sprechen in mir.

Der Skeptizist, Verschwörungstheoretiker und Paranoiker will den Vorwurf erheben, der Vorführung eines ausgeklügelten Gehirnwäschesystems beigewohnt zu haben. Es kann doch kein Zufall sein, daß die Serie Abertausende von Fans, Bekennenden und Sypanthisanten  gewonnen hat, also offensichtlich „alles richtig“ gemacht hat und vermutlich auch weit darüber hinaus einen enormen subliminalen Einfluß auf weite Teile der westlichen Kultur ausgeübt hat (und noch ausübt), seinen verführerischen Charme aus offen zur Schau gestelltem Liberalismus, unbedingtem Fortschrittsglauben und tiefem Pazifismus bezieht und sich dabei so blatant dem Dogmatismus patriarchal-hierarchischer und militaristischer Strukturen und rassistischen Ideologien verschreibt. Alles ist hier super: ein Knochenbruch, eine Virusinfektion, ein abgetrenntes Gliedmaß sind nur einen Tricorder-Scan von der rückstandlosen Heilung entfernt, wer blind geboren ist, hat vielleicht sogar das Glück, mit einem kybernetisch optimierten Gesichtssinn das Universum bestaunen zu können, die Logiker (von Vulkan), Krieger (von Kronos) und die Empathen (von Betazed) sind auf unserer Seite, Hunger und Armut sind dunkle Kapitel der Vergangenheit. Die stillschweigende Annahme des Paradigmas vom energetisch-ökonomischen Überflusses dank Replikatortechnik schlägt dem Faß die Krone mitten durchs Gesäß! Diese Werte gilt es zu schützen, notfalls (und nur dann!) mit Waffengewalt (was aber freilich immer und grundsätzlich am optimierungsbedürftigen Diplomatieverständnis der anderen Rassen liegt). Natürlich haben Captain Jean-Luc Picard und der Rest der Offiziere hier und da moralische Bedenken, befolgen selbst die Erste Direktive nicht rigoros getreu dem Wort des Gesetzes. Aber hin und wieder hat das Oberste Flottenkommando befohlen, und die Sternenföderation will, Zukunft und Wohlergehen des Schiffes, der Mission, der Föderation, der klingonischen und romulanischen Imperien und dieses Sektors hängen davon ab, also ordnen Sie sich unter, Fähnrich, ich verlange Ihren Gehorsam – und daß Sie Ihre Pflicht tun! Bis in den Tod! Bedenklich ist das neobabylonische Konstrukt mindestens, insbesondere für den, der sich in der Vergangenheit auf alternative, zumindest demarchistische und/oder matriarchale Gesellschaftssysteme und -Utopien berufen hat. Der sozialistische Überwurf schien den Machern wohl „mutig“ und progressiv genug, für viel mehr als ein gelegentliches Aufbegehren reicht es meist nicht.

Und überhaupt, unser Alphatier Picard. Weise ist er, pflichtbewußt, moralisch integer, Übervater der Crew „seines“ schwerbewaffneten Forschungsschiffs und seiner bis in den Tod loyalen Crew. Ab und zu schimmert Persönlichkeit durch, aber am liebsten läßt er sich von den Borg und Cardassianern foltern und geht dann die gesamte Galaxie retten, damit alle wissen, was für ein harter Bursche er ist. Dabei kann er sich blind auf seinen Offiziersstab verlassen. Auf seine „Nummer Eins“, Commander William Riker, zum Beispiel – und der ist schon ein toller Hecht. Eigentlich hätte er schon längst ein eigenes Kommando, aber anscheinend befürchtet er, dann nicht mehr soviele Möglichkeiten zu bekommen, mit jeder zumindest tendenziell weiblichen Lebensform, die eine wenigstens entfernt humanoide Physiognomie aufweist, intim werden zu können. Aber dann ’ne Eifersuchtsszene machen, wenn seine „Imsadir“ sich zur Abwechslung mal von irgendeinem dahergeschwebten Lichtwesen blitzbefruchten läßt, wenn sie nicht gerade die primären Lebenserhaltungssysteme der Crew mit ihrem atemberaubenden Dekolleté ins Stocken bringt, während sie ihren halbbetazoidischen Popo über die Decks spazierenwackelt (wegen sowas galten Frauen auf den Schiffen vergangener Zeiten als Unglücksbringer!)… ursprünglich gehörte ja auch Tasha Yar mal zur Brückencrew, aber wir lernen früh, daß den Drehbuchautoren etablierte Sympathieträger nicht heilig und unsterblich sind, schon gar nicht, wenn sie einmal im vollkommen verdruppten Koppe die Vorzüge des wandelnden Positronenvibrators und Verbalredundanzgenerators Lt. Cmdr. Data kennengelernt haben. Gut also, daß wir Dr. Beverley Crusher in der Krankenstation eingesperrt haben, so kann sie, statt größeren emotionalen Schaden anzurichten, ab und zu am Captain herumdiagnostizieren oder die Leute zusammenflicken, die Lieutenenant Commander Worf hin und wieder im Anfluge klingonischen Ehrgefühls aufzuschlitzen sich genötigt fühlt, weil er doch nicht die Phaser und Photonentorpedos gegen alles einsetzen darf, das ihn zu proto-gutturalen Lautäußerungen provoziert – Menschen, Androiden, Katzen, Ferengi, Romulaner, Bajoraner, Kinder, Sterne, Planeten, Asteroiden, schwarze Löcher oder multiphasenverschobene Raumzeithaarrißspaltenbänder in polarisiert fluktuierenden Thetrionfeldblasen, die stattdessen Geordi LaForge irgendwie wieder kitten muß… klar, daß soviel Testosteron und Adrenalin eine Warbirdphalanx voll nerdiger Fanboys auf den Plan rufen muß, die in einem Anflug kognitiver Dissoziation den offensichtlichen Schwachsinnsgehalt und die logischen Diskrepanzen vor sich selbst und allen anderen wegzurechtfertigen sich berufen fühlen – und überhaupt: was will uns das konstante Infraschallsummen an Bord der Enterprise sagen? Soll es etwa Thetawellen induzieren? „Krieg ist doof, aber wenn es anders nicht geht, tun wir halt eben unsere Pflicht!“? Und überall diese Dreiecke…

Es sprach: der Zyniker.

Unweigerlich hebt auch der bebrillte Nerd seinen Finger und weist darauf hin, daß furchtbar viele Paradoxien, Dilemmas, wissenschaftliche Anschauungen, Ideen und Utopien in die Entwicklung der Story einfließen – der selbstreferenzielle Humor schrammt teils ganz knapp am Zen-Vers vorbei, und das nicht nur, wenn der echte Stephen Hawking(s? Ich werd’s nie lernen!) in einer Holodeck-Projektion mit Albert Einstein, Isaac Newton und Data pokert, die Crew für eine Shakespeare-Aufführung probt oder sich die Klammer von Qs Gerichtsbarkeit über das Wesen des Menschen an sich und als solchem um die komplette TNG-Serie schließt.

Der Kritiker weiß die hervorragende Leistung zu würdigen von Schauspielern, die immer wieder schauspielernde Schauspieler schauspielern, teils ihre Rollen vertauschen, jemand anderen oder sich selbst in einer „alternativen Realität“ (oder einem anderen Raumzeitkontinuum, oder als andere Rasse, oder als Greise) inkarnieren müssen oder komplett aus der Rolle fallen, schlägt hier und da die Hände über dem Kopf zusammen ob lauter verworrener Drehbücher, weiß vor Staunen keine Superlative für die Arbeit der Maskenbildner mehr und bemerkt neidlos eine ungemein steile Lernkurve bei der Bildkomposition und den CGIs.

Aber da ist noch ein anderer Teil in mir, und der möchte Euch gern erzählen, wie tief ihn manchmal das Schicksal der Helden der NCC-1701 D berührt hat, wie er gelacht, heimlich gefeiert und sogar  geweint und mitgefiebert hat, wenn sie zwischen den Dimensionen und Paralleluniversen, Zeitverschiebungen, Viren, energetischen und künstlichen Lebensformen, unauflösbaren Konflikten und dysfunktionalen Warpfeldgeneratoren gefangen waren – heißa! Schon wieder Q! Was hat er sich diesmal einfallen lassen? Und sowas hätte ich Wesley nicht zugetraut – was wird Guinan dazu sagen? Und was ist mittlerweile aus Ro Laren geworden? Warum mußte Alexanders schöne Mutter sterben? Hach, endlich ein Licht am Ende von Deannas Herzenstunnel: ein Riker, der sie noch liebt; und auch für Picard besteht seit dem Feuersturm noch Hoffnung in Sachen Liebe, wenn er nicht Wesleys Stiefdaddy werden will – vielleicht kriegt Data ja sogar noch Lal repariert, wäre es das nicht? Und wird Deannas Mutter auf Worfs Hochzeit nackt sein, und wird Reg Barclay Frieden, Glück, Erfüllung finden und eine Frau, die ihn liebt und nicht aus dem Holodeck kommt?

Für sich genommen werden die im Folgenden erwähnten einzelnen Episoden keinem etwas bedeuten, der nicht auch wenigstens ein paar andere Folgen kennt, doch ich kann nicht umhin, sie besonders hervorzuheben, weil ich entweder vor Lachen ins Kissen gebissen oder bitterlich geweint habe. 1. „Datas Nachkomme“ („The Offspring“, Staffel 3, Folge 16), 2. „Datas Tag“ („Data’s Day“, Staffel 4, Episode 11), 3. „Das zweite Leben“ („The Inner Light“, Staffel 5, Episode 25), 4.  „Der Moment der Erkenntnis“ („Birthright“, Staffel 6, Episoden 16 & 17), und 5. „Der Feuersturm“ („Lessons“, Staffel 6, Episode 19).

Gerne werde ich dieses Experiment eines Tages wiederholen (insgesamt soll es über 700 Folgen in Gene Roddenberrys Universum geben, plus die elf Kinofilme, und „Lost“ und „Akte X“ sollen ja auch ganz gut sein), doch vorerst gilt es eine andere Mission zu erfüllen.

All dies, liebe Leser, sage ich Euch, weil Ihr wissen sollt, daß im Allgemeinen die Lektüre eines guten Buches oder das Schauen eines guten Filmes mich nicht unberührt läßt, im Gegenteil sogar großen Einfluß auf meine Gedanken nimmt. Dieser Effekt verstärkt sich, wenn man ca. drei Wochen lang seine Energie auf ein einziges Universum konzentriert. Wenn ich also zukünftig vermehrt Bezug darauf nehme, seht es mir bitte einfach nach, mit der Zeit legt sich das sicher wieder. Schlußendlich jedoch ist das meiste von meinem Geschreibsel nichts anderes als Ausdruck eines Versuchs, irgendwie zu verarbeiten, was mich beschäftigt; zumeist sind das viele Dinge auf einmal und ich kriege das nicht immer geordnet und dann wirkt das chaotisch und langatmig und Ihr nennt das „Geschwurbel“ oder sonstwie – noch dazu mein leichter Hang zu wackeligen Satzkonstruktionen, schwülstigem Pathos und diesem fiesen Gemisch aus Megalomanie und Minderwertigkeitskomplex… die Dugarun sind bestimmt ziemlich anstrengend und nicht wenige werden mir gewiß gerne den einen oder anderen Irrsinn attestieren. Das ist okay für mich, mir ist auch bewußt, daß das, was ich ins Internet tu, mir noch ziemlich lange hinterhergetragen werden kann, und dann kommt noch hinzu, daß sich in den letzten Monaten vermehrt ehemalige Schul- und Klassenkameraden über Facebook und meinVZ hierherverirrt haben könnten plus die ganzen Leute, die glauben, ich verfolgte mit diesem Blog ein ernstzunehmendes Ziel, entweder, weil ich ihnen mal die URL gegeben habe oder weil sie auf der Suche nach etwas ganz anderem über Google hier gelandet sind. Ich bilde mir, diese Dinge im Hinterkopf, irgendeine Erwartungshaltung ein, die in Wahrheit, glaube ich, gar nicht vorhanden ist – mich und also gar nicht zu hemmen, drücken, treiben oder drängen braucht. Diese eingebildete Erwartungshaltung sieht beispielsweise vor, daß es mir gelingt, den gordischen Knoten zu zerschlagen, all das verworrene Zeug in meinem Schädel präzise und konzise darzulegen, „auf den Punkt zu kommen“, ohne mir selbst zu widersprechen, ohne irgendjemandes persönliche, religiöse, philosophische, politische oder weltanschauliche Gefühle zu verletzen oder mich als totales psychologisches Wrack zu outen.

Dabei wäre es schon längst an der Zeit gewesen, klar und unumwunden zuzugeben, daß die Realität mich verrückt macht. Habe ich den einen Aspekt gerade erfolgreich verdrängt – nehmen wir Georg Schramms Darstellung des Oberstleutnants Sanftleben – will schon der nächste verarbeitet werden: Das könnte heute Paul Rassiniers „Was ist Wahrheit“ sein, morgen vielleicht schon „Beyond Borders“, danach „Der Spiegel im Spiegel“ von Michael Ende oder „Die Wunde der Ungeliebten“ von Peter Schellenbaum.

Belletristik, Film oder Sachbuch hin oder her: zweifellos gibt es da noch ein RL, das in allen intimen Details an dieser exponierten Stelle auszubreiten ich nicht gewillt bin über das Maß der Musik, Fotos und Grafiken hinaus. Vielleicht klingen die meisten Dugarun deswegen so verklausuliert. Doch wohin endlich mit dem Zweifel, ob die unangenehmen und negativen Aspekte „meiner“ Realität Ausfluß meiner eigenen niederen Beweggründe, Triebe oder Instinkte sind oder ob die Welt nun einmal so ist, ich nichts daran ändern kann und es höchstens in meiner Macht steht, so viel positive Energie wie mir möglich in diese Welt zu senden und bereit zu sein, diese auch, wenn dargeboten, zu empfangen? Anders formuliert: ist es nicht ein Ausdruck meiner eigenen Schlechtigkeit, Scheinheiligkeit gar, wenn ich immer wieder auf die Verdorbenheit und Korruption des Systems hinweise – liegt da nicht die Interpretation nahe, es handle sich lediglich um eine klägliches Ablenkungsmanöver, um die Aufmerksamkeit von meinen eigenen Unzulänglichkeiten als Mensch abzuwenden, anstatt klar und deutlich dafür einzustehen, daß nicht nur „zwei Herzen, ach, in meiner Brust“ schlagen, sondern ich auch dem profitgierigen Ferengi, dem verschlagenen Romulaner und dem streitsüchtigen Klingonen ein behagliches Heim in meiner Seelenwelt bereitet habe? Wäre es nicht allzu selbstgerecht, mit nacktem Finger auf Politiker, Regierungen, Ämter, Konzerne, Banken, Gangster und Militärs zu zeigen und Urteile zu fällen – will ich mit dem Maß gemessen werden, das ich an meine Umwelt anlege, kann an meinem Wesen die Welt genesen?

Hell yeah, die Fragen waren rein rhethorisch. Mit welcher Dreistigkeit also beanspruche ich, weiterhin „meine“ Entwürfe für ein zu realisierendes Utopia in den Äther abzusondern? Aus Loyalität, liebe Admirals, Guls und Daimons. Loyalität gegenüber der Menschenfamilie, die mich in ihrem Kreis willkommen geheißen hat, Loyalität gegenüber dem Planeten, dem Stern, der Galaxie, dem Universum gegenüber, die mich seit meiner Zeugung sein lassen. Aus Pflicht, liebe Admirals, Guls und Daimons. Pflicht den vergangenen Geistern gegenüber, die vor Vollendung ihrer großen Träume ihr Dasein beendeten und nun ihre Stimme nicht mehr erheben können, Pflicht einer Nachkommenschaft gegenüber, ihr die bestmögliche Welt zu hinterlassen, Pflicht hier und heute, etwas zu sagen, wenn alle Worte versagen, selbst auf die Gefahr hin, daß es nur dumme, unsinnige Gedanken am Rande und nebenbei sein könnten. „Es fällt schwer, zu philosophieren, wenn man mit so viel Leid konfrontiert wird“ (B Crusher) – es ist unlogisch, sagt der Vulkanier. Es bleibt also nur der Picard’sche Glaube, die innere Gewißheit, daß all dieses Aua keine Notwendigkeit auf Ewigkeit sein kann und irgendwann nur noch als Narbe an den schmerzhaften Teil der Geschichte erinnern wird, ein heilsames Mal, manch dornigen Pfad durch die multidimensionale Raumzeitideenmatrix einfach zu meiden. Alles wird gut.

Hach, ich liebe diese Meta-Diskussionen.

t b c . . .

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Z U R Z E I T . XXV

Zur Zeit

Liebes System,

ich schreibe Dir. Es gibt da etwas, was ich Dir sagen muß, und es ist wie immer: ich weiß nicht, wie. Ich habe Dir schon tausend Briefe geschrieben, habe die meisten dann doch zerknüllt und weggeschmissen und die schlimmsten als schlechtes und warnendes Beispiel allen Freunden und Fremden gezeigt.

Nur den Mut, Dich anzusprechen, habe ich bisher nie aufbringen können. Wiesest Du mich zurück, würde das kleine Bisschen, das noch von mir, nach Dir unverzehrt, vollends zerstört, eine leere Hülle ginge hinaus und würde zum Gewesenen. Und allen bewies ich mit lauter Stimme, daß ich keine Angst habe, indem ich offene Andeutungen auf Deine Fehler für schlechte Witze hinaustrompetete.

Wie sehr Du mich enttäuscht hättest. Und doch stehe ich dazu: Du hast mich ent-täuscht, meiner Täuschung beraubt. Du gefällst mir nicht, ich will Dich anders, und Du willst mich ändern. Das kann so nicht gutgehen.

Ich glaubte, das mit uns hätte ganz dolle viel mit Liebe, Frieden, Glück, Sonnenschein, grüne Wiesen, blaues Meer, schneebedeckte Gebirge, lachende Kinder, Ringelreihn zu tun und daß der Löwe beim Lamme weile oder so. Mit ziemlich viel Freiheit, Freizeit, Luxus, Freude. Und all die anderen Worte und Versprechungen. Watt denn, wo denn?

Ich kann Doch nur beschreiben, wie ich empfinde. Du hast ein furchtbar forderndes Wesen. Laß gut sein, kannst ja alles haben. Aber schreib mir dabei doch nicht jeden einzelnen Handgriff vor. Wenn Du meinst, daß Du das besser kannst, mußt Du das eben selber machen, aber dann zick nicht rum.

Ich will nicht negativ klingen, es geht mir ja gut. Aber tu doch bitte nicht so verdammt abgehoben, weil ich nicht ganz so toll bin wie Du. Ich kann auch zwei oder drei Dinge ganz gut, da bin ich mächtig stolz drauf und Du findest das unsinnig oder langweilig, aber laß mich doch meinen Spaß haben damit, ich gönne Dir Deinen doch auch.

Und noch was: ich erzähle allen, daß ich Dich durchschaut habe, genau weiß, was Du planst, wie verzwickt Du bist und was man nicht alles über Dich wissen muß – ich habe gedacht, daß ich Dich bloßstellen kann, aber am Ende steh ich nackig da vor Dir und kotz mich aus und Du mußt diese meine Klage anhören, dieses eine Mal, bis zum Ende.

In Wahrheit spiegeln wir uns in unserer Häßlichkeit. Und genau das ist dummes Zeug. Wir können uns wunderbar vertragen, aber ich habe da eine Idee: laß uns einen Vorhang ziehen. Dieser kann aus dickem Stahlseil gehäkelt sein oder aus feinster Nano-Seide, zur Seite geschoben werden. Es gibt Dinge, die möchte ich Dir klarmachen, und mir fehlen die Worte. Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll, aber ich versuche es einfach weiter. Vielleicht ist das der Punkt, wo ich lieber die Schnauze halten sollte, aber ich rede trotzdem weiter, obwohl ich nichts mehr zu sagen habe und den Faden verloren habe und Du hörst mir nicht mehr zu, wird wohl schon nicht so wichtig gewesen sein. Alles nicht so wichtig, Du hast mich längst schon wieder unterbrochen und erzählst mir irgendeinen Scheiß, den ich schon hundertmal gehört habe.

So funktioniert das. Doch, manches ist mir wichtig. Ich will, daß Du weißt, daß ich mich gestresst fühle in Deiner Nähe. Bin ich bei Dir, will ich weg. Du machst mich fertig. Du verstehst mich nicht.

Hör mir zu. Es gibt da Dinge, die ich sagen muß: so geht das nicht. Nicht, weil ich Dir vorschreiben will, was Du zu tun und zu lassen hast. Nein, es ist schlimmer: ich will so weit weg wie möglich von Dir sein. Hau ab.

Aber ich habe Angst, Dich zu verletzen, und das will ich nicht. Du bist nicht mein Typ und Du läßt mich das gleiche spüren. Das ist okay für mich. Vielleicht bin ich ja beknackt, und irgendwas stimmt nicht mit mir, aber irgendwie hatte ich mir das aufregend und wunderschön vorgestellt, aber hey, was soll ich machen, wenn ich selbst nicht der edle Ritter bin, der ich gerne wäre, oder jenes Heldentum lebe, das ich, in meinen Roman-, Comic- und Filmhelden verkörpert, befeiere?

Aber ich habe gar keinen Bock, mir andauernd die Schuld am Disaster geben lassen zu müssn. Ich verstehe das ganze Konzept „Schulden“ nicht, laß mich was machen und das geht schon in Ordnung so, wenn Dir das nicht reicht, hol Dir doch woanders, was Du brauchst, wenn Du meinst, andere könnten dieses oder jenes besser. Was auch immer Du als „gut“ bezeichnest in Deiner dauernden Schwarzweiß-Zeichnerei.

Und dann denkst Du immer, ich hätte die Graustufen herbeifabuliert, während ich versuche, Dir  multidimensionale Farbspektren, Hologrammknoten und fraktale Bit-DNS zu erklären, und Du sagst: Nonsens, guck mal lieber hier und da wie schlimm, und immer lauter und immer wieder, bis ich selber dran glaube.

Und die Götter sind Zeugen, daß Du vor mir da warst, mich hast wachsen gespürt, gesehen, als ich noch nichts, dann etwas, dann noch klein war, wuchs wie alles, was sein will. Mein Wuchs schien Dich zu enttäuschen, und so versuchte ich zu folgen, unter Schmerzen und mehr versteckter als offener Rebellion, unfähig zum Konflikt, niedergemäht unter Deiner Prügel und furchtbar rekursiv unschlüssigen Argumentationslogik – wie ich empfand. Was zum Teufel ist soooo verdammt verkehrt an mir, daß Du mich andauernd bekritteln und betüddeln und bevormunden und manipulieren mußt, damit ich ja mache, was Du willst, weil Du denkst, Du weißt, daß das gut, nein, das Beste (mögliche) für mich ist.

Das schlimme ist ja, daß Du recht hast. Vielleicht hätte ich tatsächlich das Potential, daß Du mir zutraust. Ich habe schlicht andere Vorstellungen, verstehst Du? Ich weiß nicht, woher diese Bilder kommen. Als hättest Du mich verstoßen, weil ich Dein Gefallen nicht erringen konnte, als hätte ich Deinen langgehegten Traum grausam zerstört!

Laß uns ein Spiel spielen. Ich will Dich nicht anklagen, ich habe es einfach satt, das ist ein doofes Spiel. Ein neues Spiel. Laß mich auch mal.

Vielleicht könnte ich Dir so näherbringen, was ich meine, was ich mir vorgestellt habe, weil Du mir doch immer davon erzählt hast: glücklich sein, genießen, Freude spüren, Wärme spüren, geben, nehmen, kosten – ich weiß, ich soll meine vorlaute Klappe halten, hör mir bitte trotzdem mal zu. Ich kann Dich nicht auffordern, mir einfach so zu vertrauen – weil Du es mir unmöglich gemacht hast, Dein Vertrauen zu gewinnen, weil Du mir Dinge anvertraut hast, die mir nicht halb so wichtig wie Dir schienen. Tolles Haus schön und gut, geregeltes Einkommen hin oder her, was ist falsch daran, in den Wald zu gehen und den Pilzen beim Wachsen zuzuschauen?

Na klar, ich verkriech mich nur hinterm Computer, weil ich das sonst nicht aushalte. Lassen wir den Vorhang zwischen uns aus Kupfer, Glas und elektrischen Ladungen bestehen. Das ist sicherer für Dich und für mich. Es wird schon in Ordnung sein, wenn Du das sagst. Doch sei ehrlich: was hat uns so entfremdet? Sehntest nicht auch Du Dich einst nach dem Himmel auf Erden, wolltest feenhafte Prinzessin sein, Göttin und  – jetzt? Ich soll Dich desillusioniert haben? War es mein Jähzorn, den Du unterdrücken wolltest und bis zum heutigen Tage willst? Habe ich etwa falsche Hoffnungen geweckt, unhaltbare Versprechungen gemacht, die alle zu halten mir lebtags nicht möglich sein wird?

Natürlich, ich bin konfus, wirr und chaotisch und deswegen willst Du mir nicht bis zu Ende zuhören, mich am liebsten mundtot machen, für verrückt erklären und irgendwo einbunkern, wo ich keinem wehtun kann. Und ich weiß, Du wirst gut vorbereitet sein und Dir nicht mal die Mühe machen, mir Überraschung vorzuheucheln.

Darum geht es in dem Spiel: Du mußt tun, was ich Dir sage. Okay? Lies weiter.

Ich sage nicht, ich will Dich nie wiedersehen. Du hast mir oft genug zu verstehen gegeben, daß ich Dir nicht gut genug bin, hast mich damit kleingehalten und mich dem Bemühen unterworfen, Dir zu gefallen. Eigentlich will ich das gar nicht. Ich habe mein Herz verbunden, mit Schnüren, Stricken, Seilen, und dort, wohin ich gehe, wird es geheilt werden, Kraft gespendet bekommen im Übermaße, das diesem anderen Wesen zu Eigen ist.

Ich kenne sie doch gar nicht, wirfst Du ein und willst mir nicht zuhören. Doch, denn ich kenne Dich, und ich habe sie erkannt. Etwas rauher und robuster als Du, älter als Du, doch schöner, reifer, edler, sinnlicher. Ob ich ihr schon begegnet bin? Viele Male, viele Male, wenn in meinen Träumen ich vor Dir versagte, versankt, zerbarst, verbrannte, zu Asche gemahlen wurde, kam sie von irgendwo und rettete mich aus höchster Not, und ich kann ihr doch nichts schuldig sein außer unverbrüchlicher Liebe, sie zu ehren und zu preisen, all ihre kleinen Makel auswendig zu lernen und für jeden einzelnen dem Herrgott auf Knien danken, da sie ohne sie unvollkommen wäre, nicht so fehlerhaft vollkommen wie ich durch Dich wurde, doch voller Verständnis und Nachsicht, der Gabe, immer mehr zu geben als zu nehmen und dadurch noch voller zu werden, weshalb Du das Gefäß zu zerschlagen versuchst.

t b c . . .

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