Stichwort: Lektüre zu Gemüte geführt.

Occupy KNAX

Dugarun

+ + + U P D A T E  (26.12.2011) + + +

Mittlerweile hat man sich dazu herabgelassen, Information durchsickern zu lassen:

Wir haben die Pinnwand für Beiträge Dritter vorübergehend geschlossen, diese Einstellung verbirgt leider auch alle alten Beiträge, die nicht von uns sind. Aber weg sind die Beiträge nicht, keine Bange. /red


Vorbemerkung:
der Deutsche Sparkassen – und Giroverband hatte auf Facebook seine Kunden und potentiellen Kunden zum Dialog eingeladen (die Dugarun berichteten), „Diskutieren Sie mit uns“, heißt es dort immer noch, und:

Wir stellen uns einer offenen und transparenten Diskussion. Mit diesem offenen Format haben wir Anregungen aus der Occupy-Bewegung und von Anonymus aufgenommen. Wir werden uns bemühen, auf Ihre Fragen, Anregungen und Kritik sachlich, konkret und so schnell wie möglich zu reagieren. Dabei wünschen wir uns einen respektvollen Umgang aller Nutzer miteinander.

Tatsächlich entbrannte eine teils sehr emotionale, teils äußerst sachliche Debatte. Ob die Sparkassen auf Lebensmittel spekulieren würde wie die Deutsche Bank, wurde gefragt; der Vorwurf gemacht, man wolle ja nur Werbung mit der Bewegung machen. Die Redaktion des Sparkassenverbands reagierte auf Beleidigungen, Diffamierungen und Unterstellungen souverän, wandte die übliche Salamischeibchentaktik an (nur zugeben, was man nicht leugnen kann) und ansonsten mangelte es nicht an guten Vorschlägen – natürlich darunter auch der einer grundsätzlichen Geldsystemdebatte, der sich die Sparkasse jedoch kategorisch verschloß, weil Zins ja zum Sparen anregt und Sparen sei das wichtigste momentan!!11! Auf die aufgezeigten Diskrepanzen in ihren eigenen Rechenbeispielen und Buchungssätzen gingen sie dann gar nicht erst ein.

Alles in allem dennoch eine angeregte, interessante und informative Debatte, zumal man doch das eine oder andere Mal noch mit einem Argument konfrontiert wird, das man so noch nicht kannte. Gestern hat sich die Redaktion anscheinend entschlossen, alle Pinnwandeinträge – und damit Diskussionsstränge – die sie nicht selbst gestartet hat, zu prunen. Weg. Futsch. Jetzt stehen da nur noch ihre eigenen Beiträge mit vielen „Gefällt mir“s… strange! Es gab Andeutungen, daß man sich gerade mit der „Aggregation“ und „Visualisierung“ und einer besseren Übersicht auf Softwareseite beschäftige, es bleibt zu hoffen, daß sie ein Backup gezogen haben und wirklich nach Neujahr Ernst machen mit der Debatte. Irgendwie nämlich mag ich nicht glauben, daß die erst einen Honigtopf da hinstellen und dann die Falle zuschnappen lassen, so dumm kann kein Manager sein, erst zur Diskussion einzuladen und dann allen die Tür vor der Nase zuzuknallen.

es sollte ja eigentlich eine Überraschung für das neue Jahr werden. Aber wir arbeiten an einer übersichtlicheren Darstellung der Diskussionen. Dann müssen nicht so viele Fragen und Antworten wiederholt werden und man kann sich besser orientieren. Hier müssen unsere Technikkollegen aber über das Facebook-Angebot hinaus etwas „basteln“. Aber die bekommen das hin. Die sind gut! /ca

In jedem Falle möchte ich meine dort veröffentlichte KNAX-Geschichte nicht dem digitalen Nirwana und der Herrschaftswillkür eines informationsdespotischen Systems überantwortet wissen und reposte sie hier. Ursprünglich bestand nämlich die Hoffnung, daß die Sparkasse die Systemkritik in der Sprache ihrer eigenen Traumwelt am besten verstehen würde, und ganz erloschen ist diese Hoffnung noch nicht.

(KNAX ist ein Werbecomic, der von den Sparkassen seit 1974 alle zwei Monate in Millionenauflage (mit enormem propagandistischen Erfolg) an „junge Kunden“ verteilt wird und daher auch in meinem Pantheon seinen rechtmäßigen Platz eingenommen hat. Die Robinsonade stellt eine mittelalterliche Idealgesellschaft dar, in der jede Zunft und Gesellschaftsschicht von einem Charakter des Inseldorfes KNAX dargestellt wird – Schankwart ist der Wirt, Schlapf der immermüde Nachwächter, Emmerich der Kaufmann, Gantenkiel der Bänker, der zum Sparen aufruft, Ambros der Schmied und Erfinder, Backbert und Steuerbert die Seebären und Malocher,  Walter Wildfang der „Grüne“ usw. Die Antihelden sind die Fetzensteiner unter der Leitung von Fetz Braun, die auf einer Burg ausserhalb des Dorfes leben und mit ihren Raubzügen das beschauliche Idyll hin und wieder auflockern. Eine Vorstellung aller Figuren findet sich im Fotoalbum der KNAX-Homepage).

~~~

Wir schreiben das Jahr 2011. KNAX ist schon lange kein isoliertes Inselidyll mehr, auf dem die Eskapaden der Fetzensteiner mehr zur willkommenen Abwechslung und sportlichen Betätigung beitragen als zu dauerhaftem Ärger und Entzweiung. KNAX ist globalisiert, KNAX versinkt in Arbeitslosigkeit, Depression und Zivilisationsmüll. Emmerich schreibt andauernd höhere Preise an seine Waren, Ambros hat sich auf Waffen und sonstiges Schmerzzufügungswerkzeug aller Art spezialisiert, Pierre Kattun hat seine Produktion nach Fernost ausgelagert und verkauft die Kindersklavenarbeit als teure Markenklamotten, Pomm-Fritz und Pomm-Friedel kippen ihre Milch lieber empört ins Meer, als sie zu billig zu verkaufen, Backbert hat auf einem riesigen Fischtrawler anheuern müssen, um über die Runden zu kommen, und fängt die Fischgründe leer, während Steuerbert arbeitslos ist und mit besorgniserregenden Leberwerten zuhause rumgammelt (wiederum zum Unfrieden jener, die Überstunden machen müssen), Schankwart vereinsamt in einer meist gähnend leeren Kneipe, Walter Wildfangs Wald ist weggerodet und Dodo und Didi hängen lieber zuhause oder auf der Straße rum, als sich mit der immer dreisteren Selbstbereicherung Fetz Brauns auseinanderzusetzen. Bleiben noch Nero und Kiki oder daß Brunhold endlich ein schlechtes Gewissen kriegt (das ganze vor dem inneren Augen vielleicht noch im Zeichenstil von Frank Frazetta vorstellen)…

[..]

– DRITTER AKT –

[Schankwarts Schänke. Betrübte Stimmung, tote Hose, Schankwart putzt gelangweilt saubere Gläser, aus denen nur noch selten getrunken wird, zum hundertsten Male – allein in dieser Nacht. Nur Feelicia und Gantenkiel stecken beim gedämpften Licht einer Petroleumlampe die Köpfe zusammen.]

„Gantenkiel“, begann Feelicia die Unterhaltung mit ihrer typisch liebensgewürzigen Art, „wie konntest Du nur zulassen, daß ausgerechnet Fetz Braun das Monopol aufs Gelddrucken bekommt? Wär das nicht dein Job, jedes Jahr nur so viel Geld zu drucken, wie wir hier tatsächlich auf der Insel für diesen Zeitraum brauchen?“

„Ja aber…“, hub Gantenkiel an.

„Nix ‚ja aber’!“ Feelicia konnte auch zornig gucken, das war ihm nie so aufgefallen. „Wie wär’s mal mit ‚Warum nicht?‘ – Das war doch klar, daß Fetz Braun nichts gutes im Schilde führte, als er Dir anbot, das Geld bei sich auf Burg Fetzenstein zu drucken.“

„Wir dachten, er hätte sich gebessert! Es waren alle einverstanden! Und seitdem ist er ja auch nicht mehr auffällig geworden, wir sehen ihn im Dorf so gut wie überhaupt nicht mehr.“

„Nein, nur noch einmal im Jahr, wenn wir unsere Schulden an seiner Zugbrücke abliefern müssen und, weil wir mittlerweile kaum noch was haben, um seine Forderungen erfüllen müssen: Überstunden, Zeitarbeit… selbst von mir verlangt er letztlich mehr Kräuter, als ich je pflanzen und er je rauchen kann, und ich mag gar nicht aussprechen, was er mir durch Zipfel für Vorschläge zur Tilgung unterbreiten lassen hat.“ Sie schauderte und machte einen angewiderten Gesichtsausdruck, der erahnen ließ, daß sie ein ums andere Mal schon so verzweifelt gewesen war, über Fetzens Angebot ernsthaft nachzudenken zu müssen. Eine Zeitlang hatte sie wenigstens Emmerich im Laden zur Hand gehen können, doch der mußte sie wieder entlassen, weil er sich ihren Lohn nicht leisten konnte, so schlecht gingen die Geschäfte. „Gantenkiel, mach die Augen auf, er hat sich von Ambros seine Burg vergolden und mit Blidenartillerie ausstatten lassen und droht, die Stadt in Schutt und Asche zu legen, wenn wir seine Forderungen nicht erfüllen! Hast du mal die Yacht gesehen, die unter seinem Felsen ankert? Die ‚Bankette‘, die er auf seiner Burg feiert?“

Gantenkiel wollte etwas sagen, doch Schankwart stellte ihm geräuschvoll einen neuen Humpen hin, und er nahm erstmal einen Hieb, ohne aufzublicken. Dann nahm er all seinen Mut zusammen. „Was soll ich denn tun? Kann ich was dafür, daß Steuerbert keinen Job hat? Ich will dir mal was sagen, ich kann ihm einfach kein Geld mehr geben, weil er es am dritten schon komplett versoffen hat. Und die Pomms kommen mit ihren Raten für den Kredit für den neuen Kuhstall nicht nach. Von irgendwas muß ich doch auch leben!“

„Wir sollten protestieren!“ rief sie. „Und du auch.“

„Ich hab doch gesehen, was dabei herauskommt. Damit er uns wieder mit seinem Zwiebelnebelsprühzeug verscheucht wie im Oktober?“ Feelicias Gesicht verfinsterte sich bei der Erinnerung an die rotverqollenen Augen und anderen miesen Tricks, mit denen Fetz Braun ihren letzten Zwergenaufstand niedergeschlagen hatte. Diesmal war er ihnen anscheinend wirklich über. Gantenkiel lehnte sich zurück, nahm noch einen Schluck und war überzeugt, seinen Standpunkt in aller Entschiedenheit klargemacht zu haben.

Da tapste Nero herein, um die Pizza für Dodo und Didi abzuholen. Sein Gang war schwer und traurig geworden, seit das Unheil über Knax hereingebrochen war und die Kinder ihn mit Kiki allein gassigehen ließen. Nero ließ sich von Feelicia begrüßen und knurrte Gantenkiel an, der das zwar schon gewöhnt war, trotzdem innerlich zusammenzuckte. Bedrückt sahen sie zu, wie er sich die aufgebackene Tiefkühlpizza von Schankwart geben ließ und dieser nach dem Geldbeutel am Halsband suchte – vergeblich. „Schon gut“, sagte Schankwart und kraulte Nero hinterm Ohr, „geh nur, ich schreib’s auf den Deckel von den beiden“, und warf Gantenkiel einen bösen Blick zu, vor dem dieser sich hinter seinem Humpen wegduckte. Nero wuffte etwas hundisches an der Pizzapackung zwischen seinen Zähnen vorbei und schob wieder ab. Kiki schaute durch die Tür, sah Gantenkiel, kam angeflitzt, sprang von der Bank auf den Tisch, zeigte ihm beide ausgestreckte Mittelfinger und verschwand wieder so schnell, wie sie gekommen war.

„Siehst Du, Feelicia? Selbst Didi und Dodo stopfen sich nur noch mit Junkfood voll. Und auf mir wird rumgehackt. Was hab ich den falsch gemacht? Warum soll ich für alles verantwortlich sein?!“, wimmerte Gantenkiel.

„Das sagt doch keiner! Aber wir können doch nicht so tun, als ob das ewig so weiterginge!“

„Was schlägst Du vor?“

Doch da wurden sie wieder unterbrochen, denn Schlapf betrat die Stube und schlurfte langsam zum Tresen, nuschelte ein „moin“ in die Runde und bestellte sich sein Feierabendbier.

Gantenkiel sah auf die Uhr. „Donnerwetter, es ist früh Uhr morgens… sind wir schon so lange am Diskutieren?“

Da erhellte sich Feelicias Gesichtsausdruck plötzlich. „Du, ich glaube, ich habe eine Idee.“

„Ich auch! Wir räuchern Burg Fetzenstein aus!“ wütete Schankwart, der, wie jeder gute Wirt, jedes Wort mithörte, selbst, wenn er so tat, als wäre er gar nicht da. Doch Feelicia verzog das Gesicht, denn dazu mochte sie die Fetzensteiner viel zu sehr und war überdies der Auffassung, daß Gewalt nur Gegengewalt erzeuge.

„Ja, es reicht wirklich. Ich komme kaum noch zum Schlafen“, jammerte da Schlapf. „Ich muß doch ausgeruht sein für meinen Job!“

Feelicia lächelte milde, während Schankwart sich vor Lachen hinter dem Tresen kringelte und Gantenkiel nur trübe in seinen Humpen starrte. Schlafen konnte er nämlich schon lange nicht mehr ohne die ungesund starken und fürchterlich bitteren Tees aus Feelicias Kräutergarten.

„Nein, Schlapf. Hört mir zu“, sagte Feelicia. „Geld ist doch, was gilt. Das heißt, Fetz Braun hat nur deshalb Macht über uns, weil das Geld, das er druckt, fast genauso aussieht wie das, das wir vorher benutzt haben.“ – „Schön und gut, aber das wird jetzt doch zu fee-losophisch!“, wandte Gantenkiel ein. Feelicia verzog das Gesicht, verkniff sich jedoch eine bissige Replik. Ihr war ja auch bewußt, daß ihre Glaubwürdigkeit stark gelitten hatte, weil sie die Fetzensteiner immer gegen allzu unfaire Angriffe verteidigt hatte. Als Mediatorin hatte sie bei dem jüngsten Angriff der Fetzensteiner auf den Wohlstand und den Frieden auf KNAX jedoch zur Gänze versagt, doch sie wollte doch etwas gutmachen! „Wir drucken einfach unsere Komplementärwährung! Wenn Brunhold die nächste Ladung Geldscheine auf dem Marktplatz auskippt, lagern wir das alles einfach bei Dir ein, drucken Gutscheine im Gegenwert und statten diese mit einer Umlaufsicherungsgebühr aus. Nach einem Jahr ist es nur noch 90& wert oder sowas in der Art.“

„Wer würde denn so ein Geld haben wollen?“, erwiderte Schlapf müde, und Gantenkiel nickte eifrig, nachdem er ein paar Buchungssätze und Exponentialfunktionen auf seine Serviette gekritzelt hatte.

„Eben das ist der Punkt!“ triumphierte Feelicia. „Wir würden alle zusehen, das Geld so schnell wie möglich wieder loszuwerden – der letzte mit so einem Schein hat den schwarzen Peter und muß die Umlaufsicherung bezahlen.“

„Das setzt sich doch nie durch!“ Auch Schankwart schüttelte jetzt verständnislos den Kopf.

„Warum nicht? Wenn du dir sicher sein kannst, daß du die Gutscheine bei Gantenkiel wieder gegen Fetzentaler eintauschen kannst, würdest du sie doch annehmen, oder nicht? Für Didi und Dodo machst du doch sowieso Deckel.“

Schankwart überlegte kurz und nickte schließlich.

„Und wenn Emmerich auch noch mitmacht…“

Da fiel Schankwart etwas ein: „Warum sollte Steuerbert zum Beispiel überhaupt an deine Gutscheine kommen?“

„Na, oft genug hilft er ja doch den Pomms auf dem Hof, er sagt doch selbst, sonst fällt ihm die Decke auf den Kopf. Das Problem ist nur, daß die Pomms ihn nicht bezahlen können, weil sie auf ihren Hof eine Hypothek bei Fetz Braun aufnehmen mußten und da am Abstottern sind. Aber wenn Emmerich auch mitmacht, kann er ihre Karotten zum Beispiel ja damit bezahlen. Dann geben sie das Steuerbert für die Hilfe bei der Ernte. Derselbe Geldwert läuft viel schneller um und sorgt so für echtes Wachstum. Es soll ja keiner reich werden, wir wollen doch bloß alle was anständiges zu tun haben. Wir werden ja immer mehr zu Fetzensteinern und fangen an, uns gegenseitig zu übervorteilen.“

„Ich verstehe die Rechnung nicht. Dann könnten die Pomms den Steuerbert doch gleich in Fetzentalern bezahlen?“ Gantenkiel nahm den Hut ab, um sich am Kopf zu kratzen.

„Sicher, doch schlechtes Geld verdrängt gutes. Wenn Du die Wahl hast, ‚echtes‘ Geld auszugeben oder einen Gutschein, der Dir in der Börse brennt, gibst Du den doch zuerst ab. Erinnert Ihr Euch an die Fünf-Mark-Scheine? Die waren so selten und ausserordentlich schick – wenn man so einen hatte, hat man den zuletzt ausgegeben oder sogar aufbewahrt. Genauso wär’s mit den Gutscheinen. Die würden ganz fix die Runde machen, weil jeder die so schnell wie möglich wieder loswerden wollen würde, daß aus einem Gutschein für 100 Fetzentaler, die bei dir im Tresor lagern, in der Zeit locker ein Vielfaches an Produktivität freigesetzt worden wäre; ich hab mal gelesen, in irgendeiner Kleinstadt in den Bergen auf dem Festland soll das schonmal ganz wunderbar geklappt haben. Es ist ja nicht so, daß Steuerbert nichts tun will – schließlich hat er ständig Zoff mit Backbert deswegen – er sieht nur nur nicht mehr ein, sich den Buckel krumm zu machen, während Fetz Braun es sich gutgehen läßt. Soll der sich doch mit seinen Fetzentalern seine Hütte tapezieren! Wir haben eigentlich genug zu tun – wir können Walter Wildfangs Wald wieder aufforsten…“ – „Die Stadtmauer müßte mal wieder gestrichen werden…“, gähnte Schlapf und bettete sein Haupt auf den Tresen, um weiterzuschlafen.

So bekam er nicht mit, daß Mampf und Zipfel die Stube betraten. Man grüßte finster-verlegen und anstandshalber, ohne sich dabei tieferer Aufrichtigkeit zu versichern, und die beiden bestellten im unverschämten Befehlston was zu Essen bei Schankwart, um sich am Nachbartisch breitzumachen und allgemein flegelhaft zu benehmen. Indes, glücklich schienen auch sie nicht, denn wie sie Feelicia anvertraut hatten, ging ihnen das Gehabe von Fetz Braun in letzter Zeit fürchterlich auf den Zwirn, sagten aber nichts, der ganzen leckeren Mampfereien wegen, die ihnen Fetz Brauns jüngster und ungewohnt erfolgreicher Beutezug einbrachte; wenn sie auch zugeben mußten, daß es in letzter Zeit zuviel des Guten wurde und sie ganze Wagenladungen an Brot, Fisch und Käse über die Burgmauer ins Meer kippen mußten, damit es ihnen nicht im Burghof verdirbt, was wiederum den Fischen gar nicht schmeckte, wie Backbert regelmäßig versicherte. Im Übrigen war Fetz Braun – so munkelte man – selbst nicht ganz geheuer bei der Geschichte, hätte das aber nie im Leben zugegeben, schon allein der Fallhöhe aus dem Burgturmfenster wegen – was vermutlich seine verzweifelten Aufrüstungsbestrebungen erklärte.

„Sst“, machte Gantenkiel verschwörerisch, und als Feelicia nicht sofort reagierte, trat er ihr unter dem Tisch sanft auf den Fuß. Verdutzt schaute sie auf. Mit einer Kopfbewegung und seltsamen Grimassen deutete er auf die beiden Neuankömmlinge. Feelicia verstand nicht sofort. „Die da überzeugen!“ flüsterte er. „Eher bringst du Langbart Integralrechnung bei“, zischte sie zurück, doch dann unterhielten sie sich über das Wetter, um keinen Verdacht zu erregen, zahlten angelegentlich ihre Zeche bei Schankwart und traten hinaus auf die Dorfstraße.

„Früher haben wir uns zwar auch aufgeregt, aber da hat’s noch Spaß gemacht, sich zu fetzen mit den Fetzensteinern“, sinnierte Gantenkiel, als er Feelicia Richtung Stadttor begleitete. „Ja, jetzt haben sie es echt mal zu weit getrieben.“ – „Und du meinst, das würde klappen mit den Gutscheinen?“ – „Schlaf einfach die Nacht drüber und dann quatsch einfach mal mit Emmerich. Dem müßte das doch auch lieb sein, wenn er wieder verkauft und vor allem wieder anständiges Brot und Käse im Sortiment hat, nicht diesen fertig abgepackten Fraß. Und vergiß Pierre nicht. Er hat schon ewig nichts mehr gemalt und er macht einen sehr unausgeglichenen Eindruck, seine ‚Kreationen‘ wirken etwas gestelzt in letzter Zeit. Das letzte Kleid, das er für mich nähen sollte, bestand aus Bindfäden, er meinte, das würde man jetzt so tragen. Den Preis darf ich gar nicht erzählen.“

Gantenkiel verdrängte die Vorstellung aus seiner Phantasie und räusperte sich. „Wieviele ‚Inselrettungsgutscheine‘ willst du denn drucken?“

„Genau so viel, wie wir brauchen, um die Stadtmauer zu streichen und den Wald wieder instand zu setzen und die Produkte der Pomms bezahlen zu können. Es geht doch gar nicht darum, was da für eine Zahl oder für ein Symbol draufsteht, sondern, daß es eine Gültigkeit besitzt, und die Gültigkeit erfährt es doch erst dadurch, daß wir es verwenden und uns gegenseitig für unsere Dienstleistungen und Produkte bezahlen – wohlgemerkt, uns gegenseitig, nicht Fetz Braun und seine Bande. Du bist der Mathematiker, du mußt doch wissen, wie Wirtschaft funktioniert.“

„Und wie erklären wir das den anderen am besten? Was ist mit Ambros? Er macht gerade das Geschäft seines Lebens! Ohne den wär der Ofen schon längst aus in der Stadt.“

Sie sah ihn schief an. „Es wird ihm wohl kaum gefallen, daß seine martialischen Bärenfallen den ersten Verteidigungsring von Burg Fetzenstein bilden. Deswegen sind Dodo und Didi doch so sauer auf ihn; weil es einmal fast um Kiki geschehen wäre – und einmal hat Brunhold Kiki und Nero schon fast über den Haufen gefahren mit seiner dämlichen Prachtkutsche. Dabei hat sich Ambros mal so gut mit den beiden verstanden. Du doch auch.“

Gantenkiel nickte. Aus den netten, aufgeweckten Kindern, die sich immer über seine Werbegeschenke beim Inselspartag gefreut hatten, waren erbitterte Kritiker geworden, denen er kaum noch erklären konnte, wie Geld überhaupt genau funktioniert, weil er es selbst nicht verstand und die meiste Zeit damit zubrachte, die ganzen Konten irgendwie so hinzupuzzeln, daß er Fetz Braun regelmäßig den verlangten Zins zurückzahlen konnte, den dieser dafür verlangte, daß er ihm die Fetzentaler zur Verfügung stellte und das „Ausfallrisiko“ trug, so, wie sie es vertraglich vereinbart hatten – übrigens mit dem Einverständnis aller Einwohner der Insel.

„Aber was machen wir Steuerbert?“ – „Du immer mit deinem ‚ja aber’!“, lachte Feelicia da und knuffte ihm zärtlich an die Schulter, doch er tat schon aus Reflex so, als hätte sie ihm böse wehgetan, und sie entschuldigte sich nicht. „Laß mich das mal machen, und Zipfel und Mampf knöpfe ich mir auch noch vor. Die haben doch nur Bammel, daß sie wieder fürchterlich den Mors versohlt kriegen. Hätten sie ja auch verdient“ – fügte sie leiste hinzu, seufzte und wies betrübt auf die kaputten Fenster, die blätternden Fassadenanstriche und die von Schlaglöchern zerfressene Straße, über deren erstes fahles Morgenlicht Horden von Ratten zwischen den an den Häuserwänden gestapelten Müllbergen hin- und herhuschten. Walter Wildfang hätte vorher NIE die Worte „Schädlingsbekämpfungsmaßnahmen“ auch nur gedacht, geschweige denn ausgesprochen, und nun war die Ausführung selbiger schon Normalität und täglich Brot für ihn geworden! Irgendwas war faul mit der Insel, soviel war klar, und auch Gantenkiel schaute sich um, als sähe er das alles zum ersten Mal. Komisch, vor seinem Haus war meist aufgeräumt, wenn nicht Didi und Dodo dort herumlungerten und Handzettel verteilten, in denen sie ihn – ihn, Gantenkiel! – der abscheulichsten Ungeheuerlichkeiten zeihten.

Emmerich machte gerade mit morgendlich-entnervtem Gesichtsausdruck seinen Laden auf, Steuerbert stand schon wie ein abgetakelter Seelenverkäufer bei Windstärke zehn wankend mit einer Tasche voll Pfandgut auf seiner Matte und machte einen sehr ungesunden Eindruck. Aus Ambros‘ Schmiede quoll schwarzer Rauch auf und verdeckte die Strahlen der aufgehenden Sonne, aus einem Fenster fielen klimpernd serienproduzierte Bärenfallen und Morgensternkugeln für Burg Fetzenstein. Pierre schloß seine Fensterläden auf und hängte die neuesten Knaxxi-, Hugo Knoxx-, Knaxiknax- und Knolxe&Insulana-Klamotten in die Auslagen, obwohl er wußte, daß nur Gantenkiel – der sowas nicht trug – und die Fetzensteiner sich den Fummel noch leisten konnten, ausserdem hatte er Didi im Verdacht, neuerdings einfach zum Zocken übergegangen zu sein, statt seine Hosen zu bezahlen. Sie erreichten das Tor und gaben sich die Hand zum Abschied. „Kopf hoch“, lächelte Feelicia und stupste Gantenkiel zärtlich unters Kinn. „Wir kriegen das hin. Mit den Fetzensteinern sind wir bisher immer irgendwie fertiggeworden, oder nicht?“

Da mußte auch Gantenkiel lächeln, und er sah ihr noch eine Weile nach, als sie sich auf den Weg zu ihrem Baumhaus machte…

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„Occup KNAX“ ist Fan Fiction ohne monetäre Gewinnabsicht. Markenrechtliche Bestimmungen bleiben daher unberührt. Um Verbreitung, Ausführung und Verfilmung wird ausdrücklich gebeten).

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Umberto Eco: La ricerca della lingua perfetta nella cultura europea

fundstücke

… Das für die Zukunft einer Sprache der Bilder entmutigendste Dokument ist vielleicht der 1984 von Thomas A. Sebeok verfaßte Bericht für das amerikanische Office of Nuclear Waste Isolation und eine Reihe weiterer Institutionen, die beauftragt waren, Vorschläge zur Lösung eines Problems zu machen, das von der U. S. Nuclear Regulatory Commussion aufgeworfen worden war. Die amerikanische Regierung hatte einige Wüstenzonen der Vereinigten Staaten ausgewählt, um darin (in vielen Hundert Metern Tiefe) nuklearen Abfall zu begraben. Das Problem war nicht so sehr, die Zone vor unbedachtem Eindringen heute zu schützen, sondern die Tatsache, daß die Abfälle noch in zehntausend Jahren radioaktiv sein werden. Große Reiche und blühende Zivilisationen sind in weit kürzeren Zeiträumen untergegangen, wir haben gesehen, daß einige Jahrhunderte nach dem Ende der letzten Pharaonen die ägyptischen Hieroglyphen unverständlich geworden waren, und es könnte sein, daß die Erde in zehntausend Jahren so große Umwälzungen erlitten hat, daß sie von Populationen bewohnt wird, die wieder barbarisch geworden sind, und nicht nur das, sie könnte sogar von Bewohnern anderer Planeten besucht werden. Wie kann man nun diesen Besuchern aus dem All mitteilen, daß die betreffende Zone gefährlich ist?

Sebeok hat sofort jede Form von verbaler Kommunikation ausgeschlossen, desgleichen elektrische Zeichen, da sie von konstanter Energiezufuhr abhängig wären, Geruchsbotschaften, da sie von kurzer Dauer sind, sowie jede Form von Ideogrammen, die nur aufgrund präziser Übereinkunft erkennbar sind. Aber auch die piktographischen Sprachen geben Anlaß zu ernsten Zweifeln. Man kann zwar der Meinung sein, daß jedes Volk einige elementare Figuren versteht (die menschliche Gestalt, Tierskizzen etc.), aber Sebeok präsentiert ein Bild, bei dem unmöglich zu entscheiden ist, ob die dargestellten Individuen kämpfen, tanzen, jagen oder sonst irgendeine erkennbare Tätigkeit verrichten.

Eine Lösung wäre, Zeitabschnitte von jeweils drei Generationen festzulegen (ausgehend von der Überlegung, daß sich die Sprache in jeder beliebigen Zivilisation vom Großvater zum Enkel nicht wesentlich ändert) und durch entsprechende Instruktionen dafür sorgen, daß die Warnungen am Ende jedes Abschnitts neuformuliert werden, um sie den semiotischen Konventionen der Zeit anzupassen. Aber diese Lösung setzt genau jene soziale und territoriale Kontinuität voraus, die der Auftrag in Frage stellte. Eine andere Lösung wäre, die Gefahrenzone mit Warnbotschaften aller Art, in jeder Sprache und jedem semiotischen System zu überhäufen, in der Hoffnung auf die statistische Möglichkeit, daß wenigstens eines dieser Systeme den künftigen Besuchern verständlich bleibt: Wenn auch nur ein einziges Segment einer einzigen Botschaft entzifferbar bliebe, würde die Redundanz des Ganzen für die künftigen Besucher eine Art Stein von Rosette darstellen. Auch diese Lösung setzt freilich ein Minimum an kultureller Kontinuität voraus.

Bliebe also nur, eine Art Priesterkaste zu instituieren, gebildet aus Atomwissenschaftlern, Anthropologen, Linguisten, Psychologen, die sich durch Kooptation über die Jahrhunderte fortpflanzt und die Kenntnis der Gefahr am Leben hält, indem sie Mythen, Legenden und Aberglauben kreiert. Mit der Zeit würden sich die Angehörigen dieser Kaste verpflichtet fühlen, etwas weiterzugeben, dessen exakte Kenntnis sie verloren haben, und so könnten in ferner Zukunft, auch in einer wieder barbarisch gewordenen Horde, unpräzise, aber wirksame Tabus fortbestehen.

(Eco, Umberto: Die Suche nach der vollkommenen Sprache. München : Beck, 1994 (Europa bauen), S. 186 f, aus dem Ital. von Burkhart Kroeber)

Und ich so beim letzten Absatz: *grübel*, weißte…

Nein, es ging mir nicht um aktuelles Zeitgeschehen, Castor und Fukushima und die Probleme, die wir uns da eingehandelt haben, ohne zu wissen, wie wir sie lösen sollen. Das ist alles hinlänglich bekannt.

Aber der sich aufdrängende Gedanke, auch die in unserer Gesellschaft bestehenden Denkverbote, Tabus und Dogmen könnten einem fehlinterpretierten und von einer „Priesterklasse“ tradierten Schutzmechanismus einer vorgeschichtlichen Zivilisation verschuldet sein, hat was prickelndes.

Ganz ähnlich werden zuweilen ja auch die für viele Gesellschaften im Nahen Osten gültigen, religiösen Verzehrverbote für „unreine“ Tiere oder die mosaischen Hygienegesetze gedeutet. Damals, als die Klospülung noch nicht erfunden war, hat man den Leuten halt noch sagen müssen, daß sie ihre Hinterlassenschaften bitteschön vergraben möchten, weil sie sonst der Blitzschlag trifft.

Aber vom einführenden Zitat mal abgesehen ist „Die Suche nach der vollkommenen Sprache“ auch sonst ein sehr empfehlenswertes und hochinteressantes Buch. Wer „Der Name der Rose“ mochte und auch „Das Foucaultsche Pendel“ nicht zur Seite packen konnte, dem wird auch dieses Sachbuch ein bisschen wie ein sich über die Jahrhunderte erstreckender, unterhaltsamer Roman vorkommen, an dessen Ende man sich irgendwie erhellt vorkommt, ohne belehrt worden zu sein.

Ausgehend vom Mythos der babylonischen Sprachverwirrung nämlich haben sich viele Philosophen und Spinner auf die Suche nach der „perfekten Sprache“ gemacht, in der Gott sich mit Adam unterhalten hat. Oder Adam mit Eva. Oder die Schlange mit Eva. Oder Kain mit Abel.

Im Mittelalter freilich kam nur das Hebräische in Frage, und das zu beweisen, mühten sich viele Weise in bester kabbalistischer Tradition mit der Anagrammisierung und Permutation von Wörtern und Buchstaben ab. Das Latein als Verkehrssprache der Intellektuellen und Mächtigen jener Zeit lag auch recht nahe, und bald, so zeigt Eco, mangelte es auch nicht an Beweisen für die Überlegenheit/Natürlichkeit/Gottgegebenheit des Deutschen, des Flämischen, des Englischen, des Arabischen…

Wir erfahren, was es mit den Lullismus auf sich hat(te) und was dergleichen noch an Versuchen unternommen wurde, eine künstliche, ein-eindeutige, philosophische Sprache zu entwickeln oder aus den existierenden auf eine gemeinsame Ursprache zu extrapolieren. Nicht ohne Humor seziert Eco die bestgemeinten Bemühungen und ihre inneren Widersprüche, Irrtümer und zuweilen gar Geistesblitze, die hier wieder in Vergessenheit geraten, verlacht und bekämpft werden, dort dann Jahrzehnte und Jahrhunderte später wieder aufgegriffen werden und gar nicht so selten zu Grundpfeilern der modernen Sprachwissenschaft werden – siehe Noam Chomskys Universalgrammatik.

Das alles ist natürlich furchtbar unterhaltsam aus hobbyphilosophischer Sicht auch und insbesondere, wenn die Lektüre von „Das Foucaultsche Pendel“ einen mal von den bösesten und wirrsten Verschwörungstheorien geheilt hat, kann es sehr interessant sein, die Entwicklung der europäischen Geschichte mal aus sprachwissenschaftlicher Sicht zu beobachten und Eco beim Nachzeichnen der verschiedenen  Strömungen (und ihrer Irrläufer) zu verfolgen.

Schließlich, wir haben Renaissance und Barock schon hinter uns, stellt Eco uns noch Volapük, Esperanto, Lincos, Programmiersprachen und Aymara vor und kommt auf den letzten Seiten mit Bezug auf den spanisch-arabischen Theologen Ibn Hazm zu einem äußerst überraschenden Schluß: daß die durch den blasphemischen Versuch des babelschen Turmbaus verursachte Sprachverwirrung eben nicht als mit allen Mitteln umzukehrender Fluch, sondern vielmehr als felix culpa zu betrachten sei – die Ursprache habe alle Sprachen bereits enthalten, und da Sprache und  Denken miteinander wechselwirken, bereichert jede Sprache die Welt um eine andere Perspektive ein und der selben Realität; und ich glaube, einen poetischeren Schluß hätte man sich für so ein spannendes Sachbuch kaum ausdenken können.

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Kann die Menschheit noch ernährt werden?

fundstücke

Vor fast einem halben Jahrhundert schon stand die Frage im Raum…

Es ist aber grundsätzlich nicht schwierig, für eine bekannte Entwicklung der Bevölkerung den Nahrungsbedarf in einer vernünftigen Näherung zu bestimmen.

Zur Zeit kennzeichnen sich die Verhältnisse folgendermaßen: Die pro Kopf und Tag verfügbare Nahrungsmittelmehge auf der Erde bewegt sich, stets im Mittel gerechnet, zwischen 1970 (Indien) und 3200 (USA und Australien) Kilokalorien je Kopf und Tag. […] Westeuropa liegt mit 2900 bei den höchsten und Südamerika nicht viel über den niedrigsten Werten.

Setzen wir also für irgendein Land der Erde etwa 2500 Kilokalorien pro Kopf und Tag an, so treffen wir die Verhältnisse auf der ganzen Erde für den heutigen Zeitpunkt mit einem Fehler, der nicht größer ist als ± 20 Prozent. […]

Weitere Möglichkeiten, an die man denken könnte, sind die verbesserte Ausnützung der landwirtschaftlich bewirtschafteten Bodenfläche, Landerwerb, bessere Ausnützung der Meere, Hydroponik, Einfuhren größeren Stils und möglicherweise in kommenden Jahrzehnten die synthetische Erzeugung von Futtermitteln und Nahrung.

Mit unserer Frage, ob die Nahrung reicht, kommen wir schließlich zu folgendem Sachverhalt: Für die Zeit um 2000 wird etwa die doppelte, für 2040 die dreifache Menge an Nahrung gebraucht werden wie heute. Können die erforderlichen 16 Billionen Kilokalorien je Tag auf der Erde im Jahre 2000 und die erforderlichen 22 Billionen im Jahre 2040 bereitgestellt werden? Hier gehen die veröffentlichten Ergebnisse weit auseinander. Wir wollen folgendermaßen rechnen:

Erdoberfläche 510 Millionen Quadratkilometer; davon rund 30 Prozent Land, also rund 150 Millionen qkm; unter Ausschluß der Polargebiete 135 Millionen qkm. Davon ist etwa ein Zehntel unter Kultur genommen, also 13,5 Millionen Quadratkilometer. Wir rechnen für die Ernährung, Bekleidung usw. ein Achtel Hektar pro Kopf oder einen Quadratkilometer für 800 Menschen. Somit dürften aus den schon kultivierten Flächen 10,8 oder rund 11 Milliarden Menschen ernährt werden können.

Dies Ergebnis zeigt, daß die bis etwa zur Mitte des kommenden Jahrhunderts errechnete Menschenzahl ernährt werden kann. Die Erweiterung der Kulturfläche, bessere Ausnützung der Meere und Hydroponik in großem Stil sind möglich, synthetische Nahrungsmittelerzeugung ist nicht ausgeschlossen.

Aus: Wilhelm Fucks, Formeln zur Macht – Prognosen über Völker, Wirtschaft, Potentiale, Büchergilde Gutenberg, 1965 & 1969, S. 144 ff

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Linktip: Der Prophet und das Geld

fundstücke

Es gab mal ein Büchlein von Khalil Gibran, es hieß „Der Prophet“, eine sehr poetische, unterschwellig doch sehr bissige und doch treffende Anleitung zum Glück, wenn man es so nennen möchte: lauter Binsenweisheiten und tiefschürfende Einblicke in das Wesen des Lebens und der Freude.

In „Der Prophet und das Geld“ von Angelika Garbaya kehrt der Prophet zurück und nennt seinen Jüngern die Ursache für einen großen Teil unseres Leides: das Geld, vielmehr das Geldsystem, das wir benutzen. Das Thema hatten wir hier auf den Dugarun auch schon das ein oder andere Mal, schließlich sind wir Politiker und interessiert am Wohlergehen der Weltvolkswirtschaft und kamen dabei schonmal auf das Thema Freigeld zu sprechen.

In blumigen, doch leichtverständlichen und nicht ganz so dolle großkopferten Worten spricht nun der Prophet vor seinen Zuhörern davon, daß wir mit einem anderen Geldsystem – einem, in dem das Geld dem natürlichen Prozess des Verfalls, also des Wertverlustes ausgesetzt ist, anstatt „unsterblich“ zu sein (analog zum Verfaulen einer Tomate, dem Verschleiß einer Maschine oder der technischen Überalterung eines elektronischen Gerätes) – unserer Wirtschaft und unserem Leben nachhaltig und ganzheitlich zu Gerechtigkeit und Fortschritt verhelfen können. Ja, es geht auch hier um die Abschaffung des Geldes, wenn auch nur auf Raten – immerhin ein Schritt!

http://www.der-prophet-und-das-geld.de/

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Willkommen in Zamonien!

fundstücke

Etwa ein Jahr muß es her sein, daß mir „Die Stadt der träumenden Bücher“ wärmstens ans Herz gelegt wurde („Hier, lies Dir mal die Beschreibung des Trompaunenkonzerts durch“), und vergangenes Wochenende habe ich die Gunst der Gelegenheit genutzt und den Wälzer in Angriff genommen.

Damals fiel mir schon auf, daß da, wo normalerweise der Autor des Buches genannt wird, „Walter Moers“ stand. Der Name war mir wohl ein Begriff, wer kennt nicht wenigstens vom Hörensagen Käpt’n-Blaubär-Comics oder „Das Kleine Arschloch“. Und der soll ein ganzes Buch geschrieben haben?

Willkommen jedenfalls nochmal in Zamonien, einem Kontinent, wo Saurier die Lindwurmfeste bewohnen und Dichtpaten zugewiesen bekommen, um in die Kunst der Literatur eingeführt zu werden. Hildegunst von Mythenmetz ist unser Held, der uns auf seiner Reise nach Buchhaim begleiten läßt, wo er den letzten Willen seines verstorbenen Dichtpaten erfüllen soll: den Autor eines genialischen Manuskripts zu ermitteln. In der Hauptstadt der Bücher trifft er auf Schrecksen, dreihirnige Eydeeten und allerlei andere Fabelwesen, hört von den Bücherjägern, die tief in den labyrinthinischen Katakomben unter der Stadt nach besonders wertvollen Büchern suchen (Stichwort signierte Erstausgaben), vom grauenhaften Schattenkönig, den schrecklichen Buchlingen (grausame Zyklopen!) und anderen phantastischen Lebewesen, nur, um nach wenigen Kapiteln und am dritten Tage höchstpersönlich hinabzusteigen in die grauenvolle Unterwelt.

Was für eine spannende, großartige, ironische, satirische, selbstreferenzielle, epische, systemkritische, … [hier weitere Adjektive der Bewunderung einfügen], und wunderschöne Geschichte! Zuallererst fiel mir der Vergleich zu Umberto Ecos „Der Name der Rose“ (in seiner Funktion als Implosions-Katastrophe) ein, aber da ist noch „Sophies Welt“ (in seiner Funktion als Bildungsroman) und (sowieso) „Der Herr der Ringe“ (in seiner Funktion als Entwicklungsroman im MacDonald’schen Sinne) und noch so wahnsinnig viel mehr. Irgendwas mit „die schönste Liebeserklärung an das Lesen diesen Jahres“ stand als Zeitungszitat auf dem Klappentext, doch das wird Moers‘ Werk nicht gerecht. Es ist auch eine der schönsten Liebeserklärungen an das Schreiben, die Sprache, die Kunst überhaupt.

Nur eine besondere Würze stellen da noch die liebevollen Illustrationen aus Moers‘ Feder und das typographische Spiel mit Schriften, Symbolen und Schriftgrößen dar. Doch genug der Lobhudelei. Lesen jetzt!

Die Stadt der träumenden Bücher

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GAN

Friends, Musik, SorgenFreu

Ahoi, liebe Freunde der gepflegten Hirnverdunstung!

Es gibt mal wieder Neuigkeiten.

1.) ELEKTRO REVOLTE hat einen Remix für den SorgenFreu-Track „Ailes ensanglantées d’une rose“ gezaubert, und was soll ich sagen… hört es Euch selbst an! myspace.com/elektrorevolte („Rose Revolte“).

2.) Auch ich habe die Stunden der Muße mit kreativer Geschäftigkeit verbracht und mein lustiges In-Den-Wald-Setz-Setup gequält („In-Den-Wald-Setz-Setup“ nenne ich es, bis mir oder Euch eine bezeichnendere Bezeichnung einfällt für ein Studio im Kulturbeutelformat, bestehend aus Boss MicroBR, Korg Kaossilator, Rollup Piano und Nintendo Game Boy Camera DJ, und sagt jetzt bitte nicht KuBeuFo-NiGaBoCaKoKaBoMiRoPi). Die ersten Gehversuche (seit „Dod“, „Fahrausweis“ und „Rekursion“) hören auf die gewohnt allusionsfreien Namen „Our Byte Sets Free“ und „Ein Rätsel!“ und sind natürlich auch, wie immer, lauschbar auf myspace.com/dugarun.

3.) Lektüre zu Gemüte geführt! Als da wären Schillers „Wilhelm Tell“, auch heute noch hochaktuell, „Der Freibeuter von Pellworm“ von Heinrich Traving, Gottfried Kellers „Kleider machen Leute“, eine Bravo aus dem Jahre 1970 sowie H.D. Kleins „Phainomenon“. Letzteres war ziemlich dick, daher das ein oder andere Wort dazu… UFO kommt und verschwindet, mit einer Kamera an Bord, die laufend Bilder sendet. Space Shuttle-Besatzung wird von dem Teil in die Vergangenheit entführt und wird Zeuge der Grundsteinlegung der westlichen Kultur. Ein bisschen Gewalt, ein bisschen Sex, ein bisschen SciFi, ein bisschen Suspension of Disbelief und das Ding ist schon fast verkauft. Die Idee an sich und als solche nicht übel, wenn auch weder neu noch besonders überzeugend dargeboten. Der Erzählstil redundant. Genau das richtige, wenn man beim Lesen nicht viel denken oder fühlen will. Doch wie sprach einst ein weiser Mann mit Berufung auf einen anderen weisen Mann zu mir? „Nicht alle mögen Hamburger. Aber viele mögen Hamburger.“ Guten Appetit. Im Zweifel einfach „Wuthering Heights“ (Die Sturmhöhe) von Emily Brontë vorziehen, das garantiert die ein oder andere Stunde wohlig-oldschoolig-romantischen Gruselgothicschauders.

4.) Revolution, bessere Welt, Liebe und Frieden und so. Am besten gar nicht mehr groß erzählen, labern, debattieren, raisonieren und ellenlange Blogs verfassen – einfach machen. Hier. Jetzt. Wie? Aber! Geht, nicht?!?

So long

Euer Akareyon

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