Stichwort: Short Story.

Occupy KNAX

Dugarun

+ + + U P D A T E  (26.12.2011) + + +

Mittlerweile hat man sich dazu herabgelassen, Information durchsickern zu lassen:

Wir haben die Pinnwand für Beiträge Dritter vorübergehend geschlossen, diese Einstellung verbirgt leider auch alle alten Beiträge, die nicht von uns sind. Aber weg sind die Beiträge nicht, keine Bange. /red


Vorbemerkung:
der Deutsche Sparkassen – und Giroverband hatte auf Facebook seine Kunden und potentiellen Kunden zum Dialog eingeladen (die Dugarun berichteten), „Diskutieren Sie mit uns“, heißt es dort immer noch, und:

Wir stellen uns einer offenen und transparenten Diskussion. Mit diesem offenen Format haben wir Anregungen aus der Occupy-Bewegung und von Anonymus aufgenommen. Wir werden uns bemühen, auf Ihre Fragen, Anregungen und Kritik sachlich, konkret und so schnell wie möglich zu reagieren. Dabei wünschen wir uns einen respektvollen Umgang aller Nutzer miteinander.

Tatsächlich entbrannte eine teils sehr emotionale, teils äußerst sachliche Debatte. Ob die Sparkassen auf Lebensmittel spekulieren würde wie die Deutsche Bank, wurde gefragt; der Vorwurf gemacht, man wolle ja nur Werbung mit der Bewegung machen. Die Redaktion des Sparkassenverbands reagierte auf Beleidigungen, Diffamierungen und Unterstellungen souverän, wandte die übliche Salamischeibchentaktik an (nur zugeben, was man nicht leugnen kann) und ansonsten mangelte es nicht an guten Vorschlägen – natürlich darunter auch der einer grundsätzlichen Geldsystemdebatte, der sich die Sparkasse jedoch kategorisch verschloß, weil Zins ja zum Sparen anregt und Sparen sei das wichtigste momentan!!11! Auf die aufgezeigten Diskrepanzen in ihren eigenen Rechenbeispielen und Buchungssätzen gingen sie dann gar nicht erst ein.

Alles in allem dennoch eine angeregte, interessante und informative Debatte, zumal man doch das eine oder andere Mal noch mit einem Argument konfrontiert wird, das man so noch nicht kannte. Gestern hat sich die Redaktion anscheinend entschlossen, alle Pinnwandeinträge – und damit Diskussionsstränge – die sie nicht selbst gestartet hat, zu prunen. Weg. Futsch. Jetzt stehen da nur noch ihre eigenen Beiträge mit vielen „Gefällt mir“s… strange! Es gab Andeutungen, daß man sich gerade mit der „Aggregation“ und „Visualisierung“ und einer besseren Übersicht auf Softwareseite beschäftige, es bleibt zu hoffen, daß sie ein Backup gezogen haben und wirklich nach Neujahr Ernst machen mit der Debatte. Irgendwie nämlich mag ich nicht glauben, daß die erst einen Honigtopf da hinstellen und dann die Falle zuschnappen lassen, so dumm kann kein Manager sein, erst zur Diskussion einzuladen und dann allen die Tür vor der Nase zuzuknallen.

es sollte ja eigentlich eine Überraschung für das neue Jahr werden. Aber wir arbeiten an einer übersichtlicheren Darstellung der Diskussionen. Dann müssen nicht so viele Fragen und Antworten wiederholt werden und man kann sich besser orientieren. Hier müssen unsere Technikkollegen aber über das Facebook-Angebot hinaus etwas „basteln“. Aber die bekommen das hin. Die sind gut! /ca

In jedem Falle möchte ich meine dort veröffentlichte KNAX-Geschichte nicht dem digitalen Nirwana und der Herrschaftswillkür eines informationsdespotischen Systems überantwortet wissen und reposte sie hier. Ursprünglich bestand nämlich die Hoffnung, daß die Sparkasse die Systemkritik in der Sprache ihrer eigenen Traumwelt am besten verstehen würde, und ganz erloschen ist diese Hoffnung noch nicht.

(KNAX ist ein Werbecomic, der von den Sparkassen seit 1974 alle zwei Monate in Millionenauflage (mit enormem propagandistischen Erfolg) an „junge Kunden“ verteilt wird und daher auch in meinem Pantheon seinen rechtmäßigen Platz eingenommen hat. Die Robinsonade stellt eine mittelalterliche Idealgesellschaft dar, in der jede Zunft und Gesellschaftsschicht von einem Charakter des Inseldorfes KNAX dargestellt wird – Schankwart ist der Wirt, Schlapf der immermüde Nachwächter, Emmerich der Kaufmann, Gantenkiel der Bänker, der zum Sparen aufruft, Ambros der Schmied und Erfinder, Backbert und Steuerbert die Seebären und Malocher,  Walter Wildfang der „Grüne“ usw. Die Antihelden sind die Fetzensteiner unter der Leitung von Fetz Braun, die auf einer Burg ausserhalb des Dorfes leben und mit ihren Raubzügen das beschauliche Idyll hin und wieder auflockern. Eine Vorstellung aller Figuren findet sich im Fotoalbum der KNAX-Homepage).

~~~

Wir schreiben das Jahr 2011. KNAX ist schon lange kein isoliertes Inselidyll mehr, auf dem die Eskapaden der Fetzensteiner mehr zur willkommenen Abwechslung und sportlichen Betätigung beitragen als zu dauerhaftem Ärger und Entzweiung. KNAX ist globalisiert, KNAX versinkt in Arbeitslosigkeit, Depression und Zivilisationsmüll. Emmerich schreibt andauernd höhere Preise an seine Waren, Ambros hat sich auf Waffen und sonstiges Schmerzzufügungswerkzeug aller Art spezialisiert, Pierre Kattun hat seine Produktion nach Fernost ausgelagert und verkauft die Kindersklavenarbeit als teure Markenklamotten, Pomm-Fritz und Pomm-Friedel kippen ihre Milch lieber empört ins Meer, als sie zu billig zu verkaufen, Backbert hat auf einem riesigen Fischtrawler anheuern müssen, um über die Runden zu kommen, und fängt die Fischgründe leer, während Steuerbert arbeitslos ist und mit besorgniserregenden Leberwerten zuhause rumgammelt (wiederum zum Unfrieden jener, die Überstunden machen müssen), Schankwart vereinsamt in einer meist gähnend leeren Kneipe, Walter Wildfangs Wald ist weggerodet und Dodo und Didi hängen lieber zuhause oder auf der Straße rum, als sich mit der immer dreisteren Selbstbereicherung Fetz Brauns auseinanderzusetzen. Bleiben noch Nero und Kiki oder daß Brunhold endlich ein schlechtes Gewissen kriegt (das ganze vor dem inneren Augen vielleicht noch im Zeichenstil von Frank Frazetta vorstellen)…

[..]

– DRITTER AKT –

[Schankwarts Schänke. Betrübte Stimmung, tote Hose, Schankwart putzt gelangweilt saubere Gläser, aus denen nur noch selten getrunken wird, zum hundertsten Male – allein in dieser Nacht. Nur Feelicia und Gantenkiel stecken beim gedämpften Licht einer Petroleumlampe die Köpfe zusammen.]

„Gantenkiel“, begann Feelicia die Unterhaltung mit ihrer typisch liebensgewürzigen Art, „wie konntest Du nur zulassen, daß ausgerechnet Fetz Braun das Monopol aufs Gelddrucken bekommt? Wär das nicht dein Job, jedes Jahr nur so viel Geld zu drucken, wie wir hier tatsächlich auf der Insel für diesen Zeitraum brauchen?“

„Ja aber…“, hub Gantenkiel an.

„Nix ‚ja aber’!“ Feelicia konnte auch zornig gucken, das war ihm nie so aufgefallen. „Wie wär’s mal mit ‚Warum nicht?‘ – Das war doch klar, daß Fetz Braun nichts gutes im Schilde führte, als er Dir anbot, das Geld bei sich auf Burg Fetzenstein zu drucken.“

„Wir dachten, er hätte sich gebessert! Es waren alle einverstanden! Und seitdem ist er ja auch nicht mehr auffällig geworden, wir sehen ihn im Dorf so gut wie überhaupt nicht mehr.“

„Nein, nur noch einmal im Jahr, wenn wir unsere Schulden an seiner Zugbrücke abliefern müssen und, weil wir mittlerweile kaum noch was haben, um seine Forderungen erfüllen müssen: Überstunden, Zeitarbeit… selbst von mir verlangt er letztlich mehr Kräuter, als ich je pflanzen und er je rauchen kann, und ich mag gar nicht aussprechen, was er mir durch Zipfel für Vorschläge zur Tilgung unterbreiten lassen hat.“ Sie schauderte und machte einen angewiderten Gesichtsausdruck, der erahnen ließ, daß sie ein ums andere Mal schon so verzweifelt gewesen war, über Fetzens Angebot ernsthaft nachzudenken zu müssen. Eine Zeitlang hatte sie wenigstens Emmerich im Laden zur Hand gehen können, doch der mußte sie wieder entlassen, weil er sich ihren Lohn nicht leisten konnte, so schlecht gingen die Geschäfte. „Gantenkiel, mach die Augen auf, er hat sich von Ambros seine Burg vergolden und mit Blidenartillerie ausstatten lassen und droht, die Stadt in Schutt und Asche zu legen, wenn wir seine Forderungen nicht erfüllen! Hast du mal die Yacht gesehen, die unter seinem Felsen ankert? Die ‚Bankette‘, die er auf seiner Burg feiert?“

Gantenkiel wollte etwas sagen, doch Schankwart stellte ihm geräuschvoll einen neuen Humpen hin, und er nahm erstmal einen Hieb, ohne aufzublicken. Dann nahm er all seinen Mut zusammen. „Was soll ich denn tun? Kann ich was dafür, daß Steuerbert keinen Job hat? Ich will dir mal was sagen, ich kann ihm einfach kein Geld mehr geben, weil er es am dritten schon komplett versoffen hat. Und die Pomms kommen mit ihren Raten für den Kredit für den neuen Kuhstall nicht nach. Von irgendwas muß ich doch auch leben!“

„Wir sollten protestieren!“ rief sie. „Und du auch.“

„Ich hab doch gesehen, was dabei herauskommt. Damit er uns wieder mit seinem Zwiebelnebelsprühzeug verscheucht wie im Oktober?“ Feelicias Gesicht verfinsterte sich bei der Erinnerung an die rotverqollenen Augen und anderen miesen Tricks, mit denen Fetz Braun ihren letzten Zwergenaufstand niedergeschlagen hatte. Diesmal war er ihnen anscheinend wirklich über. Gantenkiel lehnte sich zurück, nahm noch einen Schluck und war überzeugt, seinen Standpunkt in aller Entschiedenheit klargemacht zu haben.

Da tapste Nero herein, um die Pizza für Dodo und Didi abzuholen. Sein Gang war schwer und traurig geworden, seit das Unheil über Knax hereingebrochen war und die Kinder ihn mit Kiki allein gassigehen ließen. Nero ließ sich von Feelicia begrüßen und knurrte Gantenkiel an, der das zwar schon gewöhnt war, trotzdem innerlich zusammenzuckte. Bedrückt sahen sie zu, wie er sich die aufgebackene Tiefkühlpizza von Schankwart geben ließ und dieser nach dem Geldbeutel am Halsband suchte – vergeblich. „Schon gut“, sagte Schankwart und kraulte Nero hinterm Ohr, „geh nur, ich schreib’s auf den Deckel von den beiden“, und warf Gantenkiel einen bösen Blick zu, vor dem dieser sich hinter seinem Humpen wegduckte. Nero wuffte etwas hundisches an der Pizzapackung zwischen seinen Zähnen vorbei und schob wieder ab. Kiki schaute durch die Tür, sah Gantenkiel, kam angeflitzt, sprang von der Bank auf den Tisch, zeigte ihm beide ausgestreckte Mittelfinger und verschwand wieder so schnell, wie sie gekommen war.

„Siehst Du, Feelicia? Selbst Didi und Dodo stopfen sich nur noch mit Junkfood voll. Und auf mir wird rumgehackt. Was hab ich den falsch gemacht? Warum soll ich für alles verantwortlich sein?!“, wimmerte Gantenkiel.

„Das sagt doch keiner! Aber wir können doch nicht so tun, als ob das ewig so weiterginge!“

„Was schlägst Du vor?“

Doch da wurden sie wieder unterbrochen, denn Schlapf betrat die Stube und schlurfte langsam zum Tresen, nuschelte ein „moin“ in die Runde und bestellte sich sein Feierabendbier.

Gantenkiel sah auf die Uhr. „Donnerwetter, es ist früh Uhr morgens… sind wir schon so lange am Diskutieren?“

Da erhellte sich Feelicias Gesichtsausdruck plötzlich. „Du, ich glaube, ich habe eine Idee.“

„Ich auch! Wir räuchern Burg Fetzenstein aus!“ wütete Schankwart, der, wie jeder gute Wirt, jedes Wort mithörte, selbst, wenn er so tat, als wäre er gar nicht da. Doch Feelicia verzog das Gesicht, denn dazu mochte sie die Fetzensteiner viel zu sehr und war überdies der Auffassung, daß Gewalt nur Gegengewalt erzeuge.

„Ja, es reicht wirklich. Ich komme kaum noch zum Schlafen“, jammerte da Schlapf. „Ich muß doch ausgeruht sein für meinen Job!“

Feelicia lächelte milde, während Schankwart sich vor Lachen hinter dem Tresen kringelte und Gantenkiel nur trübe in seinen Humpen starrte. Schlafen konnte er nämlich schon lange nicht mehr ohne die ungesund starken und fürchterlich bitteren Tees aus Feelicias Kräutergarten.

„Nein, Schlapf. Hört mir zu“, sagte Feelicia. „Geld ist doch, was gilt. Das heißt, Fetz Braun hat nur deshalb Macht über uns, weil das Geld, das er druckt, fast genauso aussieht wie das, das wir vorher benutzt haben.“ – „Schön und gut, aber das wird jetzt doch zu fee-losophisch!“, wandte Gantenkiel ein. Feelicia verzog das Gesicht, verkniff sich jedoch eine bissige Replik. Ihr war ja auch bewußt, daß ihre Glaubwürdigkeit stark gelitten hatte, weil sie die Fetzensteiner immer gegen allzu unfaire Angriffe verteidigt hatte. Als Mediatorin hatte sie bei dem jüngsten Angriff der Fetzensteiner auf den Wohlstand und den Frieden auf KNAX jedoch zur Gänze versagt, doch sie wollte doch etwas gutmachen! „Wir drucken einfach unsere Komplementärwährung! Wenn Brunhold die nächste Ladung Geldscheine auf dem Marktplatz auskippt, lagern wir das alles einfach bei Dir ein, drucken Gutscheine im Gegenwert und statten diese mit einer Umlaufsicherungsgebühr aus. Nach einem Jahr ist es nur noch 90& wert oder sowas in der Art.“

„Wer würde denn so ein Geld haben wollen?“, erwiderte Schlapf müde, und Gantenkiel nickte eifrig, nachdem er ein paar Buchungssätze und Exponentialfunktionen auf seine Serviette gekritzelt hatte.

„Eben das ist der Punkt!“ triumphierte Feelicia. „Wir würden alle zusehen, das Geld so schnell wie möglich wieder loszuwerden – der letzte mit so einem Schein hat den schwarzen Peter und muß die Umlaufsicherung bezahlen.“

„Das setzt sich doch nie durch!“ Auch Schankwart schüttelte jetzt verständnislos den Kopf.

„Warum nicht? Wenn du dir sicher sein kannst, daß du die Gutscheine bei Gantenkiel wieder gegen Fetzentaler eintauschen kannst, würdest du sie doch annehmen, oder nicht? Für Didi und Dodo machst du doch sowieso Deckel.“

Schankwart überlegte kurz und nickte schließlich.

„Und wenn Emmerich auch noch mitmacht…“

Da fiel Schankwart etwas ein: „Warum sollte Steuerbert zum Beispiel überhaupt an deine Gutscheine kommen?“

„Na, oft genug hilft er ja doch den Pomms auf dem Hof, er sagt doch selbst, sonst fällt ihm die Decke auf den Kopf. Das Problem ist nur, daß die Pomms ihn nicht bezahlen können, weil sie auf ihren Hof eine Hypothek bei Fetz Braun aufnehmen mußten und da am Abstottern sind. Aber wenn Emmerich auch mitmacht, kann er ihre Karotten zum Beispiel ja damit bezahlen. Dann geben sie das Steuerbert für die Hilfe bei der Ernte. Derselbe Geldwert läuft viel schneller um und sorgt so für echtes Wachstum. Es soll ja keiner reich werden, wir wollen doch bloß alle was anständiges zu tun haben. Wir werden ja immer mehr zu Fetzensteinern und fangen an, uns gegenseitig zu übervorteilen.“

„Ich verstehe die Rechnung nicht. Dann könnten die Pomms den Steuerbert doch gleich in Fetzentalern bezahlen?“ Gantenkiel nahm den Hut ab, um sich am Kopf zu kratzen.

„Sicher, doch schlechtes Geld verdrängt gutes. Wenn Du die Wahl hast, ‚echtes‘ Geld auszugeben oder einen Gutschein, der Dir in der Börse brennt, gibst Du den doch zuerst ab. Erinnert Ihr Euch an die Fünf-Mark-Scheine? Die waren so selten und ausserordentlich schick – wenn man so einen hatte, hat man den zuletzt ausgegeben oder sogar aufbewahrt. Genauso wär’s mit den Gutscheinen. Die würden ganz fix die Runde machen, weil jeder die so schnell wie möglich wieder loswerden wollen würde, daß aus einem Gutschein für 100 Fetzentaler, die bei dir im Tresor lagern, in der Zeit locker ein Vielfaches an Produktivität freigesetzt worden wäre; ich hab mal gelesen, in irgendeiner Kleinstadt in den Bergen auf dem Festland soll das schonmal ganz wunderbar geklappt haben. Es ist ja nicht so, daß Steuerbert nichts tun will – schließlich hat er ständig Zoff mit Backbert deswegen – er sieht nur nur nicht mehr ein, sich den Buckel krumm zu machen, während Fetz Braun es sich gutgehen läßt. Soll der sich doch mit seinen Fetzentalern seine Hütte tapezieren! Wir haben eigentlich genug zu tun – wir können Walter Wildfangs Wald wieder aufforsten…“ – „Die Stadtmauer müßte mal wieder gestrichen werden…“, gähnte Schlapf und bettete sein Haupt auf den Tresen, um weiterzuschlafen.

So bekam er nicht mit, daß Mampf und Zipfel die Stube betraten. Man grüßte finster-verlegen und anstandshalber, ohne sich dabei tieferer Aufrichtigkeit zu versichern, und die beiden bestellten im unverschämten Befehlston was zu Essen bei Schankwart, um sich am Nachbartisch breitzumachen und allgemein flegelhaft zu benehmen. Indes, glücklich schienen auch sie nicht, denn wie sie Feelicia anvertraut hatten, ging ihnen das Gehabe von Fetz Braun in letzter Zeit fürchterlich auf den Zwirn, sagten aber nichts, der ganzen leckeren Mampfereien wegen, die ihnen Fetz Brauns jüngster und ungewohnt erfolgreicher Beutezug einbrachte; wenn sie auch zugeben mußten, daß es in letzter Zeit zuviel des Guten wurde und sie ganze Wagenladungen an Brot, Fisch und Käse über die Burgmauer ins Meer kippen mußten, damit es ihnen nicht im Burghof verdirbt, was wiederum den Fischen gar nicht schmeckte, wie Backbert regelmäßig versicherte. Im Übrigen war Fetz Braun – so munkelte man – selbst nicht ganz geheuer bei der Geschichte, hätte das aber nie im Leben zugegeben, schon allein der Fallhöhe aus dem Burgturmfenster wegen – was vermutlich seine verzweifelten Aufrüstungsbestrebungen erklärte.

„Sst“, machte Gantenkiel verschwörerisch, und als Feelicia nicht sofort reagierte, trat er ihr unter dem Tisch sanft auf den Fuß. Verdutzt schaute sie auf. Mit einer Kopfbewegung und seltsamen Grimassen deutete er auf die beiden Neuankömmlinge. Feelicia verstand nicht sofort. „Die da überzeugen!“ flüsterte er. „Eher bringst du Langbart Integralrechnung bei“, zischte sie zurück, doch dann unterhielten sie sich über das Wetter, um keinen Verdacht zu erregen, zahlten angelegentlich ihre Zeche bei Schankwart und traten hinaus auf die Dorfstraße.

„Früher haben wir uns zwar auch aufgeregt, aber da hat’s noch Spaß gemacht, sich zu fetzen mit den Fetzensteinern“, sinnierte Gantenkiel, als er Feelicia Richtung Stadttor begleitete. „Ja, jetzt haben sie es echt mal zu weit getrieben.“ – „Und du meinst, das würde klappen mit den Gutscheinen?“ – „Schlaf einfach die Nacht drüber und dann quatsch einfach mal mit Emmerich. Dem müßte das doch auch lieb sein, wenn er wieder verkauft und vor allem wieder anständiges Brot und Käse im Sortiment hat, nicht diesen fertig abgepackten Fraß. Und vergiß Pierre nicht. Er hat schon ewig nichts mehr gemalt und er macht einen sehr unausgeglichenen Eindruck, seine ‚Kreationen‘ wirken etwas gestelzt in letzter Zeit. Das letzte Kleid, das er für mich nähen sollte, bestand aus Bindfäden, er meinte, das würde man jetzt so tragen. Den Preis darf ich gar nicht erzählen.“

Gantenkiel verdrängte die Vorstellung aus seiner Phantasie und räusperte sich. „Wieviele ‚Inselrettungsgutscheine‘ willst du denn drucken?“

„Genau so viel, wie wir brauchen, um die Stadtmauer zu streichen und den Wald wieder instand zu setzen und die Produkte der Pomms bezahlen zu können. Es geht doch gar nicht darum, was da für eine Zahl oder für ein Symbol draufsteht, sondern, daß es eine Gültigkeit besitzt, und die Gültigkeit erfährt es doch erst dadurch, daß wir es verwenden und uns gegenseitig für unsere Dienstleistungen und Produkte bezahlen – wohlgemerkt, uns gegenseitig, nicht Fetz Braun und seine Bande. Du bist der Mathematiker, du mußt doch wissen, wie Wirtschaft funktioniert.“

„Und wie erklären wir das den anderen am besten? Was ist mit Ambros? Er macht gerade das Geschäft seines Lebens! Ohne den wär der Ofen schon längst aus in der Stadt.“

Sie sah ihn schief an. „Es wird ihm wohl kaum gefallen, daß seine martialischen Bärenfallen den ersten Verteidigungsring von Burg Fetzenstein bilden. Deswegen sind Dodo und Didi doch so sauer auf ihn; weil es einmal fast um Kiki geschehen wäre – und einmal hat Brunhold Kiki und Nero schon fast über den Haufen gefahren mit seiner dämlichen Prachtkutsche. Dabei hat sich Ambros mal so gut mit den beiden verstanden. Du doch auch.“

Gantenkiel nickte. Aus den netten, aufgeweckten Kindern, die sich immer über seine Werbegeschenke beim Inselspartag gefreut hatten, waren erbitterte Kritiker geworden, denen er kaum noch erklären konnte, wie Geld überhaupt genau funktioniert, weil er es selbst nicht verstand und die meiste Zeit damit zubrachte, die ganzen Konten irgendwie so hinzupuzzeln, daß er Fetz Braun regelmäßig den verlangten Zins zurückzahlen konnte, den dieser dafür verlangte, daß er ihm die Fetzentaler zur Verfügung stellte und das „Ausfallrisiko“ trug, so, wie sie es vertraglich vereinbart hatten – übrigens mit dem Einverständnis aller Einwohner der Insel.

„Aber was machen wir Steuerbert?“ – „Du immer mit deinem ‚ja aber’!“, lachte Feelicia da und knuffte ihm zärtlich an die Schulter, doch er tat schon aus Reflex so, als hätte sie ihm böse wehgetan, und sie entschuldigte sich nicht. „Laß mich das mal machen, und Zipfel und Mampf knöpfe ich mir auch noch vor. Die haben doch nur Bammel, daß sie wieder fürchterlich den Mors versohlt kriegen. Hätten sie ja auch verdient“ – fügte sie leiste hinzu, seufzte und wies betrübt auf die kaputten Fenster, die blätternden Fassadenanstriche und die von Schlaglöchern zerfressene Straße, über deren erstes fahles Morgenlicht Horden von Ratten zwischen den an den Häuserwänden gestapelten Müllbergen hin- und herhuschten. Walter Wildfang hätte vorher NIE die Worte „Schädlingsbekämpfungsmaßnahmen“ auch nur gedacht, geschweige denn ausgesprochen, und nun war die Ausführung selbiger schon Normalität und täglich Brot für ihn geworden! Irgendwas war faul mit der Insel, soviel war klar, und auch Gantenkiel schaute sich um, als sähe er das alles zum ersten Mal. Komisch, vor seinem Haus war meist aufgeräumt, wenn nicht Didi und Dodo dort herumlungerten und Handzettel verteilten, in denen sie ihn – ihn, Gantenkiel! – der abscheulichsten Ungeheuerlichkeiten zeihten.

Emmerich machte gerade mit morgendlich-entnervtem Gesichtsausdruck seinen Laden auf, Steuerbert stand schon wie ein abgetakelter Seelenverkäufer bei Windstärke zehn wankend mit einer Tasche voll Pfandgut auf seiner Matte und machte einen sehr ungesunden Eindruck. Aus Ambros‘ Schmiede quoll schwarzer Rauch auf und verdeckte die Strahlen der aufgehenden Sonne, aus einem Fenster fielen klimpernd serienproduzierte Bärenfallen und Morgensternkugeln für Burg Fetzenstein. Pierre schloß seine Fensterläden auf und hängte die neuesten Knaxxi-, Hugo Knoxx-, Knaxiknax- und Knolxe&Insulana-Klamotten in die Auslagen, obwohl er wußte, daß nur Gantenkiel – der sowas nicht trug – und die Fetzensteiner sich den Fummel noch leisten konnten, ausserdem hatte er Didi im Verdacht, neuerdings einfach zum Zocken übergegangen zu sein, statt seine Hosen zu bezahlen. Sie erreichten das Tor und gaben sich die Hand zum Abschied. „Kopf hoch“, lächelte Feelicia und stupste Gantenkiel zärtlich unters Kinn. „Wir kriegen das hin. Mit den Fetzensteinern sind wir bisher immer irgendwie fertiggeworden, oder nicht?“

Da mußte auch Gantenkiel lächeln, und er sah ihr noch eine Weile nach, als sie sich auf den Weg zu ihrem Baumhaus machte…

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„Occup KNAX“ ist Fan Fiction ohne monetäre Gewinnabsicht. Markenrechtliche Bestimmungen bleiben daher unberührt. Um Verbreitung, Ausführung und Verfilmung wird ausdrücklich gebeten).

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Linktip: Der Prophet und das Geld

fundstücke

Es gab mal ein Büchlein von Khalil Gibran, es hieß „Der Prophet“, eine sehr poetische, unterschwellig doch sehr bissige und doch treffende Anleitung zum Glück, wenn man es so nennen möchte: lauter Binsenweisheiten und tiefschürfende Einblicke in das Wesen des Lebens und der Freude.

In „Der Prophet und das Geld“ von Angelika Garbaya kehrt der Prophet zurück und nennt seinen Jüngern die Ursache für einen großen Teil unseres Leides: das Geld, vielmehr das Geldsystem, das wir benutzen. Das Thema hatten wir hier auf den Dugarun auch schon das ein oder andere Mal, schließlich sind wir Politiker und interessiert am Wohlergehen der Weltvolkswirtschaft und kamen dabei schonmal auf das Thema Freigeld zu sprechen.

In blumigen, doch leichtverständlichen und nicht ganz so dolle großkopferten Worten spricht nun der Prophet vor seinen Zuhörern davon, daß wir mit einem anderen Geldsystem – einem, in dem das Geld dem natürlichen Prozess des Verfalls, also des Wertverlustes ausgesetzt ist, anstatt „unsterblich“ zu sein (analog zum Verfaulen einer Tomate, dem Verschleiß einer Maschine oder der technischen Überalterung eines elektronischen Gerätes) – unserer Wirtschaft und unserem Leben nachhaltig und ganzheitlich zu Gerechtigkeit und Fortschritt verhelfen können. Ja, es geht auch hier um die Abschaffung des Geldes, wenn auch nur auf Raten – immerhin ein Schritt!

http://www.der-prophet-und-das-geld.de/

1 Kommentar

Konsequent weitergedacht.

Dugarun

Jaja, das hier ist konfus. Es ist selbstreferenziell. Es ist überflüssig und mehr Rausch als Signal, mehr Meinung als Information. Schamlose Selbstdarstellung, eitle Koketterie mit der Pose der Bescheidenheit, Maskerade der Benevolenz vor der häßlichen Fratze des ungezügelten und größenwahnsinnigen Egoismus.

Der Vorwurf der Enttäuschung trifft nicht. Ja, sie hatten alle große Erwartungen an den eigentlich immer so höflichen, schüchternen, irgendwie intelligenten und dann wieder so jähzornigen, verzweifelten und in Tränen des Selbstmitleids aufgelösten Jungen, der einsam sein wollte, wenn er in Gesellschaft war und mit Freunden, wenn allein. Uncooler Aussenseiter und Streber den einen, fauler Tagedieb, Träumer den anderen, Spinner, Fantast, der es nie zu etwas bringen würde, weil er nie zuende brachte, was er anfing, selten in die Tat umsetzte, was er sich an Luftschlössern erträumte.

Was sie niemals wußten, auch nur ahnten: da war eine Welt, in die er die wenigsten einen flüchtigen Blick werfen ließ, niemanden je ganz betreten ließ. Dabei war sie kein großes Geheimnis, weder so grausam noch halb so wunderschön, wie die meisten wohl vermuteten, sich erhofften für den Fall, daß er doch eines Tages die Tore zu seinem Phantasiereich öffnen, die Zugbrücke herunterlassen und das Fallgatter heben könnte, um einzufallen in die Ahnung von paradiesischer Höllenlust, eine Scholle zu ergattern und die Bodenschätze auszubeuten –

nein, ganz und gar uninteressant und öde gleichgültig war es in ihm geworden. Was kümmerte es ihn, was andere dachten, sagten oder durch Nicht-Denken und Schweigen zu wissen preisgaben? Sollte ein jeder in ihm sehen, was er sehen wollte, es war ihm so egal wie ihnen offenbar seine eigenen Wünsche, Bedürfnisse, Träume, Gedanken und Gelüste.

Da wurde ihm jedoch klar, daß es anders bestellt war. Die Mauer, mit der er seine Vorstellung des Utopias gepanzert hatte, mühsam aufgeschichtet aus dem mineralischen Kristallwuchs logischer Gedankenverkettungen, verstandesmäßigen Einsichten und intellektuellen Erwägungen, dieses Bollwerk war aus dem Stoff gemacht, den sie auszubeuten versuchten – ja, seine Befähigung zu kreativer Analytik wollten sie sich servil machen – sie sahen gar nicht die Schönheit der diamantenen Seen, verschneiten Berggipfel und tiefgrünen, vor Leben und Bornen strotzenden Wälder, die er im Herzen verborgen hielt, nicht die schroffen Steilküsten, an denen wütend schäumend sich hier die Ozeane brachen oder dort sanft liebliche Palmenstrände umspielten. Nein, in Karren transportierten sie die Logik hinfort, mit der er das Reich vor ungeladenen Monstern zu schützen versucht hatte, trugen von aussen den Schutzwall seiner Defensive ab, die er von innen mit wachsender Verzweiflung zu flicken versuchte, während sein Paradies immer kleiner wurde und ihre Behausungen sich mit dem edelsten schmückten, das er aus dem Innern geborgen… ein Informatiker sollte ihnen sein, ein Studierter, ein auszubeutender Steinbruch.

Halt! Genug!

Wütend brach er ein Loch in den Wall, schliff die Zinnen, stürzte die Wehrtürme, öffnete die Tore weit und holte die Flaggen und Wimpel ein – offen lag sie nun da, seine Welt, sollten sie kommen und verwüsten, verpesten, verseuchen, was war dabei, eines Tages würde er sich ohnehin trennen müssen, und vielleicht, so dachte er, nein, wagte er heimlich zu hoffen, war unter den Gästen eine Seele, die er bisher zu Unrecht ausgesperrt hatte, die die Blüte des schon im Vergehen begriffenen Paradieses in den Sommer und den Herbst selbst hinein zu verlängern vermochte. Vielleicht betrog er sich selbst, ein letztes Mal, und nichts würde übrig bleiben als Einöde, ein Mahnmal als warnende Erinnerung an die Gefahren der schutz- und rückhaltlosen Selbstoffenbarung; ein Trosthauch verfing sich in seinen Sinnen, daß, wenn dies nicht mehr war, nun wenigstens ein winzigster Flugsame den Weg hinausfinden und ein sonniges Plätzchen zum Reifen und Keimen auffinden könnte, um heranzuwachsen zu einem mächtigen Baum – oder wenigstens einem Blümchen von bescheidener, doch zierlicher Schönheit, lange, nachdem es ihn überhaupt noch kümmern würde.

Willkommen! Strömt herein! rief er in Gedanken. Dies ist mein Garten! Er scheint Euch verwahrlost und verwildert, denn so liebe ich ihn – ungezähmt und urwüchsig – doch gebt acht vor dem Ungeziefer und Getier, den Bestien und Schlingpflanzen, den Klüften und dem brüchigen Eis, dem Zornestosen des sturmgetriebenen Meeres. Und diese giftigen, schwefligen Sümpfe hier, der Morast meiner Sünden und traurigen Schuld, den verbergen zu können ich glaubte: einen Damm will ich Euch hindurchbauen aus dem Gewerk meiner aufgehäuften, lückenhaften und unvollkommenen Logik.

Willkommen. Was zu tun sei, wollt Ihr wissen? Nein, das wollt Ihr nicht, denn ihr wisst es schon längst; es steht geschrieben in den heiligen Schriften Eurer Propheten, in den Thesen Eurer Apologeten des Wandels, des Fortschritts und den tradierten Weisheiten volkstümlicher Sprichwörter, in den Pamphleten, Essays und Aufsätzen und kilometerlangen Regalwänden Eurer Bibliotheken unbequemer Denker, Dichter und Philosophen; einzig, es zu tun fehlen Euch der Mut oder die Entschlossenheit oder beides, und sowohl das eine als auch das andere kann ich Euch schwerlich geben, nenne es doch selbst kaum mein Eigen.

Von wegen! daß wir in einer besonderen Zeit leben, nur, weil es das Internet gibt und man in Quasi-Nullzeit Informationen mit dem gesamten Globus austauschen kann. Von wegen! daß wir eine besondere Rasse oder Laune der natürlichen Evolution sind, da der wissenschaftliche Fortschritt uns ungeahnte Erkenntnisse über das Wesen des Universums, des Seins und des Lebens geliefert hat.

Noch immer sind wir gefangen im Aberglauben des finsteren Mittelalters, gebannt von einem übermächtigen Zauberspruch, hypnotisiert von der melodiösen Lästerzunge eines abscheulichen und hungrigen Drachen, fast ausnahmslos willfährige Anhänger einer Selbstmordsekte, die Verfall und Entropie zum höchsten Dogma erklärt hat, Diener und Sklaven der Furcht vor einem selbstgeschaffenen Techno-Golem. Der Erdball ist unser Gefängnis, die Städte Irrenhäuser, die überfüllten und wie Pilze sich vermehrenden Justizvollzugsanstalten seine Hochsicherheitstrakte und Nervenkliniken die Einzelhaftzellen.

Freiheit, sagt Ihr? Liebe, sagt Ihr? Ohne die geringste Ahnung, womit Ihr diese Symbole verknüpfen sollt, welches Ding sie bedeuten. Friede; und Freude? Pleonastisch definiert als Antithese zu unerwünschten Zuständen Eurer Seele und Eures Geistes, doch per se unbegriffen.

Diese sind zu reich und jene zu arm, und dann ist da das Dosenpfand und der Zensurwahn im Internet. Man muß durch dreiundzwanzig Läden laufen, um eine beschissene Pfandflasche wieder loszuwerden, Plastiktüten kosten mittlerweile überall fünfzehn Cent, die Politiker sind korrupt und die Zeitungen gekauft. Im Fernsehen läuft nur gleichgeschalteter Müll und unsere Jugend verblödet. Die Kinder werden immer früher immer brutaler, übersexualisiert und verwahrlost. Die Luft ist verpestet, die Flüsse vergiftet, die Bäume krank und die Tiere sterben aus. Die Pharma-, die Finanz- und die Rüstungsindustrie diktieren der Politik ihre Forderungen an die Gesellschaft in die Gesetze und melken das letzte Quantum Energie aus den Menschen. Eine riesige Verschwörung hat sich gegen uns gerichtet und plant, zwei Drittel der menschlichen Erdbevölkerung durch Aushungern, Vergiften, Verseuchen und künstliche Viren auszulöschen, zu ermorden, hinwegzuraffen, grausam, herzlos und eiskalt – den Rest als Sklavenarbeiter in den Städten einzupferchen, mit Chips auszustatten und jede ihrer Bewegungen, Äußerungen und Ideenkeime zu überwachen und in einem riesigen Computernetzwerk der stagnierenden Singularität zu verarbeiten, um ein für alle Male jeden Gedanken an Aufstand auszumerzen. Die Regale in den Kaufhäusern quellen über von nutzlosem Ramsch und künstlichen Nahrungsmitteln, die keine Nahrung sind, bunt verpackt und doch zu teuer für jeden, der nicht in der Lage oder willens ist, sich dem Paradigma vom Wohlergehen des Stärkeren zu beugen. Die Müllberge wachsen über den Horizont von der ganzen Scheiße, die wir zu brauchen glaubten. Eine Energiekrise bedroht uns, und ein Sonnensturm, und die gesamte Infrastruktur wird zusammenbrechen – diese modernen computerisierten Autos nicht mehr funktionieren, Handys, Telefone, Internet und Stromversorgung nutzloser Schrott sein, die Menschen in den Krankenhäusern verrecken, weil die künstlichen Beatmungsgeräte ihren Geist aufgegeben haben und die Notstromaggregate den Dienst verweigern – oder schlicht kein Diesel vorhanden ist, weil er zu teuer ist, weil es ohnehin kein Erdöl mehr und keine Mittel für das Gesundheitssystem gibt. Das gesamte verfickte Scheißdreckssystem ist ein gigantischer Eisenbahnzug, tonnenschwer, beschleunigt bis zur Weißglut seiner Achsen, Räder, Naben und Einzelbestandteile, und noch exakt 1323 cm entfernt von dem Punkt, da die Gleise unvermittelt aufhören und eine riesige Felswand sich erhebt – diese Maschinerie ist verdammt, auf brutalstmögliche Weise ihr Dasein ins Universum auszuhauchen, und Ihr alle, wir alle, mit ihm.

Was soll es mich kümmern? Früher oder später werde ich sowieso sterben, warum genieße ich nicht mein Leben bis dahin, als gäbe es kein Morgen, lebe in jeden Tag und erfreue mich an dem, was noch geblieben ist – an den Blümelein, die aus dem Straßenasphalt sprießen, so, wie ich mich in einer Einzelzelle erfreuen würde an jedem Sonnenstrahl, der durch das hohe Fenster auf die eingeritzte Zeichnung an der Wand gegenüber fällt. Beachte einfach nicht den sich langsam erhebenden Irrsinn um mich herum, ignoriere die Schlagzeilen auf den Zeitungen, die hässlichen, rohen und dummen Primitivlinge, die zwangsläufig meine Wege kreuzen müssen und jedesmal den Wunsch in mir nähren, auf furchtbarste, bestialischste Art ihr Leiden zu verlängern und einen grausamen Tod unausweichlich zu machen: indem ich nichts tu.

Was zu tun sei? Die naheliegenste und schlußendliche Konsequenz ziehen, Eurer Furcht Euch stellen, die Euch davon abhielt, zu hinterfragen, was so bequem und gewohnt Euch wurde, endlich diese unsichtbare Wand durchbrechen, gegen die Ihr immer wieder laufen werdet, solange Ihr sie nicht niederreißt, aufhören, wie ein ungebumster Bugs Bunny um den heißen Brei zu tanzen. Euer Blut reinigen von dem Gift, das Eure Eltern und Lehrer und Meister und Professoren und Priester und Quacksalber und Scharlatane und Schwarzmagier über all die Millennia injizierten und vererbten. Ihr wollt mein Utopia? Schafft Euer eigenes, seid kreativ, denkt es, fühlt es, spürt es, wie es sein soll, wie Ihr es gerne hättet, wie es sein soll, wie es Euch glücklich macht.

Ach, Eure entsetzten Gesichter und Abwehrhaltungen, vorhersagbaren Verteidigungsmechanismen und hilflosen Argumentationstrategien, wenn ich Euch das Liebste zu nehmen drohe. Wollte ich Eure einzige Tochter entführen, wärt Ihr nicht halb so erschüttert wie wenn ich an den Grundfesten Eurer irrationalen Selbstverständlichkeit rüttel und sage: schafft das Geld ab. Wie Ihr pfeifend die Luft einsaugt, um wie aus der Pistole geschossen zu entgegnen – gerade so, wie man es Euch beibrachte – die einzige Alternative wäre der Tauschhandel – und man könne ja wohl kaum mit dreihundert Sack Kartoffeln den Gegenwert für einen Computer entrichten. Wie Ihr Euch verstrickt in die Paradoxien und Widersprüche, um Euer höchstes Gut zu erhalten, wenn eine neue Technologie wie das Internet die Basis des Eigentumparadigmas in Frage stellt. Geistiges Eigentum, ha! Dieses Lied gehört Dir? Habe ich es Dir weggenommen, als ich es auf meine Festplatte kopierte, weil es auf Deiner Homepage zum Download ausgestellt war? Oder – hast Du es noch…? Und was ist mit der Karotte? Ist sie Dein, weil Du sie gesät, oder gehört sie sich selbst, oder uns allen? Ist sie weg, wenn ich sie verspeist habe, oder ist sie mehr weg, weil sie in Deinem Eigentum verbleibt, weil das Angebot die Nachfrage übertraf und deswegen in Deinem Lager verrottet, oder gibt es bereits eine Kopie, die im nächsten Jahr im Felde wachsen wird? Herrscht tatsächlich ein Mangel an irgendetwas über-lebenswichtigem, sodaß man es wegnehmen könnte? Oder leben wir auf einer Sphäre des Überflusses, des ungleich und ungerecht verteilten Überflusses?

Weg, wegger, am weggsten? Oder vielmehr immer noch da, immer wieder neu? Getreide, Früchte, Wasser, unser aller Erbgut, vom Beginn unseres Daseins anteilig legitimer Besitz aller Lebewesen, Bedingung zur Durchsetzung unseres Naturrechts der Bedürfnisbefriedigung und gottgegebenen Daseins- und Selbsterhaltungsberechtigung?!

Schafft Euer Geld ab, schafft Eure Gesetze ab, wenn Ihr keine Kriminellen sein wollt, wenn Ihr nicht arm sein wollt; wenn Ihr tatsächlich daran glaubt, das utopische Ideal eines Paradieses wäre denk- und machbar, „vielleicht, eines Tages“, – und das tut Ihr, schon längst hättet Ihr sonst Eurem Dasein ein gnädiges Ende bereitet, kaum würdet Ihr sonst in politischen Debatten Euch ergehen und räsonnieren und diskutieren und Euren Willen zur Zukunft und Euer Verständnis der Vergangenheit durch Teilnahme an politischen Prozessen offenbaren, sondern würdet alle Hoffnung fahren lassen, Euch ergeben, gebeugten Hauptes kniend und jammernd die Handgelenke auf dem Rücken gekreuzt Eure Tyrannen anflehen, Euch in Ketten zu legen und auch das letzte bisschen Macht, Freiheit und Verantwortung sich zu nehmen.

Wimmernd der eine, zornig der andere von Euch, allesamt wutentbrannt japsend, da Ihr diese ungeheuerlichen Spottworte vernehmt, die grausame Arroganz, die nichts anderes sein kann als die Anzeichen einer langsam ausbrechenden, vielleicht ansteckenden Geisteskrankheit eines gebrochenen und von eigenen Dämonen gequälten Egos, eines gescheiterten Verlierers, die Verzweiflungstat eines Irren, kurz bevor er unter Hieb-, Stich- und Schusswaffen die Innenstadt aufsucht und mit eiskaltem Lächeln ein gräßliches Massaker veranstaltet, bis sein Blut sich, vergossen von herbeigerufenen Sicherheitskräften, mit dem der unzähligen von ihm wahllos Hingerichteten und ohne Rücksicht auf Alter, Geschlecht und Stand abgeschlachteten Opfern in den Gullis des marmornglitzernden Konsumtempelkomplexes mischt: Das Geld abschaffen? Die Gesetze abschaffen? Wie soll das funktionieren? Die Diskussion wird zum Rückzugsgefecht, du hast ja recht, es wäre ja schon schön, allein, es ist zu spät, wir können nichts mehr tun, ich würde ja, doch alle anderen müßten mitmachen, doch sie sind zu dumm und ungebildet, und wir können nur das beste daraus machen, und so schlecht geht es uns ja nun auch wieder nicht – Feiglinge! Erbärmliches Pack! Vielleicht verdient Ihr es ja gar nicht anders, aber kommt nur, kommt nur herein, willkommen in meinem Utopia. Gebt acht auf die Disteln, Dornen und Brennesseln und die Klapperschlangen, wir nähern uns dem Herzen des Paradieses.

Sät keinen Weizen, wenn Ihr Kartoffeln ernten wollt, sät ihn nicht in die Flußläufe und auf den kargen Felsen, Kretins, Idioten, Wahnsinnige, Bürger des globalen Dorfes Schilda! Ihr versenkt einen Schatz im Meer und markiert die Stelle am Schiff; ein Weiser deutet auf die Sonne und Ihr schaut auf den Finger!

Ich habe Eure sogenannte Weisheit mit dem goldenen Löffel gefressen, um sie Euch gut verdaut in die Kloschüssel Eurer Hirne zu pressen. Geld ist Macht? Geld regiert die Welt? Geld ist die Wurzel allen Übels?

Wer regiert das Geld? Wer hat die Macht? Was nährt die Wurzel, wenn nicht Eure fungoiden Triebe und gierigen Gelüste? Als ob die Welt brach läge, gäbe es kein Geld mehr! Als würden alle Melodien verstummen, aller Wissensdurst versiegen, alle Quellen staubig werden, wenn wir nicht ständig diese bunt bedruckten Klopapierfetzen anbeteten wie einen übermächtigen Götzen, der uns jeden Wunsch zu erfüllen vermag, solange wir nur grausam und selbstsüchtig genug uns gerieren im Umgang mit unserer Umwelt!

Oh, Ihr habt gehört, daß Computer dumm, nur an Ergebnissen zu liefern in der Lage sind, was man ihnen vorher eingegeben hat, daß man es Input nennt und Output, Ihr habt gehört vom Pawlowschen Hund und der Spieltheorie und dem Behaviorismus. Und doch füttert Ihr die zarten Gedankenwelt der Folgegeneration, die armen, unschuldigen Kinderhirne mit all der unverdauten Scheisse, aus Angst, sie könnten Euch überflügeln, eine höhere Kenntnis erlangen, kappt die Triebe ihrer Rebellion gegen Euern Wahn, beantwortet ihre neugierigen Fragen mit dem selben vergifteten Bullshit, an dem Euer eigener Wille zum Höheren und zum Schönen verwelkte; tadelt ihren natürlichen Egoismus und Überlebenstrieb, indem Ihr ihnen die vor nahrhafter, sättigender Milch überquellenden Brüste der Natur vorenthaltet und stattdessen die vorgekauten Plastikspeisen aus den Regalen Eurer Unterdrücker in die noch zahnlosen Münder stopft, und wundert Euch, daß die Welt vom Schlechten zum Schlimmeren fortschreitet.

Und wenn einer käme, um Euch zu sagen, daß es ein Wundermittel gibt, eine heilige Pflanze, einen Stein der Weisen, einen Born ewigen Lebens, vor Furcht würdet Ihr erstarren, an Eure liebgewonnenen Glaubenssätze Euch klammern, denen zufolge dergleichen ganz und gar unmöglich sein muß, dieser Verrückte ein Gesandter luziferischer Mächte, ein Verführer, sein Geschenk in Wahrheit die Büchse der Pandora, ihr würdet ihn niederschlagen und auf Euren Marktplatz zerren und in aller Öffentlichkeit teeren, federn, aufhängen, steinigen, vierteilen oder sonstwie henken und im beruhigten Gewissen, die Welt gerettet zu haben, in Eure vertrauten Wohnungen heimkehren und Euren vertrauten Fernseher einschalten und die vertrauten Sendungen ansehen, bis in den vertrauten Abendnachrichten gesagt wird: ja, in der Tat, eine Ausgeburt der Hölle muß das gewesen sein, die vorschlug, die Wüsten zu begrünen, die Wasser zu reinigen, wahre Weisheit und die Befähigung zum Lernen, Studieren und Entscheiden die Kindheit zu lehren, die Mauern zu schleifen, die Türen zu den Schatzkammern und geheimen Bibliotheken ihrer Schlösser zu entledigen! und Ihr beruhigt in Euer vertrautes Bettchen sinken könnt, während irgendwo auf dem wunderschönen Erdenrund wieder ein paar Negerkinder abkratzen, weil sie nichts zu Fressen zwischen die Kiemen bekommen oder allen besseren Wissens zum Trotze aus purer Verzweiflung verseuchtes Wasser getrunken haben.

Dieser Bach, liebe Besucher, kommt aus der Mitte meines Reiches, er schlängelt sich wie ein blaues Mäander quer durch das ganze Land und rauscht nun, seines Dammes beraubt, als breiter Strom hinaus in Eure Welten… hier noch sprudelt und plätschert er munter durch sein von Wäldern und Auen gesäumtes Kieselbett, drum nehmt Euch ein Herz und springt hinüber… ich nenne ihn Rubicon, denn hier beginnen die Hochebenen der ewigen Glückseligkeit.

Wenige seid Ihr geworden! Wo bleibt der Rest? Versunken in den Sümpfen, erstarrt in der Kälte der Gipfel, die wir erklommen und hinter uns gelassen, ertrunken im Malstrom, der vor der Küste seinen greulichen Schlund nach Nahrung aufreißt? Sei’s drum.

Ja, Ihr habt vertraut – vertraut den Versprechungen Eurer Priester, Götter und Politiker, die Euch eine bessere Welt weissagten, solange Ihr nur ihren Weisungen folgtet, und Ihr vertraut immer noch. Nicht, weil dieses Vertrauen jemals belohnt worden wäre, sondern aus Mangel an Alternativen –

hier ist sie! Eine neue Generation, eine neue Welt, eine neue Ordnung des Chaos, die Sicht der Dinge durch das Mikroskop eines galaktischen Riesen, der den dritten Planeten unseres Sonnensystems, in Fixierlösung getunkt, begutachtet.

Alles ist Veränderung, ob nun Fort- oder Rückschritt, ist lediglich eine Frage der Perspektive. Der Tod ist nah, und er ist uns Trost und Hoffnung zugleich, daß die Dinge sich verändern werden, nach uns so sehr, wie sie es taten, bevor sie uns hervorbrachten, um bald darauf zu vergehen. Es geht nicht um Schuld und Sühne, es geht nicht um Verantwortung oder darum, was getan werden muß, weil es alles einerlei ist.

Es geht nicht darum, was wir erreichen wollen, denn morgen schon könnte der Mond uns auf den Kopf fallen und all die Gedanken wären umsonst gewesen. Lohnt dann alles Streben nicht?

Den Duft einer Rose atmen – lohnt sich nicht, diese zwei Schritte hin zum Strauch zu gehen, so gleichgültig die dabei entstehende Lust auch zufolge allen Scheissegalphilosophien im universalen, teleskopischen Kontext ist?

Auf diesen Feldern dort blüht der Hanf. Es ist eine anspruchslose Pflanze, die nur wenig mehr als Sonnenlicht und genügend Wasser benötigt, sie wurzelt tief und lockert das Erdreich, sie wächst schnell und ist sehr ergiebig – die Fasern ihrer Stengel eignen sich zur Herstellung äußerst langlebigen und feinen Papiers, als Baumaterial, als Grundstoff für vergleichsweise robuste Textilien und allerlei andere Erzeugnisse. Die Samen des Hanfs sind sehr schmack- und nahrhaft, enthalten vitale Fette und sind äußerst vielfältig in ihren Anwendungsmöglichkeiten. Seine Blüten eignen sich als Medizin für diverse Schmerzzustände oder als Portal in andere Wirklichkeiten. Und die Leute, die dort mit Karren und Erntegerät kommen, werden noch vor Anbruch der Dämmerung gemeinsam bei Met und Bier beisammensein, und tanzen, und spielen, gemeinsam, dem Geiste der Natur zu danken.

In diesem Haus wohnt ein Arzt, der Kräuter kennt, die viele Arten von Leiden lindern können, Nahrungsmittel, um die Leiden zu vermeiden, Anwendungen und Massagen, ja, Worte und Zauberformeln, um die im Geiste niedergedrückten von ihren Seelenschmerzen zu befreien. Er genießt einen ausgezeichneten Ruf, und er weiß, daß man ihn schätzt, die stärkste Währung und der fürstlichste Lohn dieser Welt.

Drüben im Dorfe gibt es einen Lehrer, der den Kindern ihre Fragen beantwortet, sie lehrt, zu erringen, was sie sich wünschen, im Einklang mit den Geistern der Natur und den Gesetzen des Universums; auch ein paar fahrende Musiker, die auf der Straße zur Freude der Vorübergehenden und Stehenbleibenden aufspielen und jedem, der es wünscht, ihre Internetadresse geben, wo man ihre Melodien herunterladen und bei sich tragen kann.

Gerade ist wanderndes Volk zu Gast in der Stadt, das sich anbietet, verschlissene Wohnungen zu renovieren oder ein Haus für die neugegründete Familie zu bauen, damit bald die Urgroßeltern einziehen können, wenn die Leibeskraft sie verläßt, doch ihr Geist und Wissen noch von unschätzbarem Wert für das schon im Schoße einer Schönen keimende Leben sein werden. Von ihrer Wanderschaft haben sie Neuigkeiten aus allen Ecken und Enden der Welt mitgebracht von Bekannten und Freunden, von Ereignissen der Freude und des Glücks.

Drüben auf dem Hügel der Typ, der hat sie nicht mehr alle, er schaut ins Teleskop seines Himmelsobservatoriums und phantasiert, es müsse doch möglich sein, eines Tages eine Siedlung auf dem roten Planeten zu errichten, des Menschengeschlechtes, nein, Gaias veredelten Samen in den zu erschließenden Boden zu pflanzen, damit er neue Früchte trage und vom Wind der Gelegenheiten hinausgeblasen werde zu noch ferneren Sternen.

Und die Leute, die Ihr dort seht, sie kommen gerade von den Feldern, um ihre Freude über die reiche Ernte mit ihren Freunden zu teilen, das Lager für den Winter zu füllen, damit niemand hungrig sein muß, wenn der Schnee die Häuser peitscht.

Was? Ach das! Natürlich ist das ein Transporter, was denkt denn Ihr? Klar zurück zur Natur, doch nicht zu Fuß. Nein, keine Angst, er hat einen Elektromotor, der gespeist wird von den Kollektoren, die tief im Süden der Sonne Licht in Wärme und diese in Elektrizität umwandeln, er bringt gerade die Tageslieferung Südfrüchte, wir leben doch nicht mehr im Mittelalter… die Infrastruktur funktioniert ganz hervorragend, danke der Nachfrage, schließlich wird hier nach Bedürfnissen produziert. Wie, Du hast das so verstanden, daß hier Steinzeit herrscht? Quatsch!

Der technologische Fortschritt ist doch faszinierend! Herauszufinden, was möglich ist, ohne der Umwelt Schaden zuzufügen, im Gegenteil: ihr zu nutzen, ihr zu dienen! Mit dem Internet Wissen auszutauschen über die Gepflogenheiten dieses Bienenstammes oder jener Pandabärenpopulation; mit halbautomatisierten Landwirtschaftsmaschinen das Getreide zu bewässern und die Ernte einzufahren und computergesteuerten Segelschiffen Güter rund um den Globus zu verschicken, jeder das Beste seiner Region, damit alle etwas davon haben! Blödsinn, „Arbeitslosigkeit“. Es gibt genug zu tun, und jeder macht, was er am besten kann und woran er am meisten Freude findet, gibt, worauf er stolz sein kann im Wissen, anderen eine Freude zu bereiten, weil er damit seine Seele vergrößert.

Und jetzt laßt das Nörgeln sein, Ihr sucht doch nur irgendwas. Gleichschaltung, blabla. Auf einmal. Darum geht es doch gar nicht, sondern darum, daß jeder die Freiheit und Möglichkeit hat, sich selbst zu verwirklichen, glücklich zu sein, ja, sogar die Freiheit hat, unglücklich zu sein, wenn ihm das irgendwann mal lieber sein sollte. Aber das ist doch kein Zustand auf Dauer. Nicht hier, im Paradies der Spinner, im Utopia der Freiheit. Tragen sie nicht alle Kleider nach ihrem Geschmack, ihre Frisuren so schmuckvoll, wie es ihnen beliebt, ist ihre Rede nicht herzerfrischend offen, anstatt durch unehrliche Höflichkeit verletzend?

Aber ich kann Euch noch so sehr einen vom Pferd erzählen… geht hin, fragt die Leute selber. Klar werden sie meckern, hier über dies und da über das. Das tun sie immer irgendwie, das tun sie, um ihren Standort auf dem Weg zum Ideal zu verorten – es ist eine Form des kollektiven Selbstbewußtwerdens. Und daher glaube ich, daß Ihr die ein oder andere Beobachtung machen werdet, Euch wohlfühlen könntet in den anarchischen Verhältnissen meines Utopias.

Die Führung ist beendet, soviele sind wir ja auch gar nicht mehr – haben sich wohl ein paar im Wald verirrt… ich könnte Euch die Bibliothek noch empfehlen, oder die Weberei… ach, macht doch, was Ihr wollt.

Tja, meine Liebe, die scheinen sich jetzt alle irgendwo umgucken zu wollen und lassen uns beide hier ganz alleine. Der größte Trupp läuft zu den Hanfbauern, als hätte ich’s erwartet… die beiden besuchen den Marsbesiedelungsexperten und lassen sich von ihm wohl sein Algengewächshaus zeigen, mit dem er lebensfeindliche Planeten terraformen will… auch gut… was ist mit dem? Auch weg, naja… hatte der nicht eine Nasenflöte dabei? Der ist bestimmt unterwegs zu den Musikern.

Was ist mit Dir – kommst Du mit? Ich zeige Dir meine Hütte… nein, ist nicht weit, liegt direkt an der Quelle des Rubicon, schön im Wald… Du hast doch hoffentlich keine Angst vor Hunden? Magst Du Katzen? Ja, eine weiße mit total flauschigem Fell und einen schwarzen Kater. Ich müßte noch Kaninchenbraten von gestern im Ofen haben… puh, und ich dachte schon, Du bist Vegetarierin. Wär auch nicht schlimm, aber ich finde, wenn man ein Tier gern hat, dann ist das in Ordnung, ich sehe das so: man tötet es zwar, aber es hätte ja gar nicht erst gelebt, wenn ich nicht – okay, Du verstehst, was ich meine. Das ist halt der Lauf der Natur, in der Natur ist nichts wirklich grausam. Aber das da draußen, das war einfach komplett hirnrissig… diese industrielle Lebensvernichtung, mechanisiertes Leiden… zum Kotzen, deswegen habe ich es mir hier zurechtgemacht. Da sind wir schon –  wollen wir reingehen oder setzen wir uns auf die Terrasse? Ich koch uns dann nur eben ‚nen Tee… und räum ‚nen bißchen auf… sag mal, wie heißt Du eigentlich?

So dachte er, und die Mauer war nicht mehr. Sollten sie kommen.

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Es war ein Morgen wie jeder andere.

Dugarun
eine Geschichte

Wie gesagt, es war ein Morgen wie jeder andere. Nunja, vielleicht war dieser Morgen auf seine Art und Weise schon besonders, aber das war ja jeder andere Morgen auch. Insofern war es tatsächlich ein Morgen wie jeder andere.

Der Wecker klingelte heute nicht, denn es war der Morgen eines Samtages, eines aussergewöhnlich sonnigen Frühlingssamstages, und die Vögel zwitscherten durch das Fenster, das auf Kipp stand. Lars lag im Bett und hörte wie draußen die Reifen tausender Autos übers Pflaster kreisten, schloß die Augen und sah das Meeresrauschen.

Doch – Auf! den Tag begrüßt! Den Computer zum Hochfahren angemacht, der Kaffee aufgesetzt und ab unter die Dusche, die Zähne geputzt und die Haare gebürstet – was für ein Timing – gerade begann die Kaffeemaschine, in den fröhlichsten Dur-Akkorden zu glucksen. Er bereitete sich ein reichhaltiges Frühstück, stellte das Brot, den Quark, die Kirschkonfitüre, den Honig und den Käse bereit, während in der Pfanne auf dem Herd sich genügend Hitze zum Aufschlagen zweier Hühnereier sammelte. Der erste Schluck Kaffee schien eine Abkürzung in seine Blutbahnen gefunden zu haben – also schnell noch Winamp angeklickt und den Verstärker angemacht, und schon nahmen auch seine Nachbarn an seiner vorzüglichen Laune anteil.

Und während er, zufrieden mit sich und der Welt, im Frotteebademantel angetan, zu Bob Marleys „Bad Boys“ vor dem Herd tanzte und die Hühnereier zaghaft die Gestalt zweier Frühstücksspiegeleier annahmen, durchzuckte ihn die Erinnerung an einen Traum. Doch war es ein Traum? Die Wucht der Erinnerung schien ihm so real, als hätte er ihn wirklich erlebt. Quatsch, reale Erinnerungen haben eine andere Konsistenz, dachte er und schüttelte den Kopf. Doch die Bilder ließen ihn nicht los, als er die Spiegeleier mit Indrigenzien aus dem Gewürzregal bestäubte und Anne McCues „Gandhi“ aus den Boxen dröhnte.

Immer mehr Einzelheiten, Bilder, Eindrücke, drängten aus irgendeinem unbewußten Teil seiner Seele in seine Gegenwart, als wären es nicht seine Erinnerungen, sondern, als hätte er sich versehentlich im falschen Bewußtsein eingeloggt, als rufe er die Erinnerung eines anderen ab – nein, nicht eines anderen, mehrerer Entitäten. Plötzlich war ihm, als könnte er durch die Augen anderer Menschen blicken, mit ihren Ohren hören, nahm fremde und vertraute Gerüche wahr…

Erschrocken fuhr er herum und stieß mit dem Knie gegen den Tisch, wobei der Kaffee aus dem Becher schwappte und sich zwischen die Frühstückvorbereitung ergoß. Immer klarer wurden die Bilder, stürzten holterdipolter in seinem Kopf herum, zertrümmerten das Mobiliar im Dachstübchen und bewarfen sich mit den Konserven, die er im Keller seines Selbst eingelagert hatte.

Er taumelte, ließ sich auf die Couch fallen und versuchte, Ordnung in das Chaos zu bringen, sich zu konzentrieren, doch vergebens. Wie in einem fraktalen Kaleidoskop spiegelten sich Wortfetzen, Stimmen an den Innenseiten seines Schädels und verhallten in der Unendlichkeit der Inversion am Urpunkt allen Seins dividiert durch null. „Atme!“, versuchte er sich zu beruhigen. „Das geht vorbei.“ Stattdessen fuhr er Achterbahn auf verknoteten Möbiusstreifen, fiel schwerelos, von Orgonenwinden getragen, dem gleißenden Lichtermeer im Mittelpunkt der Quantenschaumblasen entgegen…

…und es geschah, daß die Dinge sich ihm in aller Klarheit darlegten, sich in Breite und Höhe und Tiefe ihm erfaßbar machten. Worte höhnten ihrer Bedeutungen, Ideen verneinten ihre Werte, das Wesen leugnete seine Existenz, die Strings des Omniversums oszillierten im π/4-Takt zum Walzer des Vergessens, und The Prodigys „Firestarter“ brüllte wummernd aus den Lautsprechern.

eiπ+1=0

Gedankenverloren kratzte Lars die Verbrennungsrückstände der beiden Hühnereier in den Müllbeutel und öffnete Fenster und Türen, um den Qualm abziehen zu lassen.

Sollte tatsächlich – nein, ungeheuerlich! – alles Wirken und Streben diesem Punkte entgegen und alles Tun lediglich […] – so war doch die letzte Konsequenz und allen Lebens Konsens –

Die Pfanne und den Wender noch in der Hand haltend trat er ans Fenster, erklomm die Fensterbank und sprang.

Das Gras im Vorgarten federte ihn sanft, und so lief er los. Ein Nachbar schimpfte die Kinder eines anderen Nachbarn, weil sie mit Kreide den Bürgersteig vor seiner Tür umdekoriert hatten, und eine andere Nachbarin unterbrach ihren Plausch mit dem Postboten, um Lars hinterherzusehen, wie er mit wehendem Bademantel und beseelten Blickes über die Straße lief, und der Postbote mußte sowieso weiter. Am Kiosk lagen die Zeitungen aus, „Kann eine Weltregierung uns retten?“ stand da auf der einen und „Skandal um DSDS-Star!“ auf der anderen, und die Tochter der Nachbarin kaufte eben eine Tüte Naschwerk für fünf Groschen. Fast hätte Lars Doktor Schauberger umgelaufen, den pensionierten Geschichtslehrer, der mit einer Tüte Samstagmorgenbrötchen (noch ganz warm!) aus der Bäckerei kam und der schönen Verkäuferin im Rückwärtsgehen ein schönes Wochenende wünschte, was sie auch haben würde, denn sie war frisch verliebt, doch er konnte gerade noch ausweichen und lief weiter – in der linken Hand den Pfannenwender, in der rechten die Pfanne, die schon ausgekühlt war (und das war gut so, denn er hatte den Herrn Doktor ein wenig damit gestreift) – sein Herz pochte wie wild, doch sein Kopf war ganz klar, und er kam in der Fussgängerzone an, wo gerade Markt war und all die Leute aus der Stadt waren, raste auf den Brunnen zu, sprang auf den Rand und hieb mit aller Kraft mit dem Pfannenwender auf die Pfanne ein, und es war trotz der Sonne ein ziemlich kühler Frühlingssamstagmorgen, doch er hatte ja seinen Frotteebademantel an, und die Leute unterbrachen ihre Geschäfte und Unterhaltungen, drehten sich um und sahen ihn an, wie er da auf dem Brunnen in der Fussgängerzone stand und lautestmöglich auf die Pfanne hämmerte und schließlich mit aller Kraft brüllte:

„Alle mal herhören!“

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WWU: SDF

Nichts: Zorn, die Stimme erhebend

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